Die Lieder der Väter

Montag, 11. August 2008

eine indische Erinnerung

erinnerte mich plötzlich an den Anblick des indischen Mädchens, das sich damals, im Schatten der Tempelbäume, die Augen mit schwarzer Kohle umrandet hatte.
»Gib es mir«, wiederholte er, »Gib es mir. Ich habe jahrelang darauf gewartet.« Die Gischt spritzte gegen den Bug, und legte mir Salz auf Augen und Wangen. »Gib es mir.«

Ich erinnerte mich sehr genau. An Indien, Anil. Und an Ramya.


4.
Sie war sechzehn oder allenfalls siebzehn Jahre alt, ein hoch aufgeschossenes Mädchen wie aus einem orientalischen Märchen: Sie hatte ihr schwarzes, hüftlanges Haar zu einem Zopf geflochten, - ein rotsilbernes Band hielt es zusammen, - und der rote Sari, - Saum und Kragen von silbernen Arabesken verschlungen, - schmückte ihre karamelfarbene Haut wie eine Ordenstracht; sie war wie eine indische Nonne gekleidet, jungfräulich und keusch, mit einem der Götter verheiratet, - es musste einer der Götter sein, der ihr den größten Kummer brachte, um sie vom Glück ihres Herzens zu lösen. Denn glücklich war sie. Und unglücklich wollte sie sein. Warum sonst hätte sie sich in mich verlieben sollen?


5.
Ich war gerade seit einem Jahr in Indien; mithilfe der französischen Flotte war ich an einem warmen Märztag in Pondicherry an Land gegangen, und ließ mich eine Weile von den Kirchen und Tempeln und Moscheen der Stadt beeindrucken, von den Basaren und dem französischen Flair, der sich mit dem indischen Leben vermischt hatte, um etwas ganz Neues zu erschaffen; ich ließ mich von den schönen marmornen Huren im Osten und ihren singenden Stimmchen betören, und von den dunklen Kurtisanen im Westen, die ihre Leiber zum Takt der Tablas wiegten, und die mich und meinen Körper ebenso liebten, wie sie das Geld liebten, das ich ihnen großzügig auf die Sockel ihrer Kama-Statuen legte.
Ich war als Tourist gekommen, als Reisender, der gehört hatte, dass man in Indien Erlösung finden konnte, angetrieben von der Weite des Landes; ich beging die Wege der Stadt, auch längs des Meeres, um das zu sehen, was man im alten Europa als reine Natur in den Himmel gelobt hatte, - stattdessen sah ich die vollbeladenen Fuhrwerke, die über die breiten Wege ruckelten, sah die Baumwollwebereien, und die Gassen, die mich an Marseille erinnerten oder an die ersten Tage New Orleans, - überhaupt: Überall entdeckte ich Frankreich. Die rote Fassade einer Kirche ließ mich nachts Paris in den Monsunregen wispern, eine Nebenstraße brachte mir Grasse unter die Sohlen, - doch es war Indien; dahinter und dazwischen wurzelten die Tempelbäume, mit ihren pinken Blütenblättern, die nach Frauenhaar dufteten, und die Banyan-Bäume, unter denen man saß, um zu meditieren; die Gewürzsäcke am Straßenrand, und das Marktgeschrei um Bananen und stachelbewehrte Früchte, die nach nichts schmeckten: All dies ließ mich wissen, dass ich nicht mehr zu Hause war.

Ich verbrachte meine Tage ohne die Zeit zu bemerken, die dabei verstrich; ich verbummelte die Wochen. Ich las die Bücher, die man mir mit auf die Reise gegeben hatte, meist unterwegs und in der Nähe der Tempel; ich besuchte auch regelmäßig die Bibliothek, einen Bau aus steinernen Fluchten, und wenn ich nicht dort war, so spazierte ich mal ruhelos, mal gelangweilt durch die Straßen der Stadt, ließ mich mal dort und mal dahin treiben. So malte ich die schönste Hure von Mama Sinas' Haus, und Mama Sinas aus Dankbarkeit auch; suchte Arbeit bei den Fischern und fand sie schließlich in den Webereien; stahl Früchte bei dem russischen Händler am Hôtel de Ville, und verschenkte sie dann an die Kinder. Ich war ein Baron in zerschlissenen Kleidern.
Auf einem der Märkte, gut ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, traf ich dann schließlich Anil, der den Gang der Zeit erheblich veränderte. Er zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und zwar nicht, indem er den Wind mit Worten beschwor, sondern weil er die Leute so gewissenlos betrog, dass sie es nicht mal im nachhinein merkten oder nur ahnten; manche von ihnen fielen sogar Jahre lang auf denselben Trick herein.
Anil war ein Meister des Betrugs, des Falschspiels, des Hintergehens; er legte den Menschen die Karten und zog ihnen dabei das Geld aus der Tasche, er verkaufte ihnen billigen Tand und rühmte ihn als kostbares Geschenk der Götter, er machte Führungen in Teile der Stadt, die keinerlei Bedeutung hatten, und erzählte ihnen Lügen, um sie in zwielichtige Lokale und Etablissements zu treiben, die von seinen Brüdern und Cousins geleitet, den Menschen noch mehr Geld aus den Rippen leierten. Anil ging sogar so weit, diejenigen, die ihn nicht durchschauten, zu den Huren der Nordstadt zu führen, die hinter vorgehaltener Hand als Geißeln bekannt, aus Geldgier den Tod über sie brachten.


