Mensch vs. E = mc²

Montag, 3. August 2009

Die Weltzeituhr

1.
A. und r. begegnen sich zum ersten Mal an der Weltzeituhr; es ist eine gewollte Begegnung, eine verabredete, und dennoch denkt A. als er r. auf sich zukommen sieht, dass es genauso gut tatsächlich eine zufällige sein könnte.
Dabei trifft sich niemand hier ernsthaft, an dieser beschissenen Uhr, der Ort war ein ironisches Zwinkern, - ein Witz, eigentlich, und doch: A. und r. treffen sich genau dort, beim silbernen Band und den wirbelnden Atomen. (Es könnten auch Planeten sein). Menschen gehn als Striche und Punkte, und die Uhr rotiert; Männer schaben sich über ihre schwarz gestoppelten Wangen, Frauen rufen ihre Kinder beim Namen, die Kinder hören es nicht, und die Uhr rotiert; ein Junge, - vielleicht siebzehn, - im gelben Pullover, steht an der Mauerkante des U-Bahn-Schachts, wo ein anderer sitzt, und spricht von Drogen und Schwuchteln, und die Uhr rotiert, die Uhr rotiert, das Mädchen mit den funkelnden Ohrringen geht über den Alex als gehörte ihr Berlin und Berlin verschlingt sie im Touristenschwarm, der zwitschernd multilingual die Bordsteine überstolpert, photografierend, überwältigt vom Schatten des Fernsehturms, der die Wolken zersticht, und die Uhr rotiert. Bis 15 Uhr. Was danach kommt, ist nicht mehr bezifferbar.

2.
Groß und schlank, das ist r., zierlich, vielleicht, und vor allem wie ein Phantom aus einer anderen Zeit, - denkt A. (Was r. denkt, weiß A. nicht). r.s Gesicht ist das einer Erinnerung, eines Menschen, den A. kannte, noch im ersten Blick überlegt er. Wie Narziss, denkt er schließlich, beim flüchtigen Schauen, wie Narziss aus vergangenen Kindheitstagen, ein bisschen das Kinn, die Nase, die Stirn, sogar das Haar könnte Narziss gehören. Nur der Duft ist r.s eigener. Und die Augen, natürlich, die Augen gehören ganz allein r., beim Blinzeln, beim Lachen vor allem, ganz und gar seine, wenn sie von einem Punkt zum andren eilen, wie die rastlosen, ungezügelten Gedanken, die er denkt, die A.s Gehirn so sehr entgleiten, heute, für immer. Möglicherweise.

3.
Es ist ein bewölkter Montag Nachmittag, und es regnet, - vereinzelt, wie es der Wetterbericht sagte, - stecknadelkopfgroße Tropfen Wasser, sie zerstechen Jeans und Pullover, und A. geht an r.s Seite zum Wind- und Tunnelgeschrei, zupft sich Fusseln von Ärmel und Brust, geht gerade, mit durchgestrecktem Rücken, obwohl die Schulterblätter sich einrollen wollen, und macht weite, ausholende Schritte. Sie lachen, beim Reden lachen sie, vielleicht ein bisschen aus Verlegenheit, vielleicht aus Unsicherheit, aber das Lachen wird darum nicht weniger wichtig, es wird darum nicht weniger echt, und so, mit dem Ticken der rotierenden Uhr verlassen sie den Alex.

Seit Monaten schon haben sie einander gejagt, zumindest auf die ein oder andre Weise, aber gefunden haben sie sich nie. Beim Blick zur Seite, - r.s Augen sind irgendwo in A.s Augen, - fragt sich A., ob sie sich jetzt gefunden haben. Im selben Raum, zur selben Zeit, zwei Menschen auf der Suche nach Menschen, und so springen sie von einem Gleis zum nächsten. Auch dort, überall: die Männer und Frauen, die lachenden Kinder, dieselben Menschen in verschiedenen Positionen, Resonanzkörper hallend im Zischen der Kabel, im Rattern der Gleise, und da, die Kurve, sie wirft die alte Frau fast aus dem Sitz, aber schon greift ihr Mann nach ihrem Handgelenk und hält sie fest, - ungleich sanfter als es der drohende Fall hätte erwarten lassen, und A.s Blicke tanzen in r.s Gesicht: Je länger sie tanzen, desto sicherer ist sich A., dass r. überhaupt keine Ähnlichkeit mit Narziss hat.
Natürlich nicht.
Was verliert man nicht alles beim ersten Mal?, welche Sicherheiten, welche Ungewissheiten?, welche Melodie legt sich auf A.s Lippen, und warum singt er sie nicht?, alles verschlossen durch die Eile, durch das Gefühl, einander nur einmal begegnen zu können, weil die Vergangenheit bewiesen hat, wie schlecht A. zu organisieren weiß, aber was weiß eigentlich die Vergangenheit?, nichts als entschuldbare Fehler, nichts als Versehen und Irrtümer, das muss man abhaken können, von vorn beginnen, denkt er. Nur was r. denkt, weiß er nicht.

