Mensch vs. E = mc²

Mittwoch, 24. März 2010

Lotus.

Am Telephon wird übers Essen gesprochen, & über Sport; dann: ein Lachen, ein kurzes Schweigen, das nichts verlegt, - nicht die Schlüssel, nicht das Portemonnaie, & auch die Brille nicht, - & ein bisschen fühlt sich's fremd an, dieses eigene Leben. (Ich habe Allen Ginsberg vor Augen). Mir ist, als säße ich in einem andren Raum. Der weiße Teller, darauf: Messer & Gabel, daneben eine Plastikflasche ohne Etikett, - darin: Leitungswasser. Ein Buch links davon, - rot, - auf der andren Seite ein Stapel Papier, mehr Bücher. Ich sollte weniger lesen, mehr schreiben. Ich sollte mich konzentrieren, vor allem tagsüber. Stattdessen?, diese somnolente Schlaflosigkeit.

Im Spiegel betasten die Finger einen Bizeps, der sich aus dem Knochen herausdrücken will wie eine Beule. Das Haar hingegen wirkt schnell fettig. Meine Haut ist nie rein. Die Nägel wachsen zu schnell. (Eine Liste aus Mängeln hat mir die Zahnfee unters Kissen gelegt). Ich kann mit meinem Spiegelbild im Grunde gar nichts anfangen. Verständnislos glotzt sich Gelee an. Kann nicht jemand Hand an mich legen? Wieder: dieses Aufschrecken. Bin ich gerade, -- unmöglich, immer diese, -- einfach weiter machen.
Manchmal fühle ich mich in die Mitte der 90er Jahre zurückversetzt & denke: Verdammt, genau das war's, aber nichts war. Nur Fullhouse & Alle unter einem Dach im Fernsehen. Nur Terranigma auf dem SNES. Ich bin Teil einer Versatzstückgeneration. Nur das Verdammt stimmt, vielleicht. Ich bin Teil einer Naturkatastrophe. Eigentlich bin ich damit ganz zufrieden.

Am Telephon lacht ein Mund, von dem ein alkoholgetränkter Verstand geträumt haben mag. Bitte? Allmählich zergliedern sich auch noch die kleinsten Teilchen:

1.
Mitten in der Wohnung stehen, & sich plötzlich bewusst werden, dass man dort, in diesen Räumen, wohnt. Ich meine: tatsächlich. Nicht abstrakt. Zwei Jahre sind's jetzt schon. Wie wenig mein Zimmer doch nach mir schmeckt.

2.
An Hyänen denkend eine Frau mustern, die aus der Damentoilette kommt & sich die Finger an der Hose trocken reibt wie ein Mann es täte. Sie ist Koreanerin; sie glaubt an Gott, denn sie trägt ein goldenes Kreuz um den Hals.

3.
Den Jungen am Nebentisch sitzen sehen, eine Kopie von A., & von D. gefragt werden, wie alt er wohl sei; ihn daraufhin auf 18 schätzen, - nur um danach festzustellen, dass man seit sieben Jahren schon nicht mehr achtzehn war.


In welchen Räumen halte ich mich eigentlich auf?
Wer sind diese Menschen?

Los, erzähl uns eine Geschichte... Aber Aber sagen, ohne es wirklich zu meinen; dabei decken die Hände den nackten Körper bis zum Hals zu. Es ist eine Frage nach Systematik: Ein Hedonist, & seine Freunde, - darunter D., - & weiter?, einfach eins zum andren zählen: viele Menschen, die um mich sind, die verändern, die das Gift aussaugen, das mir die letzten vier Jahre lang im Blutkreislauf zirkulierte. Aber was heißt das? Sich nicht mehr erkennen können. Vergessen. Lotus fressen bis der selige Mund nicht mehr lächeln kann. Ich, der nicht Ich sagen kann, - wer ist das? Träume gehen ein in die Tage & zersetzen die Erinnerungen.

Ein Raum,
weißes Licht,
Rückkehr zum Strom. Auflösung.
Die Vorhänge mit den Fingern betasten,
die Teppichecke im Flur überstolpern,
pünktlich ins Bett klettern, sich darin festbeißen,
weil die Uhrzeit sich den Nullen nähert,
traumlos schlafen bis der Wecker ruft.
Aufhören.

Samstag, 27. Februar 2010

Der Exzess

der exzess hielt mich wach,
der exzess ließ mich schlafen.


Ich schreckte von den Worten auf, die mir die Straße ins Zimmer rief, & knapp fünfzehn Stunden später irrlichterte ich durch Mitte. Nicht alleine, natürlich, in dieser Zeit war ich nie alleine gewesen: links ging der Hedonist, der mit jedem Schritt tanzte, rechts von mir der Rausch, der nicht enden wollte. Los, sagten sie, los, Junge, du wirst immer dünner vom Sehnen, also folge uns in eine Welt jenseits des Wollens.
Es fühlte sich so an als ginge der Winter zu Ende, mit seinem Eis & Schnee, mit dem Silvestermüll, der darunter plötzlich hervorkam. Die Huren in der Rosenthaler Straße atmeten Asche aus, sobald sie sprachen, die Männer betupften die Asche mit den Fingerspitzen & fragten sich, was es brauchte, um die Asche zu fressen; alles roch nach Gewalt, in dieser Nacht, alles schmeckte nach Möglichkeiten. Als uns T. ansprach, dort, bei den Hackeschen Höfen, wo die Männer keine der Huren beim Namen nannten, weil sie keine Namen mehr hatten, außer Süße, & Schöne, & manchmal auch Luder, was die Huren zum Lachen reizte, - was ein Spaß, was ein Bedürfnis, & der Ekel unter der Schminke begraben, - dort, wo die Frauen eilten, in ihren dicken Jacken & kurzen Röcken, die nach der Mode geschnitten waren, ohne einmal etwas anderes zu sehen als den nächsten Hauseingang, als das nächste Mantelablegen, & einen Cocktail oder zwei, von der Freundin gereicht wie ein Dankesschreiben, dort also, zwischen den jungen Touristen, die nach Clubs suchten, nach den nächsten billigen Möglichkeit, sich zu betrinken, & den Huren, da sprach uns T. an, ein junger Mann mit Augen so dunkel wie Palisander & einem Lächeln, das flattern konnte, ins Gesicht gesperrt wie ein Vogel. Er kam auf uns zu als hätten wir ihn gerufen. Wir hatten uns an eine der Ecken gestellt, Müßiggänger, die wir waren, satt vom Essen des White Trashs, - der Höhle, in der uns Buddy Holly bedient hatte, - & zufrieden vom Warmen der Nacht, vom Gehen durch die Straßen, & betrunken vom Sehen. T. sprach uns an wie einer, der den Huren das Geschäft versauen wollte; er roch nicht nach Alkohol, aber seine Stimme ließ daran denken; er sah uns an wie Fremde sich bei einem Zusammenstoßen ansehen, beim Anrempeln ganz aus Versehen; das Ameisenvolk stockte beim Transport. Danach gefragt, wo etwas los sei, wo man tanzen könne, wo es kein Geld koste, wo in der Stadt das Leben pulsiere & wo nicht, lachten wir, weil wir nicht wussten, was wir zuerst benennen sollten.

