<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="yes"?>
<?xml-stylesheet href="http://morbus.twoday.net/rss2html.xsl" type="text/xsl"?>
<rdf:RDF 
  xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#" 
  xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
  xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
  xmlns:cc="http://web.resource.org/cc/"
  xmlns="http://purl.org/rss/1.0/"
> 

  <channel rdf:about="http://morbus.twoday.net/">
    <title>Der manische Versuch Mensch zu sein : Rubrik:Parallelwelt: Strich(er)leben</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/</link>
    <description></description>
    <dc:publisher>morbus</dc:publisher>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:date>2008-04-24T13:02:41Z</dc:date>
    <dc:language>en</dc:language>
    <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
    <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
    <sy:updateBase>2000-01-01T00:00:00Z</sy:updateBase>
    <cc:license rdf:resource="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/" />

    <image rdf:resource="http://static.twoday.net/morbus/images/icon.gif" />
    <items>
      <rdf:Seq>
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4796560/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4765770/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4760234/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4759416/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4751337/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4749600/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4746292/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4746541/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4730392/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4730419/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4729933/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4701307/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4720308/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4708353/" />
            <rdf:li rdf:resource="http://morbus.twoday.net/stories/4729557/" />

      </rdf:Seq>
    </items>
  </channel>

  <image rdf:about="http://static.twoday.net/morbus/images/icon.gif">
    <title>Der manische Versuch Mensch zu sein</title>
    <url>http://static.twoday.net/morbus/images/icon.gif</url>
    <link>http://morbus.twoday.net/</link>
  </image>

  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4796560/">
    <title>supposed to be. 21</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4796560/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Wie sich die Menschen aneinanderreihen, Schlangen schlängelnder Leutseligkeit, wie Kind um Kind treten sie sich auf die Füße, und dann? Ein Lachen aus dem Zimmer nebenan. Ich beobachte ihre Schuhe, Sohlen, Schnürsenkel, auf dem Boden liegen zwar keine Worte, - sie verlieren sich noch in ihren Mündern, - aber trotzdem starre ich nach unten. Schweigsam, auf das Linoleum. &lt;i&gt;Kein Leben ist wie dieses&lt;/i&gt;, denke ich, und weiß nicht, was ich fühlen soll. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Krankenschwestern in ihren weißen, gestärkten Kitteln schieben das Essen in die Zimmer, und ich bin kurz vorm Ziel. Zimmer 120: ein freundliches &lt;i&gt;Guten Abend&lt;/i&gt; von drinnen, draußen echot es zurück; Zimmer 121: nichts als das Schweigen; Zimmer 122: der Besuch, der sich durch die Tür ins Freie stiehlt; Zimmer 123, - und die Welt bleibt stehen. Ich erstarre noch für einen Moment unschlüssig an der Tür, schaue nach unten, dann auf die Uhr. Danach trage ich nie wieder eine Uhr, aber in diesem Moment ist sie wichtig. Sie zeigt 18.19 Uhr. Eine Zeit, in der es, nein, nicht &lt;i&gt;es&lt;/i&gt;, in der &lt;i&gt;alles&lt;/i&gt; möglich gewesen wäre. Eine Zeit der Unschuld, vielleicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kommen Sie doch rein«, sagt die blonde Schwester, die das Tablett gerade ins Zimmer balanciert. &lt;i&gt;Kommen Sie doch rein&lt;/i&gt;, eine Aufforderung, ganz selbstverständlich. Wie sollte sie wissen, dass zwischen &lt;i&gt;hier&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;da&lt;/i&gt; gar alles liegt? Vergangenheit? Zukunft? Enttäuschung? Verlust? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abschied? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sieht ganz süß aus, mit ihren blonden Zöpfen. Ein bisschen wie Heidi, oder irgend so ein Mädchen vom Land, aus einem Heimatfilm, vielleicht zu bayrisch für meinen Geschmack. Da hilft auch das Lippenpiercing nicht. (&lt;i&gt;Reiß dich zusammen&lt;/i&gt;). Ich nicke stumm, und gehe rein. Schwanzjucken, Kopftätscheln, ein Blick auf ihren Arsch, und dann die verschmierten Fenster, - wie Popcorn im Kino verliert sich die Alltäglichkeit in solchen Momenten. Unvorstellbar, dass es wirklich &lt;i&gt;normal&lt;/i&gt; ist, dass im Hintergrund keine melodramatische Musik spielt, - ein Krankenhaus ohne Geigen gibt es nicht, - aber so ist es, &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; und nicht anders. Zimmer 123. Ein Raum wie eine Abstellkammer: ein Einzelbett, ein weißer Beistelltisch neben dem Bett, und ein kleiner brauner Holztisch gegenüber dem Bett, ein Schrank, eingefasst in eine Wand, und sonst nichts. Nur Alan. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan. (&lt;i&gt;Sprich seinen Namen aus&lt;/i&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zähle stumm bis drei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eins. Zwei. Drei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was ist das?«, fragt er, und wischt sich mit der Hand über das Gesicht. Kein Nebel. Kein Schleier. Seine Augen sind wie Spiegel allmählich erblindet. So blinzelt er der Schwester entgegen, und wehrt mit der anderen Hand das Tablett ab, das sie ihm auf den Beistelltisch stellen will. &lt;br /&gt;
»Ihr Essen«, sagt sie, und lächelt, - sie lächelt mehr in meine Richtung als in seine, »Eine Suppe mit, -- «&lt;br /&gt;
»Ich hab keinen Hunger«, erwidert er, und er klingt trotzig dabei, - so, als hätte er es schon tausend Mal gesagt.  &lt;br /&gt;
»Aber Sie müssen etwas essen«, synchronisiere ich ihre Lippen, aber sie sagt es nicht. Sie bleibt stumm. Ihre Augen funkeln noch nicht einmal. Worüber sollte sie diskutieren? Sie stellt das Tablett hin, auf den anderen Tisch, nickt mir zu, und verschwindet lautlos aus dem Zimmer. Ich bleibe stehen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan ist nicht wiederzuerkennen. Seine Arme sind bandagiert, seine Haare abgeschoren. &lt;i&gt;Kenne den Schmerz, und du wirst erlöst&lt;/i&gt;, - das sagt auch das Kreuz über dem Holztisch, aber das sieht Alan nicht. Seine Kreuze haben ihn vom Sehen erlöst, vom Denken, Leben, willkommen in der Transzendenz des Niemalslandes. Und doch sieht er zu mir herüber. &lt;br /&gt;
»Is da noch wer?«, sagt er.&lt;br /&gt;
Das ist das Cliché des Blinden. Und ich muss sagen: &lt;i&gt;Ich bin&apos;s&lt;/i&gt;, und dann herrscht Stille, und dann irgendwann sage ich doch was, und so weiter, aber es geht nicht voran. Also sage ich lieber im Vornherein nichts. Er blinzelt aus seinen Augenhöhlen, und ich weiß plötzlich, dass er sehr wohl etwas sieht, ich weiß, dass er mich erkennt, und mehr noch: ich weiß, dass er mich &lt;i&gt;braucht&lt;/i&gt;, aber ich stehe nur da. An einer Stelle. Unverrückbar wie der Baum, der da steht, wohin er gepflanzt wurde. Ich weigere mich, diesen Anblick zu akzeptieren. Ich weigere mich, diese Tatsache zu akzeptieren. Hier ist die Linie, und nicht ich habe sie gezogen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Seh ich denn so schlimm aus?«, fragt er in den Raum hinein.  &lt;br /&gt;
»Schlimmer als sonst.« &lt;br /&gt;
Er lacht, oder nein: er versucht es, aber seine Lunge zwingt ihn zum Husten, und so wird er von seinem eigenen Körper geschüttelt. Haut und Knochen schieben sich übereinander, reiben sich aneinander, und bleiben dann verschoben stehen. &lt;br /&gt;
»Meine Leber versagt«, sagt er. »Un meine Nieren sind auch am Arsch. Aber ich hatte gestern schon die Op.«&lt;br /&gt;
Es war sein Weg. &lt;br /&gt;
»Klasse«, sag ich, und das Wort schnürt mir halb und halb die Luft ab. Es war sein Weg. Seiner, ganz allein. »Bist also n kleiner Sonnenschein auf dem Weg der Besserung.«&lt;br /&gt;
»Jep.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Stille, zwischen den Worten atmet die Stille. Ich sehe ihn an. Und ich möchte zurück, nur für einen Augenblick will ich zurück, nur ganz kurz. Und auch nicht für lange. Zurück in die Kindheit, als alles noch so einfach war, und die Zukunft noch unerreichbar weit fort. Es geht nicht, ich bleibe stehen. &lt;br /&gt;
Man sagt immer, man sei ein bisschen traurig gewesen, damals, man habe manchmal geweint, und dann setzt man hinter die Geschichte einen Haken, man verarbeitet sie, man spricht darüber und fängt an, es zu verändern, - aber vielleicht bin ich darüber sogar mehr als nur &lt;i&gt;ein bisschen&lt;/i&gt; traurig, - vielleicht bin ich &lt;i&gt;richtig&lt;/i&gt; traurig, angefüllt mit so viel Salz, dass ich den Meeren ihren Geschmack zurückgeben könnte, so traurig, dass all die Worte, all meine kostbaren Worten ihren unwiderruflichen Sinn verlieren, all die Seiten nichts als Vakuum, als Stille. Aber warum? Das Alles geht mit dem Nichts diesen einen Pakt ein, und man lebt. Und man stirbt. Reicht das denn nicht? (&lt;i&gt;Nein&lt;/i&gt;). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich werde das schon schaffen«, sagt er, »Ich hab die OP ja auch überstanden. Der Rest is ganz einfach.«&lt;br /&gt;
Ich nicke, nicke mit dem Heliumballon meines Kopfes, - weit und klein ist die Welt, - und bewege mich zu ihm hinüber, ganz langsam, ganz vorsichtig, der Boden könnte wanken, die Wänden könnten stürzen, jetzt, sofort. Es könnte alles vergehen. Ich rücke dichter an das Bett heran. &lt;br /&gt;
Aus der Nähe betrachtet sieht er noch viel schlimmer aus. Rote Pusteln bedecken sein Gesicht, seine Lippen sind aufgesprungen, die Wunde an seiner Stirn eitert. Seine Hände sind keine Hände mehr. Warum ist draußen der Himmel nur so verdammt blau? Es sollte regnen. Stundenlang sollte es regnen.  &lt;br /&gt;
»Gott ist mein letzter Gedanke, und wenn ich sterbe, verschwindet die Welt, und alles wird vergessen.«&lt;br /&gt;
»Besonders meine hässliche Visage«, sag ich.&lt;br /&gt;
»Ja, ganz besonders die.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habe ich seine Hand gedrückt? Habe ich geweint? Habe ich irgendetwas Bedeutungsvolles gesagt, - oder überhaupt etwas verdammt? Ich wünschte, ich &lt;i&gt;hätte&lt;/I&gt;! Stattdessen stand ich nur da. Genügte es denn? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Draußen war es warm, und die Leute saßen in ihren T-Shirts im Grünen. Draußen war alles so, wie es sein sollte. Es gab keinen Ort des Sehnens mehr, keine Trutzburg, die man erobern musste. Ich musste keine Treppen mehr steigen, um anzukommen. Ich musste nicht den Schlüssel in der Tür umdrehen, und darauf warten, dass es geschieht. Es war alles da: Ein Universum der Angst, das mit dem Universum der Liebe verschmolz. Ein altes Ehepaar, das sich nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Falten liebt. Der letzte Sommerferientag, an dem die Zeit zerrinnt, und die Möglichkeiten doch schier endlos bleiben. Berthe auf dem Hausdach, und ihr Kirschmund lächelnd, und ihr langes Haar tänzelnd im Wind, und in der Ferne die Schwalben. Ein Schokoklecks im Mundwinkel. Ein Gefühl des Fallens, und Fliegens, eine Berührung meiner Lippen auf ihrer Haut, ihrer seidigen Haut. &lt;br /&gt;
Ich spürte nicht die Art Katharsis, die man spüren &lt;i&gt;will&lt;/i&gt;, - es tat auf eine bestimmte Art und Weise &lt;i&gt;weh&lt;/I&gt;, es schmerzte so sehr, dass ich zu atmen vergaß, aber vielleicht war das meine Art von Katharsis. Wie sollte es nicht weh tun? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich stand in meinem Pullover da, in meiner Jacke, in meinen 54 Grad Fahrenheit, in diesem weißen perfekten Raum, neben ihm, &lt;i&gt;nur&lt;/i&gt; neben ihm, und ich wusste, oder ahnte viel mehr, was alles verloren war, wie lange es brauchen würde, bis auch mich der Verlust treffen würde, und es war nicht bloß ein Nadelstich, den man mit einem Achselzucken erträgt, es war nicht bloß einfach ein &lt;i&gt;Abschied&lt;/I&gt;, es war &lt;i&gt;endgültig&lt;/i&gt;, für &lt;i&gt;immer&lt;/I&gt;, - für eine Ewigkeit, die sich nicht auf der Raum-Zeit-Konstante erstreckt, eine Ewigkeit, die nicht expandiert, weder in eine Richtung, noch in alle gleichzeitig. Es ist die Ewigkeit meines Lebens, die auch irgendwann erlischt, und vergessen wird, in nur wenigen Jahren, in ein paar Jahrzehnten. Keines der Worte wird das aufhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch. Ich sah, -- der Traurigkeit ins Gesicht? War es das? &lt;i&gt;bear the sadness of itself&lt;/i&gt;? Ich sah dem entgegen, was unweigerlich kommen &lt;i&gt;musste&lt;/I&gt;, - den Prozessen der Trauer, den gewöhnlichen Handlungen des Alltags, - das Abspülen, das Einkaufen, das Fernsehen, - und auch wenn ich vielleicht in Zukunft zögern würde, zu lieben, so würde ich es doch irgendwann wieder tun. Ich würde wieder hoffen, würde mich wieder in eine wie sie verlieben, würde wieder einem Freund helfen, - helfen bis zur Selbstaufgabe, und ich würde es trotz aller Reden nie bereuen. Aber der Moment der Katharsis verging, und ich verabschiedete mich von ihm. Eins, zwei, drei. Mit drei Worten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(&lt;i&gt;Man glaubt, man wüsste. Und dann doch nicht. Niemals&lt;/i&gt;). Nichts hast du gesehen. Hiroshima mon amour. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tod kam plötzlich. Er kommt im Nachhinein immer plötzlich. Das macht seine Grausamkeit aus. Bei Alan geschah es am nächsten Tag, irgendwann am frühen Morgen. Die Schwester dachte, er würde schlafen, - schlafen, nur für einen Augenblick. Ich hörte es erst Wochen später. Im Zug, die Cashewkerne, das viele Salz auf meinen Lippen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie nah ist die Erlösung für einen Märtyrer? Wie selbstverständlich ist die Flucht für einen Träumer? Wie hoch kann man fliegen, bevor man sich an der Sonne verbrennt? Das bleibt offen, natürlich bleibt es offen, - das ist der einzige Ausweg. Es bleibt alles offen. Letzten Endes. Das gibt den Dingen ihre Schönheit, und ihre ... Zerbrechlichkeit. Wie flüchtig das Leben ist, und wie wenig wir es begreifen, - vielleicht ist das unsere größte Schwäche. Vielleicht aber auch unsere einzige Stärke. Ich weiß es nicht. &lt;br /&gt;
Draußen, am See zieht sich das Herz zum letzten Schlag zusammen. &lt;i&gt;Still&lt;/i&gt;, flüstert es, &lt;i&gt;der Herbst kommt, und danach der Winter, und allmählich frisst das Vergessen.&lt;/i&gt; Dabei waren drei übrig. &lt;i&gt;Drei&lt;/I&gt;. Wie ein Ausruf auf dem Hochhausdach! Drei Gedanken, drei Menschen, drei Leben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und am Ende blieb nur eines. &lt;br /&gt;
Und am Ende blieb nur davon zu erzählen. &lt;br /&gt;
Und am Ende, und am Ende?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe nichts verloren. Das ist alles. &lt;br /&gt;
Ich habe nichts von all dem verloren. Es ist alles da. 