4.
In der Bergmannstraße sitzen sie dann später, in einem amerikanischen Café, in der Ecke, beim Fenster zum Hof. A. bestellt grünen Tee und vergisst ihn zu trinken; r. bestellt sich einen Bagel und schenkt A. die Tomaten darauf, weil er Tomaten nicht mag; sie sitzen da, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, und unterhalten sich, - nein: sie springen weiterhin. Von Gleis zu Gleis, nur fahren jetzt weiter, weiter Worte ein: Sie verwirren einander, sprechen das Laute leiser aus und das Leise lauter, und verfolgen die Augen des jeweils andren mit Unsicherheit, mit einem Lächeln, manchmal, oder einem Lachen, und die Weltzeituhr rotiert weiter, auch wenn sie nicht mehr in ihrer Nähe steht. Es nimmt ihnen fast den Atem, so viel wollen sie sagen. Und aus 15 wird 16 und dann ist es plötzlich zu spät.
A. könnte eigentlich noch ein bisschen länger dort sitzen, nicht nur des Springens wegen, sondern des andren Nomaden wegen, des Spiegelnomaden, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, aber sie tun es nicht. Wie unter großer Geschwindigkeit rotieren sie jetzt mit im Atomzeitlauf; die Welt reißt ihnen an Händen und Fingern, sie zerrt sie an den Beinen die Straßen entlang und wieder hinab ins Gebrüll der Tunnelwände, zu den Wartenden, den Ewiggleichen, den Gesichtslosen.

5.
Was r. denkt, weiß A. nicht zu sagen, und weil sich alles so schnell bewegt, können die Augen nicht folgen. Nur ein bisschen mehr Zeit, denkt A., denkt es weniger laut als er sollte, weniger bestimmt als er könnte, (denn er kann es nicht), und beim Abschied, - er passiert zwischen zwei Stationen, - fragt A. sich, ob er irgendeiner Erwartung je gerecht werden kann, irgendeinem Bild, irgendeiner Vorstellung, die sich die Menschen von ihm aufgrund seiner Worte machen, und nie, und nirgends, er erfährt nur die Uhr, und einen letzten Blick von r. und ein Versprechen, das etwas nach Wien kommt, und ein vorsichtiges Herantasten der Wahrscheinlichkeiten an die Realität, und dann schluckt ihn Berlin in der Menge der Menschen.

Doch auf der Treppe, hochwärts, zum Licht, raus aus dem Tosen der einfahrenden Züge, da denkt er: Das nächste Mal.

Wenn sie sich nicht an der Weltzeituhr treffen.

Samstag, 18. Juli 2009

Finisterre

Wie sie aneinander vorbeigehn, - in Blicken verwickelt, die Hände ruhig, der Atem leise, - vorüber und von einem Raum zum andren; sie gehen gemessenen Schrittes. Die Szene ist einfach: Da ist ein Fenster im Hintergrund, es zeigt in den Innenhof
(Wände überwucherten Efeus, knisternde Blätter, grün und ewig grün)
und darüber der Himmel, der heute grau ist, grau und in der Schwüle lastend von Wolken, ein tropischer Himmel, möchte man denken, irgendwo bei der Lagune, wo Sumpf und Meer sich mischen, und Stechmücken fliegen, wo der Wind Salz und Tod umwälzt, möchte man denken und tut es nicht, denn da sind noch drei weitere Stockwerke oder vielleicht vier, und die Müllcontainer im Hof machen viel zu viel Krach für Meereswellen. Das Zimmer ist weiß, es hängt ein Rahmen drin, schief, aus Holz, und daran wiederum ein Wecker aus Kupfer, der keine Zeit anzeigt; in dem Rahmen steht ein Buch, es heißt Das Manifest. Überhaupt beherrschen Bücher den Raum, sie stehen gestapelt auf Holzbrettern, sie liegen quer in Regalen, auf den zwei Tischen liegen sie, sie stützen den Computer. Sie stützen einander.

Es kommt ein Widerspruch von A.: Nichts ist einfach. Daher geht die Szene auch entzwei, die Wohnung ist im Grunde gar nicht wichtig. Die Menschen gehn, sie gehn wie sie gehn, draußen klirren Flaschen und eine Katze miaut so laut, dass man sich erschrocken danach umdreht, und sie gehn.

Warum. Fragt das A.?, fragt er das mit einer neuen Flasche in der Hand?, ja, und er blickt ernst, die Stirn ist aufgeworfen zu Falten und er fragt: Aber du liebst sie? Der andre bejaht. Er fragt weiter: Und sie? Sie liebt dich? Der andre bejaht erneut. Schließlich kommt das Warum. Es ist kein großes, kein auf den Tisch gehauenes, kein Gläser und Teller zerbrechendes, eher ein leises, ein stilles Warum, - eines, das man nur angesichts des Freundes fragen kann. Der andre sagt, es sei nicht so einfach. Und wieder, Warum?, - wenn nicht die Liebe, was dann? Der andre sagt, die Vorstellungen vom Leben seien anders, sie seien nicht vereinbar miteinander, er wisse es nicht.
Drei Stunden später, es geht jetzt schon auf halb zwölf zu, sitzen sie auf niedrigen Stühlen, in einer Bar mit orangenen Lampen, und einem Ofen, in dem drei Teelichter statt Scheite brennen, - es wäre auch zu heiß für echtes Feuer; draußen ist der Monsun, draußen ist der entfesselte Himmel über der Lagune, und der Verkehr rauscht durch die Pfützen und die Fußgänger spannen ihre Regenschirme auf, und nirgends die Mücken. Drinnen spielt ein Kerl mit einer Gitarre, es ist wenigstens nicht mehr Johnny Cash.