T. lachte auch, aber nur am Rand, abwesend, ein Lachen, das besagen konnte: Ich töte euch wenn ihr nur wollt, ich belüge euch wenn ihr es braucht, oder vielleicht war es nur die Unsicherheit, vielleicht nur der Suff, oder die Sehnsucht nach Suff, die ihm in den Knochen steckte, allein in die Großstadt gestoßen, allein dort, zwischen den Huren; er sagte, er komme aus London, studiere in Heidelberg, er sei auf Besuch hier, sein Deutsch war akzentfrei, das Leben war, -- war, -- ein Toben mitten im Sturm, wie die Romantiker sagten, ein völlig unzureichender Grund, rein logisch gesehen, eine Komödie nach Shakespeare, & ein Beckett'sches Drama, die absolute Tragödie des Sophokles'. Wir begehrten einander ohne Körper & Seele zu wollen, wir begehrten das, was wir hätten sein können, was wir einst waren & werden wollten; wir begehrten das Potential. Wir tauschten Namen aus, unruhig ins Gehen geschüttet, & er tippte seine Nummer in mein Handy ein; wer weiß?, wer weiß?, wir machten uns auf ins Tacheles, weil es dort Musik gab, weil eine Freundin des Hedonisten auflegte, - T. würde folgen, sagte er, er müsse noch woanders hin, er komme vielleicht nach, wer weiß?, wer weiß?, Zufall hatte uns zusammengebracht & ihn zu meinem Nachbarn gemacht, - er wohnte tatsächlich in der Straße schräg gegenüber, - & so trennte der Zufall die Fäden auf, er trennte die Rinde vom Brot & die Träume vom Schlaf, so nahm ihn die Nacht wieder auf, während der Hedonist & ich also hinaufgingen, die Treppen Stufe um Stufe, den Vorraum hindurch, kurz vor das Mischpult, wo sie auflegte, die zweite DJane, die ich in meinem Leben kennenlernte, eine Frau mit kurzem Haar, schwarz wie Ebenholz, wie es hieß.
Lachen hielt sich in der Luft, der Tanz folgte bei Fuß. Wir begrüßten einander wie alte Freunde, sie gab Bier, sie reichte Jägermeister, wir tranken, wir stürzten es hinunter als hätte es unsren Durst zu stillen vermocht; alles gereichte man mir, die Musik, die ins Blut ging, den Rauch, der sich in mein Haar wob wie Spinnwebenfasern, in meine Kleidung, noch in die Haut verwob sich der Rauch, & immer die Musik, & immer das Lachen der Frau mit dem Ebenholzhaar. Am Nebentisch saßen drei junge Männer, auch sie hatte der Zufall zusammengeführt, ein Amerikaner, - er kam aus Nevada, - & zwei Japaner, die lachten & mit den Augen spielten, die mich baten, sie zu photographieren & ich lachte, & sagte, ja, warum nicht?, & drückte ab wie bei einem Gewehr; den Abend erlegte ich ihnen, als Trophäe blieb er zurück an der Wand, & ich lachte, beglückwünschte zum Hiersein, begrüßte im Namen des Volkes die Fremden, die Männer, die nach Frauen suchten, den Schweiß auf dem Laken, nach Lippen, die sich nie schloßen.
Alles war jenseits von Gut & Böse in dieser Welt aus Glas & Swing, - denn die Frau mit dem Ebenholzhaar remixte die 20iger Jahre; wir feierten den Untergang mit Trompeten & Saxophonen, im Bier ertränkten wir's, in billigem Schnaps, das Leben feierten wir, zerfloßen im bunten Licht zu Rauch & Schatten. Eine Gruppe drang ein in den Raum, & brachte französische Männer mit schwarzen Stacheldrahtblicken, die ins Herz schnitten, & deutsche Frauen in weißen Leinenkleidern, die tanzten ohne auf die Nacktheit zu achten, die darunter hervorkam, weggeschmolzen wie Schnee & Eis auf den Straßen. Alles ging über in mehr Licht, in mehr Bewegung, denn auch wir tanzten, alles ging ins Endlose über, aus dem wir mit hohlen Händen schöpften. Danke flüsterte niemand. Allenfalls die Nacht, die sich bedankte für den Lärm, den wir zu ihren Ehren gegen die Wände schleuderten, gegen die Ohren & Augen, gegen die Herzen: Danke, ruhelos wir nur ihr sein könnt. Eine Glut, die man in den Boden tritt, Bass, der sich aufteilt in Ferne & Ewigkeit. Genau dies, genau jetzt, das ist die Unwiederbringlichkeit der Jugend, die Sehnsucht der verlorenen Kinder. Weiter. Weiter. Laut riefen es die Münder, die sich suchten zum Kuss.

Erschöpft setzte ich mich zwischen den Rauch in die Tiefe, & bemerkte nicht, wie der Raum sich erst füllte mit tanzenden Menschen, & sich dann wieder leerte, wie ein Eimer Wasser, den man auf die Straße schüttet, um die Passanten zu schrecken. Begehren strich mir die Haare aus der Stirn, wischte mir den Schweiß von den Schlüsselbeinen, vom Leib ins Gesicht einer Fremden, die lächelte, von den Lippen eines Tobsüchtigen, der winkte & nickte, so als könne es den, der tanzte, den Jäger selbst, in die Falle locken, ins leere Bett eines Hotels, in die Arme & zwischen die Beine, aber der rote Punkt der Zigarette war kein Leuchtturm für den Erschöpften, für den, der am Mischpult stand & zusah, wie die DJane lachte & sich freute, wie sie aufging im nächsten Lied, im nächsten Track, der ihrer war, ganz eigen, ganz selbst verbrochen, & sie lachte so ansteckend, dass auch ich lachen musste. Fortwährend. Meine Lippen waren schon ganz rissig vom Lachen, es tat gut.

So gingen die Stunden, & die Nacht wälzte sich, drehte sich, die ganze Stadt drehte sich mit, wälzte sich, zwei ineinander Verhakte. Der Amerikaner & die Japaner verabschiedeten sich, die französischen Männer & die deutschen Frauen winkten & küssten die Luft mit dem Hauch ihrer Münder, & nach dem sich der Raum erneut leerte, wieder füllte, kam die Stille; ich fragte mich, wer von ihnen mein Leben zu ändern vermochte, nur durch einen Satz, nur durch ein Lied, nur durch einen Abend wie diesen. T. war nicht mehr gekommen.

