Parallelwelt: Strich(er)leben

Freitag, 25. April 2008

supposed to be. 21

Wie sich die Menschen aneinanderreihen, Schlangen schlängelnder Leutseligkeit, wie Kind um Kind treten sie sich auf die Füße, und dann? Ein Lachen aus dem Zimmer nebenan. Ich beobachte ihre Schuhe, Sohlen, Schnürsenkel, auf dem Boden liegen zwar keine Worte, - sie verlieren sich noch in ihren Mündern, - aber trotzdem starre ich nach unten. Schweigsam, auf das Linoleum. Kein Leben ist wie dieses, denke ich, und weiß nicht, was ich fühlen soll.

Die Krankenschwestern in ihren weißen, gestärkten Kitteln schieben das Essen in die Zimmer, und ich bin kurz vorm Ziel. Zimmer 120: ein freundliches Guten Abend von drinnen, draußen echot es zurück; Zimmer 121: nichts als das Schweigen; Zimmer 122: der Besuch, der sich durch die Tür ins Freie stiehlt; Zimmer 123, - und die Welt bleibt stehen. Ich erstarre noch für einen Moment unschlüssig an der Tür, schaue nach unten, dann auf die Uhr. Danach trage ich nie wieder eine Uhr, aber in diesem Moment ist sie wichtig. Sie zeigt 18.19 Uhr. Eine Zeit, in der es, nein, nicht es, in der alles möglich gewesen wäre. Eine Zeit der Unschuld, vielleicht.

»Kommen Sie doch rein«, sagt die blonde Schwester, die das Tablett gerade ins Zimmer balanciert. Kommen Sie doch rein, eine Aufforderung, ganz selbstverständlich. Wie sollte sie wissen, dass zwischen hier und da gar alles liegt? Vergangenheit? Zukunft? Enttäuschung? Verlust?

Abschied?

Sie sieht ganz süß aus, mit ihren blonden Zöpfen. Ein bisschen wie Heidi, oder irgend so ein Mädchen vom Land, aus einem Heimatfilm, vielleicht zu bayrisch für meinen Geschmack. Da hilft auch das Lippenpiercing nicht. (Reiß dich zusammen). Ich nicke stumm, und gehe rein. Schwanzjucken, Kopftätscheln, ein Blick auf ihren Arsch, und dann die verschmierten Fenster, - wie Popcorn im Kino verliert sich die Alltäglichkeit in solchen Momenten. Unvorstellbar, dass es wirklich normal ist, dass im Hintergrund keine melodramatische Musik spielt, - ein Krankenhaus ohne Geigen gibt es nicht, - aber so ist es, so und nicht anders. Zimmer 123. Ein Raum wie eine Abstellkammer: ein Einzelbett, ein weißer Beistelltisch neben dem Bett, und ein kleiner brauner Holztisch gegenüber dem Bett, ein Schrank, eingefasst in eine Wand, und sonst nichts. Nur Alan.

Alan. (Sprich seinen Namen aus).

Ich zähle stumm bis drei.

Eins. Zwei. Drei.

»Was ist das?«, fragt er, und wischt sich mit der Hand über das Gesicht. Kein Nebel. Kein Schleier. Seine Augen sind wie Spiegel allmählich erblindet. So blinzelt er der Schwester entgegen, und wehrt mit der anderen Hand das Tablett ab, das sie ihm auf den Beistelltisch stellen will.
»Ihr Essen«, sagt sie, und lächelt, - sie lächelt mehr in meine Richtung als in seine, »Eine Suppe mit, -- «
»Ich hab keinen Hunger«, erwidert er, und er klingt trotzig dabei, - so, als hätte er es schon tausend Mal gesagt.
»Aber Sie müssen etwas essen«, synchronisiere ich ihre Lippen, aber sie sagt es nicht. Sie bleibt stumm. Ihre Augen funkeln noch nicht einmal. Worüber sollte sie diskutieren? Sie stellt das Tablett hin, auf den anderen Tisch, nickt mir zu, und verschwindet lautlos aus dem Zimmer. Ich bleibe stehen.

Alan ist nicht wiederzuerkennen. Seine Arme sind bandagiert, seine Haare abgeschoren. Kenne den Schmerz, und du wirst erlöst, - das sagt auch das Kreuz über dem Holztisch, aber das sieht Alan nicht. Seine Kreuze haben ihn vom Sehen erlöst, vom Denken, Leben, willkommen in der Transzendenz des Niemalslandes. Und doch sieht er zu mir herüber.
»Is da noch wer?«, sagt er.
Das ist das Cliché des Blinden. Und ich muss sagen: Ich bin's, und dann herrscht Stille, und dann irgendwann sage ich doch was, und so weiter, aber es geht nicht voran. Also sage ich lieber im Vornherein nichts. Er blinzelt aus seinen Augenhöhlen, und ich weiß plötzlich, dass er sehr wohl etwas sieht, ich weiß, dass er mich erkennt, und mehr noch: ich weiß, dass er mich braucht, aber ich stehe nur da. An einer Stelle. Unverrückbar wie der Baum, der da steht, wohin er gepflanzt wurde. Ich weigere mich, diesen Anblick zu akzeptieren. Ich weigere mich, diese Tatsache zu akzeptieren. Hier ist die Linie, und nicht ich habe sie gezogen.

»Seh ich denn so schlimm aus?«, fragt er in den Raum hinein.
»Schlimmer als sonst.«
Er lacht, oder nein: er versucht es, aber seine Lunge zwingt ihn zum Husten, und so wird er von seinem eigenen Körper geschüttelt. Haut und Knochen schieben sich übereinander, reiben sich aneinander, und bleiben dann verschoben stehen.
»Meine Leber versagt«, sagt er. »Un meine Nieren sind auch am Arsch. Aber ich hatte gestern schon die Op.«
Es war sein Weg.
»Klasse«, sag ich, und das Wort schnürt mir halb und halb die Luft ab. Es war sein Weg. Seiner, ganz allein. »Bist also n kleiner Sonnenschein auf dem Weg der Besserung.«
»Jep.«

Die Stille, zwischen den Worten atmet die Stille. Ich sehe ihn an. Und ich möchte zurück, nur für einen Augenblick will ich zurück, nur ganz kurz. Und auch nicht für lange. Zurück in die Kindheit, als alles noch so einfach war, und die Zukunft noch unerreichbar weit fort. Es geht nicht, ich bleibe stehen.
Man sagt immer, man sei ein bisschen traurig gewesen, damals, man habe manchmal geweint, und dann setzt man hinter die Geschichte einen Haken, man verarbeitet sie, man spricht darüber und fängt an, es zu verändern, - aber vielleicht bin ich darüber sogar mehr als nur ein bisschen traurig, - vielleicht bin ich richtig traurig, angefüllt mit so viel Salz, dass ich den Meeren ihren Geschmack zurückgeben könnte, so traurig, dass all die Worte, all meine kostbaren Worten ihren unwiderruflichen Sinn verlieren, all die Seiten nichts als Vakuum, als Stille. Aber warum? Das Alles geht mit dem Nichts diesen einen Pakt ein, und man lebt. Und man stirbt. Reicht das denn nicht? (Nein).

»Ich werde das schon schaffen«, sagt er, »Ich hab die OP ja auch überstanden. Der Rest is ganz einfach.«
Ich nicke, nicke mit dem Heliumballon meines Kopfes, - weit und klein ist die Welt, - und bewege mich zu ihm hinüber, ganz langsam, ganz vorsichtig, der Boden könnte wanken, die Wänden könnten stürzen, jetzt, sofort. Es könnte alles vergehen. Ich rücke dichter an das Bett heran.
Aus der Nähe betrachtet sieht er noch viel schlimmer aus. Rote Pusteln bedecken sein Gesicht, seine Lippen sind aufgesprungen, die Wunde an seiner Stirn eitert. Seine Hände sind keine Hände mehr. Warum ist draußen der Himmel nur so verdammt blau? Es sollte regnen. Stundenlang sollte es regnen.
»Gott ist mein letzter Gedanke, und wenn ich sterbe, verschwindet die Welt, und alles wird vergessen.«
»Besonders meine hässliche Visage«, sag ich.
»Ja, ganz besonders die.«


Habe ich seine Hand gedrückt? Habe ich geweint? Habe ich irgendetwas Bedeutungsvolles gesagt, - oder überhaupt etwas verdammt? Ich wünschte, ich hätte! Stattdessen stand ich nur da. Genügte es denn?