A. hält eine Rede. Zumindest wirkt es so. Er ist ganz und gar aufgegangen in seinem Pathos, in seinem wilden Gefühl, wie es heißt, in Sturm und Drang; er ist nur noch Mund, und der Impuls, der sein Bewusstsein sein mag oder nichts als Elektrizität, die ihm durchs Hirn schießt; er redet große Dinge herbei, Hoffnungen, Horizonte, er redet und redet, und manches Eingeständnis schmerzt ihm im Herzen, aber er muss es sagen. So sitzen sie sich gegenüber, sitzen zu Salzsäulen erstarrt, sitzen in den jeweils größten Ängsten; sie schaben sich mit Blicken aus, sie holen ihr ganzes Innerstes in diese Bar, ihre Träume, ihre Wahnvorstellungen, ihre Seelen, - glaubt A. noch an Seelen?, - und Sehnsucht und Abschied spielen einander ein letztes Lied, bevor der andere aufsteht, mit der Hand an den Schläfen, und sagt, er habe Migräne und er müsse jetzt wirklich gehn, und ja, es ist ja schon spät; also geht man durch den Monsun, geht wieder an den Hermannplatz, an den A. jetzt schon seit tausend Jahren geht und zum ersten Mal, und sie stehen sich gegenüber, an der Treppe zur U-Bahnstation, und reichen sich die Hände. Der andre bedankt sich, und A. weiß nicht wofür, - er hat das Gefühl, er hätte noch mehr sagen sollen, andere Dinge, größere, realere; er denkt, er hätte mehr von der Freiheit erzählen sollen, der großen Freiheit, die ihm manchmal die Lippen mit Gift bespritzt, - oder von der Liebe, von der Chance der Liebe; vielleicht hätte er den Spruch seiner Mutter wiederholen sollen, und zwar, dass es kein Problem gebe, das man nicht lösen könne; oder vielleicht hätte er den andren nicht nur flüchtig mit der Hand berühren sollen, vielleicht hätte es einer Umarmung bedurft, oder einem leichten Schlag auf die Schulter, irgendeiner Geste, aber A. geht schon längst die Treppen hinab, geht längst in den Wind der Tunnel und ins schummrige Licht, in die Gesichter der Menschen, die dort unten stehen und warten.

Zuhause schießt es A. noch einmal durch den Kopf. Er stellt sich vor, wie sie in dieser Wohnung sind, wie sie miteinander streiten, wie sie sich missverstehen; er spürt in seinen Träumen den Bildern nach, den Situationen: Sie, die mit dem lockigen Haar, die in der Küche steht und ein Glas aus dem Regal nimmt, um sich Wasser einzuschenken, und er, der mit den braunen Augen, kommt zur Tür herein, und sie sehn sich an, nur solange wie das Wasser aus dem Hahn rauscht, bis das Glas voll ist, und dann? War es das? War das alles, was schafft die Liebe nicht?, fragt sich A., der aus den Träumen schreckt, das Herz schwer, die Lippen trocken, in seiner eigenen Wohnung, am Rande der Welt, in seinem Finisterre, - so wird er sie in Zukunft nennen, - dort, wo sich das Staubsaugerkabel in der Tür verheddert, wo Zeitungen und Magazine auf dem Boden verstreut liegen, Manuskripte und Bilder und nichts eigenes, nichts, was für die Zukunft lebt, nichts, was verwirklicht werden will, und was denkt er dabei?

Es wird Zeit mit dem Fragen aufzuhören.

Freitag, 10. Juli 2009

Last Day Dream

Samstag, 9. Mai 2009

something blue, something borrowed, something new

mit topf & pfanne schlagen wir nägel ins holz. früher hab ich mit dem topf tomatensoße gekocht, das war das einzige, was ich essen konnte. rund um die uhr: nudeln & tomatensoße. die pfanne hingegen habe ich seltener benutzt. heute schlage ich damit nägel in pressspan. billiges holz, ikeaholz. das ist mir beim umzug entzwei gebrochen, heute muss es wieder herhalten. wir bauen den kleiderschrank auf, im dritten zimmer. das unbenutzte zimmer, das am ende des flurs. es ist eigentlich eine rumpelkammer, in dem die gäste schlafen, - womit die gäste irgendwie teil des gerümpels werden, - finde ich. aber genau das versuche ich zu ändern. dafür der kleiderschrank. der kleiderschrank schafft ordnung, er spielt mit dem gerümpel versteck. im grunde ist das zeug zwar immer noch da, aber es wird aufeinander gestapelt, in regalfächer getan, es wird in die höhe gestopft. der kleiderschrank, - der sperrige & wirklich furchtbar hässliche, - erweckt den anschein von ordnung, dabei nimmt die masse in wahrheit überhaupt nicht ab. sie wird nur besser verteilt. es könnte eine metapher für mein ganzes leben sein.

wir lachen, wir haben getrunken, & draußen tobt das bisschen sturm, das wir vorhin von der brücke aus schon gesehen haben. blitze lassen uns wie graf zahl den donner zählen. wir hämmern mit topf & pfanne, & lachen darüber, wie absurd es ist. kein werkzeug erfordert kreativität, notgedrungen. (später versuchen wir es mit konservendosen, - man sollte geschälte tomaten nie unterschätzen).