&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-25T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4765770/">
    <title>supposed to be. 20</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4765770/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Gibt es die Versprechen auf Besserung tatsächlich? Ich meine: im &lt;i&gt;echten&lt;/I&gt; Leben? Gibt es das Resultat, das sich wirklich anstreben lässt? Und nicht nur als allerletzte Instanz, sondern als erste, als einzige? &lt;br /&gt;
Jetzt huste ich, weil mir der Rauch lastend in der Lunge liegt, und ich trinke um den Geschmack zu vertreiben, dabei weiß ich, dass es nicht hilft. Weder das Husten, noch der Alkohol. Und trotzdem. &lt;i&gt;Und trotzdem&lt;/i&gt;, immer wieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin müde, meine Augen brennen. Ich habe mir gerade alte Photos angesehen. Von uns. Nein, völlig falsch. Es gibt &lt;i&gt;uns&lt;/i&gt; ja nicht mehr, - &lt;i&gt;wir&lt;/i&gt; sind nur die Einzelteile eines Puzzles, das niemand mehr zusammensetzen will; &lt;i&gt;wir&lt;/i&gt; sind Gespenster, die im Verborgenen weiter existieren, zur Geisterstunde, um Mitternacht, ohne je einander zu sehen, zu riechen, zu fühlen; &lt;i&gt;wir&lt;/i&gt; tragen kostbares Geschmeide und teure Gewänder, und fühlen nur den Wind, nur den Regen, nur die Dauer eines einzelnen Herzschlags, - eines einzelnen! Jetzt haben wir ein anderes Leben, - oder jedenfalls ist es dazu geworden, irgendwann, vor ein paar Jahren. Hätten wir anders entschieden? Hätten wir in der Kindheit einen Traum weniger geträumt, wenn wir es gewusst hätten? Gäbe es mich noch, wenn nicht ich den Auslöser gedrückt hätte, sondern jemand anderes? Wer würde da jetzt liegen? Draußen, am See? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal träume ich davon. Manchmal erinnere ich mich falsch. Manchmal belüge ich mich selbst, um es besser zu machen. Dabei sind all die Träume, und Erinnerungen und Lügen die eigentlichen Fehler. Aber was soll man denn tun? Wie geht es anders? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sitzt jetzt in diesem Ohrensessel, und schaut mich an. &lt;i&gt;Beende es,&lt;/i&gt; sagen seine blauen Augen, und dann verblasst sein Körper zu Staub. Was soll ich beenden? Er ist kollabiert. Er ist gestorben. Mehr kann ich nicht sagen. Auf die ein oder andere Art sind wir alle gestorben, damals, in einer anderen Welt. Im Zimmer 123, im zweiten Stock, durch einen Korridor, durch einen Vorhang tastend, - was soll man da noch sagen? Es ist vorbei? Nichts ist wirklich vorbei. Wir wechseln nur den Aggregatszustand. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal bin ich so müde. Da sehe ich zum Fenster raus, zu all diesen Starbuckspappbechern, zu all diesen McDonalds-Tüten, die im Brackwasser in der Gosse schwimmen, und denke zurück, zurück, ans echte Leben, zurück an den See, zurück an die Liebe, - ich denke an all das zurück, was ich nie hatte. Stattdessen sind da diese leeren Stellen, diese weißen Flecken unbenutzter Lebendigkeit, nur ein Schaukeln unter Bäumen, und ein Biss in die Tollkirschen, -- &lt;br /&gt;
Atropos, -- &lt;br /&gt;
Scherenschnitte. &lt;br /&gt;
Wie verabschiedet man sich richtig? &lt;br /&gt;
Natürlich gibt es Bücher, die einen mit schlauen Aufarbeitungstipps versorgen, es gibt Psychotherapeuten, und Selbsthilfegruppen, es gibt Musikseminare, aber letztlich ist ein Verlust doch unüberwindbar, oder nicht? Die Traurigkeit wird Teil des Lebens, - sie fügt sich in die Summe, sie ist wie eine Note einer Melodie, nur ein einzelner Ton, und trotzdem so stark wie ein ganzes Lied. Solange wir nicht vergessen, bleibt etwas zurück, - etwas, das nicht &lt;i&gt;verarbeitet&lt;/i&gt; werden kann, nein, mehr noch: etwas, das nicht verarbeitet werden &lt;i&gt;will&lt;/i&gt;. Warum auch? Lebe, weil du leben &lt;i&gt;darfst&lt;/i&gt;, aber sterbe, weil du sterben &lt;i&gt;musst&lt;/i&gt;. Sagt man &lt;i&gt;Lebwohl?&lt;/i&gt; Oder sagt man: &lt;i&gt;Bis bald&lt;/i&gt;? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Ich sehe dich so deutlich vor mir. Einen jungen Mann, der das Leben verdient hätte. Und der es doch nicht bekam. Du warst nicht abrupt aufgestanden, als wir über die Nazis sprachen, - du hast mich nur angesehen, aus deinen strahlenden Augen, hast mich&lt;/i&gt; nur&lt;i&gt; angesehen, und ich wünschte mir, ich könne wütend auf dich sein, dabei war &lt;/i&gt;ich&lt;i&gt; es, der stundenlang gesprochen hatte, - mein Mund war trocken, und ich hatte mir auf die Lippe gebissen, - über die Schuld unserer Großväter, und Väter, und auch über unsere eigene Schuld, und irgendwann war ich ganz schrecklich ungerecht geworden, dir gegenüber, und vielleicht auch mir selbst gegenüber, aber das wollte ich nicht zugeben, und so saß ich da, mit funkelnden bösen Augen, und starrte dich an. Ich wollte böse sein, aber du hast nur gelächelt, du hast gottverdammt nur gelächelt. &lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sitze jetzt in meiner verrauchten Kleidung am Fenster, und versuche mich an die Einzelheiten zu erinnern, ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie wir Kinder waren. Kleine schmächtige Jungs, die auf abschüssigen Straßen Fahrradfahren lernten, immer gerade aus, und runter, die Beine hoch, weg von den Pedalen, und hinunter, dem Wind entgegen. Auf Schaukeln wippend, unter dem Baum, gegenüber vom See, als die Sonne schräg stand, und die Fenster zu eigenen Sonnen wurden; damals, als Claire sich ein T-Shirt batikte, in gelb und grün und blau und pink, und die Kirschen glitzernd zwischen unseren Lippen zerplatzten. Und wir wurden älter, die Landstraßen reichten nicht mehr aus, sie wurden immer kürzer, und die Welt schrumpfte, und das Korn wogte nicht mehr hoch genug. Hinaus, hinaus, aufs Meer hinaus, - dorthin, wo das Glück ist. &lt;br /&gt;
Wie wir jünger waren, und schlaksig. Gemeinsam entdeckten wir: Haare an Stellen, wo vorher keine waren; Berührungen, die man später nicht mehr teilte; Gedanken, die allein zu grausam waren, um gedacht zu werden, zusammen aber auf der Hirnhaut prickelten. Keine Gefahr, der man auf dem Rummel nicht widerstand. Die erste Schlägerei, und Schürfwunden an den Handgelenken. Bier. Frauen, und die Liebe. Wir schnürten uns einen Rucksack, und wollten in die weite Welt, und dann war Mittwoch, und es fuhr kein Zug. Nicht nach Mitternacht. &lt;br /&gt;
Wie wir älter wurden. Du wurdest nicht so groß wie ich, aber dafür blieb ich schlaksig. Die Revolution erfand man im Sex, und die Liebe im Alkohol, und beides endete oft mit einem bösen Kater. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Du trägst diese schwarze Jacke, und lächelst in die Kamera. Neben dir steht Berthe, sie hat ihren Kopf auf deine Schulter gelegt, und ihre Hand berührt sachte deine Brust. Die Sonne scheint euch beiden ins Gesicht. Es ist Sommer, es &lt;/i&gt;muss&lt;i&gt; Sommer sein, sonst ergäbe all das keinen Sinn.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist nur passiert? Es ist jetzt fünf Jahre her, und ich weiß nicht mehr, wie es passieren konnte. Die Zeit hat es nicht besser gemacht. Ich habe so vieles über Berthe geschrieben, dabei ging es nie wirklich um sie. Es ist alles falsch, in der falschen Reihenfolge, in der falschen Zeit, es sollte &lt;i&gt;seine&lt;/i&gt; Geschichte sein, dabei ist er nie wirklich &lt;i&gt;da&lt;/i&gt;, er ist nie präsent. Überall heißt es nur: &lt;i&gt;Zähl deine Wunden, und du verstehst&lt;/i&gt;, aber ich verstehe es nicht; ich bin narbenlos. &lt;br /&gt;
Ich habe oft versucht zurückzugehen, habe versucht, mich durch die Träume in die Vergangenheit zu zwängen, und es zu ändern, mit jedem Wort, mit jeder Berührung, ich habe versucht, das Unglück aufzuhalten, und manchmal hat es tatsächlich funktioniert, - nur irgendwann bin ich schließlich aufgewacht. Und du warst einfach nicht mehr da. Die Frauenstimme sagte, die Nummer sei nicht vergeben. Das Handy schickte mir meine SMS zurück. Keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wohin gehört man, wenn die zweite Hälfte fehlt? Wohin gehört man, wenn die Märtyrerpsychopharmaka die Märtyrer kriegt? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch ein Bild. Noch eine Zahl. &lt;br /&gt;
Dann habe ich alles endlich aufgebraucht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich bin frei.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-18T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4760234/">
    <title>supposed to be. 19</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4760234/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Die Straßen wurden erst matschig, und dann schmolz auch der Matsch, und niemand schlich mehr über die Gehsteige. Der Schnee verschwand irgendwann. Das ist mir geblieben. &lt;i&gt;Der Schnee verschwand&lt;/i&gt;. All das Eis wurde wieder zu Wasser, und versickerte unbemerkt am Straßenrand. Niemand war da, um es aufzuhalten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie saß an seinem Fenster, den Kopf an das Glas gelehnt, und auf dem Schoß eines ihrer Bücher, &lt;i&gt;Tous les hommes sont mortels&lt;/i&gt; von Simone de Beauvoir, und vielleicht war sie nie glücklicher als jetzt, als in diesem Moment. Die Sonne, die den Schnee vertrieb, verfing sich in ihren Haaren, und sie lächelte als ich das Zimmer betrat.  &lt;br /&gt;
»Da bist du ja«, sagte sie. &lt;br /&gt;
»Ja, tschuldige, ich musste noch was besorgen.«&lt;br /&gt;
Ich kramte aus meinem Rucksack das Geschenk heraus, und gab es ihr ohne ihr in die Augen zu sehen. Sie strahlte, wie sie strahlte! Mit der Sonne im Nacken, und dem feuchten Glanz der Straßen. Sie überstrahlte alles. Meine Augen konnten sie nicht fassen. &lt;br /&gt;
»Was ist es?«&lt;br /&gt;
»Mach&apos;s doch einfach auf«, sagte Skeleton. Er lag auf dem Bett. &lt;br /&gt;
Als wäre es der Startschuss gewesen, riss sie das Papier auf, - es zeigte abstrakte Linien, und Kreise, - und förderte eine kleine Schachtel zutage, blau und samtig, mit einer goldenen Krone darauf, umrankt von Lorbeeren. Sie öffnete sie, und hielt inne, eine Sekunde, zwei, drei. &lt;br /&gt;
»Was ist das?«&lt;br /&gt;
»Erkennst du&apos;s nicht?«&lt;br /&gt;
»Na ... doch, aber. Das ist. Ich weiß von &lt;i&gt;wem&lt;/i&gt; das ist. Aber wie kannst du. Ich meine.«&lt;br /&gt;
»Mach&apos;s doch mal dran«, sagte Skeleton, und grinste. Ich hatte mit ihm darüber gesprochen; er wusste alles. &lt;br /&gt;
»Das wäre doch &lt;i&gt;wirklich&lt;/i&gt; nicht nötig. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«&lt;br /&gt;
Sie nahm das silberne feingliedrige Kettchen heraus, betrachtete es eine Weile, und machte es dann, nach einem weiteren Zögern, an ihrem Handgelenk fest; es funkelte kühl im Sonnenlicht. »Es ist echt schön, es ist. Ich kann das nicht annehmen, echt nicht, weil.« &lt;br /&gt;
»Shht«, machte ich. »Es ist deins, halt&apos;s in Ehren, wenn&apos;s dir gefällt, - falls nicht, naja, dann verschenk&apos;s weiter.« &lt;br /&gt;
