Opium2Go
Donnerstag, 20. Dezember 2007
Sonntag, 16. Dezember 2007
Donnerstag, 13. Dezember 2007
Samstag, 1. Dezember 2007
Zombies für 39,95
Was bleibt von den Menschen übrig, wenn man ihnen alles gibt?
(Es ist nicht der Verlust, über den ich nachdenke, - es ist der Überfluss).
Teil 1.
Also sitze ich mit Unverstand und ihrem Freund, H., auf dem Marilyn-Manson-Konzert in Böblingen, und sauge mich an den Menschen fest, die sich eine Etage tiefer durch die Eingänge quetschen, in Richtung Bühne. (Wir sitzen dekadent ein Stückchen oberhalb und trinken Wein aus Plastikbechern). Es sind vergessene Menschen, dort unten in der Tiefe; Menschen in knöchellangen, abgewetzten Ledermänteln, in Latexganzkörperanzügen; junge Männer in Hot Pants und Netzstrümpfen, Rockabillys mit weißen Matrosenmützchen, geschminkte Männer, halbnackte Männer, und Frauen, - so viele Frauen in zu engen Shirts, in zu engen Röcken, schlecht frisiert, mit verrutschtem Lippenstift; sie drängeln sich aneinander vorbei, und betasten sich mit ihren Maskarablicken, mit ihren strähnigen Haaren, mit ihren schwarzen Spitzenhandschuhen. Alte arschlose Männer in ausgewaschenen Jeans torkeln von einem Punkt zum andren, und lassen ihre zerknautschen, vom Alkohol verbrauchten Frauen in den oberen Rängen eingeklemmt zurück; eingeklemmt zwischen Emohipsters in geringelten Pullovern, - mit stilechten Seitenscheiteln, - und Ritzmichaugenaufschlägen, zwischen postpubertierenden Mädchen mit aufgeschnallten Engelflügelchen, deren Riemen sich ins Rückenfett schneiden, zwischen Undercutsfrisuren, farblich im Neonröhrenlachen erstickt, zwischen epileptischen Grobmotorikern, die den Takt nicht treffen, zwischen überblondierten Schlampen, die von einer Zigarette zur anderen atmen und sich das Maul über die Dicken zerreißen, die sich in halbseidene Kleider geworfen haben, etc.
Der Saal ist voller ausgeblichener Augen, und verspiegelter Blicke; überall sind rote Nasen, die eifrig zerkratzt werden, überall: schwarz ausgefranste Lippen, in denen sich der Alkohol verliert; Stiefel in allen Größen und Formen und Farben; Röcke und Röhrenkleider, durchsichtig, und den tätowierten Rücken preisgebend, oder die Oberarme, oder die Schenkel, - es ist ganz egal. Es gibt hier keinen Dresscode, es gibt nur Schwarz als Wechselschicksal für diejenigen, die sich in unzähligen Reihen an die eisernen Barrikaden drücken, für diejenigen, die später das Dampfdruckkonfettifeuerwerk in die Haare kriegen, für diejenigen, die ihre halbgefüllten Plastikbecher an die Rücken derer werfen, die ihnen die Sicht versperren, für diejenigen, die sich im Laufe des Konzerts von ihren T-Shirts häuten werden, um mit nacktem Oberkörper den Schweiß des Anderen zu riechen. Es gibt niemanden, außer die beautiful people, die dicht an dicht gedrängt, Universen zwischen sich schieben.
Ich beobachte die Menschen ganz genau, während wir warten. (Und wir warten an diesem Abend tatsächlich Stunden, - als wäre die Tatsache, dass wir direkt am Eingang die Kamera abgeben mussten, nicht schon schlimm genug). Und das ewige Warten wird mit Turbonegro zur Ewigkeit; der stark übergewichtige Mann macht auf der Bühne viel zu lange den Hampelmann, - schwabbelnd, schwuchtelig, überdreht deutsche Satzfragmente in das Publikum werfend, in dem nur jeder neunte klatscht. (YMCA singen diese Village People nicht mehr; sie bestehen heute nur noch aus Matrosen). Öde, - nur die Dame mit dem ausgewaschenen roten Haar, und der überladenen Jeansjacke, auf die sie ihre Lieblingszitate geschmiert hat, - sowohl stilistisch, als auch grammatikalisch falsch, - mag noch amüsieren: sie kreischt bei jeder Pause so laut, dass mir die Ohropax aus dem Gehörgang fliegen; ihre Versuche, im Takt zu klatschen sind eine Ode an die Deutschen selbst. Aber irgendwann ist auch das vorbei.