schließlich steht das pressspan, & es ging tatsächlich schneller als ich's in erinnerung hatte. das ding erinnert mich an tubinga. ja, es ist überall gleich hässlich, gleich sperrig, gleich klinisch. wir reden darüber, ob wir ihn nicht bemalen sollten, schwarz vielleicht. (vom autolack in einer der kommoden sehe ich eher ab). dafür sind wir vermutlich schon zu betrunken, & farbe haben wir auch nicht, aber wir verschieben das auf wannanders. ich mag solche projekte. für die welt sind sie bedeutungslos. natürlich. die ästhetische elite aber wird über mich loblieder singen, vielleicht in tausend jahren, wenn man die reste dieses schranks aus der erde gräbt. vorausgesetzt irgendwer entwickelt eine methode, pressspan haltbarer zu machen. ach, & wenn die menschen die nächsten tausend jahre erleben.

später. wir sitzen in meinem zimmer, reden über deklinationen, achten nicht darauf, dass es längst nicht mehr regnet. warum wir unglücklich sind, liegt auf der hand. phantasmen. geldmangel. ergebnislose jobsuchen. mir wird erzählt, wie verachtung wissen übersteigt, & es macht mich wütend. generell sehe ich mich mit ungerechtigkeit konfrontiert, & will so sehr helfen, dass es mir die nächte weiß färbt. alles scheint geborgt: der moment ist geliehen von einer größeren entfernung, die nur der zufall überbrückt; das gefühl ist gestohlen von einer art schmerzlichen erinnerung, vergangenes lässt sich nicht mehr rekapitulieren, aber kapitulation ist ein anderes wort für gegenwart, - zumindest in diesem zusammenhang. kann man traurigkeit nicht von einem menschen abschälen?, kann man nicht etwas tun, etwas wesentliches, außer ihn zum lachen zu bringen? ich verschenke die gesammelten werke von virginia woolf, ich weiß nicht, ob das hilft, - natürlich nicht, - aber die geste erscheint mir notwendig. dazu noch ein notizbuch, ich finde es zufällig beim aufräumen der schraubenzieher. die beschriebenen seiten reiße ich heraus, sie taugen nichts. alles von mir geschriebene ist irgendwann obsolet. ich habe keine verwendung mehr dafür. die leere der seiten ist viel wichtiger, jetzt.

null uhr, dann rückt die stunde weiter & nagt am dasein. wir verabschieden uns mit einem handschlag, wägen die tage ab, - was geschieht & geschehen kann, - & für einen augenblick, glaube ich, wissen wir beide, dass alles nur geborgt ist. dass wir mit einem fuß schon aus der türe sind, mit der hand schon an der klinke. draußen im treppenhaus braucht das licht länger bis es angeht, es ist still, die welt ist vom regen gereinigt.

mein kleiderschrank steht.

das unglück wird darin platz finden. hoffe ich.

Sonntag, 12. April 2009

Update 2.0

Ich schäle mir die Augen
löse Farben voneinander,
allein mit den Lippen
vermag ich die Sonne zu schmecken.

E T C

Heute ist ein Tag, an dem man die Fenster putzt. Alles ist vielleicht nicht reinlich, nicht hygienisch und schon gar nicht antiseptisch (genug), aber darum geht's auch überhaupt nicht: Den Zustand der Ordnung erreicht man nicht durch Sagrotan. Heute = der Rest unseres Lebens, oder möglicherweise eine schlechte Angewohnheit. Es ändert nichts an den Tatsachen.

Sonne in allen Zimmern.
Frisches Obst, Säfte, Brot. Möglicherweise eine Erdbeere im Sektglas, - schon zum Frühstück schwimmt sie darin. Eier, die man in die Pfanne haut. Schinken dazu. Alles will Duft sein und ist Appetit: Raus!, hinein!, nie im Blau verschwinden. Ändern wir Formen, ändern Farben.

Samstag, 4. April 2009

Örb'n Müffs

Ich atme Sonnenlicht.
Ich gehe hell durch Fenster & über Himmelsweiten.
(Die Füße zähmen die Wolken).
Nirgends mehr, nirgendwo, alles überall.

Morgens strecke ich die Beine aufs Fensterbrett und lese dort bis mir das Licht die Wangen rötet. Endorphine detonieren mir als Goldstaub in Arterien und Venen, färben mir die Stadt, - die graue, die endlose, die wahnsinnige, die Königin der Städte, - grell bis schillernd (ebendieses), und was der Verstand nicht alles zu sagen weiß, das zerlacht der Mund in lautem Hall: Nirgendwo sonst, nirgendwo anders, alles im Auftischen der Frische, des Dufts, der durch die leeren Zimmer rauscht. Frühling, -- Sommer!, -- Exzess!

Mittags lese ich immer noch, genieße den Luxus des Atmens: Die Ruhe sickert als Flasche Wasser durch den Hals, und das Herz beschleunigt auf hundertvierzig Schläge pro Minute. Sieh an: Wie die Berliner ihre Sonnenbrillen aufsetzen beim ersten Sonnenstrahl, wie die Kinder lachen, kurze Hosen werfen große Schatten, und nichts vermögen die Spatzen auf den Rollokästen der Hochhausfassaden anderes als von der Lust zu zwitschern, vom Kampf zwischen Hier und Morgen, zwischen Später und Generell, ...