Sie nickte, und lächelte dabei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kettchen ging verloren; sie sollte es später nicht mehr finden, sie sollte es nicht mehr tragen. Vermutlich war es in ihrer Nähe geschmolzen, versickert am Straßenrand, vergessen mit der Zeit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später an diesem Tag, als Berthe schon bei der Spätschicht war, saßen Skeleton und ich zusammen in einem Café, drüben in der Nähe des Schlosses. In der Vergangenheit hatten wir oft in diesem kleinen Café gesessen, dieses war das letzte Mal vor dem letzten Akt. Das Café selbst war ganz und gar auf französisch gemacht, mit gußeisernen Stuhllehnen und weichen grünen Kissen, mit gußeisernen Tischen mit Mosaikmustern, mit dezenten Farbtönen an den Wänden und grünen Markisen. Es roch immer nach frischem Kaffee und Kuchen, nach Baisers und Éclairs, nach Moccabohnen, nach einem Versprechen auf reinen Genuss, - daher nannten wir die Frau, der das Café gehörte, auch &lt;i&gt;Madame Sybaritisme&lt;/i&gt;, - und im Hintergrund spielten die Chansons einer vergessenen Zeit, &lt;i&gt;padam, padam&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«, fragte ich. &lt;br /&gt;
Skeleton schaute nicht auf, - er hatte sich eine Zeitung vom Stapel genommen, und hatte sie praktisch über den ganzen Tisch verteilt. &lt;br /&gt;
»Alan. Hörst du mir zu?«&lt;br /&gt;
»Ehrliche Antwort?«&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
»Nein.«&lt;br /&gt;
»Danke, du Affe.«&lt;br /&gt;
»Keine Ursache.«&lt;br /&gt;
»Ich frage dich aber jetzt ernsthaft, also hör mir nur kurz zu.«&lt;br /&gt;
»Bitte«, er schlug demonstrativ die Seite um, die er gerade gelesen hatte. »Bin ganz Ohr.«&lt;br /&gt;
»Glaubst du, es hat ihr gefallen?«&lt;br /&gt;
»Was?«&lt;br /&gt;
»Verdammt, das Armband, wasn sonst?«&lt;br /&gt;
»Bin ich eine Frau?«&lt;br /&gt;
»Nein.«&lt;br /&gt;
»Sehe ich aus wie eine Frau?«&lt;br /&gt;
»Ein bisschen, ja, aber, -- «&lt;br /&gt;
»Was ich damit sagen will, ist: Ich weiß es nicht. So wie sie &lt;i&gt;ausgehen&lt;/i&gt; hat, hat sie sich gefreut, ja. Also wird es ihr auch gefallen haben.«&lt;br /&gt;
»Das ist sowas von keine qualitative Aussage.«&lt;br /&gt;
»Sei Es zufrieden, Es bekommt keine weitere.« Er schlug die Zeitung wieder auf, und begann zu lesen. Er wirkte wie früher, - warum wirkte er wie früher? War es nicht die Zeit, in der er am schlimmsten dran war? Hatte er nicht seine Kunden, jeden Mittwoch ab 19 Uhr? Ja, er nahm weniger als sonst, natürlich ein Quantensprung, aber reichten diese Männer denn nicht aus, um ihm all das zu nehmen, all das zu zerstören, was die Drogen heilgelassen hatten? Er wirkte so unverletzt, so gesund, trotz seiner Blässe und den Narben an den Handgelenken, trotz den geröteten Augen, trotz den aufgebissenen Lippen, trotz der strähnigen Haare. Er wirkte gesund, - und war doch viel weiter weg davon als jemals zuvor. Ich wusste nichts, gar nichts wusste ich, - es war viel zu spät, als ich die Dimension erkannte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaubst du, wir können nach Italien, - im Sommer?«&lt;br /&gt;
»Was?«&lt;br /&gt;
»Nach Italien. Im Sommer.«&lt;br /&gt;
Er schaute wieder auf. »Diesen Sommer?«&lt;br /&gt;
»Ja, warum nicht?«&lt;br /&gt;
»Das geht nicht.«&lt;br /&gt;
»Was? Warum?«&lt;br /&gt;
»Ich hab zu tun.«&lt;br /&gt;
»Was hast du denn bitte zu tun?«&lt;br /&gt;
»Das geht dich nichts an.«&lt;br /&gt;
»Seit wann das denn?«&lt;br /&gt;
»Seit ich wieder gehen und zusammenhängende Sätze sprechen kann.«&lt;br /&gt;
»Seit voriger Woche also?«&lt;br /&gt;
»Ich will darüber nicht reden.«&lt;br /&gt;
»Alan.«&lt;br /&gt;
»Im ernst, lass mich in Ruhe.«&lt;br /&gt;
»Okay, werden wir ja dann sehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Luft war opak, und dick, und es roch nach Vanille. &lt;br /&gt;
Der Schnee verschwand. Im Sommer war Alan tot. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[Bald ist es zu Ende].&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-15T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4759416/">
    <title>supposed to be. 18</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4759416/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;&lt;i&gt;Zwei&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist manchmal so einfach, die Kontrolle zu verlieren. Gib auf, und du wirst, was du gewesen bist. Nur was ist das? Was sind wir schon, und was &lt;i&gt;waren&lt;/i&gt; wir? Setz das in Relation zur Logik, und wir sind nicht mehr als das A, nicht weniger als ein B; dann sind wir nur die Summe all der Cs, die aus den Ds entstehen, und alles, was von deinem Leben übrig bleibt, sind die Frequenzfragmente im Weltraum, ein Grabstein, der verwittert, und eine Zahl, die dein ganzes Leben in einen Rahmen zwängt, in ein paar Jahrzehnte der Ungewissheit, ein paar Atemzüge, und schon ist es vorbei; man geht daran vorüber, und streicht mit den Fingerspitzen den Staub der Jahre fort, fort und zur Seite, und: &lt;i&gt;Erinnerst du dich?&lt;/i&gt; Nein, eben nicht. Wen kennt man denn schon genau, an wen erinnert man sich &lt;i&gt;richtig&lt;/i&gt;, welches Bild stimmt im Nachhinein zu hundert Prozent? Ist die Erinnerung nicht in Wirklichkeit nichts anderes als eine billige Hure, die uns regelmäßig mit &lt;i&gt;den&lt;/i&gt; Freiern betrügt, die sie auch am Besten bezahlen? Und welche Bezahlung ist schon besser als die Lüge? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist, wenn ich mich falsch erinnere? &lt;br /&gt;
(Vorwärts! Spul den Film zurück zum Ende!) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es endet mit einer Kleinigkeit: Ich aß, -- aß ich im Zug gesalzene Cashew-Kerne? Ich weiß es nicht mehr, aber ich erinnere mich daran; ich sehe es aus einer Perspektive, die unmöglich stimmen kann, schräg von links, wie durch das Fenster hindurch, - aber ich schmecke noch ihr Salz auf meinen Lippen. Oder ist es nichts als die Geschmacksleere, - nichts als das Vakuum. &lt;I&gt;Sieh raus&lt;/i&gt;, und ich sehe mich selbst vorüberrauschen, zur Schreckensfratze verzerrt, - hail, horror vacui!, - und es ist noch lange nicht vorbei. Nichts ist richtig. Es ist alles falsch herum. Ich blinzle ein paar mal mit meinen Augen, um das Bild zu korrigieren, um nicht wieder hemmungslos zu heulen, und dann, -- &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blaue Augen, blaue Ozeanaugen, die nichts sahen in Hiroshima. Hiroshima, Hiroshima, mon amour. Und es war nie ein Versehen. Man rutscht nicht ab, man hat nie den freien Fall aus tausend Metern Höhe, - man stürzt nach oben, hinauf, immer der Sonne entgegen, und dann schmelzen plötzlich die wächsernen Flügel, und die Federn verpuffen, und nichts geschieht, nichts als ein Leben mit weißen Tabletten, und Wein. Hat sie nicht ein anderer geliebt, ein anderer besessen; hat nicht ein anderer die Räder zerstochen, und gesagt: &lt;i&gt;Willkommen Gegenverkehr&lt;/i&gt;!, und dann hat das Licht geblitzt, - und sie wurde verschlungen. Jemand schreit: &lt;i&gt;Lebensgefahr! V O R S I C H T! man kann das Leben vermeiden.&lt;/i&gt; Aber auch das ist gelogen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wusste nicht, wie er sich seine Drogen verdiente. Wie sollte ich das auch wissen, wo doch alles so eindeutig war? Man denkt, als Protagonist wüsste mal als erster davon, aber es stimmt nicht; gerade als erste Geige hört man nie den Klang der anderen Instrumente. Wo es doch ein Tag am Meer war, und es das Kinderlachen gab, wie aus der Ferne, - oder war es nur das grässliche Schreien der Kinder vom Bahnhof Zoo, die über der Illusion der Normalität ihren Verstand verloren haben, wie man früher Teer und Federn verloren hat, auf anderen Menschen? Als letzte Berührungen auf deinem Gesicht, als letzte Ruhestätte der unermüdlichen Bewegungen, die dich aufgerieben hat, - was blieb da? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren wir die zwei korrodierenden Systeme? Herz und Verstand. Leib und Seele. Freundschaft und Liebe. Ein Scherz, ein Scherz, ein letztes gackerndes Lachen des Crystal-Meth-Abhängigen auf der Straße, der in Wirklichkeit &lt;i&gt;dein&lt;/i&gt; Gesicht wie eine Maske trug, und nicht das meine. Was hast du mit &lt;s&gt;ihr&lt;/s&gt; mir angestellt? Was hast du nur getan? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich aß Cashew-Kerne im Zug, und draußen schien die Sonne, und auch wenn ich nicht mehr wollte, so musste ich trotzdem zurück nach Hause, in die kleine Mansarde über den Dächern der Stadt, die ich mir über den Sommer gemietet hatte, und es gab unzählige Verpflichtungen, unzählige geschickt gelegte Stolperfallen, und ich kehrte aus Paris zurück, kehrte aus meinem kleinen Abenteuerroman zurück in die wirkliche Welt, weil ich dachte, ich wäre stärker geworden, hätte bei Rahel mehr Gelassenheit gelernt, und da rief sie mich also an, - Berthe, die Ikone des Todes. Ihre Stimme war weinerlich, und sie schniefte die ganze Zeit in den Hörer, und auch wenn ich nicht sofort verstand, um was es ging, war ich trotzdem sofort alamiert. Alamiert? Was für ein pathetisches Wort, - als hätte ich rotes Sirenengeheul gehört. Dabei war es viel subtiler, viel schrecklicher; als unsichtbare Stimme trug sie über die Entfernungen hinweg die Klagen der Vergangenheit. Ich dachte an die Schere in ihren großen Händen. Wie weit treibt uns die Verzweiflung? Wie weit gehen wir für die Vergeltung? Wer war der Körper unter der weißen Decke? Ihr langes Haar, - als Tang umwickelte es ihren Körper unter der See. Gebilde aus Licht und Schatten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gerät alles außer Kontrolle. Nichts lässt sich ordnen. Ich habe zurückgesehen, und nun bin ich zu Salz erstarrt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Zähl weiter, zähl endlich weiter.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-12T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4751337/">
    <title>supposed to be. 17</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4751337/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;»Wofür?«, sagte ich, nein: sagte er. Ich klappte nur die Fenster auf, und ließ den kalten Ostwind herein. Draußen rauschten die Bäume, kahl klapperte ihr Geäst, - &lt;i&gt;wie selbst noch in der Leere ein Geräusch entsteht&lt;/i&gt;, dachte ich. Auf der Straße vor dem Haus eilte ein Mann einem anderen hinterher, und beide lachten; da schob eine Mutter ihren himmelblauen Kinderwagen aus einer Bäckerei, und reichte dem Kind darin eine Bretzel; ein Hund lief in der Ferne mit seinem Herrchen, und sonst flogen nur Schwalben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wofür«, echote er, nein: echote ich, und drehte mich zu ihm um. Skeleton lag in seinem weißen Königreich, in seinem Bett aus Wolken und Schwerelosigkeit, und für einen Moment, vielleicht nur für eine Sekunde, eine einzelne!, da erschien er mir wie früher. Dann zerschlug seine Stimme diese Illusion: »Ja, wofür?« &lt;br /&gt;