Es folgen Hohlstunden, die man mit The Prodigy und Kayne West zu überbrücken versucht, und derweil heizt sich das Publikum noch weiter auf. Wir, Unverstand, H. und ich, sitzen gelassen in unseren Sperrsitzen und trinken weiter Wein, lachen, grummeln, ziehen über die Tussen her, die sich gegenseitig schminken und es damit nicht unbedingt besser machen, und ich frage mich, ob ich das alles unverschämt finden soll. (Die Kamera, die Vorband, die Wartezeiten). Aber ich verfalle in Ohropaxfummeleien. (Auch wenn das letztlich gar nichts hilft; ich bemerke nicht mal mehr, wann ich sie verliere).

Dann: Hände hoch! Blitzlichtgewitter! Wie ein Reaktorkern detonieren die Lichter. Vorhang auf für Manson. Und die hell bestrahlten Gesichter, Körper, Leben, die sich gegenseitig auf die Zehen treten, erstarren im Kreischen der Gitarren, vergessen sich, verschwinden. Übrig bleibt Manson, oversexed like ever.
Er bringt ein Lied nach dem anderen, wild und bunt gemixte Evergreens, von jedem seiner Alben mindestens eines (meist meine Lieblingslieder), und tauscht minimalistisch, aber exponentiell das Equipment: zuerst hat er nur sein Messer-Mikrophon, dann seinen Hut, später steht ein großer Stuhl auf der Bühne, auf dem er sich räkelt, und dann ändert sich alles mit einem (Pauken)Schlag: während dem Fight-Song rütteln Zeugenberichte von Amokläufen über den Beamer, dann verpufft Dampf zu hellem Licht, (überhaupt: die Lichtinstallationen in grün und violett, blau und rot lassen keinen Raum mehr für Gedanken); bei Reflecting God steigt Manson unter Getöse in die Höhe, mit Konfetti, Blitzlichteffekten, - und er lässt sich feiern; samt seinen Blitzfahnen, die sich an den Bühnenwänden herabrollen und er selbst, als großer Diktator, zerschmettert seine Mikrophone, und verbrennt die Bibel, die ein fleißiger Bühnenmitarbeiter in das Bühnendunkel rettet, - er bringt sein volles Programm. (Er weiß sich zu inszenieren). Und die Menge johlt, brüllt, - nur versteht sie auch?
Dann endet alles wie ein böser Traum; das Licht geht an, die Bühne wird abgebaut, noch während sich die Leute nach draußen drängen, und man schaut sich aus rotgeränderten Augen irritiert an. War's das schon?
Ja, das war's.
Rock n Roll für 39,95.
Ein Superstar, der seine Lieder an die Massen verschachert, die nicht über sie reflektieren. (So kreischen sie bei der Textzeile: the death of one is a tradegy, the death of millions is just a statistic laut mit, aber ihr Kopf, - arbeitet der mit?) Selig sind all jene, die in ihren Lederlatexkostümen in die Halle stolperten und sie befriedigt wieder verlassen, weil sie für ihr Geld entlohnt worden sind; jene, die sich zu Hause abschminken und davon schwärmen, dass sich Manson während dem Konzert an den Sack gegriffen hat; jene, die sich ihre Stricher- und Nuttenoutfits wieder in den Schrank hängen und dann das nächste Album kaufen. Weiter: Alltag. Weiter: Normalität. Zombie-Authentizität, Zombie-Leben, - sie würden auch heute auf Hitler reinfallen. Selig ist das Morgen nach dem Heute. Inhalte? Sind eine nette Showeinlage.
All die beautiful people strömen hinaus ins Dunkel, als das Konzert endet, strömen hinaus und tiefer ins Vergessen. Übrig bleibt der Tinnitus.
Manson war toll; ich mochte die Show, und seine Liedauswahl. Nur die Leute waren mir mehr als suspekt.