Der Abschied schließlich ging schneller als gedacht; wir lagen uns in den Armen & luden uns gegenseitig ein zu den nächsten Festen, zu den nächsten Partys, zu den weißen Nächten, die endlos jetzt kommen sollten, im Frühling, im ewigen Sommer. Ein Traum, von Träumern ausgeführt zum großen Ball. Auf dem Weg nach Hause wichen der Hedonist & ich der Gruppe aus, die von einer harschen Engländern durch die Stadt gescheucht wurde, - we won't go there either, Cockneyakzent, - & auch dem Polizisten an der Straßenecke, der nur ging, immer im Kreis ging er über das Pflaster; seine Blicke suchten die Huren, aber die Huren waren längst woanders. Der Hedonist & ich trennten uns an der üblichen Stelle, versprachen, was die nächsten Wochen bringen würden, gingen ins Unbekannte hinaus, berauscht.

Zu Hause schließlich öffnete ich die Tür & schloss sie, als gehörte sie zu einem Tresor. Ich hörte die Nachrichten ab, die auf dem Anrufbeantworter auf mich warteten, machte Licht & besah den roten Flecken am Hals & den roten Flecken an der Hüfte, - einer würde blau werden, der andere würde verschwinden; ich zupfte das Weiß von den Lippen bis es sich rötete, besah das Rote im Spiegel, - es fand sich auch in den Augen. Es war noch immer warm, der Tanz lag mir im Blut. Also zog ich mich aus bis auf die Haut & legte mich ins Bett, wo ich mich wälzte bis die Nacht kippte ins Helle. Ich träumte schlecht, schlief unruhig. Mir träumte von T., der an der Tür klingelte, träumte von der Frau im weißen Leinenkleid, & schreckte schließlich auf, weil ich glaubte, die Straße hätte mich erneut gerufen.

Auch heute würde der Exzess mich zu sich holen.

Dienstag, 9. Februar 2010

Dazwischen.

Das Echo sagt: Clamore.
Amore

More


Ore



Re.


Der Widerhall schüttet sich aus wie ein Eimer Sand...
Es schwappt gegen alle Ecken...

Das war doch vorhin noch nicht dort, oder?, dieses Haus am andren Ende des Flurs, fünfeinhalb Minuten entfernt von jedem Ausblick Augenblick: ein Garten, ein schräger Strich Licht zwischen Walt Whitman & dem Grab, a jar of fireflies on the tombstone, ein Kinderlachen, das sich im Dunkel nicht verlieren will, weil kein Kind mehr lacht.

Ein Schlüssel, der sich nicht drehen will...

Was?
Das Haus steht leer in der Ash Tree Lane.


Aus dem Traum schäle ich mich mit der Decke & dem Bisschen Stoff, der an mir hängt wie Eis; ich kratze mir das Hemd von der Haut, ich schabe die Hose herunter, & stehe am Fenster: Draußen wimmert etwas, - eine Katze?, es klingt wie ein Kind; ich kann nicht begreifen, woher es kommt. Die Hände fassen nach Lichtschaltern... Kreisrund gebadet in Gold ist der eigene Körper plötzlich, greifbar geworden, echt. Der Wind beißt mir an Armen & Beinen, ich kann mich nicht denken hören, also nehme ich die Decke & wickle sie um mich, gehe hinaus in den Flur. Niemand. Nichts. Keiner geht, alles steht still. Auch hier glühen Lampen, alle Türen stehn offen, - das finde ich unerträglich; alles Glühen verlampt in Glas gesperrt zu Draht. Das ist kein Licht, es ist ein Jahrmarktstrick. Hat mir etwa von Holofernes Messer geträumt?, in der Küche stehe ich & sehe durch das milchige Weiß der Klebefolie in den Hinterhof; das Besteck in der Spüle sticht mir metallene Kälte in die Augen, ich weiß nicht, weshalb es reflektiert. Draußen scheppert der Müllcontainer, aber niemand reißt an der Klappe.

D
e
r

H
a
u
c
h

geht mir über den Rücken wie (d)eine Hand, & ich drehe mich zum Schatten um, der mir gefolgt ist, - den ganzen langen Weg aus den Träumen ist er mir nachgelaufen. Ein Doppelgänger. Ein Skelett mit Haut & Muskeln so dünn wie Papier, eine Erinnerung: Ich auf dem Rücksitz eines Wagens, Musik in der Anlage, - draußen rauschen die roten Lichter der Fabrikschornsteine, Antennenkabel spannen sich über dem Asphalt, überall geometrische Formen, den Rest hat die Nacht genommen, - & was?, ein Riss im, ein Riss durch, ein Riss zwischen, was? Der Anrufbeantworter hält keine Stimmen. Aufschrecken im Flur. Weshalb bin ich aufgestanden?, weshalb bin ich überhaupt wach?

Eine Frage hat mich geweckt: Chi dara fine al gran dolore?
Das Echo sagt: L'ore.

Niemand, außer der Flur.
Bis es einschnappt, im Schloss, bis das Fenster nicht mehr zittert vom Rumpeln der Lkws & Nachtschwärmerwägen; wie Motten verscheut eine zusammengerollte Zeitung den Tag, den Abscheu hinter der Leere. Endlich werde ich wacher, denke: Es war auch nicht deswegen, weil du gelachst hast als ich übers Schreiben sprach, dieses Verlegensheitslachen, dieses Ich-weiß-nichts-zu-sagen-Lachen, - es ist deswegen nicht geschehen, weil ganz tief gestapelt wurde, - niedrig hat man jedes Wort aufs nächste gesetzt & gehofft, es ließe ein bisschen Raum übrig, aber: Der Raum ist zu groß für dieses Ausweichen, dieses Drumherum-Manövrieren, das funktioniert nicht auf Dauer. Warum? Na, ich mache keinen Unterschied zwischen dem Beschädigten & dem Schadhaften, aber ich unterscheide zwischen dem Teilbaren & dem Ungeteilten.
Meine Hände zupfen am Mülleimerbeutel, schieben die leeren Plastikflaschen in den leeren Rucksack, - die Flaschen knacken lauter als sie sollten. Das macht mich wacher, jetzt. Ich denke: Keiner hält mit mir Schritt, keiner ist mir gewachsen, im Schreiben nicht, im Lesen nicht, weder im Träumen, noch im Wachen, keiner flieht so wie ich, - diejenigen, die es konnten, sind ins Exil gegangen, & das Exil berührt nur im Flüchtigen das Herz, das nicht stillstehn kann.