»Was wofür?«&lt;br /&gt;
»Na ... wofür dieses Leben?«&lt;br /&gt;
Ich seufzte, und stellte die Flaschen klirrend in eine der Ecken; ich zählte sie stumm. &lt;br /&gt;
»Wie kommste denn jetzt schon wieder auf so ne Frage?«&lt;br /&gt;
Er blinzelte reibend seine Augen, und versuchte entschuldigend zu lächeln, aber seine Lippen zogen sich nach unten, - so, als könnten sie die Last des Lächelns nicht mehr tragen. »Es ist die entscheidenste aller Fragen, mein Freund.«&lt;br /&gt;
Zwölf Flaschen Vodka, drei Flaschen Rotwein, dreizehn Flaschen Bier, zwei Flaschen Absinth. Ich räumte sie alle in die Ecke. Klirrend. So klingt der Schmerz. &lt;br /&gt;
»Das weiß ich auch nicht«, sagte ich. &lt;br /&gt;
»Natürlich weißt du&apos;s. Wenn nicht du, wer sonst?« Er versuchte zu lachen, aber es war mehr ein Husten als ein Lachen. Versagte ihm zu diesem Zeitpunkt schon, -- nein, nein, unmöglich, es ist dafür noch viel zu früh. Nur ein Husten, es war &lt;i&gt;nur&lt;/i&gt; ein Husten wie jeder ihn hat, frei von Blut, frei von plötzlichem Versagen. &lt;br /&gt;
»Ich weiß es nicht«, wiederholte ich gedankenverloren. &lt;br /&gt;
»Du musst es mir aber sagen«, schrie er plötzlich, und ich hörte abrupt auf, die Flaschen zu sortieren. »Du &lt;i&gt;musst&lt;/i&gt;!« &lt;br /&gt;
Waren das Tränen in seinen Augen? Er hatte nie geweint, - niemals, nicht nach dem Autounfall, nicht nach dem Tod seiner Mutter, nicht nach dem Verglühen seines Körpers, nicht nach der Sache mit Berthe. Skeleton hatte keinen Tränen gekannt. Und Alan, - erinnere ich mich heute so falsch, dass ich selbst Alan seine Tränen abspreche? Als Mann. Als Mensch. Sehe ich in &lt;i&gt;ihm&lt;/i&gt; das eigentliche Phantom, - selbst heute noch?  &lt;br /&gt;
»Ich weiß nämlich keinen Grund mehr«, schrie er, »Verdammt, ich sehe nichts, überhaupt! nichts! mehr! Mir ist, als hätte ich alles verloren, alles!, selbst dich, du blöder Bastard. Warum machst du das überhaupt noch, - nach allem? Du musst doch irgendeinen &lt;i&gt;Grund&lt;/i&gt; haben, irgendwas, das es dich tun lässt. Also sag mir: wofür?!« &lt;br /&gt;
»Verdammt, Alan, ich weiß es nicht«, fuhr ich ihn an. »Ich bin doch nicht allwissend, - wenn ich irgendeinen Grund für dieses Leben wüsste, dann hätte ich ein Buch darüber geschrieben. Ich hätte den Menschen gesagt: &lt;i&gt;Seht her, dafür lebt ihr, - also strebt danach&lt;/i&gt;, und es wäre trotzdem vermessen gewesen. Niemand setzt den Sinn für einen anderen Menschen, man setzt ihn sich, -- «&lt;br /&gt;
»Hör mit diesem pseudointellektuellen Scheiß auf. &lt;i&gt;Sinn setzen&lt;/i&gt;, Sinn?« Das Knochengestell seines Körpers bäumte sich auf, und er riss sich in einer einzigen fließenden Bewegung die Decke vom Leib; darunter lag der lebende atmende fühlende Leichnam, darunter lag Skeleton in seiner ganzen schrecklichen Plastizität; die teilweise verkrusteten, teilweise abgeheilten Narben überdeckten seinen Körper, seine Brust, seine Beine, seine Arme, - es wirkte alles nässend, und schwärend, auch wenn er sich schon seit Monaten keine Verletzungen mehr zugefügt hatte; seine Rippen, sein Brustbein, die Schlüsselbeine, Hüftknochen, alles stach heraus, aus diesem Bisschen Haut und Knorpel, und wirkte so hart, so unmenschlich, - wie hatte es nur sein Gesicht geschafft, sich zum Teil so gut zu erhalten? Im Vergleich, &lt;i&gt;im Vergleich&lt;/I&gt; zu was? Hier lag ein Märtyrer, geboren aus weißem Staub, gepresst zu Tabletten mit Kreuzemblem, geschluckt in roten Wein, oh, du Dionysos, nahmst mir meine Atropos, meine Tollkirsche, mein Herz, mein Leben. &lt;br /&gt;
»Ich setze mir meinen Sinn nicht«, schrie er. »Niemand tut das. Wir leben nur, gottverdammt, und sterben.« Nach einer kurzen Pause fügte er leiser hinzu: »&lt;i&gt;Ich&lt;/i&gt; sterbe.«&lt;br /&gt;
Draußen klapperten die Bäume, draußen war die Welt, und hier drin war nichts echt. Dieses Zimmer gab es nicht, mich nicht, ihn nicht, alles gelogen. Alles, wäre es doch nur gelogen. Ich spürte mein Herz dumpf und träge schlagen. &lt;br /&gt;
»Wir alle müssen sterben«, sagte ich zynisch, »Und da du endlich erkannt hast, wie es um dich steht, kannst du ja eventuell damit aufhören, dich zugrunde, -- «&lt;br /&gt;
»Nicht, wenn du mir nicht sagst, wofür! Nach allem. &lt;I&gt;Nach allem&lt;/i&gt;, verstehst du nicht?«&lt;br /&gt;
»Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es nicht.«&lt;br /&gt;
»Dann lüg mich an!«&lt;br /&gt;
»Für die Liebe lohnt es sich zu leben«, fing ich an, »Selbst dann, wenn sie dir dein Herz bricht. Für die Freundschaft lohnt es sich zu leben. Selbst dann, wenn sie dich verrät.«&lt;br /&gt;
»Sei nicht so allgemein«, sagte er. &lt;br /&gt;
»Für frischen Kaffee, Alan, für frisch gemahlenen Kaffee lohnt es sich zu leben; für einen Tag am See, wenn die Sonne niedrig steht, und die Ufer golden färbt, lohnt es sich zu leben; für eine Schale frischer Kirschen, die man auf einem Hausdach isst und deren Kerne man in eine Gasse spuckt, und für einen Kuss, der nach Sommerversprechen schmeckt. Es lohnt sich zu leben, um die Schwalben beim Flug zu beobachten, - Schwalben, die auch genauso gut Tauben sein könnten, oder Amseln, was weiß ich; ihre Flügel tragen sie höher noch als unsere Augen sehen können, und dann stürzen sie hinab, - um ihre schwerelose Freiheit zu erleben, lohnt es sich zu leben. Für alte Schwarzweißfilme, die im Hintergrund rauschen, und für Hände, Alan, für menschliche Hände lohnt es sich zu leben; sie sind nämlich die reinste Perfektion, weißt du? Für das da draußen, für das hier drinnen, für &lt;i&gt;Les Faux-Monnayeurs&lt;/i&gt;, für &lt;i&gt;Der Menschen Hörigkeit&lt;/i&gt; für &lt;i&gt;Hamlet&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Romeo und Julia&lt;/i&gt;, für einen Tag im Park, wenn man mit bloßen Händen Chop Suey aus Pappschalen isst, und die Leute einen für &lt;i&gt;schräg&lt;/i&gt; halten, für die neunte Symphonie von Beethoven, für Janis Joplin und Jim Morrison, für ein Theaterstück, das Jimmy in Legginhosen spielen muss, - nur für unser Lachen danach. Für das Bessere. Für das Leben selbst, - weil wir es als einziges ganz besitzen, für mich. Für Berthe.« Ich hatte während dem Reden nach draußen gesehen, auf die Straße, auf das gegenüberliegende Haus, mit seiner beigen Fassade, und ich wünschte, ich hätte ihm dabei ins Gesicht sehen können. &lt;br /&gt;
»Aber weil alles ist, wie es ist, bewegt sich nichts. Nichts. Außer das Herz. Außer der Planet. Um uns herum: ein Universum der Bewegung, aber wir selbst bleiben stehen. Wir bleiben still. Wir bewegen uns nicht«, sagte er. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später holte ich meine Tasche aus einem Spint am Bahnhof, und saß im Zug in Richtung Paris. Ich hatte nicht viel mit genommen, nur ein Bisschen Wäsche zum Wechseln, so viel Geld wie hatte, und ein rotes Reclambuch. &lt;i&gt;Sieh nicht zurück&lt;/i&gt;, sagte das Herz. &lt;i&gt;Sieh nicht zurück.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
Es regnete nicht, wie es eigentlich sollte; die Sonne schien am wolkenlosen Himmel. Und wofür, all das? Wofür?&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-09T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4749600/">
    <title>supposed to be. 16</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4749600/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Zu dritt in den Unruhen der Stadt, zu dritt im Stakkato der Welt, zu dritt im weißen Rauschen der Nacht. &lt;br /&gt;
Hier. Das war irgendein Club am Rand der Stadtkarte, zwischen niedrigen Häuserschluchten und ein paar Ahornbäumen versteckt, wo es nachts nach kalter Asche roch, und auch nach Schweiß. Ein Laden voller Plastikschalensitze in mattem Grau, und Diskokugeln, denen  ein paar Spiegelscheiben fehlten; der Boden war klebriges Katzengold, von tausend Füßen abgetreten, und an den Wänden hingen Flachbildschirme, auf denen abwechselnd Männer und Frauen in Großaufnahmen tanzten. Am Tresen stand ein Kerl im Achselshirt, der in seiner absoluten Freundlichkeit gegenüber jedem, - &lt;i&gt;Ja, bitte, gerne, natürlich, ganz wie du willst, mach ich gerne, selbstverständlich&lt;/i&gt;, - völlig gelangweilt wirkte; routiniert, aber gefühllos. Im Hintergrund lief &lt;i&gt;September&lt;/i&gt; von Earth Wind &amp; Fire. Das ist die Welt, - nichts als eine Aufzählung von Dingen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich saß am Tresen und trank mein, - was? drittes Glas Absinth? Vielleicht war es auch schon mein viertes. Oder mein fünftes. Ich weiß nicht mehr. Der Kerl auf der anderen Seite versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, - ich war ja auch der einzige am Tresen, und ich ließ es mehr oder weniger geschehen. Er hätte ein Buch über Einstein gelesen, sagte er, und er fände die Zeit-Raum-Konstante so interessant, sagte er. Dann nickte er und lächelte mir zu, - nur mit dem rechten Mundwinkel, - und für einen Moment glaubte ich, er würde mich tatsächlich anmachen. In seinem Blick lag irgendetwas Schmutziges, Schmieriges, - es war so die Art von Blick, die man Pornoproduzenten zutraut, und vielleicht hätte ich ihm mit mehr Alkohol auch eine verpasst. Wahrscheinlich eher nicht. Stattdessen mmhte ich zurück, und beließ es dabei. &lt;i&gt;Zeit-Raum, Raum-Zeit&lt;/i&gt;, dachte ich, &lt;i&gt;Was ist da der Unterschied?&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
Kann man das überhaupt begreifen? Ein Zeiger, der über flache Flächen tickt. Eine Erdumdrehung mehr, ein Kreisen weniger um die Sonne. Würden wir es denn bemerken, wenn die Erde stillstände? Würde ein Ruck durch die Welt gehen, und Vasen von Kommoden fallen, - würden Bilder von den Wänden knallen, und Tassen, und Teller aus den Regalen kippen? Würden wir altern, wenn die Erde sich nicht drehte? Woher wüssten wir, wie viel Zeit vergeht? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht sitze ich noch dort, jetzt gerade. In der Gegenwart. Berthe und Skeleton tanzen. Tanzten? Saß ich an einem anderen Abend hier? Sie tanzt, und er steht unweit daneben und greift sich ein paar Mal an den Sack. Das macht er gerne, wenn er geil wird. Rückwärts, geh zurück, - es geht nicht. Je mehr Drogen man konsumiert, desto unklarer wird das Bild, das man von der Vergangenheit hat. Von der Gegenwart. Vom eigenen Ich. Wer bin ich? Führe ich irgendein Leben, das völlig unverstanden blieb? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dem Tanzen konnten wir uns nicht missverstehen. Es gab einfach keinen Verstand, es gab kein Bewusstsein für die Leistungsmerkmale unseres Scheiterns. Es gab nur den Körper, nur die Bewegung, Reibung, die auf andere Reibung trifft. Das waren mechanische Gesetze, unser logisches Gebet:  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Discordia unser auf Erden, &lt;br /&gt;
geheiligt werde dein Chaos. &lt;br /&gt;
Dein Pathomechanismus komme.&lt;br /&gt;
Deine Apoptose geschehe, wie im Herzen so im Stammhirn. &lt;br /&gt;