Dienstag, 27. November 2007
The National hits Eternity
Gestern also das Konzert von The National in der Röhre, in Stuttgart, - und heute? Auf beiden Ohren leichten Tinnitus; Muskelkater, - Bauchmuskulatur, Bizeps, Waden, - und völlige Übermüdung. Und trotzdem glücklich. rushed by chance, sozusagen. Ich stand in der dritten Reihe, neben einem süßen Lockenkopf, - sie lächelte immer, wenn sie an mir vorüberging, und zweimal dachte ich, ich müsse sie unbedingt (und um jeden Preis) küssen, ... wäre da nicht ihr Freund gewesen, der schräg hinter mir stand, und mich mit Blicken massakrierte, - und neben einem Typen, der mir zwei-, dreimal etwas zuraunte, was im Sog der Musik unterging, was mich aber trotzdem lächeln ließ, - und so kollidierte ich immer wieder mit anderen hübschen Menschen, die mich ihrerseits einfach nur angelächelt haben; leicht abwesend, leicht nachsichtig, leicht erotisch. Haut und Stoff und Berührung. Musik holt aus den meisten Menschen das Beste raus. (Denke ich jetzt im Nachhinein, - und verkläre). Oder sie waren alle stoned, keine Ahnung. Ist im Grunde auch ganz egal.
*Auflösung. Genau über mir glitzerte die Discokugel und im Hintergrund wehte funkelnd das Lametta; erst rotglühend, dann erschreckend blau, und sowohl das eine als auch das andere schien dort reinzupassen, - in diesen Moment, - obwohl es in Wirklichkeit nirgends richtig passt. Alles ätherisch, alles wie aus der Ferne, und wie in Watte gepackt; nur Matts Stimme nicht, die über unter in der Musik dröhnte, selbst Musik wurde, losgelöst, in seinen Handflächen, die er immer wieder gegeneinander schlug, und die Geige, die ohne Vorwarnung über der Menschenmenge, - uns, uns!, - zusammenbrach, oder Scotts und Bryces Gitarren, raunend , - so ähnlich wie Matts Fall von der Bühne nur ein Blinzeln zwischen zwei Liedern, - und das gehauchte Thank you, das immer viel zu schüchtern wirkte; so, als wundere er sich selbst über das Publikum zu seinen Füßen. Fragmente, Zerteilung von Licht, punktuell verstreut, überall glitzerndes Nichts, das einen streift, das einen in den Augen kitzelt, das weiter eilt, und man selbst? Ist überall. Es gibt keinen Augenblick, der nicht ist; hier ist alles. Das ist der Mittelpunkt des Universums.
**Ich war nur für Green Gloves gekommen, - es wurde als Re-Entrance mit Hayden gespielt, - und habe so viel mehr bekommen. (Zu erwarten ist so was nicht unbedingt).
Während Fake Empire dachte ich nicht mehr an den Tod, wie ich es den ganzen gestrigen Tag getan hatte; ich dachte nicht mehr über das Unglück nach, das ich schaffe, um mich selbst zu sabotieren; dachte nicht mehr über das unweigerliche Scheitern nach, das mich packt und schüttelt, wenn ich alleine bin. Bei Mistaken for strangers kam mir der Gedanke, - mit dem Kopf leicht im Nacken, - was alles möglich gewesen ist, in diesem Jahr, wie viel geschehen ist und noch immer geschieht, und ich fühlte mich frei. [Freier]. Da war kein Ärger mehr über Kain, da war kein Gefühl mehr für Avalon, keine nostalgische Anwandlung, kein Paris-Flash, keine Sehnsucht mehr, nach Irgendwohin, da gab es kein Suchen nach Heimat, kein Drehen um sich selbst, keine Obsessionen, keine Enttäuschung, - es war alles da, alles eingeschlossen in einer Melodie, in der Auflösung zwischen den Menschen, im Verschwinden, ... Was ist die Ewigkeit zu diesem Augenblick?
Später, um fünf Uhr morgens. Die leeren Straßen Tubingas unter meinen Schuhen, - mit dem schummrigen Licht der Lampen ausgetilgt von jeder Erinnerung an den normalen Tag, - und die Neue Aula, und das Clubhaus, und das Antiquariat, und der kleine Park, und alles, alles, alles! eilte links und rechts an mir vorbei, im Dampf meines Atems, im Tinnitus, im Herzschlag, und ich dachte: Das ist dein Abschied von dieser Stadt. Links und rechts der Neckar, die Weihnachtsbeleuchtung (ein goldener Sternenregen), die Fachwerkhäuser in silbriges Licht getaucht, nasser Asphalt und ein Gefühl von Ewigkeit, - so behälst du Tübingen in Erinnerung.
Der Schwanengesang meiner sterbenden Hörnerven begleitet mich heute vermutlich noch den ganzen Tag. Ich genieße ihn, diesen einen Ton. Zumindest ein bisschen. Es ist immerhin das letzte Mal, dass ich ihn in meinem Leben höre.
*performing Ada.
**performing Green Gloves with Hayden.
Man entschuldige die schlechte Qualität der Bilder; es musste wieder das Händy herhalten, weil ich für die Cam keine Akkus dabei hatte. (Typischerweise).