Es ist 3.44 Uhr,
die Augen erfassen's jetzt,
ich kann mich kaum hören.

Dabei will in Wahrheit alles bis ins letzte Detail beschrieben sein: der rote Teppich im Flur, den allein ich, - & immer ich, - staubsauge, die weißen Kommoden mit den drei Schubladen, - sie geben sich als Schweden aus, - & darüber vier Ausschnitte Paris in schwarz-weiß; es gefällt mir alles längst nicht mehr. Im Badezimmer hängen immer mehr Poster, in der Küche kleben City-Cards an den Wänden. Keiner hat den Ofen geputzt. Die wenigsten ziehen sich die Schuhen aus wenn sie zur Türe hereinkommen. Ich knirsche dafür mit den Zähnen, weil mir immer etwas Streusalz an den Socken bleibt. Es ist ein Geisterhaus, egal wer jetzt in diesem Verlassenen seine Möbel gegen die Wände schiebt, diese neuen Regale, diese perfekten Dinge aus dem Katalog, die ich nicht ausstehen kann in ihrer allgegenwärtigen Gleichheit: Meine Couch, mein Tisch, mein Sessel, - meine Blicke ertragen diese Oberflächen längst nicht mehr, darum sehe ich auch dann noch durch sie hindurch obwohl es draußen hell & immer heller wird.

Wach zwischen den Zimmern.

An allen Tagen bin ich beschäftigt, das verstehst du natürlich nicht. Ich meine, dass ich ein Leben habe. Dass ich schreibe, im Schreiben ertrinke, im Schreiben sterbe & ins Lesen mich rette, du starrst nur immer gegen die weißen Flächen, wo keine Bücherrücken die Wände ersetzen, - aber eben das wird kommen, schneller als du es verstehen wirst; es ist kein Statussymbol. Mein Fernseher ist eingestaubt, ich kenne die Namen all dieser Moderatoren nicht, ich hab sie noch nie auseinander halten können, diese Gesichter auf dem Wasser, diese Sendungen mit all ihren Werbeeinschüben, ich halte das alles für oberflächlich, es ist mir bloße Zeitverschwendung. Dass ich Sport treibe, - daran hätte ich ja selbst nie geglaubt, wenn's Narziss nicht gegeben hätte, - ach, Verlorener, Echo hat ihr Spiel mit dir getrieben, - & wenn der Spiegel dann den Rücken zeigt, die Schulten, die tatsächlich breiter werden, die Arme & Beine, in denen sich die Linien abzeichnen, gegen den Strich & unter der Haut, dieses geglättete Begehren, dieses behaarte, - nie hätte ich gedacht, dass aus mir einer werden könnte, der in der S-Bahn angelächelt wird, dem man die Hand auf den Arm legt & fragt, wollen wir nicht?, & dann schleicht man sich ungesehn ins eigene Haus & treibt es wie, --

Dass es Freunde in der Stadt gibt, die wichtig sind, weil sie zur Familie gehören. (Der Hedonist, der mir den Tanz ins Blut geschüttet hat wie eine Droge, das Lecken der Lippe nach dem vietnamesischen Essen, das Bunt der Galerien; Bellona, die mir eine Cousine ist, eine von denen, die man nicht oft sieht, aber wenn, dann mit einem Lächeln; oder gerade diese: Ella-que-ríe, die sagt: Nichts ist umsonst, lass nichts unversucht, - sie, die lacht als gäb's kein Entkommen davor; ein Bruder wie Markow, das Sehen & Sehnen von A., & ein Stoß in die Rippen; &tc.) Kein Krankenhauszimmer bliebe leer...

Was?, wieder ein Stolpern zwischen den Türen.
Machen wir uns doch nichts vor. Warum sich rechtfertigen? Jeder lebt sein Leben auf seine Weise, jeder gibt Chancen, verteilt Kompromisse zum halben Preis, verkauft die Geduld an den, der am meisten bietet, nichts geht wie geplant, nicht?, niemand hätte sich das vorstellen können? Niemals.

Die Hand greift nach der Hose, greift nach dem Hemd, die Fäden heben die Arme, schieben die Beine unter die Decke, ins Warme zurück. Die Nacht kann mich nicht verstoßen. Bitte?, was? In der Ferne, heißt es, in der Ferne denke jemand daran, ich sei reich. Beim Bemalen der Wand, dort in Moabit, mit dem klingelnden & ewig klingelnden Telephon, - des Konzerts wegen, & weil sich's zu dritt am besten tanzen lässt zwischen Bass & Licht, - mit dem Plan für den Frühling, mit der Aussicht auf Filme, mit dem Bruder in der Stadt am Mittelmeer, mit der Schwester im Sturm, mit dem Wollen, dem Brauchen & Können, mit dem Sonntagslächeln,

- als der Zug einfährt & Schnee verwirbelt zu Funken, -

mit dem besten Anzug & dem wackelnden Tritt auf dem Eis, beim Reichen der Schale, - die Hände des Argentiniers geben sie fort, sie & das Glas Wasser, es steht auf dem Holztisch, - dort in Kreuzberg, mit dem Kuchen aus reinster Schokolade, beim Heben der Mundwinkel im falschen Abteil, - meinst du denn mich, mit dem Lächeln?, - die Buchseiten blättern, & Cortázar erzählt mir von Liebe, dort, im Prenzlauer Berg, & das Haus in der Ash Tree Lane, von dem erzählt mir ein andrer, - immer rauscht mir Papier zwifinschegern, genau, zwischen den Fingern, & Berlin hupt & tobt, & versinkt in der Kälte, der Sargdeckel, der sich nicht hebt, - beim Ansetzen des Pinsels auf der weißen Wand, beim Stemmen des neuesten Gewichts, beim Schreiben des Briefes, beim Hören der Lieder, - beim Shape Shifter der Local Natives, bei Beiruts Nantes, bei Always like this vom Bombay Bicycle Club, - da ist es Reichtum.

& die Welt zerfällt,

fällt,


auseinander geht das Licht,



geht das Licht,



aus,
aber etwas bleibt bestehn.

Echo ruft mich zurück,
sie streicht mir die Lider über die Augen, die Wimpern verzahnt sie mir ganz; es bleibt kein Raum mehr, die Lücke schließt sich im Schlaf. Plötzlich ist es Glück, alles. Selbst der Alptraum, der mich weckte. Dies hier, dies ist mein Zuhause; ich ergebe mich nicht kampflos.

