Und so schwer im Wahn.
Er betritt das Zimmer durch die einzige Tür. Alles ist hell, und golden, die Sonne verwebt ihr Licht mit den weißen Vorhängen, es sind immer die gleichen. Im Hintergrund läuft Finks Pretty little thing:
We could go out
We could go anywhere that you want
We could stay in
We could do anything that you want
We could do lunch in Soho
Or something
Die Musik definiert den Raum, der Raum definiert mich. An der rechten Wand hängen seit kurzem CDs an Eisennägeln, darunter ein Zeitungsausschnitt, - es geht darin um den Kronos-Zug, die Entschleunigungsbahn, wenige werden verstehen, warum ich ausgerechnet diesen kleinen Artikel aufgehängt habe.
Papier klebt ihm am nackten Fuß, er zieht es lachend von seiner Haut. Nicht auszudenken, das sage ich begriffsstutzig: Nicht auszudenken, was gewesen wäre, aber der Satz will nicht vollständig sein, er will unvollendet bleiben, also belasse ich's dabei und staple die Bücher von der Couch. Wahnsinn, sagt er und setzt sich, Du hast so viele Bücher, - wie viele sind das bloß?, er nimmt das wertvollste Buch, das ich besitze, das von Nietzsche, und in seinen Händen wirkt es klein. Das ist von 1901, sag ich, und höre die Seiten wie Zwiebelschalen rascheln, sei bitte vorsichtig. Ein Spießer, eingehüllt in einen schicken Retro-Pullover, das bin ich. Na klar, sagt er und liest etwas vor:
Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfassbarer, mir Verwandter
Den letzten Vers lässt er weg, Ich will dich kennen, selbst dir dienen, es wäre merkwürdig gewesen. Das Gedicht heißt Dem unbekannten Gott. Keiner der Götter lebt noch, keinem lässt sich dienen. In der Dunkelheit von Menzels Kircheninnerem verlieren wir uns, die Blicke gebeugt, die Schatten, - dieses ganze Barocke macht mich verlegen, der Pathos ist selbst mir zu viel. Er merkt es, und legt das Buch auf den Tisch zurück. Auch Nietzsche ist tot.
Ich setze mich auf den roten Teppich, mein Zimmer ist nie derart bequem, dass man sich darin lange aufhalten könnte, aber ich versuche es immer, und überlasse ihm alle anderen Sitzmöglichkeiten. Ich trinke das Bier, das man mir gekauft hat, reiche die Erdnußflips weiter, mir tut der Hals weh. Tief im Rachen, an unerreichbaren Stellen. Meine Mutter wird von Keimen sprechen, vielleicht ist's zu viel Staub, und während er nach der Flasche greift, erinnere ich mich gelesen zu haben, dass Staubflocken nichts als tote Könige seien, als Kinderasche, als das, was vom Gestern übrig blieb. Ein dutzend falscher Reihenfolgen, ich gehöre in ein anderes Zeitalter. Der junge Kurt Wolff verschränkt seine Arme, abwehrend, ungeduldig, er sagt: du gehörst auch nicht hier her, denn hier lauert der Tod, und Else ruft wie aus der Ferne: Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, - ich muss mich wirklich konzentrieren, um zu verstehen, was tatsächlich gesagt wird, im Hier, im einundzwanzigsten Jahrhundert, wo knapp eine Milliarde Menschen hungert, im Jetzt. Die Dandy Warhols spielen We used to be friends.
Er sagt: Wann gehn wir?
Und ich erwidere: Wann du willst.
Stille kehrt nie ein, es spielt ja die Musik.
Minutenweise.
Er sagt: Und wie viele Bücher sind das jetzt?
Und ich erwidere: 662.
Er wundert sich nicht, warum ich das so exakt weiß. Ich habe geraten, aber es könnte stimmen. Die Hälfte davon hab ich gelesen, der Rest wartet.
Ich habe Lust auf Eis, es würde meinem Hals guttun.
Mit meinen Blicken rausche ich durch die 360 Grad, die sich meinen Augen bieten; dort ein Stück Haut, da ein bisschen Stoff, Haarschopf, Vorhänge, ein Streifen Licht, der aufs Parkett fällt, Bücher, Bücher, Bücher, und so viel Papier, das ist manchmal so profan, und so schwer im Wahn, ich suche das Bett auf, das vom Aufstehen noch ganz Zerwühlte,
das Laken ist schweißnass,
vom Fieber,
und alles zergliedert in seine Bestandteile, in seine Momente, das rutscht mir aus den Fingern. Selbst der Mund kann nur noch nach Luft schnappen.
Dann lass uns jetzt gehn, sagt er.
Und ich denke an Adrienne.