Unser tägliches Erlangen verwehre uns heute. &lt;br /&gt;
Und erdrücke uns im unerträglichen Streben nach Glück, wie auch wir erdrücken unser Leben.  &lt;br /&gt;
Und führe uns in die Verzweiflung, &lt;br /&gt;
und erlöse uns von der Hoffnung. &lt;br /&gt;
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. &lt;br /&gt;
Amen. &lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eins. &lt;br /&gt;
Eins. Nichts sonst. Ich sitze am Tresen und zähle bis eins. Wie ein Sturm, der durch die Stadt fegt, und Dachziegel mit einem einzelnen Hauch von den Giebeln reißt. &lt;i&gt;Eins.&lt;/i&gt; Wie das Meer, das sich drohend von der Küste zurückzieht, um in einer einzelnen Woge den Strand zu begraben. &lt;i&gt;Eins.&lt;/i&gt; Wie die Wolken zieht es sich zusammen, wie das Dunkel, das sich hinter unserem Rücken erhebt, sobald wir alleine die Treppen hinab in den Keller steigen, - undurchdringlich, und klebrig, wie Sirup bleibt es am Herzen hängen, wie Teer frisst es sich in uns hinein. Die Eifersucht. Der Zorn. &lt;i&gt;Eins&lt;/i&gt;, - ein erster Akkord, ein erster Kuss, ein erstes Wort. Fege, Wind, fege, wie ein Besen reinigst du die Welt. Von ihr. &lt;i&gt;Eins&lt;/i&gt;. Nichts soll von &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt; bleiben, nichts als die letzte Berührung auf meiner Haut, ein Geruch in meinem Haar, und dunkel ist die Welt. Vertilgt, die Liebe. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zerbreche. Gegenwart, Jetzt-Sein. Ich zerbreche das Glas in meiner Hand, und die Scherben teilen meine Hand wie die Schere ein Blatt Papier. Der Kerl im Achselshirt schaut mich erschrocken an, und fragt, ob es mir gutginge, und Tropfen für Tropfen Blut, rubinrot und funkelnd, benetzt das Katzengold, das Holz, meine Hand, mein Leben. &lt;i&gt;Du hast nichts gesehen in Hiroshima.&lt;/i&gt; Ich spüre seinen Körper unter mir, spüre, wie das Leben aus ihm weicht, wie das Kissen sich immer tiefer in sein Gesicht gräbt, - meine Knöchel treten weiß hervor, und alles Blut hört auf zu fließen; seine Arme greifen nach oben, ins Leere und hämmern dann auf meine Brust, dumpf und taub hallt jeder Schlag. &lt;i&gt;Du hast nichts gesehen.&lt;/i&gt; Eins. Am See. Grund, los schwebend, sinkend, als weißer Perlmutt meine Luft. Ich bin im Wasserstrudel verschwunden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berthe kam auf mich zu, von der Tanzfläche. Sie hatte ihr Haar zu einem kunstvollen Zopf zusammengeflochten, und sie lächelte mich mit geröteten Wangen an. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Willst du nicht doch mit mir tanzen?«&lt;br /&gt;
»Och ... nö«, sagte ich. Und lächelte zurück, während meine Augen Skeleton musterten, der noch immer am Rand stand. Skeleton schaute mich wiederum mit seinen schönen blauen Augen an, den Seelenozeanen. &lt;br /&gt;
»Ach komm schon, sei nicht so. Nur ein Lied!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Absinth gehend, stehe ich auf, folge ihr, berühre sie, tanze mit ihr, ihre Schenkel, die sich an mir reiben, ihre Hüfte, die an meiner kreist, und die Erregung, die ich dabei verspüre; durch den Absinth steige ich auf, steige über sie hinweg, noch in der Toilette nehme ich sie mir, und sie nimmt mich, und Skeleton? Wie das Dunkel erhebt er sich. Leise und drohend. Er wird alles nehmen, was er bekommt. Mich. Sie. Sich selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Konzentrier dich&lt;/i&gt;. Seit wie vielen Tagen trinke ich? Wann stand ich auf der Brücke? Wann hat sie seinen vernarbten Schwanz in den Mund genommen? Wie viele Tage liegen zurück, seit ich das Glas zerschlagen habe? Zeit-Raum, Raum-Zeit, - eine Konstante permanenter Ausdehnung, die, von egal welchem Punkt im Universum aus betrachtet, gleich schnell und gleich weit expandiert. Es gab kein Zentrum für den Urknall. Es gab kein konzentriertes Medienereignis. Alles ist Ausdehnung. Ich zähle bis zwei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Zwei.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-05T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4746292/">
    <title>supposed to be. 15</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4746292/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Ich kam nach Hause, und sie war nackt. Sie lag auf dem Bett, mit geschlossenen Augen und verträumtem Gesicht. Es sah so aus, als brauche sie mich nicht, weder jetzt, noch irgendwann sonst. Sie lag da, eingehüllt in die weiße Bettwäsche, und um sie herum, eingerahmt: ihr Haar. Sie lag da wie eine Heilige. [&lt;i&gt;Märtyrerpsychopharmaka&lt;/i&gt;]. Und wer war ich? &lt;i&gt;Nichts als ein Phantom&lt;/i&gt;, hätte ich das nur gewusst! Ein Abenteuer wollte sie, &lt;i&gt;einen&lt;/i&gt; wollte sie, und nicht die Vielzahl der Menschen. Wann hatte es angefangen? Wann und wie? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blieb am Türrahmen stehen, um sie anzuschauen, - heimlich, ohne ein Wort und ohne eine Geste, und sie war wirklich wunderschön. Zum Fenster fiel in dicken staubdurchwirkten Strahlen die Sonne herein, und entrückte sie, das Zimmer, die Welt. Draußen konnte es keine andere Wirklichkeit geben, keine anderen Menschen, nichts sonst als die Sonne, und das Laub, wie es auf die leeren Straßen trudelte, und Wind, unendlich viel Wind. Alles andere war unwahrscheinlich geworden. Dabei gab es eigentlich dieses Zimmer schon längst nicht mehr, und auch nicht ihre Bewohnerin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Tagen zuvor hatte Skeleton seinen Wein in den Ausguss gekippt, in den Tagen zuvor hatte Berthe das Rauchen wieder angefangen, in den Tagen zuvor wäre ich fast überfahren worden. Es schien besser zu werden. Mit uns. Wir lachten, wenn wir beieinander saßen, wir unterhielten uns über die Politik, wir verfolgten alle unser Glück auf verschiedenen Wegen, - selbst dann noch, als wir erfuhren, dass es nicht zu erreichen war.  &lt;br /&gt;
Es war wieder Herbst geworden, und ich kannte Berthe jetzt ein Jahr. Ein Jahr!, das ist nichts als eine Fußnote; man kann es in einem einzigen Satz zusammenfassen, - jeden Tag, jede Nacht, und Wochen, und Monate, und wie schnell ist es vorbei? Alles gerinnt, irgendwann. Dabei, &lt;i&gt;weißt du noch? Gestern saßen wir am Ufer und aßen rohen Kohlrabi&lt;/i&gt;. Ihre Brüste, meine flatternden Finger, ihre Lippen, und die Kirschen. Warum merkt man in den seltensten Fällen, dass man sich ernsthaft verletzt? &lt;i&gt;Ein Kuss noch, nur noch einer,&lt;/i&gt; und dann flogen die Schwalben auf, die keine Schwalben waren, und zogen ihre Kreise über den Menschen, die keine Menschen mehr waren, weil sie sich verrieten. Es gab immer eine Lüge zu viel, es gab immer den Betrug. In ihren Blicken lag es, in seinen Berührungen.&lt;br /&gt;
Ich weiß nicht, wann sie sich in ihn verliebt hat. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, ihn für eine Weile von den Drogen fernzuhalten. Ich weiß nicht, wie er sie später dazu brachte, auch etwas zu nehmen. Vielleicht war es Liebe. Vielleicht wollte er auch nur seine Triebe befriedigen, und sie war so naiv gewesen, auf ihn reinzufallen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später an diesem Tag saß ich bei Skeleton in der Wohnung. Er saß da, und sprach mit mir als hätte es die letzten zwei Jahre nicht gegeben. Er sagte: »Ist es nicht seltsam, wie uns manche Phasen unseres Lebens auf Ewig verloren erscheinen?« Und ich lachte, und fühlte mich schlecht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später schnitt sich Berthe die Haare ab, ihre langen, seidigen Haare. Sie tat es mit der Schere, die ich ihr schon einmal abgenommen hatte; dieses Mal kam ich zu spät. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was hast du getan?«&lt;br /&gt;
»Siehst du doch.«&lt;br /&gt;
»Ja! Aber warum?«&lt;br /&gt;
»Sie waren mir lästig.«&lt;br /&gt;
»Seit wann das denn?«&lt;br /&gt;
»Du weißt doch, dass ich meine Haare eigentlich gehasst habe.«&lt;br /&gt;
»Eben nicht. Das hast du immer nur gesagt, dabei hast du deine Haare geliebt, sie waren dir teuer, - warum sonst hast du sie Jahre lang so gepflegt, - warum sonst hast du sie so lange wachsen lassen? Weil sie dir doch angeblich so lästig waren?«&lt;br /&gt;
»&lt;i&gt;Man macht sich leicht etwas zur Gewohnheit, aber wenn man davon wieder loskommen will, dann muß man Haare lassen&lt;/i&gt;«, sagte sie, »Weißt du von wem das ist?«&lt;br /&gt;
»Das ist mir ganz egal.«&lt;br /&gt;
»Ich schau mal kurz nach.« Sie schwebte durchs Zimmer. Ihre Haare waren so kurz, millimeterkurz, und ihre Augen riesig, aufgesperrt wie Scheunentore, - sie ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. &lt;br /&gt;
»Du brauchst nicht nachschauen, es ist ganz egal.« Sie suchte weiter. »Verstehst du nicht? Was kümmern mich diese Zitate?« Sie fand das Buch, und schlug es auf, blätterte darin herum, - nachlässig und hektisch, als wäre es ihr gleichgültig gewesen, ob dabei die Seiten einreißen. &lt;br /&gt;
»&lt;i&gt;Wir alle zitieren, - aus Notwendigkeit, aus Neigung und aus Vergnügen&lt;/i&gt;«, zitierte sie, und schaute kurz auf, »Das ist von Ralph Waldo Emerson.« Dann blätterte sie weiter. &lt;br /&gt;
»&lt;i&gt;Durch viele Zitate vermehrt man seinen Anspruch auf Gelehrsamkeit, vermindert den auf Originalität, und was ist Gelehrsamkeit gegen Originalität? Man soll Zitate also nur gebrauchen, wo man Autorität wirklich bedarf&lt;/i&gt;«, sagte ich, »Das ist von Schopenhauer. Und was sagt das, he?« Ich kam näher auf sie zu. »Sag es mir!«&lt;br /&gt;
Sie blinzelte mich völlig verständnislos an. »Glaubst du nicht, dass du jetzt ein bisschen überreagierst? Es sind doch nur Haare, die wachsen wieder.«&lt;br /&gt;
Ich kam dichter auf sie zu, riss ihr das Buch aus den Händen und warf es quer durch das Zimmer; es prallte gegen den Spiegel, und beides fiel zu Boden, - der Spiegel begrub das Buch unter seinen Scherben. »&lt;i&gt;Das&lt;/i&gt; ist eine Überreaktion.«&lt;br /&gt;
»Bist du jetzt völlig übergeschnappt?«&lt;br /&gt;
»Es sind nicht &lt;i&gt;bloß&lt;/i&gt; deine Haare, - das waren sie nie.«&lt;br /&gt;
»Achja, was waren sie denn? Symbole für meine geistige Unversehrtheit? Metaphern für unsere Liebe? Erklär mir, was meine Haare für &lt;i&gt;dich&lt;/i&gt; waren, du dummes Arschloch!«&lt;br /&gt;
»Sie waren mein Status Quo, und wie man sieht«, ich deutete auf sie und den Spiegel und dann auf mich selbst, »ist der Status wohl soeben zerbrochen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war unser letzter Streit. &lt;br /&gt;
Als ich sie das nächste Mal sah, lag sie wieder nackt im Bett, aber sie war nicht allein. Sie war nicht &lt;i&gt;mehr&lt;/i&gt; allein, für eine Nacht oder zwei, aber für ein Leben lang blieb sie einsam. Dafür hat sie sich entschieden.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-02T11:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4746541/">