Draußen war es warm, und die Leute saßen in ihren T-Shirts im Grünen. Draußen war alles so, wie es sein sollte. Es gab keinen Ort des Sehnens mehr, keine Trutzburg, die man erobern musste. Ich musste keine Treppen mehr steigen, um anzukommen. Ich musste nicht den Schlüssel in der Tür umdrehen, und darauf warten, dass es geschieht. Es war alles da: Ein Universum der Angst, das mit dem Universum der Liebe verschmolz. Ein altes Ehepaar, das sich nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Falten liebt. Der letzte Sommerferientag, an dem die Zeit zerrinnt, und die Möglichkeiten doch schier endlos bleiben. Berthe auf dem Hausdach, und ihr Kirschmund lächelnd, und ihr langes Haar tänzelnd im Wind, und in der Ferne die Schwalben. Ein Schokoklecks im Mundwinkel. Ein Gefühl des Fallens, und Fliegens, eine Berührung meiner Lippen auf ihrer Haut, ihrer seidigen Haut.
Ich spürte nicht die Art Katharsis, die man spüren will, - es tat auf eine bestimmte Art und Weise weh, es schmerzte so sehr, dass ich zu atmen vergaß, aber vielleicht war das meine Art von Katharsis. Wie sollte es nicht weh tun?

Ich stand in meinem Pullover da, in meiner Jacke, in meinen 54 Grad Fahrenheit, in diesem weißen perfekten Raum, neben ihm, nur neben ihm, und ich wusste, oder ahnte viel mehr, was alles verloren war, wie lange es brauchen würde, bis auch mich der Verlust treffen würde, und es war nicht bloß ein Nadelstich, den man mit einem Achselzucken erträgt, es war nicht bloß einfach ein Abschied, es war endgültig, für immer, - für eine Ewigkeit, die sich nicht auf der Raum-Zeit-Konstante erstreckt, eine Ewigkeit, die nicht expandiert, weder in eine Richtung, noch in alle gleichzeitig. Es ist die Ewigkeit meines Lebens, die auch irgendwann erlischt, und vergessen wird, in nur wenigen Jahren, in ein paar Jahrzehnten. Keines der Worte wird das aufhalten.

Und doch. Ich sah, -- der Traurigkeit ins Gesicht? War es das? bear the sadness of itself? Ich sah dem entgegen, was unweigerlich kommen musste, - den Prozessen der Trauer, den gewöhnlichen Handlungen des Alltags, - das Abspülen, das Einkaufen, das Fernsehen, - und auch wenn ich vielleicht in Zukunft zögern würde, zu lieben, so würde ich es doch irgendwann wieder tun. Ich würde wieder hoffen, würde mich wieder in eine wie sie verlieben, würde wieder einem Freund helfen, - helfen bis zur Selbstaufgabe, und ich würde es trotz aller Reden nie bereuen. Aber der Moment der Katharsis verging, und ich verabschiedete mich von ihm. Eins, zwei, drei. Mit drei Worten.

(Man glaubt, man wüsste. Und dann doch nicht. Niemals). Nichts hast du gesehen. Hiroshima mon amour.

Der Tod kam plötzlich. Er kommt im Nachhinein immer plötzlich. Das macht seine Grausamkeit aus. Bei Alan geschah es am nächsten Tag, irgendwann am frühen Morgen. Die Schwester dachte, er würde schlafen, - schlafen, nur für einen Augenblick. Ich hörte es erst Wochen später. Im Zug, die Cashewkerne, das viele Salz auf meinen Lippen.


Wie nah ist die Erlösung für einen Märtyrer? Wie selbstverständlich ist die Flucht für einen Träumer? Wie hoch kann man fliegen, bevor man sich an der Sonne verbrennt? Das bleibt offen, natürlich bleibt es offen, - das ist der einzige Ausweg. Es bleibt alles offen. Letzten Endes. Das gibt den Dingen ihre Schönheit, und ihre ... Zerbrechlichkeit. Wie flüchtig das Leben ist, und wie wenig wir es begreifen, - vielleicht ist das unsere größte Schwäche. Vielleicht aber auch unsere einzige Stärke. Ich weiß es nicht.
Draußen, am See zieht sich das Herz zum letzten Schlag zusammen. Still, flüstert es, der Herbst kommt, und danach der Winter, und allmählich frisst das Vergessen. Dabei waren drei übrig. Drei. Wie ein Ausruf auf dem Hochhausdach! Drei Gedanken, drei Menschen, drei Leben.

Und am Ende blieb nur eines.
Und am Ende blieb nur davon zu erzählen.
Und am Ende, und am Ende?

Ich habe nichts verloren. Das ist alles.
Ich habe nichts von all dem verloren. Es ist alles da.

Freitag, 18. April 2008

supposed to be. 20

Gibt es die Versprechen auf Besserung tatsächlich? Ich meine: im echten Leben? Gibt es das Resultat, das sich wirklich anstreben lässt? Und nicht nur als allerletzte Instanz, sondern als erste, als einzige?
Jetzt huste ich, weil mir der Rauch lastend in der Lunge liegt, und ich trinke um den Geschmack zu vertreiben, dabei weiß ich, dass es nicht hilft. Weder das Husten, noch der Alkohol. Und trotzdem. Und trotzdem, immer wieder.

Ich bin müde, meine Augen brennen. Ich habe mir gerade alte Photos angesehen. Von uns. Nein, völlig falsch. Es gibt uns ja nicht mehr, - wir sind nur die Einzelteile eines Puzzles, das niemand mehr zusammensetzen will; wir sind Gespenster, die im Verborgenen weiter existieren, zur Geisterstunde, um Mitternacht, ohne je einander zu sehen, zu riechen, zu fühlen; wir tragen kostbares Geschmeide und teure Gewänder, und fühlen nur den Wind, nur den Regen, nur die Dauer eines einzelnen Herzschlags, - eines einzelnen! Jetzt haben wir ein anderes Leben, - oder jedenfalls ist es dazu geworden, irgendwann, vor ein paar Jahren. Hätten wir anders entschieden? Hätten wir in der Kindheit einen Traum weniger geträumt, wenn wir es gewusst hätten? Gäbe es mich noch, wenn nicht ich den Auslöser gedrückt hätte, sondern jemand anderes? Wer würde da jetzt liegen? Draußen, am See?

Manchmal träume ich davon. Manchmal erinnere ich mich falsch. Manchmal belüge ich mich selbst, um es besser zu machen. Dabei sind all die Träume, und Erinnerungen und Lügen die eigentlichen Fehler. Aber was soll man denn tun? Wie geht es anders?

Er sitzt jetzt in diesem Ohrensessel, und schaut mich an. Beende es, sagen seine blauen Augen, und dann verblasst sein Körper zu Staub. Was soll ich beenden? Er ist kollabiert. Er ist gestorben. Mehr kann ich nicht sagen. Auf die ein oder andere Art sind wir alle gestorben, damals, in einer anderen Welt. Im Zimmer 123, im zweiten Stock, durch einen Korridor, durch einen Vorhang tastend, - was soll man da noch sagen? Es ist vorbei? Nichts ist wirklich vorbei. Wir wechseln nur den Aggregatszustand.

Manchmal bin ich so müde. Da sehe ich zum Fenster raus, zu all diesen Starbuckspappbechern, zu all diesen McDonalds-Tüten, die im Brackwasser in der Gosse schwimmen, und denke zurück, zurück, ans echte Leben, zurück an den See, zurück an die Liebe, - ich denke an all das zurück, was ich nie hatte. Stattdessen sind da diese leeren Stellen, diese weißen Flecken unbenutzter Lebendigkeit, nur ein Schaukeln unter Bäumen, und ein Biss in die Tollkirschen, --
Atropos, --
Scherenschnitte.
Wie verabschiedet man sich richtig?
Natürlich gibt es Bücher, die einen mit schlauen Aufarbeitungstipps versorgen, es gibt Psychotherapeuten, und Selbsthilfegruppen, es gibt Musikseminare, aber letztlich ist ein Verlust doch unüberwindbar, oder nicht? Die Traurigkeit wird Teil des Lebens, - sie fügt sich in die Summe, sie ist wie eine Note einer Melodie, nur ein einzelner Ton, und trotzdem so stark wie ein ganzes Lied. Solange wir nicht vergessen, bleibt etwas zurück, - etwas, das nicht verarbeitet werden kann, nein, mehr noch: etwas, das nicht verarbeitet werden will. Warum auch? Lebe, weil du leben darfst, aber sterbe, weil du sterben musst. Sagt man Lebwohl? Oder sagt man: Bis bald?