Abends zerschneiden die Finger Pappe und kleben Bilderrücken aneinander. Immer noch lesen die Augen, aber der Mund gurrt mürrisch, lacht tückisch, ist wunderbar berauscht vom Schweigen, und nirgends ein Ende des Tobens. Wie ein Blitz leuchtet alles auf, zergeht, leuchtet auf und zergeht, immer wieder blinzeln die Augen ungläubig über das Leben, das uns die Stadt beschert, dieses neue, diese andersartige, herrliche, - das Glück kommt wie eine Überdosis.


Zum Genauhierundjetzt:
Don Toupo & Bellona, das Chaosmädchen und ich. C'est ça, - der Beschreibung der Umstände wollen so gerne die Tatbestände folgen: die braunen Locken der Einen, die Augenbrauen des Anderen, Wahnsinn und Chaos, sitzend auf der Seite der ewig Ruhmreichen, oder nein, weitaus weniger, menschlicher eben, aber das sprengt so auf die Schnelle den Rahmen.
Unter der brennenden Sonne grillen wir Fleisch auf Holz gespießt, trinken Bier, auf dem Gras, auf dem knisternden, piekenden, von Ameisenstraßen durchfurchten, grillen wir und lassen wenig Raum für die Sorgen der Zukunft. Menschsein, mit allen Ausnahmezuständen, - das erproben wir heute und für den Rest unseres Lebens.

Dienstag, 3. Februar 2009

daisies will kiss their skin

Der Augenblick ist für die Ewigkeit. Dieser? Nein. Alle.

Man bete zum ersten Mal vor den offenen Gräbern dieser Welt, sagt er. & irgendwo, & irgendwann, & irgendwie sprengt sich ein junger Mann in die Luft, zersprengt sich zu Blut & Partikeln. Einer, zwei, drei. Alle. Sie schnallen sich den Sprengstoff um die Hüften, binden sich die Zünder um die Handgelenke, aber, --

Und weiter?

Alles, was bleibt, ist das Gras, das aus den Lungen der Leichen wächst, ist das Gras, das ihnen aus den modernden Mündern sprießt, aus Augenhöhlen; es wird ihnen zu Haar und Atem. (There will be daisies and daisies will kiss their skin). Sie können sich die Gesetze der Thermodynamik auf ihre Gedenktafeln schreiben, - was sie bekommen sind Buridans Esel & Schrödingers Katze. Was wollen sie?

Unsterblichkeit?
Keiner wird sie verkraften, keiner wird sie wollen, denn wir sind nicht wie die Turritopsos Nutricula, - wir würden eingehen in den sauren Regen, würden verschwinden im Strahlen der Reaktorkerne, - & das Sterben würde nicht enden. Gib den Menschen die Aussicht auf die Ewigkeit & du zeigst ihnen das Ende aller Möglichkeiten. Der Kampf um heilige Stätten, der Kampf um Nahrung, der Kampf, - der ewige, der sinnlose, - wird von den Toten gekämpft, & die Toten sind wir. Gib ihnen die Elixiere des Teufels, schenke ihnen Unsterblichkeit, gib ihnen meine Träume.

In meinen Träumen sehe ich.
In meinen Worten schweige ich.
Da ist ein Beben, da ist ein Echo.
Ich bin tausende Jahre alt.
Menschenblut, es durchfächert mein Herz.
Erbe auf Erbe, Adams Söhne.

Zeig ihnen, wie die Kuppeln der Städte verschwinden. Zeig ihnen, wie die Straßen vergehen. Berge, die in den Meeren versinken & Meere, deren Wellen die Küsten verschlingen bis die Küsten andernorts aus dem Wasser brechen. Gib ihnen meine Zeit. Es ist jetzt Montag, es ist das Jahre 1888, Urknall!, bang bang, oh hochheiliges Deutschland!, es ist alles längst gewesen, es wird alles sein, - was ist schon Zeit? #


Er sitzt vor mir, am Tisch, nimmt einen Schluck aus seinem dritten Glas Bier & spricht ernst über Loyalität & Glauben. Seine Augen leuchten im Licht dieser Bar, wo der türkische DJ Elektropop aus Rauch & Bierdunst schält; eine Gruppe Mädchen tanzt dazu recht ausgelassen, sie kichern und quietschen. Ich klaube mir die restlichen Nüsse aus dem Glas. Dieser Augenblick ist für die Ewigkeit, denke ich, und notiere mir etwas, das ich ein paar Stunden später, auf der Matratze im Wohnzimmer, wieder vergesse.

Es ist das Gesetz, an dem ich schreibe.
Es ist das Leben, das mich im Wind auf die Gleise lockt, im Wispern der Blätter, und ewig in das Rauschen des Regens führt.

Dann, kurz vor dem Einschlafen, kurz bevor der Körper zersprengt wird zu Blut & Eisenspänen, da spüre ich tatsächlich etwas, das Wunder sein will, & das spätestens nach fünf Stunden Schlaf zum Urban Myth wird, zur Alltagsrelation, ach wie pathetisch. Der Herzschlag wird schnell, die Lippe ist blutig gebissen. Zu schnell gehasst, zu langsam geliebt, zu wenig gedacht, zu viel gesagt. Es geschieht noch während ich die Wohnungstür aufschließe & mir ein blöder Satz an den Kopf geknallt wird, noch bevor ich den Duschhahn aufdrehe & ein bisschen Wasser in meine Poren stoße, noch bevor ich als Versuch, das Menschsein erprobe, - ja, noch bevor die Antipoden die Welt zertreten, - da vergesse ich jede Weisheit, jeden Hinweis, jede Wut & jede Perzeption; es ist ja gar nicht wichtig.