    <title>supposed to be. 14</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4746541/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Ich vermisse die Risse an den Wänden nicht, - ich habe sie stundenlang gezählt. Ich vermisse den Kaffee aus dem Automaten nicht, - er hat fürchterlich geschmeckt. Ich vermisse das ausgeblichene gelbe Linoleum nicht, das sich in den Ecken aufgerollt hat, und auch nicht die Kratzer, die die Stühle darauf hinterlassen haben. Ich vermisse die Uhr nicht, die ewig tickende schwarze Uhr samt ihrem zeitlosen Zeiger, und das zögerliche Ausbleiben der vollen Stunden, der halben Stunden, der Viertelstunden. Ich vermisse die Stimmen nicht, die aus dem Schwesternzimmer gedämpft herein drangen, das leise Flüstern, - &lt;i&gt;jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob ich seine Eltern überhaupt kennenlernen will, was wieso?, ich bin kein Familienmensch, aber&lt;/i&gt;, - und dann? &lt;br /&gt;
Das Knistern eines Radios, sie spielen ein Lied auf dem Klavier. Und ein Mann mit einer Augenverletzung schiebt sich durch das Zimmer, setzt sich wacklig auf einen der schwarzen Stühle, und blinzelt einäugig zum Fenster hinaus. Seine weiße Augenbinde saugt sich mit einer gelben Flüssigkeit voll. Aus der Mitte entspringt ein Fluss. Daran denke ich. Und ein junger Pfleger rollt einen Rollstuhl durch den Flur, - die Gummireifen gleiten nicht über den Boden, sie schaben sich darüber, mit jeder Umdrehung quietscht das Linoleum. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe an den Zimmern vorbei als die Schwestern das Essen verteilen. Ich gehe vorbei, und sehe. Die Schläuche, die Kanülen, weiße Kacheln hinter den Betten, und rote abgewetzte Knöpfe, - werden sie je gereinigt? Notfallschalter für einen letzten Atemzug. Eine Frau geht an mir vorüber, sie ist alt, und sie trägt einen blauen Bademantel, der sich bei jedem ihrer Schritte ein Stückchen öffnet. Ich sehe ihre Beine, Thrombosestrümpfe, Narbengewebe, aber ich versuche nicht hinzusehen, ich versuche mich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, aber es ist eingefallen. Es ist verbraucht, das Leben endet hier. &lt;br /&gt;
Ich gehe weiter, stur gerade aus, und versuche nicht zu sehen, versuche nicht zu sehen, der Mann in dem Bett, ein durchsichtiger Schlauch wurzelt in seinem Mund, seiner Nase, und eine Maschine unweit daneben pumpt ihm wie eine Ziehharmonika die Luft in die Lungen, - das Geräusch, das sie dabei erzeugt, ist dumpf, schrecklich mechanisch, schrecklich laut in seiner Stille. Weiter, geh vorbei, gerade aus. Zimmer 123, Zimmer 123, Zimmer 123, da muss ich hin, muss ich hin?, immer gerade aus. Der Boden ist so weich, so abgenutzt, so alt. Wird er je geputzt? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist das Universum der Angst. &lt;br /&gt;
Mich grüßt niemand. Mich kennt niemand. Ich bin zum ersten Mal hier. Zum letzten Mal. Tausend Tage, und ich kehre heim. Tausend Tage, und ich bin verloren. Draußen scheint wieder die Sonne, und es ist warm. Ich trage über meinem Pullover noch die Jacke. &lt;i&gt;Es ist heiß&lt;/i&gt;, sagen die Leute draußen, und sitzen in den T-Shirts auf den Bänken, aber mir ist kalt. Mir ist so kalt, in mir ist die Arktis, Schneewehen, minus 54 Grad Fahrenheit, und kein Entkommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zögere es nur hinaus. &lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Fang endlich an zu zählen&lt;/i&gt;. &lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-29T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4730392/">
    <title>supposed to be. 13</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4730392/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Sie sagte, sie wolle uns einen Kuchen backen, und vergaß schließlich die Eier. Also ging der Kuchen nicht richtig auf, und es blieben nur trockene Brösel. Und Äpfel, jede Menge Äpfel, in dünnen Scheibchen, die mit der Zeit braun wurden. Sie hatte ja auch den Zitronensaft vergessen, mit dem sie sie hatte beträufeln wollen. &lt;i&gt;Naja&lt;/i&gt;, sagte sie. &lt;i&gt;Naja, wozu sich darüber ärgern?&lt;/i&gt; Es hatte ein Apfelkuchen werden sollen, und jetzt waren es eben nichts als Brösel und braune Apfelscheiben. Sie lachte, und wischte sich das Mehl von der Nase, und sagte, sie kaufe uns jetzt diesen gottverdammten Kuchen. Und das tat sie auch, es war ein Pflaumenkuchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er mochte keine Pflaumen. Ich dafür umso mehr. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War sie zufrieden, wie es lief? War sie über den Fortschritt glücklich, dass er nicht mehr trank? Freute sie sich darüber, dass er seinen Tablettenkonsum herunterschraubte? &lt;i&gt;Vielleicht.&lt;/I&gt; Habe ich sie gut gefickt, richtig gefickt, habe ich sie befriedigt? Hätte ich ihr ein Buch statt eines Armbands schenken sollen, wo sich in unserem Leben doch eigentlich alles um Bücher drehte? Hätte ich ihr sagen sollen, wie sehr ich sie, -- nein, unmöglich. &lt;br /&gt;
Manchmal blieb nur ein einzelner Gedanke zurück, und sie lächelte müde. Manchmal drehte sie sich um, und blickte hinüber, durch die Wand auf die andere Seite des Ozeans, und spann eine ihrer Strähnen zu Gold. War es das Herz, das immer kernlos ist, und nur mit Blut gefüllt? Stundenlang saß sie so am Fenster und blickte zur Sonne, bis es halb vier wurde, und dann ging sie zur Arbeit, oder sie kam wieder, und die Sonne ging auf. War es das Gehirn, das niemals rastet, niemals nicht mit sich selbst kommuniziert? An manchen Tagen lachte sie, an anderen nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal erschien sie mir wie ein flackerndes Licht. Eine Glühbirne mit Wackelkontakt. Sie nahm ihr schwarzes &lt;i&gt;Buch&lt;/i&gt; und schrieb stundenlang enge grüne Zeilen, und dann warf sie es fort, in irgendeine Ecke, und ließ es dort liegen bis ich es ihr wieder auf den Tisch zurücklegte. War sie wütend? War sie unglücklich? Ich erwischte sie eines Abends, wie sie mit einer Schere spielte, - einer großen schweren Schere; sie strich sich damit über die Wange, gedankenverloren, und übernächtigt von der Spätschicht in der Nacht zuvor. &lt;i&gt;Atropos&lt;/i&gt;, diesen Namen hatte ich gedacht, als ich ihr die Schere aus der Hand nahm, sie schaute mich irritiert, aber freundlich an. Atropos, die Moire, die den Tod bringt, die den Schicksalsfaden kappt. Ihr langes Haar floss wie Pech aus ihrem Schopf, wie Schlangen sich windend, dunkel, grausam, unberechenbar. &lt;br /&gt;
Sie sagte, sie hätte Kopfschmerzen; sie sagte, sie hätte keinen Hunger; später scherzte sie darüber, und lachte. Ihr Lachen war wie eine Insel, auf die man sich retten konnte, - aber über ihre Stirn zogen auch stets Falten, die sich flüchtig darauf kräuselten, - so, wie wenn sich das Meer zu Wellen kräuselt, die anschwellen, und größer werden, und die die Insel dann versenken. Ihr Blick ging nach außen, raus, zu den Vierwänden hinaus, in den Himmel, immer zum Himmel, als läge dahinter die eigentliche Welt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich allmählich wieder.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-26T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4730419/">
    <title>supposed to be. 12</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4730419/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Ich hatte nur die Liebe, weil ich dachte, sie würde genügen, und heute glaube ich: Sie war mehr als genug. Vielleicht war sie auch das Schlimmste von allem, das Zerstörerischste, ich weiß es nicht. Die Liebe ist manchmal wie ein Rammbock, - sie bricht sich durch alles hindurch, und lässt nichts als Splitter übrig, als zersprengtes Gestein, als gebrochene Herzen. Was ist nur der Reiz einer eroberten Festung, einer in Besitz genommenen Trutzburg, wenn die Tore nicht mehr richtig schließen? Welcher Mörtel kittet nur den angerichteten Schaden? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte, - es passierte nicht plötzlich, aber es bahnte sich an. Wie eine Lawine, wie ein einstürzendes Bergmassiv. Vorsicht Steinschlag! Vorsicht Lebensgefahr! Kein Schild, das einen davor warnt. Keiner, der sagt: &lt;i&gt;Du lebst, bekomm es in den Griff.&lt;/I&gt; Denn man hat es nie. Man streckt sich danach, und greift und greift, und bekommt es letztlich doch nicht zu fassen, - es streift vorbei, ein Hauch, ein Kitzeln, ein kleines Stück nur, dann beginnt es, dann hab ich es, und es fliegt weiter. Nach draußen, an den See, in eine Erinnerung, in einen Traum. &lt;i&gt;Liebe mich&lt;/i&gt;, und die Schale zerbricht, ein unschuldiges Eindringen gibt es nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hab es geschehen lassen, all das. Die Steine, den Rammbock, die Selbstzerstörung. Ich sollte viel zu spät an der Brücke stehen, zu spät die Türe öffnen, zu spät begreifen. Es war alles schon passiert.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-23T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4729933/">
    <title>supposed to be. 11</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4729933/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Nur sein Lachen, das letzte, das einzige Lachen. Es ist wie ein Wolkenbruch, wie ein Schiffsunglück, wie ein Herzinfarkt; wenn man es sieht, schmerzen die Augen, denn man weiß, was alles hätte sein können, wenn er sich nur anders entschieden hätte. &lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Aber er hat sich nicht anders entschieden&lt;/i&gt;, sagt das Herz, und tut weh beim nächsten Schlag. &lt;i&gt;Er wollte es so.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
Man sieht seine Schlüsselbeine, im Hintergrund ein Teil eines Bilderrahmens und die weiße Wand; seine Haare sind hochgestellt, wie bei James Dean vielleicht, aber es wirkt ganz natürlich, als gehöre es so. Seine Augen sind geschlossen, aber er könnte sie jederzeit wieder öffnen. Ebenmäßige, gepflegte Zähne. Sein Dreitagebart. Es ist ein schönes Bild. Es ist ein ehrliches Lachen, - ein Lachen, das ihn menschlich macht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe vergessen, wie es entstanden ist. Ich träume nur manchmal davon, rede mir ein, ich wüsste es ganz genau. Da bauschen sich dann weiße Vorhänge sachte auf, wieder und immer wieder, und der Wind trägt die Stadtgeräusche herein. Es ist Sommer, oder Frühling, ich weiß es nie so genau zu sagen, und im Grunde ist es auch egal, denn die Zeit hat an diesem Ort keine Bedeutung. Ich sitze neben Skeleton auf dem Boden, und höre zu, wie Berthe uns vorliest. Es ist &lt;i&gt;Les Faux-Monnayeurs&lt;/i&gt;, Die Falschmünzer, von André Gide, und ich werde es nie bis zum Ende hören. Dabei ist ihre Stimme so sinnlich, so warm; sie erzählt die Geschichte im selben Stil, wie sie geschrieben ist, und noch im Traum träume ich davon. Es ist ein Buch, das ich irgendwann selbst lesen will, damit ich endlich den Schluss kenne. Damit ich nicht mehr davon träumen muss. &lt;br /&gt;