Ich sehe dich so deutlich vor mir. Einen jungen Mann, der das Leben verdient hätte. Und der es doch nicht bekam. Du warst nicht abrupt aufgestanden, als wir über die Nazis sprachen, - du hast mich nur angesehen, aus deinen strahlenden Augen, hast mich nur angesehen, und ich wünschte mir, ich könne wütend auf dich sein, dabei war ich es, der stundenlang gesprochen hatte, - mein Mund war trocken, und ich hatte mir auf die Lippe gebissen, - über die Schuld unserer Großväter, und Väter, und auch über unsere eigene Schuld, und irgendwann war ich ganz schrecklich ungerecht geworden, dir gegenüber, und vielleicht auch mir selbst gegenüber, aber das wollte ich nicht zugeben, und so saß ich da, mit funkelnden bösen Augen, und starrte dich an. Ich wollte böse sein, aber du hast nur gelächelt, du hast gottverdammt nur gelächelt.


Ich sitze jetzt in meiner verrauchten Kleidung am Fenster, und versuche mich an die Einzelheiten zu erinnern, ...

Wie wir Kinder waren. Kleine schmächtige Jungs, die auf abschüssigen Straßen Fahrradfahren lernten, immer gerade aus, und runter, die Beine hoch, weg von den Pedalen, und hinunter, dem Wind entgegen. Auf Schaukeln wippend, unter dem Baum, gegenüber vom See, als die Sonne schräg stand, und die Fenster zu eigenen Sonnen wurden; damals, als Claire sich ein T-Shirt batikte, in gelb und grün und blau und pink, und die Kirschen glitzernd zwischen unseren Lippen zerplatzten. Und wir wurden älter, die Landstraßen reichten nicht mehr aus, sie wurden immer kürzer, und die Welt schrumpfte, und das Korn wogte nicht mehr hoch genug. Hinaus, hinaus, aufs Meer hinaus, - dorthin, wo das Glück ist.
Wie wir jünger waren, und schlaksig. Gemeinsam entdeckten wir: Haare an Stellen, wo vorher keine waren; Berührungen, die man später nicht mehr teilte; Gedanken, die allein zu grausam waren, um gedacht zu werden, zusammen aber auf der Hirnhaut prickelten. Keine Gefahr, der man auf dem Rummel nicht widerstand. Die erste Schlägerei, und Schürfwunden an den Handgelenken. Bier. Frauen, und die Liebe. Wir schnürten uns einen Rucksack, und wollten in die weite Welt, und dann war Mittwoch, und es fuhr kein Zug. Nicht nach Mitternacht.
Wie wir älter wurden. Du wurdest nicht so groß wie ich, aber dafür blieb ich schlaksig. Die Revolution erfand man im Sex, und die Liebe im Alkohol, und beides endete oft mit einem bösen Kater.


Du trägst diese schwarze Jacke, und lächelst in die Kamera. Neben dir steht Berthe, sie hat ihren Kopf auf deine Schulter gelegt, und ihre Hand berührt sachte deine Brust. Die Sonne scheint euch beiden ins Gesicht. Es ist Sommer, es muss Sommer sein, sonst ergäbe all das keinen Sinn.


Was ist nur passiert? Es ist jetzt fünf Jahre her, und ich weiß nicht mehr, wie es passieren konnte. Die Zeit hat es nicht besser gemacht. Ich habe so vieles über Berthe geschrieben, dabei ging es nie wirklich um sie. Es ist alles falsch, in der falschen Reihenfolge, in der falschen Zeit, es sollte seine Geschichte sein, dabei ist er nie wirklich da, er ist nie präsent. Überall heißt es nur: Zähl deine Wunden, und du verstehst, aber ich verstehe es nicht; ich bin narbenlos.
Ich habe oft versucht zurückzugehen, habe versucht, mich durch die Träume in die Vergangenheit zu zwängen, und es zu ändern, mit jedem Wort, mit jeder Berührung, ich habe versucht, das Unglück aufzuhalten, und manchmal hat es tatsächlich funktioniert, - nur irgendwann bin ich schließlich aufgewacht. Und du warst einfach nicht mehr da. Die Frauenstimme sagte, die Nummer sei nicht vergeben. Das Handy schickte mir meine SMS zurück. Keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wohin gehört man, wenn die zweite Hälfte fehlt? Wohin gehört man, wenn die Märtyrerpsychopharmaka die Märtyrer kriegt?

Noch ein Bild. Noch eine Zahl.
Dann habe ich alles endlich aufgebraucht.

Und ich bin frei.

Dienstag, 15. April 2008

supposed to be. 19

Die Straßen wurden erst matschig, und dann schmolz auch der Matsch, und niemand schlich mehr über die Gehsteige. Der Schnee verschwand irgendwann. Das ist mir geblieben. Der Schnee verschwand. All das Eis wurde wieder zu Wasser, und versickerte unbemerkt am Straßenrand. Niemand war da, um es aufzuhalten.

Sie saß an seinem Fenster, den Kopf an das Glas gelehnt, und auf dem Schoß eines ihrer Bücher, Tous les hommes sont mortels von Simone de Beauvoir, und vielleicht war sie nie glücklicher als jetzt, als in diesem Moment. Die Sonne, die den Schnee vertrieb, verfing sich in ihren Haaren, und sie lächelte als ich das Zimmer betrat.
»Da bist du ja«, sagte sie.
»Ja, tschuldige, ich musste noch was besorgen.«
Ich kramte aus meinem Rucksack das Geschenk heraus, und gab es ihr ohne ihr in die Augen zu sehen. Sie strahlte, wie sie strahlte! Mit der Sonne im Nacken, und dem feuchten Glanz der Straßen. Sie überstrahlte alles. Meine Augen konnten sie nicht fassen.
»Was ist es?«
»Mach's doch einfach auf«, sagte Skeleton. Er lag auf dem Bett.
Als wäre es der Startschuss gewesen, riss sie das Papier auf, - es zeigte abstrakte Linien, und Kreise, - und förderte eine kleine Schachtel zutage, blau und samtig, mit einer goldenen Krone darauf, umrankt von Lorbeeren. Sie öffnete sie, und hielt inne, eine Sekunde, zwei, drei.
»Was ist das?«
»Erkennst du's nicht?«
»Na ... doch, aber. Das ist. Ich weiß von wem das ist. Aber wie kannst du. Ich meine.«
»Mach's doch mal dran«, sagte Skeleton, und grinste. Ich hatte mit ihm darüber gesprochen; er wusste alles.
»Das wäre doch wirklich nicht nötig. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
Sie nahm das silberne feingliedrige Kettchen heraus, betrachtete es eine Weile, und machte es dann, nach einem weiteren Zögern, an ihrem Handgelenk fest; es funkelte kühl im Sonnenlicht. »Es ist echt schön, es ist. Ich kann das nicht annehmen, echt nicht, weil.«
»Shht«, machte ich. »Es ist deins, halt's in Ehren, wenn's dir gefällt, - falls nicht, naja, dann verschenk's weiter.«
Sie nickte, und lächelte dabei.

Das Kettchen ging verloren; sie sollte es später nicht mehr finden, sie sollte es nicht mehr tragen. Vermutlich war es in ihrer Nähe geschmolzen, versickert am Straßenrand, vergessen mit der Zeit.

Später an diesem Tag, als Berthe schon bei der Spätschicht war, saßen Skeleton und ich zusammen in einem Café, drüben in der Nähe des Schlosses. In der Vergangenheit hatten wir oft in diesem kleinen Café gesessen, dieses war das letzte Mal vor dem letzten Akt. Das Café selbst war ganz und gar auf französisch gemacht, mit gußeisernen Stuhllehnen und weichen grünen Kissen, mit gußeisernen Tischen mit Mosaikmustern, mit dezenten Farbtönen an den Wänden und grünen Markisen. Es roch immer nach frischem Kaffee und Kuchen, nach Baisers und Éclairs, nach Moccabohnen, nach einem Versprechen auf reinen Genuss, - daher nannten wir die Frau, der das Café gehörte, auch Madame Sybaritisme, - und im Hintergrund spielten die Chansons einer vergessenen Zeit, padam, padam.