6.
Er war ein gewissenloser kleiner Bastard, vielleicht ein Meter sechzig groß, und von schmächtiger Statur; seine schmalen Schultern hingen beim Gehen immer vornüber, und durch Polio gelähmt, zog er sein rechtes Bein hinter sich her, weshalb ihn die, die ihn nicht kannten, nie für vollnehmen konnten. (Das war auch meist ihr Verhängnis). Sein Gesicht war schon fast weibisch schön, mit vollen Lippen und geschwungenen Augenbrauen, die schwarzen Locken mit Pomade gefettet, glatt rasierten Wangen und glänzenden schwarzbraunen Augen, in denen nie das Feuer glomm, das man erwartete, wenn man ihn sprechen hörte. Seine Stimme nämlich war melodiös, und samtig, und klang nach den Festen des Sommers: alkohohlgetränkt und mit sinnlichen Freuden gesättigt. Wenn man ihn sprechen hörte, musste man ihm glauben; man dachte, ein Mensch mit einer solchen Stimme könne nicht lügen; man glaubte, eine Lüge würde seine Zunge entzweien und seine Stimmbänder zerreißen. Wie wenige Menschen einander erkennen.


7.
Anil und ich wurden Freunde, in dem ich ihn durchschaute. Im Grunde genommen war es keine Kunst, weil ich das Falschspiel schon aus Amerika kannte, und weil ich generell ein skeptischer Mensch bin, der sich von einem hinkenden Bein und einer sinnlichen Stimme nicht täuschen lässt. So stand ich eines Mittags an seinem gut besuchten Stand, und sah zu, wie er die Karten vertauschte: Die Herzdame, den Pikkönig und den Kreuzbuben, - man sollte die Herzdame finden.
Der Mann, der dies Mal sein Glück bei Anil versuchte, war ein dicker kahlköpfiger Mann in weißer Leine, dem man den Reichtum ebenso ansah, wie seine Ignoranz und Dummheit; vermutlich einer der englischen Konsule. Er stand, in den Knien gebeugt, vor dem hölzernen Tresen und starrte konzentriert auf die eilenen Finger des Taschenspielers. Er scherzte mit einem Mann, der neben ihm stand, einem dunklen Inder mit Turban, der vermutlich sein Dolmetscher war, und freute sich, seine kleinen Stummelfingern aneinanderreibend, auf das kommende Spiel.

Als er das erste Mal daneben lag, lachte er glucksend und brachte somit sein feistes Doppelkinn zum Wackeln. Als er das zweite Mal daneben lag, lachte er immer noch, aber es klang nicht mehr echt. Beim dritten Mal verzog er die Lippen, beim vierten Mal feixte er mit seinen ratlosen Augen. Beim fünften Mal setzte er die doppelte Menge, und verlor. Beim sechsten Mal spuckte er beim Geldsetzen feine Speichelwolken. Beim siebten Mal fluchte er den indischen Göttern. Nach dem achten Mal hatte er kein Geld mehr bei sich, und ging.
Ich hatte alles ganz genau beobachtet, und hatte schon beim ersten Mal gesehen, wie Anil die Karte der Herzdame hinter einer anderen versteckte, in dem er zwei Karten, - die Herzdame und den Pikkönig, - so miteinander befestigt hatte, das man die eine vor die andere klappen konnte; es kostete viel Fingerspitzengefühl und Schnelligkeit, es so schnell und beiläufig geschehen zu lassen, dass es nicht auffiel, - doch Anil beherrschte beides. Jedes Mal, wenn jemand also auf eine der Karten zeigte, entpuppte sie sich entweder als Kreuzbube oder als doppelten Pikkönig. Die Dame war den Herren gewichen; das war die ganze Kunst.