Ich lebe ewig.
Ich bin jeden Tag der erste Mensch.
Ich bin ewig Mensch.


Ahora es para siempre.

Sonntag, 1. Februar 2009

no need for oxygen

Ich sitze vor den Namen wie das Kind, das auf der Schaukel sitzt, wie der Hund, der sich, dem Herrchen vorausgerannt, umdreht, - den Kopf schief, die Ohren angelegt, die Augen fragend, - nur um zu sehen, ob da noch jemand hinter ihm ist. Und? Ist die Erde noch unter mir? Ist noch jemand da?

Immer hoch & höher dreht sich die Welt. Alles, was groß sein könnte, ist es auch. Oder. (du verschluckst dich an den fragezeichen).

Der Ozean entschließt sich, keine Grenzen mehr anzuerkennen & frisst die Grenzen auf; so brechen Wellen über den Strand & verschlingen die Kinder samt ihren Sandburgen, verschlingen die Sonnenanbeter, die Walbefeuchter, die großen Schweren wie die kleinen Leichten, - das Meer bekommt sie alle, & das Meer ist in mir. (tauche ein in mir, trink mich aus, salzwasser, das ich bin).

Sachlichkeit! Struktur! Du bittest um beides.

Mir ist, als überflügelte ich alle anderen. (mit ihren kleinlichen worten & gesten & berührungen). Dabei straft der Blick in den Spiegel alles Gesagte Lügen: Ich bin mein Rippenbogen, bin meine Verdauung, bin mein Gesicht. Ich hause nur (& ausschließlich!) in meinen Augen, - mit jedem Blinzeln will ich dem entkommen: Also spucke ich große Töne. Schiebe Haut von einem Punkt zum anderen, & die Adern darunter rauschen im Blut. Ich pflastere meine Finger, weil ich mich beim Spülen schneide. Ich pflastere mein Herz, weil ich verblute. (wir bluten ein leben lang, darling).

Du sagst nichts, schreibst nichts, pfeifst keine Lieder.

Die Perfektion meines Atems reicht dir nicht, um zu Luft zu kommen; daher reibst du dir die Lippen wund, bittest mich um Balsam & ein Taschentuch, & alles, was ich dir gebe, sind meine Finger, die weder rauh sind, noch zärtlich, - Finger, die nichts weiter sind als die Endungen meiner Hände, meiner Arme!, ich bin endlich, (end-ich?, ja, überall). Ich wundere mich darüber, dass ich nicht mit dem Boden verwurzle. Dass sich meine Zellen nicht in ihre Atome auflösen & ich zu Sauerstoff werde. Dass ich mich nicht auflöse, wo doch jeder Traum nichts anderes als Auflösung verspricht. (Im Schlaf kehre ich zu einer Quelle zurück, die nicht mit Worten fassbar ist). Ich weiß. Es ist dir ganz egal. #


ich sitze vor deinem namen wie ein kind, das auf eine belohnung hofft. kann man dir glauben, du schönste aller frauen? kann man dir zum abschied das haar aus der stirn streichen & mit dem haar die bitterste aller zuversichten: dass alles vergänglich ist? kann ich dir die finger in die mulde deiner schlüsselbeine legen & denken: eingehen!, in dich, völlig eingehen & mit dir eins werden?, oder endet diese kleine metapher nur mit den fingerkuppen? mit den offenen enden meiner arterien, die sich zusammenziehen, die sich öffnen, die nichts führen als mein verlangen nach unsterblichkeit.


Nein. Es ist dir nicht egal. Das spüre ich. Du sagst es ja auch. Also sind wir glücklich. Also trinken wir Nektar, essen Ambrosia, tanzen um Feuer, die dem Himmel Funken versprechen, & gehen ein in ein Bild der Seligkeit, ...

Seeligkeit.
Das ist der bittere Irish Coffee, das Glas Absinth zum Abschied. Das sind die Bücher, deren Seiten sich in meine Gehirnwindungen graben, - wieso?, weshalb?, wenn doch dieses Gehirn verfaulen wird?, das ist nicht die Frage, die man sich stellen darf. Das sind die hellen Nächte. Ein Universum verbirgt sich in mir, in diesem Oberflächenmenschen, - mir ist, als sei ich aus Glas, & darunter bricht sich etwas frei, reißt die Schichten auf, & manchmal, in den stillen Stunden, entkommt ein Tosen & Brodeln, entkommt der Himmel & das Meer, entkommt das Gras, dessen Halme meine Füße zähmen, & manchmal ist der Appetit zu groß, & alles geht ein, verschwindet im Munkeln, im Flüstern, im Blick gegen die Spiegelbildmänner, die mir in den Träumen das Augenlicht stehlen. Erreichen!, Zufriedenheit erreichen!, darum kämpfen!



Ich kehre zur Party zurück. Du sitzt auf der Lehne eines Sessels. Die Augen auf Halbmast, verschleiert vom Wein, - die Hände fassen noch das letzte Glas, - und auch deine Lippen glänzen rot. Du sitzt da, redest über das letzte Buch, das du gelesen hast, und lachst. Es riecht nach Asche, überall wo du bist riecht es nach Asche, in die sich Lavendel mischt, und keiner außer mir riecht es.

Ergänze!