»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«, fragte ich.
Skeleton schaute nicht auf, - er hatte sich eine Zeitung vom Stapel genommen, und hatte sie praktisch über den ganzen Tisch verteilt.
»Alan. Hörst du mir zu?«
»Ehrliche Antwort?«
»Ja.«
»Nein.«
»Danke, du Affe.«
»Keine Ursache.«
»Ich frage dich aber jetzt ernsthaft, also hör mir nur kurz zu.«
»Bitte«, er schlug demonstrativ die Seite um, die er gerade gelesen hatte. »Bin ganz Ohr.«
»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«
»Was?«
»Verdammt, das Armband, wasn sonst?«
»Bin ich eine Frau?«
»Nein.«
»Sehe ich aus wie eine Frau?«
»Ein bisschen, ja, aber, -- «
»Was ich damit sagen will, ist: Ich weiß es nicht. So wie sie ausgehen hat, hat sie sich gefreut, ja. Also wird es ihr auch gefallen haben.«
»Das ist sowas von keine qualitative Aussage.«
»Sei Es zufrieden, Es bekommt keine weitere.« Er schlug die Zeitung wieder auf, und begann zu lesen. Er wirkte wie früher, - warum wirkte er wie früher? War es nicht die Zeit, in der er am schlimmsten dran war? Hatte er nicht seine Kunden, jeden Mittwoch ab 19 Uhr? Ja, er nahm weniger als sonst, natürlich ein Quantensprung, aber reichten diese Männer denn nicht aus, um ihm all das zu nehmen, all das zu zerstören, was die Drogen heilgelassen hatten? Er wirkte so unverletzt, so gesund, trotz seiner Blässe und den Narben an den Handgelenken, trotz den geröteten Augen, trotz den aufgebissenen Lippen, trotz der strähnigen Haare. Er wirkte gesund, - und war doch viel weiter weg davon als jemals zuvor. Ich wusste nichts, gar nichts wusste ich, - es war viel zu spät, als ich die Dimension erkannte.

»Glaubst du, wir können nach Italien, - im Sommer?«
»Was?«
»Nach Italien. Im Sommer.«
Er schaute wieder auf. »Diesen Sommer?«
»Ja, warum nicht?«
»Das geht nicht.«
»Was? Warum?«
»Ich hab zu tun.«
»Was hast du denn bitte zu tun?«
»Das geht dich nichts an.«
»Seit wann das denn?«
»Seit ich wieder gehen und zusammenhängende Sätze sprechen kann.«
»Seit voriger Woche also?«
»Ich will darüber nicht reden.«
»Alan.«
»Im ernst, lass mich in Ruhe.«
»Okay, werden wir ja dann sehen.«

Die Luft war opak, und dick, und es roch nach Vanille.
Der Schnee verschwand. Im Sommer war Alan tot.



[Bald ist es zu Ende].

Samstag, 12. April 2008

supposed to be. 18

Zwei.

Es ist manchmal so einfach, die Kontrolle zu verlieren. Gib auf, und du wirst, was du gewesen bist. Nur was ist das? Was sind wir schon, und was waren wir? Setz das in Relation zur Logik, und wir sind nicht mehr als das A, nicht weniger als ein B; dann sind wir nur die Summe all der Cs, die aus den Ds entstehen, und alles, was von deinem Leben übrig bleibt, sind die Frequenzfragmente im Weltraum, ein Grabstein, der verwittert, und eine Zahl, die dein ganzes Leben in einen Rahmen zwängt, in ein paar Jahrzehnte der Ungewissheit, ein paar Atemzüge, und schon ist es vorbei; man geht daran vorüber, und streicht mit den Fingerspitzen den Staub der Jahre fort, fort und zur Seite, und: Erinnerst du dich? Nein, eben nicht. Wen kennt man denn schon genau, an wen erinnert man sich richtig, welches Bild stimmt im Nachhinein zu hundert Prozent? Ist die Erinnerung nicht in Wirklichkeit nichts anderes als eine billige Hure, die uns regelmäßig mit den Freiern betrügt, die sie auch am Besten bezahlen? Und welche Bezahlung ist schon besser als die Lüge?

Was ist, wenn ich mich falsch erinnere?
(Vorwärts! Spul den Film zurück zum Ende!)

Es endet mit einer Kleinigkeit: Ich aß, -- aß ich im Zug gesalzene Cashew-Kerne? Ich weiß es nicht mehr, aber ich erinnere mich daran; ich sehe es aus einer Perspektive, die unmöglich stimmen kann, schräg von links, wie durch das Fenster hindurch, - aber ich schmecke noch ihr Salz auf meinen Lippen. Oder ist es nichts als die Geschmacksleere, - nichts als das Vakuum. Sieh raus, und ich sehe mich selbst vorüberrauschen, zur Schreckensfratze verzerrt, - hail, horror vacui!, - und es ist noch lange nicht vorbei. Nichts ist richtig. Es ist alles falsch herum. Ich blinzle ein paar mal mit meinen Augen, um das Bild zu korrigieren, um nicht wieder hemmungslos zu heulen, und dann, --

Blaue Augen, blaue Ozeanaugen, die nichts sahen in Hiroshima. Hiroshima, Hiroshima, mon amour. Und es war nie ein Versehen. Man rutscht nicht ab, man hat nie den freien Fall aus tausend Metern Höhe, - man stürzt nach oben, hinauf, immer der Sonne entgegen, und dann schmelzen plötzlich die wächsernen Flügel, und die Federn verpuffen, und nichts geschieht, nichts als ein Leben mit weißen Tabletten, und Wein. Hat sie nicht ein anderer geliebt, ein anderer besessen; hat nicht ein anderer die Räder zerstochen, und gesagt: Willkommen Gegenverkehr!, und dann hat das Licht geblitzt, - und sie wurde verschlungen. Jemand schreit: Lebensgefahr! V O R S I C H T! man kann das Leben vermeiden. Aber auch das ist gelogen.

Ich wusste nicht, wie er sich seine Drogen verdiente. Wie sollte ich das auch wissen, wo doch alles so eindeutig war? Man denkt, als Protagonist wüsste mal als erster davon, aber es stimmt nicht; gerade als erste Geige hört man nie den Klang der anderen Instrumente. Wo es doch ein Tag am Meer war, und es das Kinderlachen gab, wie aus der Ferne, - oder war es nur das grässliche Schreien der Kinder vom Bahnhof Zoo, die über der Illusion der Normalität ihren Verstand verloren haben, wie man früher Teer und Federn verloren hat, auf anderen Menschen? Als letzte Berührungen auf deinem Gesicht, als letzte Ruhestätte der unermüdlichen Bewegungen, die dich aufgerieben hat, - was blieb da?

Waren wir die zwei korrodierenden Systeme? Herz und Verstand. Leib und Seele. Freundschaft und Liebe. Ein Scherz, ein Scherz, ein letztes gackerndes Lachen des Crystal-Meth-Abhängigen auf der Straße, der in Wirklichkeit dein Gesicht wie eine Maske trug, und nicht das meine. Was hast du mit ihr mir angestellt? Was hast du nur getan?

Ich aß Cashew-Kerne im Zug, und draußen schien die Sonne, und auch wenn ich nicht mehr wollte, so musste ich trotzdem zurück nach Hause, in die kleine Mansarde über den Dächern der Stadt, die ich mir über den Sommer gemietet hatte, und es gab unzählige Verpflichtungen, unzählige geschickt gelegte Stolperfallen, und ich kehrte aus Paris zurück, kehrte aus meinem kleinen Abenteuerroman zurück in die wirkliche Welt, weil ich dachte, ich wäre stärker geworden, hätte bei Rahel mehr Gelassenheit gelernt, und da rief sie mich also an, - Berthe, die Ikone des Todes. Ihre Stimme war weinerlich, und sie schniefte die ganze Zeit in den Hörer, und auch wenn ich nicht sofort verstand, um was es ging, war ich trotzdem sofort alamiert. Alamiert? Was für ein pathetisches Wort, - als hätte ich rotes Sirenengeheul gehört. Dabei war es viel subtiler, viel schrecklicher; als unsichtbare Stimme trug sie über die Entfernungen hinweg die Klagen der Vergangenheit. Ich dachte an die Schere in ihren großen Händen. Wie weit treibt uns die Verzweiflung? Wie weit gehen wir für die Vergeltung? Wer war der Körper unter der weißen Decke? Ihr langes Haar, - als Tang umwickelte es ihren Körper unter der See. Gebilde aus Licht und Schatten.