Sonntag, 14. Oktober 2007
l'averse
Mais que ce ciel est gris
On finira trempés
Mouillés jusqu'au cou
Il nous faudra ramer
Mais que ce ciel est gris
Et sauver notre peau
L'averse renverse, épuise
Sortir la tête de l'eau
Mais que ce ciel est gris
Être remonté si haut
Et nous retrouver là
Là où le plomb coule à flot
Mais que ce ciel est gris.
[Refrain]
J'aurais aimé te voir un peu moins fière
J'aurais aimé te connaître un peu moins en enfer
J'aurais voulu juste un peu de lumière
Quelques secondes avant, juste avant l'averse.
Mais que ce ciel est...
Mais que ce ciel est gris
Juste au-dessus de nous
On pourrait le toucher du doigt
Il faudra se mettre à genoux
Espérer qu'il finisse
Qu'il ne nous termine pas
Après tout, on s'en fout
On ne reviendra pas
Mais que ce ciel est gris.
[au Refrain]
Mais que ce ciel est...
Mais que ce ciel est...
Mais que ce ciel est gris
Da Silva
Sonntag, 1. Juli 2007
Die Schönheit der Chance
Nein, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es mich berühren würde. Diese Bühne in der Kleinstadtkulisse, die Seifenblasen, die vom Atem der Menschen getragen, in die Höhe schwebten, - perlmuttglitzernd, in der Technicolorscheinwerferbeleuchtung, - und all die Menschen: die zwei Frauen auf der linken, die zwei Männer auf der rechten Seite, mit denen ich lachte, obwohl ich sie nicht kannte. [Dieses Lachen, das im Rachen kitzelt, sobald es auf der Zunge liegt]. Vielleicht war es ein bisschen zu schief, ich und meine Taschenuhr, aber ganz schick, mit schwarzem Jacket und rotem Pullover [das war mein autonomes Rostock-Outfit, ich, guter Junge], und ganz und gar glücklich, traurig, völlig Herz und Lungen: mit einem neuen Idol im Leben. [Thees Uhlmann*, unten auch auf dem windschiefen Handyphoto zu sehen].
![[new] idol](http://farm2.static.flickr.com/1076/686523089_cb39fe490c.jpg)
Ja! schreien die Hände, die im Takt von einem Punkt zum anderen wogen: warum kann das Leben kein Festival sein? Wenn wir doch alle beisammen sind, inmitten der Musik, wenn wir lachen und singen, und im Frieden sind, [auch mit uns selbst]: warum kann es nicht ewig sein, nicht ewig dauern? [Ja: was ist eigentlich so lustig an Liebe und Frieden?] Eingetaucht in die deutsche Sprache, in jedes Wort, in jede kleine Zelle, in die Hautpartikel, - und das Molekül der Einsamkeit im Herzen, das bei jedem Schlag ein Quäntchen weiter springt: das ist das Leben, gottverdammt. Annette, wie sie völlig betrunken in meine Ohren kreischte und ihre ratlose Freundin, die sie zu verstehen suchte; Josh und seine Drogenfreunde, die sich im Kreise drehten, während der Mond die Sterne fraß; und dazwischen ein paar fremde zärtliche Blicke, die sich streiften, aber nicht berührten.
[Eine Ewigkeit].
Im Bus lehnte ich zwischen Carla und einem Unbekannten eingekeilt an einer fremden Brust [und wünschte mir ein Herz zu spüren], und fühlte einen Körper neben meinen, der mich wärmte. [Der mich tief und von Innen heraus wärmte]. Es roch so sehr nach Alkohol, nach einem billigen Parfum, und auch nach Schweiß, aber da war noch der Sommer. Irgendwo. Dazwischen.
Mehr brauche ich nicht.
*
*Ein Springmesser ist keine Waffe, sondern eine Einstellung.
*
01.Juli, 00.24 Uhr an das Chaosmädchen:
Mein Leben ist ein verdammter Road-Movie, aber die Hauptdarsteller sind alle besoffen, wahnsinnig, oder total verblödet. Das ist je nach Uhrzeit recht verschieden. Ich bin müde, mir tun die Füße weh, & mich umbraust der Wind von links. Ich sitze halb & halb in der Twilight-Zone, & denke mir, dass das Leben doch eigentlich gar nicht so schlecht ist, wenn man es lebt. Ganz & restlos, ohne Kompromisse.
Oder nicht?




