Montag, 3. August 2009

Die Weltzeituhr

1.
A. und r. begegnen sich zum ersten Mal an der Weltzeituhr; es ist eine gewollte Begegnung, eine verabredete, und dennoch denkt A. als er r. auf sich zukommen sieht, dass es genauso gut tatsächlich eine zufällige sein könnte.
Dabei trifft sich niemand hier ernsthaft, an dieser beschissenen Uhr, der Ort war ein ironisches Zwinkern, - ein Witz, eigentlich, und doch: A. und r. treffen sich genau dort, beim silbernen Band und den wirbelnden Atomen. (Es könnten auch Planeten sein). Menschen gehn als Striche und Punkte, und die Uhr rotiert; Männer schaben sich über ihre schwarz gestoppelten Wangen, Frauen rufen ihre Kinder beim Namen, die Kinder hören es nicht, und die Uhr rotiert; ein Junge, - vielleicht siebzehn, - im gelben Pullover, steht an der Mauerkante des U-Bahn-Schachts, wo ein anderer sitzt, und spricht von Drogen und Schwuchteln, und die Uhr rotiert, die Uhr rotiert, das Mädchen mit den funkelnden Ohrringen geht über den Alex als gehörte ihr Berlin und Berlin verschlingt sie im Touristenschwarm, der zwitschernd multilingual die Bordsteine überstolpert, photografierend, überwältigt vom Schatten des Fernsehturms, der die Wolken zersticht, und die Uhr rotiert. Bis 15 Uhr. Was danach kommt, ist nicht mehr bezifferbar.

2.
Groß und schlank, das ist r., zierlich, vielleicht, und vor allem wie ein Phantom aus einer anderen Zeit, - denkt A. (Was r. denkt, weiß A. nicht). r.s Gesicht ist das einer Erinnerung, eines Menschen, den A. kannte, noch im ersten Blick überlegt er. Wie Narziss, denkt er schließlich, beim flüchtigen Schauen, wie Narziss aus vergangenen Kindheitstagen, ein bisschen das Kinn, die Nase, die Stirn, sogar das Haar könnte Narziss gehören. Nur der Duft ist r.s eigener. Und die Augen, natürlich, die Augen gehören ganz allein r., beim Blinzeln, beim Lachen vor allem, ganz und gar seine, wenn sie von einem Punkt zum andren eilen, wie die rastlosen, ungezügelten Gedanken, die er denkt, die A.s Gehirn so sehr entgleiten, heute, für immer. Möglicherweise.

3.
Es ist ein bewölkter Montag Nachmittag, und es regnet, - vereinzelt, wie es der Wetterbericht sagte, - stecknadelkopfgroße Tropfen Wasser, sie zerstechen Jeans und Pullover, und A. geht an r.s Seite zum Wind- und Tunnelgeschrei, zupft sich Fusseln von Ärmel und Brust, geht gerade, mit durchgestrecktem Rücken, obwohl die Schulterblätter sich einrollen wollen, und macht weite, ausholende Schritte. Sie lachen, beim Reden lachen sie, vielleicht ein bisschen aus Verlegenheit, vielleicht aus Unsicherheit, aber das Lachen wird darum nicht weniger wichtig, es wird darum nicht weniger echt, und so, mit dem Ticken der rotierenden Uhr verlassen sie den Alex.

Seit Monaten schon haben sie einander gejagt, zumindest auf die ein oder andre Weise, aber gefunden haben sie sich nie. Beim Blick zur Seite, - r.s Augen sind irgendwo in A.s Augen, - fragt sich A., ob sie sich jetzt gefunden haben. Im selben Raum, zur selben Zeit, zwei Menschen auf der Suche nach Menschen, und so springen sie von einem Gleis zum nächsten. Auch dort, überall: die Männer und Frauen, die lachenden Kinder, dieselben Menschen in verschiedenen Positionen, Resonanzkörper hallend im Zischen der Kabel, im Rattern der Gleise, und da, die Kurve, sie wirft die alte Frau fast aus dem Sitz, aber schon greift ihr Mann nach ihrem Handgelenk und hält sie fest, - ungleich sanfter als es der drohende Fall hätte erwarten lassen, und A.s Blicke tanzen in r.s Gesicht: Je länger sie tanzen, desto sicherer ist sich A., dass r. überhaupt keine Ähnlichkeit mit Narziss hat.
Natürlich nicht.
Was verliert man nicht alles beim ersten Mal?, welche Sicherheiten, welche Ungewissheiten?, welche Melodie legt sich auf A.s Lippen, und warum singt er sie nicht?, alles verschlossen durch die Eile, durch das Gefühl, einander nur einmal begegnen zu können, weil die Vergangenheit bewiesen hat, wie schlecht A. zu organisieren weiß, aber was weiß eigentlich die Vergangenheit?, nichts als entschuldbare Fehler, nichts als Versehen und Irrtümer, das muss man abhaken können, von vorn beginnen, denkt er. Nur was r. denkt, weiß er nicht.

4.
In der Bergmannstraße sitzen sie dann später, in einem amerikanischen Café, in der Ecke, beim Fenster zum Hof. A. bestellt grünen Tee und vergisst ihn zu trinken; r. bestellt sich einen Bagel und schenkt A. die Tomaten darauf, weil er Tomaten nicht mag; sie sitzen da, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, und unterhalten sich, - nein: sie springen weiterhin. Von Gleis zu Gleis, nur fahren jetzt weiter, weiter Worte ein: Sie verwirren einander, sprechen das Laute leiser aus und das Leise lauter, und verfolgen die Augen des jeweils andren mit Unsicherheit, mit einem Lächeln, manchmal, oder einem Lachen, und die Weltzeituhr rotiert weiter, auch wenn sie nicht mehr in ihrer Nähe steht. Es nimmt ihnen fast den Atem, so viel wollen sie sagen. Und aus 15 wird 16 und dann ist es plötzlich zu spät.
A. könnte eigentlich noch ein bisschen länger dort sitzen, nicht nur des Springens wegen, sondern des andren Nomaden wegen, des Spiegelnomaden, in der Ecke, beim Fenster zum Hof, aber sie tun es nicht. Wie unter großer Geschwindigkeit rotieren sie jetzt mit im Atomzeitlauf; die Welt reißt ihnen an Händen und Fingern, sie zerrt sie an den Beinen die Straßen entlang und wieder hinab ins Gebrüll der Tunnelwände, zu den Wartenden, den Ewiggleichen, den Gesichtslosen.

5.
Was r. denkt, weiß A. nicht zu sagen, und weil sich alles so schnell bewegt, können die Augen nicht folgen. Nur ein bisschen mehr Zeit, denkt A., denkt es weniger laut als er sollte, weniger bestimmt als er könnte, (denn er kann es nicht), und beim Abschied, - er passiert zwischen zwei Stationen, - fragt A. sich, ob er irgendeiner Erwartung je gerecht werden kann, irgendeinem Bild, irgendeiner Vorstellung, die sich die Menschen von ihm aufgrund seiner Worte machen, und nie, und nirgends, er erfährt nur die Uhr, und einen letzten Blick von r. und ein Versprechen, das etwas nach Wien kommt, und ein vorsichtiges Herantasten der Wahrscheinlichkeiten an die Realität, und dann schluckt ihn Berlin in der Menge der Menschen.