Es gerät alles außer Kontrolle. Nichts lässt sich ordnen. Ich habe zurückgesehen, und nun bin ich zu Salz erstarrt.

Zähl weiter, zähl endlich weiter.

Drei.

Mittwoch, 9. April 2008

supposed to be. 17

»Wofür?«, sagte ich, nein: sagte er. Ich klappte nur die Fenster auf, und ließ den kalten Ostwind herein. Draußen rauschten die Bäume, kahl klapperte ihr Geäst, - wie selbst noch in der Leere ein Geräusch entsteht, dachte ich. Auf der Straße vor dem Haus eilte ein Mann einem anderen hinterher, und beide lachten; da schob eine Mutter ihren himmelblauen Kinderwagen aus einer Bäckerei, und reichte dem Kind darin eine Bretzel; ein Hund lief in der Ferne mit seinem Herrchen, und sonst flogen nur Schwalben.

»Wofür«, echote er, nein: echote ich, und drehte mich zu ihm um. Skeleton lag in seinem weißen Königreich, in seinem Bett aus Wolken und Schwerelosigkeit, und für einen Moment, vielleicht nur für eine Sekunde, eine einzelne!, da erschien er mir wie früher. Dann zerschlug seine Stimme diese Illusion: »Ja, wofür?«
»Was wofür?«
»Na ... wofür dieses Leben?«
Ich seufzte, und stellte die Flaschen klirrend in eine der Ecken; ich zählte sie stumm.
»Wie kommste denn jetzt schon wieder auf so ne Frage?«
Er blinzelte reibend seine Augen, und versuchte entschuldigend zu lächeln, aber seine Lippen zogen sich nach unten, - so, als könnten sie die Last des Lächelns nicht mehr tragen. »Es ist die entscheidenste aller Fragen, mein Freund.«
Zwölf Flaschen Vodka, drei Flaschen Rotwein, dreizehn Flaschen Bier, zwei Flaschen Absinth. Ich räumte sie alle in die Ecke. Klirrend. So klingt der Schmerz.
»Das weiß ich auch nicht«, sagte ich.
»Natürlich weißt du's. Wenn nicht du, wer sonst?« Er versuchte zu lachen, aber es war mehr ein Husten als ein Lachen. Versagte ihm zu diesem Zeitpunkt schon, -- nein, nein, unmöglich, es ist dafür noch viel zu früh. Nur ein Husten, es war nur ein Husten wie jeder ihn hat, frei von Blut, frei von plötzlichem Versagen.
»Ich weiß es nicht«, wiederholte ich gedankenverloren.
»Du musst es mir aber sagen«, schrie er plötzlich, und ich hörte abrupt auf, die Flaschen zu sortieren. »Du musst
Waren das Tränen in seinen Augen? Er hatte nie geweint, - niemals, nicht nach dem Autounfall, nicht nach dem Tod seiner Mutter, nicht nach dem Verglühen seines Körpers, nicht nach der Sache mit Berthe. Skeleton hatte keinen Tränen gekannt. Und Alan, - erinnere ich mich heute so falsch, dass ich selbst Alan seine Tränen abspreche? Als Mann. Als Mensch. Sehe ich in ihm das eigentliche Phantom, - selbst heute noch?
»Ich weiß nämlich keinen Grund mehr«, schrie er, »Verdammt, ich sehe nichts, überhaupt! nichts! mehr! Mir ist, als hätte ich alles verloren, alles!, selbst dich, du blöder Bastard. Warum machst du das überhaupt noch, - nach allem? Du musst doch irgendeinen Grund haben, irgendwas, das es dich tun lässt. Also sag mir: wofür?!«
»Verdammt, Alan, ich weiß es nicht«, fuhr ich ihn an. »Ich bin doch nicht allwissend, - wenn ich irgendeinen Grund für dieses Leben wüsste, dann hätte ich ein Buch darüber geschrieben. Ich hätte den Menschen gesagt: Seht her, dafür lebt ihr, - also strebt danach, und es wäre trotzdem vermessen gewesen. Niemand setzt den Sinn für einen anderen Menschen, man setzt ihn sich, -- «
»Hör mit diesem pseudointellektuellen Scheiß auf. Sinn setzen, Sinn?« Das Knochengestell seines Körpers bäumte sich auf, und er riss sich in einer einzigen fließenden Bewegung die Decke vom Leib; darunter lag der lebende atmende fühlende Leichnam, darunter lag Skeleton in seiner ganzen schrecklichen Plastizität; die teilweise verkrusteten, teilweise abgeheilten Narben überdeckten seinen Körper, seine Brust, seine Beine, seine Arme, - es wirkte alles nässend, und schwärend, auch wenn er sich schon seit Monaten keine Verletzungen mehr zugefügt hatte; seine Rippen, sein Brustbein, die Schlüsselbeine, Hüftknochen, alles stach heraus, aus diesem Bisschen Haut und Knorpel, und wirkte so hart, so unmenschlich, - wie hatte es nur sein Gesicht geschafft, sich zum Teil so gut zu erhalten? Im Vergleich, im Vergleich zu was? Hier lag ein Märtyrer, geboren aus weißem Staub, gepresst zu Tabletten mit Kreuzemblem, geschluckt in roten Wein, oh, du Dionysos, nahmst mir meine Atropos, meine Tollkirsche, mein Herz, mein Leben.
»Ich setze mir meinen Sinn nicht«, schrie er. »Niemand tut das. Wir leben nur, gottverdammt, und sterben.« Nach einer kurzen Pause fügte er leiser hinzu: »Ich sterbe.«
Draußen klapperten die Bäume, draußen war die Welt, und hier drin war nichts echt. Dieses Zimmer gab es nicht, mich nicht, ihn nicht, alles gelogen. Alles, wäre es doch nur gelogen. Ich spürte mein Herz dumpf und träge schlagen.
»Wir alle müssen sterben«, sagte ich zynisch, »Und da du endlich erkannt hast, wie es um dich steht, kannst du ja eventuell damit aufhören, dich zugrunde, -- «
»Nicht, wenn du mir nicht sagst, wofür! Nach allem. Nach allem, verstehst du nicht?«
»Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es nicht.«
»Dann lüg mich an!«
»Für die Liebe lohnt es sich zu leben«, fing ich an, »Selbst dann, wenn sie dir dein Herz bricht. Für die Freundschaft lohnt es sich zu leben. Selbst dann, wenn sie dich verrät.«
»Sei nicht so allgemein«, sagte er.
»Für frischen Kaffee, Alan, für frisch gemahlenen Kaffee lohnt es sich zu leben; für einen Tag am See, wenn die Sonne niedrig steht, und die Ufer golden färbt, lohnt es sich zu leben; für eine Schale frischer Kirschen, die man auf einem Hausdach isst und deren Kerne man in eine Gasse spuckt, und für einen Kuss, der nach Sommerversprechen schmeckt. Es lohnt sich zu leben, um die Schwalben beim Flug zu beobachten, - Schwalben, die auch genauso gut Tauben sein könnten, oder Amseln, was weiß ich; ihre Flügel tragen sie höher noch als unsere Augen sehen können, und dann stürzen sie hinab, - um ihre schwerelose Freiheit zu erleben, lohnt es sich zu leben. Für alte Schwarzweißfilme, die im Hintergrund rauschen, und für Hände, Alan, für menschliche Hände lohnt es sich zu leben; sie sind nämlich die reinste Perfektion, weißt du? Für das da draußen, für das hier drinnen, für Les Faux-Monnayeurs, für Der Menschen Hörigkeit für Hamlet und Romeo und Julia, für einen Tag im Park, wenn man mit bloßen Händen Chop Suey aus Pappschalen isst, und die Leute einen für schräg halten, für die neunte Symphonie von Beethoven, für Janis Joplin und Jim Morrison, für ein Theaterstück, das Jimmy in Legginhosen spielen muss, - nur für unser Lachen danach. Für das Bessere. Für das Leben selbst, - weil wir es als einziges ganz besitzen, für mich. Für Berthe.« Ich hatte während dem Reden nach draußen gesehen, auf die Straße, auf das gegenüberliegende Haus, mit seiner beigen Fassade, und ich wünschte, ich hätte ihm dabei ins Gesicht sehen können.
»Aber weil alles ist, wie es ist, bewegt sich nichts. Nichts. Außer das Herz. Außer der Planet. Um uns herum: ein Universum der Bewegung, aber wir selbst bleiben stehen. Wir bleiben still. Wir bewegen uns nicht«, sagte er.