Als der dicke Konsul wutschnaubend und auf die Bevölkerung dieses ärmlichen Landes schimpfend gegangen war, näherte ich mich Anil mit einem gewinnenden Lächeln. Ich forderte ihn zu einer neuen Runde auf. Mit

Donnerstag, 10. Juli 2008

das Meer

Ich habe geträumt ein anderer zu sein. Jemand Fremdes. Ein Mann auf der Straße, dem man ganz zufällig begegnet. Ich habe einen Blick ins Spiegelkabinett geworfen, tausendfach zu verzerrten Selbstbegegnungen zersprungen, und dann, wie ein Lachen, dessen man nicht habhaft wird: Der Verlust der eigenen Gedanken.


Es war warm, und die Sonne schien zwischen den Wolken.


1.
Ich habe seinen kräftigen Oberkörper mit einem cremeweißen Hemd bedeckt, die obersten vier Knöpfe waren offen und zeigten Hals, und ließ ihn eine leichte beige Sommerhose tragen, so wie man sie manchmal bei alten Männern entdeckt, die an den Promenaden, ganz leger und ungezwungen, mit der Sonne im Gesicht, das Meer betrachten.

Das Meer!
Dort war ich.
Eine Brise durch die blonden Haare, wie ein Kuss auf Schlüsselbeine. Sehnen. Unter der Haut und in die Ferne. Nichts als ein Duft, ein Geruch, so flüchtig wie die Liebe, sagten die Matrosen unten am Pier, wo sie beieinander standen und sich eine Zigarette nach der anderen in die Mundwinkel schoben, und lachten und rauchten und rauchten und lachten, und immer das Rauschen des Meeres in ihren viel zu jungen Gesichtern; die Dampfwolken ihrer verlorenen Jugend umgaben ihre traurigen Augen. Nur ihre Münder lachten.
Aber das war nicht mein. Ich war kein Seemann, ich habe das Meer nie geliebt, oder gebraucht, oder herbeigesehnt; ich ging nur vorbei, am Pier und der kleinen Spelunke, vor der die Huren standen, und schmeichlerisch winkten und gewissenhaft zwinkerten, wenn einer wie ich an ihnen vorüber ging. Doch stehengeblieben bin ich nie. Bei ihnen. Ich habe sie nie aufgesucht, die Huren des Meeres. Ich habe nur ihr Salz auf meinen Lippen geschmeckt, sobald der Wind von Norden kam, und sonst nichts. Es gab dort nichts für mich zu tun.


2.
Ich war eine Skulptur, die man aus Marmor schält, mit Gliedern so beweglich wie die der Marionetten. Ich habe nicht gesprochen, - ein ganzes Jahrhundert des Schweigens in meinen Träumen, - ich habe stattdessen die Tasche aus braunem Leder getragen; die abgewetzte Haut eines toten Tieres zwischen meinen Fingerspitzen. Kein Gefühl dazwischen. Nur ich und die Tasche, in der die Bücher hin- und herrutschten, ohne je ein Gewicht zu besitzen, - Manuskripte vielleicht, oder Moby Dick, ich weiß es nicht genau. Mich trug die Eile meiner fliegenden Beine, das Pflaster unter den Schuhen, und das Klatschen der Wellen an die steinernen Brüstungen, unweit der Huren, es trieb mich voran. Vorbei an den Fischkopfeimern, dem schleimigen Holz der angeschwemmten Planken, den nassen Tauen, die wie Schlangen geringelt neben leeren grünen Flaschen lagen; vorbei an dem Zweimaster, dem kleinen Ruderboot zweier streitender Männer, am Drei- und Viermaster vorbei, und weiter. Die Rufe der Huren, ihr Zwitschern im Ohr. Und das kehlige Lachen der Männer.


3.
Dann irgendwann, - nach hundert oder zweihundert Schritten über glitschig rutschige Stellen, - stand ich dort, an der Rehling des Schiffs, und sah dem Kapitän ins Gesicht; ein altes, wettergegerbtes Gesicht natürlich, voller Falten, in die sich das Salz des Meeres tief hinein gefressen hatte, großporig und mit geplatzten violettroten Äderchen auf Nase und Wangen, - ein Gesicht wie ein zerfleddertes Buch, tausendmal gelesen und nie recht verständlich. Er sah mich aus schwarzen Augen an, musternd, abwartend, und strich sich über das breite Kinn und über die Lippen, nachdenklich, unbeweglich. Eine Galleonsfigur aus moderndem Holz.
Ich ließ die Tasche von der Schulter fallen, und entnahm ihr eines der Bücher. Der Einband war zerrissen, der Titel unleserlich.

»Gib es mir«, sagte er. Eine Stimme wie Möwenkrächzen. Und ich


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