Donnerstag, 29. Januar 2009

Kassandras Traum

Ich spucke die Haare aus, die mir auf der Zunge liegen, und denke an das Häuten und Schälen der Tage: Da rollen sich gestern noch die Füße zusammen, die Hände umgreifen die Brust, und heute wird alles liquidiert. Alles? Ja.

Erstens)
Die Zeit, die keinem gehört.

Zweitens)
Die Geschlechtsorgane, weil jeder sie hat.

Drittens)
Die Stadt, die unermüdlich ist.

Viertens)
Die Liebe, die Liebe, die Liebe.
Einfach, weil jeder sie sucht und findet und wieder verliert und immer so fort bis aller Tage Abend ist.

Keiner denkt konsequent genug an Morgen; wir sind nur seine Illusionen, die Illusionen des morgigen Tages. Da schlägt man das Ei an der Pfannenkante auf und ergießt das Bisschen Dotter, das Bisschen Schleim auf kochendes Metall, um es dann gierig in sich rein zu stopfen. Niemand verühre mehr den Kaffee mit silbernen Löffeln, denn silberne Löffel seien wie Brokat: Eine dekadente Spielerei. Pah!, kein Sinn für Ästhetik, seufzen die Ästheten, und haben nie die Schönheit geschmeckt. Ich schmecke das Ei. Was braucht es mehr? (Alles!)

Pause.
Pause.
(Sanduhr!)

Ich schalte auf S T U R, - das ist ein Modus der Ignoranz; ich schalte und schalte, drehe an den Knöpfen meines Verstandes, lege solange Hebel um bis das ganze Bewusstsein einmal laut knallt, und dann passiert's: Ich erinnere mich plötzlich ganz genau.

Ich erinnere mich an das Ich, das ich war. An den Jungen im Spiegel, wenn man so will. An den Relativisten. Habe ich denn je den Kaffee so schnell getrunken? Habe ich die Hosen tatsächlich mal so getragen? Der letzte Zungenkuss liegt Fünfhundertmillionen Jahre zurück, und ich weiß nicht einmal mehr, wem ich ihn gab. Da schreit mich die neongelbe Diskette an, die mir in die Hände fällt, - darauf gespeichert: Die Texte, - und ich kann sie nirgends benutzen, weil es keine gottverdammten Diskettenlaufwerke mehr gibt. Darauf geschissen!

Ich möchte mich im Windzug der einfahrenden Bahn ertränken. Scheiße, denke ich während mir der Beatles-Verschnitt in der Yellow-Submarine-Jacke die Grübchen aus dem Gesicht grinst, denke: Scheiße, Scheiße, Scheiße! und vedrehe die Augen wie bei einem epileptischen Anfall, Scheiße!, darf ja wohl nicht wahr sein, verdammt. Ist es. Jeden Tag.

Pause. Pause. Sanduhr.

Der Mensch macht Kompromisse statt Entscheidungen zu treffen. Ich gehöre dazu. (Setze das in Klammern!) Scheiße!


Kapitel 2.
heute morgen bin ich nackt in der mitte des bettes aufgewacht, ohne zu wissen, wie die stimme schmeckte, die mich zum abschied in die lippe biss. möglicherweise war es nichts als das fieber basels, die gluthitze der worte, die mich aus dem zug heraus in die höhe gerissen hatten und damit auf die straßen berlins, berlins, versteht das wer?
dunkel denken sich die metaphern, die aneinandergereihten bilder, die sich nicht verzahnen wollen, weil es zu viele junge männer da draußen gibt, die mich mit ihren mitleidigen blicken fressen, - dann, wenn ich die pizza rolle, - salami mit rucola, - um sie dann stoßweise in den rachen zu stopfen; ich enthäute den sommer und entkerne den winter, beiße den frühling mit den tulpenzwiebeln entzwei, - weil der herbst zu lange braucht und dann zu kurz verweilt, - und alles, und alles, nur keine anerkennung ihresgleichen.

ich spucke die haare aus, die ich mir selbst herausgerissen habe. ich spucke und spucke, und das schwarze bis braune, borstige haar sammelt sich unter meinen nackten füßen bis ich wattig gehe und seidig falle. (träume!) das findet im echten leben, wohlgemerkt!, im echten, kaum verwendung. daher schreibe ich im strom der eingebungen, lasse mich treiben und mitten unter den menschen, - gerade auf dem mehringdamm, wenn die schultern der anderen sich an den meinen reiben und kein funkenschlag die nacht erhellt, um uns zu zeigen, wie besonders wir sind, - gerade dann!, - schließe ich die augen, atme ein, atme aus und verschlinge dann in einem anfall von wahnsinn die ganze welt, - zusammengerollt, mit rucola drauf, - schlinge und schlinge, bis die ganze welt selbst zum funkenschlag geworden ist. und wenn der wind kommt, der wind kommt in dieser stadt immer, dann weiß ich nichts mehr vom rempeln und stoßen zu sagen. ich vergesse mit jedem draußen den spiegelbildjungen. den sturen kleinen scheiße-sager. (scheiße!)

Pause. Stechuhr! Tritt beiseite.

Morgens um halb acht klingelt der Wecker. In der Regel früher. Allerdings stehe ich in der Regel auch viel später auf. Um halb zehn verlasse ich das Haus. Dann bin ich Punkrock. Also mache ich mein Bett, schüttle die Decken und Kissen und stolpere schuhebindend aus der Wohnung, die ordentlicher sein könnte, und fresse die Menschen bei den Abzugsschächten. Es sättigt nicht, niemals sättigen sie mich.