Später holte ich meine Tasche aus einem Spint am Bahnhof, und saß im Zug in Richtung Paris. Ich hatte nicht viel mit genommen, nur ein Bisschen Wäsche zum Wechseln, so viel Geld wie hatte, und ein rotes Reclambuch. Sieh nicht zurück, sagte das Herz. Sieh nicht zurück.
Es regnete nicht, wie es eigentlich sollte; die Sonne schien am wolkenlosen Himmel. Und wofür, all das? Wofür?

Samstag, 5. April 2008

supposed to be. 16

Zu dritt in den Unruhen der Stadt, zu dritt im Stakkato der Welt, zu dritt im weißen Rauschen der Nacht.
Hier. Das war irgendein Club am Rand der Stadtkarte, zwischen niedrigen Häuserschluchten und ein paar Ahornbäumen versteckt, wo es nachts nach kalter Asche roch, und auch nach Schweiß. Ein Laden voller Plastikschalensitze in mattem Grau, und Diskokugeln, denen ein paar Spiegelscheiben fehlten; der Boden war klebriges Katzengold, von tausend Füßen abgetreten, und an den Wänden hingen Flachbildschirme, auf denen abwechselnd Männer und Frauen in Großaufnahmen tanzten. Am Tresen stand ein Kerl im Achselshirt, der in seiner absoluten Freundlichkeit gegenüber jedem, - Ja, bitte, gerne, natürlich, ganz wie du willst, mach ich gerne, selbstverständlich, - völlig gelangweilt wirkte; routiniert, aber gefühllos. Im Hintergrund lief September von Earth Wind & Fire. Das ist die Welt, - nichts als eine Aufzählung von Dingen.

Ich saß am Tresen und trank mein, - was? drittes Glas Absinth? Vielleicht war es auch schon mein viertes. Oder mein fünftes. Ich weiß nicht mehr. Der Kerl auf der anderen Seite versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, - ich war ja auch der einzige am Tresen, und ich ließ es mehr oder weniger geschehen. Er hätte ein Buch über Einstein gelesen, sagte er, und er fände die Zeit-Raum-Konstante so interessant, sagte er. Dann nickte er und lächelte mir zu, - nur mit dem rechten Mundwinkel, - und für einen Moment glaubte ich, er würde mich tatsächlich anmachen. In seinem Blick lag irgendetwas Schmutziges, Schmieriges, - es war so die Art von Blick, die man Pornoproduzenten zutraut, und vielleicht hätte ich ihm mit mehr Alkohol auch eine verpasst. Wahrscheinlich eher nicht. Stattdessen mmhte ich zurück, und beließ es dabei. Zeit-Raum, Raum-Zeit, dachte ich, Was ist da der Unterschied?
Kann man das überhaupt begreifen? Ein Zeiger, der über flache Flächen tickt. Eine Erdumdrehung mehr, ein Kreisen weniger um die Sonne. Würden wir es denn bemerken, wenn die Erde stillstände? Würde ein Ruck durch die Welt gehen, und Vasen von Kommoden fallen, - würden Bilder von den Wänden knallen, und Tassen, und Teller aus den Regalen kippen? Würden wir altern, wenn die Erde sich nicht drehte? Woher wüssten wir, wie viel Zeit vergeht?

Vielleicht sitze ich noch dort, jetzt gerade. In der Gegenwart. Berthe und Skeleton tanzen. Tanzten? Saß ich an einem anderen Abend hier? Sie tanzt, und er steht unweit daneben und greift sich ein paar Mal an den Sack. Das macht er gerne, wenn er geil wird. Rückwärts, geh zurück, - es geht nicht. Je mehr Drogen man konsumiert, desto unklarer wird das Bild, das man von der Vergangenheit hat. Von der Gegenwart. Vom eigenen Ich. Wer bin ich? Führe ich irgendein Leben, das völlig unverstanden blieb?

Während dem Tanzen konnten wir uns nicht missverstehen. Es gab einfach keinen Verstand, es gab kein Bewusstsein für die Leistungsmerkmale unseres Scheiterns. Es gab nur den Körper, nur die Bewegung, Reibung, die auf andere Reibung trifft. Das waren mechanische Gesetze, unser logisches Gebet:

Discordia unser auf Erden,
geheiligt werde dein Chaos.
Dein Pathomechanismus komme.
Deine Apoptose geschehe, wie im Herzen so im Stammhirn.
Unser tägliches Erlangen verwehre uns heute.
Und erdrücke uns im unerträglichen Streben nach Glück, wie auch wir erdrücken unser Leben.
Und führe uns in die Verzweiflung,
und erlöse uns von der Hoffnung.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


Eins.
Eins. Nichts sonst. Ich sitze am Tresen und zähle bis eins. Wie ein Sturm, der durch die Stadt fegt, und Dachziegel mit einem einzelnen Hauch von den Giebeln reißt. Eins. Wie das Meer, das sich drohend von der Küste zurückzieht, um in einer einzelnen Woge den Strand zu begraben. Eins. Wie die Wolken zieht es sich zusammen, wie das Dunkel, das sich hinter unserem Rücken erhebt, sobald wir alleine die Treppen hinab in den Keller steigen, - undurchdringlich, und klebrig, wie Sirup bleibt es am Herzen hängen, wie Teer frisst es sich in uns hinein. Die Eifersucht. Der Zorn. Eins, - ein erster Akkord, ein erster Kuss, ein erstes Wort. Fege, Wind, fege, wie ein Besen reinigst du die Welt. Von ihr. Eins. Nichts soll von ihr bleiben, nichts als die letzte Berührung auf meiner Haut, ein Geruch in meinem Haar, und dunkel ist die Welt. Vertilgt, die Liebe.

Ich zerbreche. Gegenwart, Jetzt-Sein. Ich zerbreche das Glas in meiner Hand, und die Scherben teilen meine Hand wie die Schere ein Blatt Papier. Der Kerl im Achselshirt schaut mich erschrocken an, und fragt, ob es mir gutginge, und Tropfen für Tropfen Blut, rubinrot und funkelnd, benetzt das Katzengold, das Holz, meine Hand, mein Leben. Du hast nichts gesehen in Hiroshima. Ich spüre seinen Körper unter mir, spüre, wie das Leben aus ihm weicht, wie das Kissen sich immer tiefer in sein Gesicht gräbt, - meine Knöchel treten weiß hervor, und alles Blut hört auf zu fließen; seine Arme greifen nach oben, ins Leere und hämmern dann auf meine Brust, dumpf und taub hallt jeder Schlag. Du hast nichts gesehen. Eins. Am See. Grund, los schwebend, sinkend, als weißer Perlmutt meine Luft. Ich bin im Wasserstrudel verschwunden.

Berthe kam auf mich zu, von der Tanzfläche. Sie hatte ihr Haar zu einem kunstvollen Zopf zusammengeflochten, und sie lächelte mich mit geröteten Wangen an.

»Willst du nicht doch mit mir tanzen?«
»Och ... nö«, sagte ich. Und lächelte zurück, während meine Augen Skeleton musterten, der noch immer am Rand stand. Skeleton schaute mich wiederum mit seinen schönen blauen Augen an, den Seelenozeanen.
»Ach komm schon, sei nicht so. Nur ein Lied!«

Durch den Absinth gehend, stehe ich auf, folge ihr, berühre sie, tanze mit ihr, ihre Schenkel, die sich an mir reiben, ihre Hüfte, die an meiner kreist, und die Erregung, die ich dabei verspüre; durch den Absinth steige ich auf, steige über sie hinweg, noch in der Toilette nehme ich sie mir, und sie nimmt mich, und Skeleton? Wie das Dunkel erhebt er sich. Leise und drohend. Er wird alles nehmen, was er bekommt. Mich. Sie. Sich selbst.