Doch auf der Treppe, hochwärts, zum Licht, raus aus dem Tosen der einfahrenden Züge, da denkt er: Das nächste Mal.

Wenn sie sich nicht an der Weltzeituhr treffen.

Samstag, 18. Juli 2009

Finisterre

Wie sie aneinander vorbeigehn, - in Blicken verwickelt, die Hände ruhig, der Atem leise, - vorüber und von einem Raum zum andren; sie gehen gemessenen Schrittes. Die Szene ist einfach: Da ist ein Fenster im Hintergrund, es zeigt in den Innenhof
(Wände überwucherten Efeus, knisternde Blätter, grün und ewig grün)
und darüber der Himmel, der heute grau ist, grau und in der Schwüle lastend von Wolken, ein tropischer Himmel, möchte man denken, irgendwo bei der Lagune, wo Sumpf und Meer sich mischen, und Stechmücken fliegen, wo der Wind Salz und Tod umwälzt, möchte man denken und tut es nicht, denn da sind noch drei weitere Stockwerke oder vielleicht vier, und die Müllcontainer im Hof machen viel zu viel Krach für Meereswellen. Das Zimmer ist weiß, es hängt ein Rahmen drin, schief, aus Holz, und daran wiederum ein Wecker aus Kupfer, der keine Zeit anzeigt; in dem Rahmen steht ein Buch, es heißt Das Manifest. Überhaupt beherrschen Bücher den Raum, sie stehen gestapelt auf Holzbrettern, sie liegen quer in Regalen, auf den zwei Tischen liegen sie, sie stützen den Computer. Sie stützen einander.

Es kommt ein Widerspruch von A.: Nichts ist einfach. Daher geht die Szene auch entzwei, die Wohnung ist im Grunde gar nicht wichtig. Die Menschen gehn, sie gehn wie sie gehn, draußen klirren Flaschen und eine Katze miaut so laut, dass man sich erschrocken danach umdreht, und sie gehn.

Warum. Fragt das A.?, fragt er das mit einer neuen Flasche in der Hand?, ja, und er blickt ernst, die Stirn ist aufgeworfen zu Falten und er fragt: Aber du liebst sie? Der andre bejaht. Er fragt weiter: Und sie? Sie liebt dich? Der andre bejaht erneut. Schließlich kommt das Warum. Es ist kein großes, kein auf den Tisch gehauenes, kein Gläser und Teller zerbrechendes, eher ein leises, ein stilles Warum, - eines, das man nur angesichts des Freundes fragen kann. Der andre sagt, es sei nicht so einfach. Und wieder, Warum?, - wenn nicht die Liebe, was dann? Der andre sagt, die Vorstellungen vom Leben seien anders, sie seien nicht vereinbar miteinander, er wisse es nicht.
Drei Stunden später, es geht jetzt schon auf halb zwölf zu, sitzen sie auf niedrigen Stühlen, in einer Bar mit orangenen Lampen, und einem Ofen, in dem drei Teelichter statt Scheite brennen, - es wäre auch zu heiß für echtes Feuer; draußen ist der Monsun, draußen ist der entfesselte Himmel über der Lagune, und der Verkehr rauscht durch die Pfützen und die Fußgänger spannen ihre Regenschirme auf, und nirgends die Mücken. Drinnen spielt ein Kerl mit einer Gitarre, es ist wenigstens nicht mehr Johnny Cash.

A. hält eine Rede. Zumindest wirkt es so. Er ist ganz und gar aufgegangen in seinem Pathos, in seinem wilden Gefühl, wie es heißt, in Sturm und Drang; er ist nur noch Mund, und der Impuls, der sein Bewusstsein sein mag oder nichts als Elektrizität, die ihm durchs Hirn schießt; er redet große Dinge herbei, Hoffnungen, Horizonte, er redet und redet, und manches Eingeständnis schmerzt ihm im Herzen, aber er muss es sagen. So sitzen sie sich gegenüber, sitzen zu Salzsäulen erstarrt, sitzen in den jeweils größten Ängsten; sie schaben sich mit Blicken aus, sie holen ihr ganzes Innerstes in diese Bar, ihre Träume, ihre Wahnvorstellungen, ihre Seelen, - glaubt A. noch an Seelen?, - und Sehnsucht und Abschied spielen einander ein letztes Lied, bevor der andere aufsteht, mit der Hand an den Schläfen, und sagt, er habe Migräne und er müsse jetzt wirklich gehn, und ja, es ist ja schon spät; also geht man durch den Monsun, geht wieder an den Hermannplatz, an den A. jetzt schon seit tausend Jahren geht und zum ersten Mal, und sie stehen sich gegenüber, an der Treppe zur U-Bahnstation, und reichen sich die Hände. Der andre bedankt sich, und A. weiß nicht wofür, - er hat das Gefühl, er hätte noch mehr sagen sollen, andere Dinge, größere, realere; er denkt, er hätte mehr von der Freiheit erzählen sollen, der großen Freiheit, die ihm manchmal die Lippen mit Gift bespritzt, - oder von der Liebe, von der Chance der Liebe; vielleicht hätte er den Spruch seiner Mutter wiederholen sollen, und zwar, dass es kein Problem gebe, das man nicht lösen könne; oder vielleicht hätte er den andren nicht nur flüchtig mit der Hand berühren sollen, vielleicht hätte es einer Umarmung bedurft, oder einem leichten Schlag auf die Schulter, irgendeiner Geste, aber A. geht schon längst die Treppen hinab, geht längst in den Wind der Tunnel und ins schummrige Licht, in die Gesichter der Menschen, die dort unten stehen und warten.

Zuhause schießt es A. noch einmal durch den Kopf. Er stellt sich vor, wie sie in dieser Wohnung sind, wie sie miteinander streiten, wie sie sich missverstehen; er spürt in seinen Träumen den Bildern nach, den Situationen: Sie, die mit dem lockigen Haar, die in der Küche steht und ein Glas aus dem Regal nimmt, um sich Wasser einzuschenken, und er, der mit den braunen Augen, kommt zur Tür herein, und sie sehn sich an, nur solange wie das Wasser aus dem Hahn rauscht, bis das Glas voll ist, und dann? War es das? War das alles, was schafft die Liebe nicht?, fragt sich A., der aus den Träumen schreckt, das Herz schwer, die Lippen trocken, in seiner eigenen Wohnung, am Rande der Welt, in seinem Finisterre, - so wird er sie in Zukunft nennen, - dort, wo sich das Staubsaugerkabel in der Tür verheddert, wo Zeitungen und Magazine auf dem Boden verstreut liegen, Manuskripte und Bilder und nichts eigenes, nichts, was für die Zukunft lebt, nichts, was verwirklicht werden will, und was denkt er dabei?