Irgendwann schlägt sie das Buch zu, und wirft es geringschätzig weg, und dann sagt sie: »Schieß lieber ein Photo.« Und erst dann fällt mir auf, dass der Photoapparat schon die ganze Zeit bereit lag, zwischen ihm und mir, und ich nehme die Kamera und photographiere sie, wie sie ihre zackigen Augenbrauen nach oben zieht, und mir die Zunge rausstreckt; ihre Haare wallen ihr links und rechts die Wangen hinab, wie ein dunkler Fluss, wie die Dunkelheit selbst, und ihre Augen funkeln, - selbst auf dem Bild funkeln sie noch. Dann will ich Skeleton photographieren, aber er will nicht, und so albern wir eine Weile herum, bis Berthe irgendetwas sagt, das ihn zum Lachen bringt, - und dann stehle ich ihm die Seele. Ich stehle diesen Augenblick. Ich verdamme sein Gesicht noch weit nach seinem Tod zum Lachen. Ich halte die Welt an, ich heble sie aus, ich gefriere meinen eigenen Schmerz im Langzeiteffekt zu Eis. Ich fühle es nicht. Ich fühle nicht mehr, wer ich war. Und so wache ich auf. Immer wieder, kurz bevor ich &lt;i&gt;realisiere&lt;/i&gt;, bevor ich verstehe, was es bedeutet, dieses Bild geschossen zu haben, wache ich auf. Die Momente gab es, aber sie sind nicht in der richtigen Reihenfolge. Nichts davon ist in irgendeiner Weise richtig. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich krame dieses eine Bild zwischen den anderen hervor, und schaue es an. Lange, gründlich, eindringlich, - so, als würde ich mich selbst betrachten. Ich kenne jedes seiner Barthaare, ich kenne die feinen Falten um seinen Mund, und sogar die Schweißperlen auf seiner Stirn; den Glanz seiner Zunge, seiner Zähne. Ich höre ihn deutlich lachen, wenn ich es ansehe. Ich könnte ihn zeichnen. Nur wozu? Was würde es ändern? Er lacht nicht mehr. Es war sein letztes Lachen.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-20T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4701307/">
    <title>supposed to be. 10</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4701307/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Ich finde keine Ruhe, und gehe schon seit Stunden durch die Stadt. Es regnet, ich bin nass. &lt;i&gt;Nur ein bisschen Liebe&lt;/i&gt;, denke ich, &lt;i&gt;nur ein bisschen Liebe&lt;/i&gt;, wie ein Mantra, aber das Gefühl bleibt aus. Ich spüre durch meine angeblich wasserdichten Schuhe Wasser, und das ist alles. Ganz real. Von Wasser vollgesogene Socken. &lt;br /&gt;
Ich denke an Berthe, während ich mir meinen Weg durch Regenschirme bahne, die links und rechts an meinem Kopf vorüberschwenken und mich dabei ab und zu unsanft anstupsen. &lt;i&gt;Nur dieses eine Mal&lt;/i&gt;, hatte sie gesagt, und dann. Setzt mir kurz das Herz aus. &lt;i&gt;Nur dieses eine Mal&lt;/i&gt;, und Kreuzförmiges zersplittert in ihren Fingern zu vier perfekten Vierteln. Weil sie ihn liebt. Weil sie ihn mit dieser Absolution liebt, mit der sie das Rauchen angefangen hat. Weil sie ihn mit dieser Unerbittlichkeit liebt, die auch ihre Haare gekappt hat, ihre Haare, - die Rettungsseile zu meiner Welt, zu der Seite, auf der es keine Märtyrer mehr gibt. Was für eine gottverdammte Ironie! Man versucht einem anderen Menschen zu helfen, und wird nebenbei selbst zu einem Hilfebedürftigen. Weil, was? Man kein geschlossenes Ganzes ist, sondern ein offenes Einzelnes? Sprich mit mir, und du veränderst dich. Berühr mich, und du wirst zu einem anderen Menschen. &lt;br /&gt;
Was sind schon ein paar Tabletten mehr? Das ist Multivitamin in weißem Staub, gepresst unter tausend Bar Druck, und aufgelöst in einem einzelnen Zungenschlag. Sie verglüht diamantengleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist das die Art, wie sie mich verlässt? &lt;br /&gt;
War das die Art, wie ich geliebt habe? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich remple einen Mann an, der an der Ecke steht, ich sehe ihn erschrocken an. Sein eingefallenes Gesicht schwebt in einer schwarzen Kapuze; er streicht sich gerade einzelne klebrige schwarze Haarsträhnen aus der Stirn und dabei blinzeln mich seine Augen müde an. &lt;br /&gt;
»Entschuldigung«, sag ich, und will weitergehen, da legt er seine Hand, - eine große schuppige rote Hand, - auf meine Schulter und fragt: »Willst du was?« Ich schüttle den Kopf, ganz automatisch, - es ist egal, was er sagt, - und versuche ihn von mir loszumachen, - da packt er mich ein bisschen fester. &lt;br /&gt;
»Sicher? Junge, ich hab alles da, wirklich alles. Du brauchst nur zu sagen, was. Sogar Crystal.« Ich verstehe nicht, oder will nicht verstehen, und wische seine Hand ungeduldig von meiner Schulter. »Nein, danke.« Ich gehe schnell weiter, weg von diesem Gesicht, weg von dieser Ecke, gerade aus, - ich muss weg von den Menschen, weg von diesen Regenschirmen, die mich immer wieder am Kopf erwischen. Ich laufe schneller, weg von dem Schmerz, weg von den Erinnerungen, ich renne, immer weiter gerade aus, weg von den Tabletten und den Spritzen, weg von den leeren Flaschen Wein, die klirrend in der Ecke liegen, von dem Löffel, der an der Unterseite schwarz und rußig ist, ich renne durch die Unterführung, und weiter, über die Schnellstraße, weiter weg von dem Wasserstrudel in meinem Herzen, von der Asche an meinen Fingern, weg von dem zerwühlten Bettlaken und ihrer Haut, die nach Vanille schmeckt, ich muss raus, aus mir selbst, aus diesem Leben und ich weiß nicht, wo ich bin, wie weit ich noch kann, aber meine Füße bleiben nicht stehen. &lt;br /&gt;
Ist es nicht bittere Ironie? Ist es nicht unumgänglich? Eine Hölle gemacht aus Anderen, und Andere gemacht aus dem eigenen Ich? Wie eine mathematische Gleichung, wie eine Formel, die uns alle auf den gleichen Nenner bringt. Was nutzen da die Schwüre, die man sich macht, was helfen die Vorsätze? Was man will, erreicht man nur durch Glück. Was man hat, verliert man durch die eigene Unzulänglichkeit. Liebe als wäre es dein erstes Mal? Aber dieses erste Mal findet doch ständig statt, weil wir mit einem One-Way-Ticket leben. [Es gibt keine Frau hinter dem Schalter, die nach Bonuspunkten fragt. Es gibt keinen Schaffner, der die Karte entwertet]. Es ist alles einmalig, verdammt, also bekomm es in den Griff.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwann bleibe ich dann doch stehen, angelehnt an ein Brückengeländer. Unter mir rauscht dunkel der Fluss; er ist schon über die Ufer getreten. Ich bleibe stehen und atme Eiskristalle. Ich weiß nicht, ob ich vor Anstrengung heule, oder weil mir das alles zusetzt, aber es ist irgendwie auch egal. Im Regen gibt es keine Tränen, - das ist so wahr wie es belanglos ist. &lt;br /&gt;
Ich schaue in dem Moment von den festgetretenen Kaugummikreisen auf, als ein Rollstuhlfahrer an mir vorüberrollt. Er fällt mir deshalb auf, weil er einen von diesen kanarienvogelgelben Regenmänteln anhat, und vielleicht, weil er keine Beine hat. Er rollt an mir vorbei, wirft mir einen flüchtigen Blick zu und bleibt dann plötzlich stehen; dann dreht er sich um, setzt zurück und lässt seinen Rollstuhl ausrollen, bis er wieder bei mir angekommen ist. Sein Gesicht ist faltig, und auch von Narben zerfurcht; seine verwässerten blauen Augen sehen mich direkt an, &lt;i&gt;direkt&lt;/i&gt;, als gäbe es keinen Körper mehr, der mich vor fremden Blicken schützt, als gäbe es keine Diskretion zwischen Fremden. Seine Finger kramen in einer Tasche, die unter seinem Regenmantel versteckt sein muss, und dann streckt er mir ein kleines rotes Buch entgegen. Ein Reclam. Dann rollt er weiter. Ohne ein Wort zu sagen, ohne irgendetwas zu erklären, ohne mich weiter zu beachten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sehe ihm hinter her, während ich mir das Buch stumm in die Tasche stecke. Was sollte ich auch sagen? Und zu wem? Was sollte ich tun? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht die Anstrengung. Es ist das Leben. Denke ich. Nichts als das Leben.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-16T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4720308/">
    <title>supposed to be. 9</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4720308/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;»Sieh mal, die Schwalben sind wieder da«, sagt sie, und deutet in den Himmel, unter dessen Blau wir sitzen, und ich sehe auf, ihren Arm entlang, hinauf auf die Hand, und dann als Sprungbrett über den Zeigefinger hinaus in die Welt; meine Blicke springen durch diese eine kleine Wolke, die über uns leise ihre Runden zieht, und verlieren sich fast in diesem ganzen Blau, - dem blausten aller Blautöne, - und tatsächlich: dort in der Ferne fliegen schwarze Punkte. Vögel. Vielleicht sogar wirklich Schwalben, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind es bloß Tauben. Es ändert nichts an der spielerischen Leichtigkeit, mit der sie in der Luft schweben, im Wind treiben, über der Stadt, über uns. Lauter kleine Pixel der Schwerelosigkeit. Was muss es für ein Gefühl sein, so in die Höhe zu steigen, um dann im Sturzflug nach unten zu stürzen, und dann der Wind, der jeden Nerv berührt, und diese Schnelligkeit! Die Punkte nähern sich uns, fliegen hoch und runter, nach links und rechts, und flattern dann als Sturm über uns hinweg. Schwalben. Albatrosse. Möwen. Tauben. Es ist egal. &lt;br /&gt;
Ich sehe sie wieder an, - so, wie ein Filmprojektor plötzlich sein Licht auf die Leinwand wirft, so erscheint sie mir; überdeutlich und dreidimensional, lebendig. Berthe. Wie Rapunzel sitzt sie an der Dachkante, und baumelt mit ihren nackten Füßen über dem Abgrund. &lt;I&gt;Wie seltsam&lt;/i&gt;, denke ich, &lt;i&gt;Über uns die Unendlichkeit, und unter uns der Knall.&lt;/i&gt; Aber ich begreife diesen Gedanken selbst nicht, er kommt wie er kommt, und verfliegt schließlich. Meine Beine baumeln auch über dem Abgrund. Unter uns gähnt eine Gasse, traurig grau und voller Müll, und wenn ich mutiger wäre, könnte ich von Hausdach zu Hausdach springen, aber stattdessen bleibe ich also hier sitzen, auf dieser Seite, bei diesem Mädchen. Es ist Sommer, und ich habe keinen Grund zu springen. Ich habe keinen Grund, nach unten zu sehen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du, was ich liebe?«, frage ich. &lt;br /&gt;
Sie sieht mich jetzt auch an, ein bisschen verträumt, fast schläfrig, als hätte ich sie geweckt. »Was denn?« &lt;br /&gt;
»Kirschen.«&lt;br /&gt;
»Und sonst nichts?«, lächelt sie, und reicht mir die Schale; sie ist groß und mit bunten Streifen bemalt, in grün und blau und pink und gelb, und in ihr glänzen dunkelrot und feucht die Kirschen. Sie sind ganz frisch, und schmecken wie ein Versprechen zwischen Liebenden, süß, und rein, ohne Konservierungsstoffe. &lt;br /&gt;
»Doch. Dich«, sage ich und greife mir eine Kirsche, ich lächle vielleicht. »Zumindest ein bisschen.«&lt;br /&gt;
»Na wenn das so ist«, sagt sie und tut so, als würde sie die Schale weiter wegstellen, weiter weg von meinen Fingerspitzen, aber sie lacht dabei, und streckt mir kurz darauf die Zunge raus, »Die Liebe wird vielleicht ein bisschen überbewertet, oder was denkst du?«&lt;br /&gt;