Konzentrier dich. Seit wie vielen Tagen trinke ich? Wann stand ich auf der Brücke? Wann hat sie seinen vernarbten Schwanz in den Mund genommen? Wie viele Tage liegen zurück, seit ich das Glas zerschlagen habe? Zeit-Raum, Raum-Zeit, - eine Konstante permanenter Ausdehnung, die, von egal welchem Punkt im Universum aus betrachtet, gleich schnell und gleich weit expandiert. Es gab kein Zentrum für den Urknall. Es gab kein konzentriertes Medienereignis. Alles ist Ausdehnung. Ich zähle bis zwei.

Zwei.

Mittwoch, 2. April 2008

supposed to be. 15

Ich kam nach Hause, und sie war nackt. Sie lag auf dem Bett, mit geschlossenen Augen und verträumtem Gesicht. Es sah so aus, als brauche sie mich nicht, weder jetzt, noch irgendwann sonst. Sie lag da, eingehüllt in die weiße Bettwäsche, und um sie herum, eingerahmt: ihr Haar. Sie lag da wie eine Heilige. [Märtyrerpsychopharmaka]. Und wer war ich? Nichts als ein Phantom, hätte ich das nur gewusst! Ein Abenteuer wollte sie, einen wollte sie, und nicht die Vielzahl der Menschen. Wann hatte es angefangen? Wann und wie?

Ich blieb am Türrahmen stehen, um sie anzuschauen, - heimlich, ohne ein Wort und ohne eine Geste, und sie war wirklich wunderschön. Zum Fenster fiel in dicken staubdurchwirkten Strahlen die Sonne herein, und entrückte sie, das Zimmer, die Welt. Draußen konnte es keine andere Wirklichkeit geben, keine anderen Menschen, nichts sonst als die Sonne, und das Laub, wie es auf die leeren Straßen trudelte, und Wind, unendlich viel Wind. Alles andere war unwahrscheinlich geworden. Dabei gab es eigentlich dieses Zimmer schon längst nicht mehr, und auch nicht ihre Bewohnerin.

In den Tagen zuvor hatte Skeleton seinen Wein in den Ausguss gekippt, in den Tagen zuvor hatte Berthe das Rauchen wieder angefangen, in den Tagen zuvor wäre ich fast überfahren worden. Es schien besser zu werden. Mit uns. Wir lachten, wenn wir beieinander saßen, wir unterhielten uns über die Politik, wir verfolgten alle unser Glück auf verschiedenen Wegen, - selbst dann noch, als wir erfuhren, dass es nicht zu erreichen war.
Es war wieder Herbst geworden, und ich kannte Berthe jetzt ein Jahr. Ein Jahr!, das ist nichts als eine Fußnote; man kann es in einem einzigen Satz zusammenfassen, - jeden Tag, jede Nacht, und Wochen, und Monate, und wie schnell ist es vorbei? Alles gerinnt, irgendwann. Dabei, weißt du noch? Gestern saßen wir am Ufer und aßen rohen Kohlrabi. Ihre Brüste, meine flatternden Finger, ihre Lippen, und die Kirschen. Warum merkt man in den seltensten Fällen, dass man sich ernsthaft verletzt? Ein Kuss noch, nur noch einer, und dann flogen die Schwalben auf, die keine Schwalben waren, und zogen ihre Kreise über den Menschen, die keine Menschen mehr waren, weil sie sich verrieten. Es gab immer eine Lüge zu viel, es gab immer den Betrug. In ihren Blicken lag es, in seinen Berührungen.
Ich weiß nicht, wann sie sich in ihn verliebt hat. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, ihn für eine Weile von den Drogen fernzuhalten. Ich weiß nicht, wie er sie später dazu brachte, auch etwas zu nehmen. Vielleicht war es Liebe. Vielleicht wollte er auch nur seine Triebe befriedigen, und sie war so naiv gewesen, auf ihn reinzufallen.

Später an diesem Tag saß ich bei Skeleton in der Wohnung. Er saß da, und sprach mit mir als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben. Er sagte: »Ist es nicht seltsam, wie uns manche Phasen unseres Lebens auf Ewig verloren erscheinen?« Und ich lachte, und fühlte mich schlecht.

Eine Woche später schnitt sich Berthe die Haare ab, ihre langen, seidigen Haare. Sie tat es mit der Schere, die ich ihr schon einmal abgenommen hatte; dieses Mal kam ich zu spät.

»Was hast du getan?«
»Siehst du doch.«
»Ja! Aber warum?«
»Sie waren mir lästig.«
»Seit wann das denn?«
»Du weißt doch, dass ich meine Haare eigentlich gehasst habe.«
»Eben nicht. Das hast du immer nur gesagt, dabei hast du deine Haare geliebt, sie waren dir teuer, - warum sonst hast du sie Jahre lang so gepflegt, - warum sonst hast du sie so lange wachsen lassen? Weil sie dir doch angeblich so lästig waren?«
»Man macht sich leicht etwas zur Gewohnheit, aber wenn man davon wieder loskommen will, dann muß man Haare lassen«, sagte sie, »Weißt du von wem das ist?«
»Das ist mir ganz egal.«
»Ich schau mal kurz nach.« Sie schwebte durchs Zimmer. Ihre Haare waren so kurz, millimeterkurz, und ihre Augen riesig, aufgesperrt wie Scheunentore, - sie ging zu ihrem Schreibtisch hinüber.
»Du brauchst nicht nachschauen, es ist ganz egal.« Sie suchte weiter. »Verstehst du nicht? Was kümmern mich diese Zitate?« Sie fand das Buch, und schlug es auf, blätterte darin herum, - nachlässig und hektisch, als wäre es ihr gleichgültig gewesen, ob dabei die Seiten einreißen.
»Wir alle zitieren, - aus Notwendigkeit, aus Neigung und aus Vergnügen«, zitierte sie, und schaute kurz auf, »Das ist von Ralph Waldo Emerson.« Dann blätterte sie weiter.
»Durch viele Zitate vermehrt man seinen Anspruch auf Gelehrsamkeit, vermindert den auf Originalität, und was ist Gelehrsamkeit gegen Originalität? Man soll Zitate also nur gebrauchen, wo man Autorität wirklich bedarf«, sagte ich, »Das ist von Schopenhauer. Und was sagt das, he?« Ich kam näher auf sie zu. »Sag es mir!«
Sie blinzelte mich völlig verständnislos an. »Glaubst du nicht, dass du jetzt ein bisschen überreagierst? Es sind doch nur Haare, die wachsen wieder.«
Ich kam dichter auf sie zu, riss ihr das Buch aus den Händen und warf es quer durch das Zimmer; es prallte gegen den Spiegel, und beides fiel zu Boden, - der Spiegel begrub das Buch unter seinen Scherben. »Das ist eine Überreaktion.«
»Bist du jetzt völlig übergeschnappt?«
»Es sind nicht bloß deine Haare, - das waren sie nie.«
»Achja, was waren sie denn? Symbole für meine geistige Unversehrtheit? Metaphern für unsere Liebe? Erklär mir, was meine Haare für dich waren, du dummes Arschloch!«
»Sie waren mein Status Quo, und wie man sieht«, ich deutete auf sie und den Spiegel und dann auf mich selbst, »ist der Status wohl soeben zerbrochen.«

Es war unser letzter Streit.
Als ich sie das nächste Mal sah, lag sie wieder nackt im Bett, aber sie war nicht allein. Sie war nicht mehr allein, für eine Nacht oder zwei, aber für ein Leben lang blieb sie einsam. Dafür hat sie sich entschieden.