Es wird Zeit mit dem Fragen aufzuhören.

Freitag, 10. Juli 2009

Last Day Dream

Samstag, 9. Mai 2009

something blue, something borrowed, something new

mit topf & pfanne schlagen wir nägel ins holz. früher hab ich mit dem topf tomatensoße gekocht, das war das einzige, was ich essen konnte. rund um die uhr: nudeln & tomatensoße. die pfanne hingegen habe ich seltener benutzt. heute schlage ich damit nägel in pressspan. billiges holz, ikeaholz. das ist mir beim umzug entzwei gebrochen, heute muss es wieder herhalten. wir bauen den kleiderschrank auf, im dritten zimmer. das unbenutzte zimmer, das am ende des flurs. es ist eigentlich eine rumpelkammer, in dem die gäste schlafen, - womit die gäste irgendwie teil des gerümpels werden, - finde ich. aber genau das versuche ich zu ändern. dafür der kleiderschrank. der kleiderschrank schafft ordnung, er spielt mit dem gerümpel versteck. im grunde ist das zeug zwar immer noch da, aber es wird aufeinander gestapelt, in regalfächer getan, es wird in die höhe gestopft. der kleiderschrank, - der sperrige & wirklich furchtbar hässliche, - erweckt den anschein von ordnung, dabei nimmt die masse in wahrheit überhaupt nicht ab. sie wird nur besser verteilt. es könnte eine metapher für mein ganzes leben sein.

wir lachen, wir haben getrunken, & draußen tobt das bisschen sturm, das wir vorhin von der brücke aus schon gesehen haben. blitze lassen uns wie graf zahl den donner zählen. wir hämmern mit topf & pfanne, & lachen darüber, wie absurd es ist. kein werkzeug erfordert kreativität, notgedrungen. (später versuchen wir es mit konservendosen, - man sollte geschälte tomaten nie unterschätzen).

schließlich steht das pressspan, & es ging tatsächlich schneller als ich's in erinnerung hatte. das ding erinnert mich an tubinga. ja, es ist überall gleich hässlich, gleich sperrig, gleich klinisch. wir reden darüber, ob wir ihn nicht bemalen sollten, schwarz vielleicht. (vom autolack in einer der kommoden sehe ich eher ab). dafür sind wir vermutlich schon zu betrunken, & farbe haben wir auch nicht, aber wir verschieben das auf wannanders. ich mag solche projekte. für die welt sind sie bedeutungslos. natürlich. die ästhetische elite aber wird über mich loblieder singen, vielleicht in tausend jahren, wenn man die reste dieses schranks aus der erde gräbt. vorausgesetzt irgendwer entwickelt eine methode, pressspan haltbarer zu machen. ach, & wenn die menschen die nächsten tausend jahre erleben.

später. wir sitzen in meinem zimmer, reden über deklinationen, achten nicht darauf, dass es längst nicht mehr regnet. warum wir unglücklich sind, liegt auf der hand. phantasmen. geldmangel. ergebnislose jobsuchen. mir wird erzählt, wie verachtung wissen übersteigt, & es macht mich wütend. generell sehe ich mich mit ungerechtigkeit konfrontiert, & will so sehr helfen, dass es mir die nächte weiß färbt. alles scheint geborgt: der moment ist geliehen von einer größeren entfernung, die nur der zufall überbrückt; das gefühl ist gestohlen von einer art schmerzlichen erinnerung, vergangenes lässt sich nicht mehr rekapitulieren, aber kapitulation ist ein anderes wort für gegenwart, - zumindest in diesem zusammenhang. kann man traurigkeit nicht von einem menschen abschälen?, kann man nicht etwas tun, etwas wesentliches, außer ihn zum lachen zu bringen? ich verschenke die gesammelten werke von virginia woolf, ich weiß nicht, ob das hilft, - natürlich nicht, - aber die geste erscheint mir notwendig. dazu noch ein notizbuch, ich finde es zufällig beim aufräumen der schraubenzieher. die beschriebenen seiten reiße ich heraus, sie taugen nichts. alles von mir geschriebene ist irgendwann obsolet. ich habe keine verwendung mehr dafür. die leere der seiten ist viel wichtiger, jetzt.

null uhr, dann rückt die stunde weiter & nagt am dasein. wir verabschieden uns mit einem handschlag, wägen die tage ab, - was geschieht & geschehen kann, - & für einen augenblick, glaube ich, wissen wir beide, dass alles nur geborgt ist. dass wir mit einem fuß schon aus der türe sind, mit der hand schon an der klinke. draußen im treppenhaus braucht das licht länger bis es angeht, es ist still, die welt ist vom regen gereinigt.

mein kleiderschrank steht.

das unglück wird darin platz finden. hoffe ich.

Sonntag, 12. April 2009

Update 2.0

Ich schäle mir die Augen
löse Farben voneinander,
allein mit den Lippen
vermag ich die Sonne zu schmecken.

E T C

Heute ist ein Tag, an dem man die Fenster putzt. Alles ist vielleicht nicht reinlich, nicht hygienisch und schon gar nicht antiseptisch (genug), aber darum geht's auch überhaupt nicht: Den Zustand der Ordnung erreicht man nicht durch Sagrotan. Heute = der Rest unseres Lebens, oder möglicherweise eine schlechte Angewohnheit. Es ändert nichts an den Tatsachen.

Sonne in allen Zimmern.
Frisches Obst, Säfte, Brot. Möglicherweise eine Erdbeere im Sektglas, - schon zum Frühstück schwimmt sie darin. Eier, die man in die Pfanne haut. Schinken dazu. Alles will Duft sein und ist Appetit: Raus!, hinein!, nie im Blau verschwinden. Ändern wir Formen, ändern Farben.

Samstag, 4. April 2009

Örb'n Müffs

Ich atme Sonnenlicht.
Ich gehe hell durch Fenster & über Himmelsweiten.
(Die Füße zähmen die Wolken).
Nirgends mehr, nirgendwo, alles überall.