Mir ist, als träumte ich von nun an Kassandras Träume.

Freitag, 16. Januar 2009

Interlude: Mensch vs. E = mc²

Ich bin irgendwo geblieben. Keiner hat mich je dort gesehen, aber es muss so sein. Sonst gäbe es keinen Straßendreck im Flur, sonst läge das Halstuch nicht zerknüllt auf der Kommode, und ich hätte keinen Abdruck vom Schlüsselbund in der Innenfläche meiner Hand. Alles nur ein Spiel mit Raum und Zeit, nur ein Versuch. Meinetwegen.

Vom Dach preisen mir die Leute ihre Sicht und ich stehe auf der Straße, reibe mir die Lunge an dem Bisschen Luft auf, das durch die U-Bahnschächte heult, und denke: Wie schade, dass das Leben irgendwann endet, und meine damit überhaupt nicht das Sterben, sondern viel mehr die Tatsache, dass manche Begegnungen, viele Beziehungen nur auf Zeit funktionieren. Einatmen. Heißt das Schmerzempfinden? Wenn plötzlich der gute Freund aus dem Hier ins Dann verschwindet, aus dem Hier ins Dort, und wie kann es sein, wenn doch jedes Alleinesein nur ein Blinzeln ist? (Blinzle tausend Jahre lang, dann weißt du, was ich meine). Wie kann sich auflösen, was für die Ewigkeit gedacht ist?

Dabei könnte ich mich jetzt tatsächlich ans Glück gewöhnen. Ans Zufriedensein. (Trotz der Nächte, in denen ich wach liege, die Augen gegen die weiße Wand und die weiße Wand ganz entschieden gegen mich). An die Tatsache, dass es einen All-Tag gibt, - einen Tag, der etwas in sich einschließt, nur um es am nächsten dem Vergessen zu schenken. Geht schon in Ordnung. Ernsthaft. Ich erwarte nichts mehr, weil ich das Feuerwerk von den Häuserdächern dieser Stadt gesehen habe. Weil ich ein Buch auf Französisch lektorieren konnte. Weil es Lammfleisch gab, Salate, frischen Orangensaft, viel Wein. Eine Bewegung morgens im Badezimmer, ein Hauch von Parfum, alles im Begriff zu verschwinden. Macht nichts. Ist schon okay.

Flüchtig streift mich die Liebe. Es riecht nach Regen und Lavendel, die Sonne bricht durch die Wolken bis die Sonne niederbricht, und alles ist kalt, die Hände sind gefühllos von Eis und Schnee, aber das ist plötzlich Liebe. (Nicht klassisch, versteht sich). So kann es nicht ewig sein, kann es nicht ewig sein?, nein, kann es nicht, bloß warum eigentlich nicht? Halte fest! Und die Hände greifen aus dem Universum der Angst in einen Moment hinein, um ihn zu halten, aber die Finger umschließen nur das Gespenst einer Möglichkeit. Du kannst nicht fassen, was du lebst. Du kannst es weder fassen, noch begreifen. Also geht man weiter an den Flohmarktständen vorbei und schichtet sich Bücher auf die Arme, greift Schallplatten heraus und bezahlt schließlich nur die Hälfte des eigentlichen Preises, weil dem Verkäufer das andere Gesicht gefällt, und später spürt man den Sahneschaum der heißen Schokolade auf der Oberlippe, Hände und Füße tauen langsam wieder auf und nie hat es weniger Raum für den Schrecken gegeben.

Die Zeit geht vorbei, und ich, der ich nicht Er bin, sehe mir morgens ins Spiegelbild und erkenne feine Falten, die sich um meinen Mund in die Haut graben. Ich sehe besser damit aus, Falten stehen mir. Das Struppige ist weg, das Verwahrloste, und das, obwohl die Augen, - die blauen? oder eigentlich: grauen?, - immer noch voller Angst sein können, voller Tobsucht, voller Irrsinn, stell dir nur vor, was man alles denken kann, und so brodelt der Verstand weiterhin, lauter als jemals zuvor, hinter einem Gesicht, das sich der Zeit anpasst, dem Raum, hinter einem Mund, der die Worte spricht als gehörten sie ihm.

Ich kaufe mir Bücher über spanische Grammatik.
Ich lese jeden Tag.
Ich träume nicht mehr.
Nächste Woche geht's nach Basel, dort werde ich lesen, irgendwas lesen, und ich hoffe, ich werde betrunken genug sein, um mich mutig zu fühlen; ich schreibe an Kurzgeschichten wie am Fließband, und jeder Tag endet mit einer neuen Idee; ich ändere meine Handynummer, ich melde mich bei Facebook an, ich flirte mal unabhängig von allen Wahrscheinlichkeiten, ich taumle durch eine Welt, die selbst taumelt, und bekomme keinen Grip, - egal, egal!, das ist nicht weiter wichtig. Nur jetzt, jetzt, keine Vorstellung von Zukunft, kein Interesse an der Vergangenheit. Verdammte Relationen, zur Hölle mit Einstein!



Nein. Das sind keine Beschreibungen. Ich kann nicht beschreiben, was vor sich geht, weil ich es selbst nicht überblicken kann. Die Besinnungslosigkeit bleibt.


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
Der Junge & das Herz
Die Lieder der Väter
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Mensch vs. E = mc²
missed
Monsieur Mort
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