Samstag, 29. März 2008

supposed to be. 14

Ich vermisse die Risse an den Wänden nicht, - ich habe sie stundenlang gezählt. Ich vermisse den Kaffee aus dem Automaten nicht, - er hat fürchterlich geschmeckt. Ich vermisse das ausgeblichene gelbe Linoleum nicht, das sich in den Ecken aufgerollt hat, und auch nicht die Kratzer, die die Stühle darauf hinterlassen haben. Ich vermisse die Uhr nicht, die ewig tickende schwarze Uhr samt ihrem zeitlosen Zeiger, und das zögerliche Ausbleiben der vollen Stunden, der halben Stunden, der Viertelstunden. Ich vermisse die Stimmen nicht, die aus dem Schwesternzimmer gedämpft herein drangen, das leise Flüstern, - jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob ich seine Eltern überhaupt kennenlernen will, was wieso?, ich bin kein Familienmensch, aber, - und dann?
Das Knistern eines Radios, sie spielen ein Lied auf dem Klavier. Und ein Mann mit einer Augenverletzung schiebt sich durch das Zimmer, setzt sich wacklig auf einen der schwarzen Stühle, und blinzelt einäugig zum Fenster hinaus. Seine weiße Augenbinde saugt sich mit einer gelben Flüssigkeit voll. Aus der Mitte entspringt ein Fluss. Daran denke ich. Und ein junger Pfleger rollt einen Rollstuhl durch den Flur, - die Gummireifen gleiten nicht über den Boden, sie schaben sich darüber, mit jeder Umdrehung quietscht das Linoleum.

Ich gehe an den Zimmern vorbei als die Schwestern das Essen verteilen. Ich gehe vorbei, und sehe. Die Schläuche, die Kanülen, weiße Kacheln hinter den Betten, und rote abgewetzte Knöpfe, - werden sie je gereinigt? Notfallschalter für einen letzten Atemzug. Eine Frau geht an mir vorüber, sie ist alt, und sie trägt einen blauen Bademantel, der sich bei jedem ihrer Schritte ein Stückchen öffnet. Ich sehe ihre Beine, Thrombosestrümpfe, Narbengewebe, aber ich versuche nicht hinzusehen, ich versuche mich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, aber es ist eingefallen. Es ist verbraucht, das Leben endet hier.
Ich gehe weiter, stur gerade aus, und versuche nicht zu sehen, versuche nicht zu sehen, der Mann in dem Bett, ein durchsichtiger Schlauch wurzelt in seinem Mund, seiner Nase, und eine Maschine unweit daneben pumpt ihm wie eine Ziehharmonika die Luft in die Lungen, - das Geräusch, das sie dabei erzeugt, ist dumpf, schrecklich mechanisch, schrecklich laut in seiner Stille. Weiter, geh vorbei, gerade aus. Zimmer 123, Zimmer 123, Zimmer 123, da muss ich hin, muss ich hin?, immer gerade aus. Der Boden ist so weich, so abgenutzt, so alt. Wird er je geputzt?

Das ist das Universum der Angst.
Mich grüßt niemand. Mich kennt niemand. Ich bin zum ersten Mal hier. Zum letzten Mal. Tausend Tage, und ich kehre heim. Tausend Tage, und ich bin verloren. Draußen scheint wieder die Sonne, und es ist warm. Ich trage über meinem Pullover noch die Jacke. Es ist heiß, sagen die Leute draußen, und sitzen in den T-Shirts auf den Bänken, aber mir ist kalt. Mir ist so kalt, in mir ist die Arktis, Schneewehen, minus 54 Grad Fahrenheit, und kein Entkommen.

Ich zögere es nur hinaus.
Fang endlich an zu zählen.

Mittwoch, 26. März 2008

supposed to be. 13

Sie sagte, sie wolle uns einen Kuchen backen, und vergaß schließlich die Eier. Also ging der Kuchen nicht richtig auf, und es blieben nur trockene Brösel. Und Äpfel, jede Menge Äpfel, in dünnen Scheibchen, die mit der Zeit braun wurden. Sie hatte ja auch den Zitronensaft vergessen, mit dem sie sie hatte beträufeln wollen. Naja, sagte sie. Naja, wozu sich darüber ärgern? Es hatte ein Apfelkuchen werden sollen, und jetzt waren es eben nichts als Brösel und braune Apfelscheiben. Sie lachte, und wischte sich das Mehl von der Nase, und sagte, sie kaufe uns jetzt diesen gottverdammten Kuchen. Und das tat sie auch, es war ein Pflaumenkuchen.

Er mochte keine Pflaumen. Ich dafür umso mehr.

War sie zufrieden, wie es lief? War sie über den Fortschritt glücklich, dass er nicht mehr trank? Freute sie sich darüber, dass er seinen Tablettenkonsum herunterschraubte? Vielleicht. Habe ich sie gut gefickt, richtig gefickt, habe ich sie befriedigt? Hätte ich ihr ein Buch statt eines Armbands schenken sollen, wo sich in unserem Leben doch eigentlich alles um Bücher drehte? Hätte ich ihr sagen sollen, wie sehr ich sie, -- nein, unmöglich.
Manchmal blieb nur ein einzelner Gedanke zurück, und sie lächelte müde. Manchmal drehte sie sich um, und blickte hinüber, durch die Wand auf die andere Seite des Ozeans, und spann eine ihrer Strähnen zu Gold. War es das Herz, das immer kernlos ist, und nur mit Blut gefüllt? Stundenlang saß sie so am Fenster und blickte zur Sonne, bis es halb vier wurde, und dann ging sie zur Arbeit, oder sie kam wieder, und die Sonne ging auf. War es das Gehirn, das niemals rastet, niemals nicht mit sich selbst kommuniziert? An manchen Tagen lachte sie, an anderen nicht.

Manchmal erschien sie mir wie ein flackerndes Licht. Eine Glühbirne mit Wackelkontakt. Sie nahm ihr schwarzes Buch und schrieb stundenlang enge grüne Zeilen, und dann warf sie es fort, in irgendeine Ecke, und ließ es dort liegen bis ich es ihr wieder auf den Tisch zurücklegte. War sie wütend? War sie unglücklich? Ich erwischte sie eines Abends, wie sie mit einer Schere spielte, - einer großen schweren Schere; sie strich sich damit über die Wange, gedankenverloren, und übernächtigt von der Spätschicht in der Nacht zuvor. Atropos, diesen Namen hatte ich gedacht, als ich ihr die Schere aus der Hand nahm, sie schaute mich irritiert, aber freundlich an. Atropos, die Moire, die den Tod bringt, die den Schicksalsfaden kappt. Ihr langes Haar floss wie Pech aus ihrem Schopf, wie Schlangen sich windend, dunkel, grausam, unberechenbar.
Sie sagte, sie hätte Kopfschmerzen; sie sagte, sie hätte keinen Hunger; später scherzte sie darüber, und lachte. Ihr Lachen war wie eine Insel, auf die man sich retten konnte, - aber über ihre Stirn zogen auch stets Falten, die sich flüchtig darauf kräuselten, - so, wie wenn sich das Meer zu Wellen kräuselt, die anschwellen, und größer werden, und die die Insel dann versenken. Ihr Blick ging nach außen, raus, zu den Vierwänden hinaus, in den Himmel, immer zum Himmel, als läge dahinter die eigentliche Welt.

Ich erinnere mich allmählich wieder.

Sonntag, 23. März 2008

supposed to be. 12

Ich hatte nur die Liebe, weil ich dachte, sie würde genügen, und heute glaube ich: Sie war mehr als genug. Vielleicht war sie auch das Schlimmste von allem, das Zerstörerischste, ich weiß es nicht. Die Liebe ist manchmal wie ein Rammbock, - sie bricht sich durch alles hindurch, und lässt nichts als Splitter übrig, als zersprengtes Gestein, als gebrochene Herzen. Was ist nur der Reiz einer eroberten Festung, einer in Besitz genommenen Trutzburg, wenn die Tore nicht mehr richtig schließen? Welcher Mörtel kittet nur den angerichteten Schaden?

Es dauerte, - es passierte nicht plötzlich, aber es bahnte sich an. Wie eine Lawine, wie ein einstürzendes Bergmassiv. Vorsicht Steinschlag! Vorsicht Lebensgefahr! Kein Schild, das einen davor warnt. Keiner, der sagt: Du lebst, bekomm es in den Griff. Denn man hat es nie. Man streckt sich danach, und greift und greift, und bekommt es letztlich doch nicht zu fassen, - es streift vorbei, ein Hauch, ein Kitzeln, ein kleines Stück nur, dann beginnt es, dann hab ich es, und es fliegt weiter. Nach draußen, an den See, in eine Erinnerung, in einen Traum. Liebe mich, und die Schale zerbricht, ein unschuldiges Eindringen gibt es nicht.

Ich hab es geschehen lassen, all das. Die Steine, den Rammbock, die Selbstzerstörung. Ich sollte viel zu spät an der Brücke stehen, zu spät die Türe öffnen, zu spät begreifen. Es war alles schon passiert.


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