Morgens strecke ich die Beine aufs Fensterbrett und lese dort bis mir das Licht die Wangen rötet. Endorphine detonieren mir als Goldstaub in Arterien und Venen, färben mir die Stadt, - die graue, die endlose, die wahnsinnige, die Königin der Städte, - grell bis schillernd (ebendieses), und was der Verstand nicht alles zu sagen weiß, das zerlacht der Mund in lautem Hall: Nirgendwo sonst, nirgendwo anders, alles im Auftischen der Frische, des Dufts, der durch die leeren Zimmer rauscht. Frühling, -- Sommer!, -- Exzess!

Mittags lese ich immer noch, genieße den Luxus des Atmens: Die Ruhe sickert als Flasche Wasser durch den Hals, und das Herz beschleunigt auf hundertvierzig Schläge pro Minute. Sieh an: Wie die Berliner ihre Sonnenbrillen aufsetzen beim ersten Sonnenstrahl, wie die Kinder lachen, kurze Hosen werfen große Schatten, und nichts vermögen die Spatzen auf den Rollokästen der Hochhausfassaden anderes als von der Lust zu zwitschern, vom Kampf zwischen Hier und Morgen, zwischen Später und Generell, ...

Abends zerschneiden die Finger Pappe und kleben Bilderrücken aneinander. Immer noch lesen die Augen, aber der Mund gurrt mürrisch, lacht tückisch, ist wunderbar berauscht vom Schweigen, und nirgends ein Ende des Tobens. Wie ein Blitz leuchtet alles auf, zergeht, leuchtet auf und zergeht, immer wieder blinzeln die Augen ungläubig über das Leben, das uns die Stadt beschert, dieses neue, diese andersartige, herrliche, - das Glück kommt wie eine Überdosis.


Zum Genauhierundjetzt:
Don Toupo & Bellona, das Chaosmädchen und ich. C'est ça, - der Beschreibung der Umstände wollen so gerne die Tatbestände folgen: die braunen Locken der Einen, die Augenbrauen des Anderen, Wahnsinn und Chaos, sitzend auf der Seite der ewig Ruhmreichen, oder nein, weitaus weniger, menschlicher eben, aber das sprengt so auf die Schnelle den Rahmen.
Unter der brennenden Sonne grillen wir Fleisch auf Holz gespießt, trinken Bier, auf dem Gras, auf dem knisternden, piekenden, von Ameisenstraßen durchfurchten, grillen wir und lassen wenig Raum für die Sorgen der Zukunft. Menschsein, mit allen Ausnahmezuständen, - das erproben wir heute und für den Rest unseres Lebens.

Dienstag, 3. Februar 2009

daisies will kiss their skin

Der Augenblick ist für die Ewigkeit. Dieser? Nein. Alle.

Man bete zum ersten Mal vor den offenen Gräbern dieser Welt, sagt er. & irgendwo, & irgendwann, & irgendwie sprengt sich ein junger Mann in die Luft, zersprengt sich zu Blut & Partikeln. Einer, zwei, drei. Alle. Sie schnallen sich den Sprengstoff um die Hüften, binden sich die Zünder um die Handgelenke, aber, --

Und weiter?

Alles, was bleibt, ist das Gras, das aus den Lungen der Leichen wächst, ist das Gras, das ihnen aus den modernden Mündern sprießt, aus Augenhöhlen; es wird ihnen zu Haar und Atem. (There will be daisies and daisies will kiss their skin). Sie können sich die Gesetze der Thermodynamik auf ihre Gedenktafeln schreiben, - was sie bekommen sind Buridans Esel & Schrödingers Katze. Was wollen sie?

Unsterblichkeit?
Keiner wird sie verkraften, keiner wird sie wollen, denn wir sind nicht wie die Turritopsos Nutricula, - wir würden eingehen in den sauren Regen, würden verschwinden im Strahlen der Reaktorkerne, - & das Sterben würde nicht enden. Gib den Menschen die Aussicht auf die Ewigkeit & du zeigst ihnen das Ende aller Möglichkeiten. Der Kampf um heilige Stätten, der Kampf um Nahrung, der Kampf, - der ewige, der sinnlose, - wird von den Toten gekämpft, & die Toten sind wir. Gib ihnen die Elixiere des Teufels, schenke ihnen Unsterblichkeit, gib ihnen meine Träume.

In meinen Träumen sehe ich.
In meinen Worten schweige ich.
Da ist ein Beben, da ist ein Echo.
Ich bin tausende Jahre alt.
Menschenblut, es durchfächert mein Herz.
Erbe auf Erbe, Adams Söhne.

Zeig ihnen, wie die Kuppeln der Städte verschwinden. Zeig ihnen, wie die Straßen vergehen. Berge, die in den Meeren versinken & Meere, deren Wellen die Küsten verschlingen bis die Küsten andernorts aus dem Wasser brechen. Gib ihnen meine Zeit. Es ist jetzt Montag, es ist das Jahre 1888, Urknall!, bang bang, oh hochheiliges Deutschland!, es ist alles längst gewesen, es wird alles sein, - was ist schon Zeit? #


Er sitzt vor mir, am Tisch, nimmt einen Schluck aus seinem dritten Glas Bier & spricht ernst über Loyalität & Glauben. Seine Augen leuchten im Licht dieser Bar, wo der türkische DJ Elektropop aus Rauch & Bierdunst schält; eine Gruppe Mädchen tanzt dazu recht ausgelassen, sie kichern und quietschen. Ich klaube mir die restlichen Nüsse aus dem Glas. Dieser Augenblick ist für die Ewigkeit, denke ich, und notiere mir etwas, das ich ein paar Stunden später, auf der Matratze im Wohnzimmer, wieder vergesse.

Es ist das Gesetz, an dem ich schreibe.
Es ist das Leben, das mich im Wind auf die Gleise lockt, im Wispern der Blätter, und ewig in das Rauschen des Regens führt.

Dann, kurz vor dem Einschlafen, kurz bevor der Körper zersprengt wird zu Blut & Eisenspänen, da spüre ich tatsächlich etwas, das Wunder sein will, & das spätestens nach fünf Stunden Schlaf zum Urban Myth wird, zur Alltagsrelation, ach wie pathetisch. Der Herzschlag wird schnell, die Lippe ist blutig gebissen. Zu schnell gehasst, zu langsam geliebt, zu wenig gedacht, zu viel gesagt. Es geschieht noch während ich die Wohnungstür aufschließe & mir ein blöder Satz an den Kopf geknallt wird, noch bevor ich den Duschhahn aufdrehe & ein bisschen Wasser in meine Poren stoße, noch bevor ich als Versuch, das Menschsein erprobe, - ja, noch bevor die Antipoden die Welt zertreten, - da vergesse ich jede Weisheit, jeden Hinweis, jede Wut & jede Perzeption; es ist ja gar nicht wichtig.

Ich lebe ewig.
Ich bin jeden Tag der erste Mensch.
Ich bin ewig Mensch.


Ahora es para siempre.


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