»Der Liebe leichte Schwingen trugen mich; Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren; Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann«, zitiere ich in der Hoffnung, sie damit zu beeindrucken, aber sie lächelt nur unbeeindruckt vor sich hin, und stellt die Schale wieder zwischen uns, langsam, und vorsichtig, - fast, als lege sie ein Kind in eine Wiege. &lt;br /&gt;
»Von wem ist das?«&lt;br /&gt;
»Würdest du dich daran irgendwann erinnern, wenn ich es dir jetzt sagen würde?«&lt;br /&gt;
»Vermutlich nicht«, sagt sie, und greift sich eine ihrer Strähnen, um sie zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her zu drehen. »Aber ich könnte es in mein Buch schreiben, und mich dabei vielleicht wieder daran erinnern.«&lt;br /&gt;
»Es ist von Shakespeare.« &lt;br /&gt;
»&lt;i&gt;Romeo und Julia&lt;/i&gt;?«&lt;br /&gt;
»Jep.«&lt;br /&gt;
»Ich dachte, du magst das andere, dieses, äh, wie heißt es noch, das mit diesem Prinzen lieber.« &lt;br /&gt;
»&lt;i&gt;Hamlet&lt;/i&gt;?«&lt;br /&gt;
»Genau! &lt;i&gt;Hamlet&lt;/i&gt;. Ich dachte, das wäre dein Lieblingsstück.«&lt;br /&gt;
»Ja, ist es auch. Aber das mildert nicht die Schönheit seiner anderen Stücke.«&lt;br /&gt;
»Vermutlich nicht«, sagt sie, und sieht wieder in die Ferne. »Julia stand nie zwischen zwei Männern, sie musste sich nicht aus Liebe für &lt;i&gt;einen&lt;/i&gt; entscheiden; sie hatte nur ihren einen Romeo, während er noch Rosalinde hatte.« &lt;br /&gt;
»Was? Rosalinde wollte ihn ja gar nicht; sie hat sein Herz gebrochen ohne ihn je zu lieben. Glaubst du ernsthaft, er saß da zwischen den Stühlen? Es hat für ihn nie eine freie Entscheidung gegeben, kein: &lt;i&gt;Och, wen liebe ich heute?&lt;/i&gt; Vielleicht hat er Rosalinde auch abgöttisch geliebt, aber wie tief muss diese Liebe gewesen sein, wenn er doch für Julia sein Leben gab?« &lt;br /&gt;
»Mag ja sein, aber. Ich meine. Ist Liebe nur dann etwas wert, wenn sie erwidert wird? Was ist mit Rosalinde? Was ist mit Romeos Entscheidung? Das ist doch, ich meine.«  &lt;br /&gt;
»Ich verstehe irgendwie nicht, auf was du hinaus willst. Romeo hat sich nie für irgendetwas &lt;i&gt;entschieden&lt;/i&gt;.« &lt;br /&gt;
»Ach, vergiss es«, sagt sie. »&lt;i&gt;Hamlet&lt;/i&gt; ist auch mehr mein Geschmack.«   &lt;br /&gt;
»Aber gibt es da nicht eher diese Auseinandersetzung? Hamlets Mutter beispielsweise. Für wen entscheidet &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt; sich? Sie nimmt den Tod ihres Mannes in Kauf, vielleicht weiß sie sogar, dass sein Bruder ihn vergiftet hat, und heiratet den Mörder kurze Zeit später, weil sie ihn auch liebt. Sie entscheidet sich nicht, sie windet sich raus. Als sie mit Hamlets Rachefeldzug konfrontiert wird, muss sie sich wieder entscheiden. Statt jedoch Stellung zu beziehen, entscheidet sie sich für das Gift. Und damit gegen alle. Was ist das denn für eine Liebe?«&lt;br /&gt;
»Aber &lt;i&gt;Hamlet&lt;/i&gt; ist ein Drama, keine Komödie. Und außerdem war die Schwagerehe vielleicht zu dieser Zeit absolut gängig.«&lt;br /&gt;
»Ja, und? Mildert das jetzt irgendwas?«&lt;br /&gt;
»Nein, es sagt nur: Die wahre Liebe ist eine Tragödie, weil sie keine Erfüllung findet.«&lt;br /&gt;
»Ahja«, erwidere ich, »Zumindest nicht im echten Leben, im Jetzt-Leben, im Hier-ist-mein-Schwanz-Leben. Man stellt sich nicht, man wählt das Gift, oder das Schwert, man wählt nie die &lt;i&gt;echte&lt;/i&gt; Liebe, man wählt nie das Leben.«&lt;br /&gt;
Sie lächelt, vielleicht ein bisschen müde, vielleicht resigniert, aber warm. Sie will nach der Schale greifen, doch ihr Mittelfinger stupst ungünstig gegen das bunte Porzellan, kurz, fast zögerlich, und genauso hebt sie sich, hoch, weiter, - und dann fällt die Schale über den Rand. Ich sehe, wie sie sich in der Luft dreht, wie die Kirschen herausfallen, schwerelos, für einen Moment, und dann liegen in der Gasse schon die bunten Scherben. Die Kirschen, der Dreck, das triste Grau. Es ist so nebenbei passiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Scheiße«, sagt sie. Nur dieses eine Wort, während ihre Füße noch immer über dem Abgrund baumeln. &lt;i&gt;Scheiße&lt;/i&gt;. Und dann dreht sie sich zu mir um, - ihre Lippen leicht geöffnet, die Augen glitzernd, so, als könne sie jederzeit unvermittelt in Tränen ausbrechen, - und berührt mich flüchtig an der Hand. Die Berührung sagt: &lt;i&gt;Liebe mich&lt;/i&gt;, und ich küsse sie. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Lippen schmecken nach Kirschen.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-11T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4708353/">
    <title>supposed to be. 8</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4708353/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Hätte ich gewusst, dass Falk später durch den Wald fährt, anstatt drum herum, dann hätte ich ihn gebeten, bis zum Morgen zu bleiben. Hätte ich gewusst, dass Claire sich nicht anschnallt, dann hätte ich mich zum Abschied zu ihr hinuntergebeugt, um den Gurt festzuzurren, anstatt sie vor dem Auto zu umarmen. Hätte ich gewusst, dass in dieser Nacht, Rehe diese eine Straße überqueren, - ich hätte ihnen eine andere Route empfohlen. Hätte ich nicht etwas Bedeutungsvolleres zum Abschied sagen können? Hätte ich mir nicht mehr Zeit für sie nehmen können? Hätte ich gewusst, hätte ich gewollt, hätte ich geahnt! &lt;br /&gt;
Ein trauriges Wort, dieses &lt;i&gt;Hätte&lt;/i&gt;, ein sehnsüchtiges Wort. Es drückt all das aus, was man nicht geworden ist. Es sagt: Was war nicht alles möglich, damals, und warum ist es nicht geschehen? Warum sind diese Ereignisse nie eingetreten? Warum habe ich diese Chance nur verpasst, und eine andere ergriffen? Warum ist alles verloren? Hätte ich es nur gewusst. Hätte ich es nur verhindert. Hätte ich nur was gesagt. Hätte ich dich nur mehr geliebt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles, - jede Entscheidung, jede verpasste Chance, - hat sich verkrümmt, und wurde zerschmettert, als dieses Zahnrad in ein anderes griff, und Falk den Rehen, die so plötzlich vor ihm aufgetaucht waren, ausweichen wollte, und dann das Lenkrad so herumriss, dass er die Kontrolle über den Wagen verlor; es konnte nichts mehr verändert werden, es war alles im Vorfeld entschieden, - in der Unausweichlichkeit des Baumes, der seit Jahrzehnten an der Stelle stand, wohin er gepflanzt wurde; in der Unausweichlichkeit der Bremsen, der Rehe, des Gurtes, des Tages. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist es. Man akzeptiert die Unannehmlichkeit, und lebt das Leben weiter. Es gibt kein Zurück, es gibt keine Reue. Man kann sich nichts vormachen. Jedem Sterben, jedem Untergang folgt die Trauer. Und sonst nichts, sonst bleibt nichts. Man atmet Asche und Staub, und krempelt die Ärmel nach dem Gräbergraben wieder nach unten, und dann kommt das Essen, das Scheißen, das Ficken, und nichts sonst, rein gar nichts. Man legt ein paar Blumen auf die Erde, man steht sich vor den Grabsteinen die Beine in den Bauch, und sieht zu, wie die Blumen verwelken, wie die Natur die aufgewühlte Erde wieder in sich aufnimmt, wie die Grabsteine verwittern und zerbrechen. Man sagt sich: &lt;i&gt;Sei traurig&lt;/i&gt;, und man versucht es zu sein, - dabei gibt es keine Gefühle mehr, es ist alles leer. Man geht zur Arbeit und erledigt sie, man ist nicht überragend dabei, man ist kein Genie, aber man tut etwas. Immer tut man irgendetwas. Und nie macht es &lt;i&gt;Klick&lt;/i&gt; dabei. Es folgt kein Glück. Nur das Essen, Scheißen, Ficken. Dann kommen vielleicht die Kinder, und die Enkelkinder, und man bekommt Falten, man altert und geht weiterhin den gleichen Dingen nach, wie vor ein paar Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Man sieht fern, man kauft sich ein neues Auto, man liest ein Buch. Essenscheißenficken, - das ist das Leben, und trotzdem will es irgendwann nicht mehr funktionieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Unfallmeldung revolutioniert dein Leben nicht. Sie zerstört es. Und nichts bleibt zu sagen. Nichts zu sagen, nichts zu denken, nichts zu tun. Es wird alles weggewaschen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles. Fort, vorbei, vergessen. 
&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-07T12:00:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://morbus.twoday.net/stories/4729557/">
    <title>supposed to be. 7</title>
    <link>http://morbus.twoday.net/stories/4729557/</link>
    <description>&lt;p align=&quot;justify&quot;&gt;Wie still die Zeit vergeht, wenn man glücklich ist, wie still und heimlich, und ohne große Last, - wie ein Tag am Meer, an dem die Möwen über der Gischt der Wellen segeln, und dann: ein Kinderlachen, wie aus der Ferne, wenn sich die bunten Schaufeln im feuchten Sand vergraben, um zu häufen und zu beklopfen, was später fest und unveränderlich am Strand errichtet wird, - Festungen und Schlösser, und Burgen, die das Glück umgrenzen, die es umschließen, und die es doch nicht halten können. Bei der nächsten Welle wird es entlassen, hinaus, hinaus, ins Meer zurück. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Ein furchtbares Cliché; naive Metapher für das menschliche Leben!&lt;/i&gt; steht hier am Rand. Es ist doppelt unterstrichen. In roter Schrift, einer Lehrerschrift. Unleserlich, mit krakeligen Buchstaben. Dabei hat es kein Lehrer geschrieben. Das war nur ich. Ein Ich, das glücklich war, genau wie in dieser Szene, am Meer, wo es eigentlich kein Meer gab, sondern nur den See, draußen, vulgär und nackt vor allen, und doch irgendwie geborgen. &lt;i&gt;Darin.&lt;/i&gt; Das kann ich nicht beschreiben. Es gibt für die glücklichen Stunden tatsächlich zu wenig Worte. Oder kann man trotzdem nach ihnen suchen, - selbst mit der Gefahr, nur die Stille zu finden, die sie umgrenzt? Eine Stille, die so absolut ist, so genügsam, das sie nicht mehr braucht als das, - als Kontemplation? Muss man? Selbstgenügsamkeit, Bescheidenheit, nein, mehr noch: Demut. Demut, die keine Demütigung ist. Erbarmen, ohne Erbärmlichkeit. Mitleid ohne Arroganz. Was ist schon das Ich wert, wenn es kein Du gibt? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei war ich glücklich. Richtig glücklich. Und ich wusste, dass ich es bin. Wie ein moderner Antiheld, der sich des Paradoxons bewusst ist, das er durch seine bloße Existenz erzeugt. Ein Antiheld? Ach was ist schon wirklich &lt;i&gt;heldenhaft&lt;/i&gt;, heute, gestern, vor vielen Jahren? Dass ich Skeleton gepflegt habe? Dass ich ihn geliebt habe wie einen Bruder? War es ein Opfer für die Menschlichkeit, - und selbst wenn, welche Bedeutung hat es für das eigene Glück? &lt;i&gt;Du wirst nicht zu einem besseren Menschen, weil es immer einen Egoismus gibt, der dir das unabdingbar Bessere zerstört.&lt;/I&gt; Das ist Ironie. Nicht bitter, sondern geschmacklos, eine Ironie, die taube Lippen macht. Das lernt man zu akzeptieren. Es ist trivial. Aber was am menschlichen Leben ist das nicht? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich an diesen einen Tag, es war Sommer. Nach dem Unfall, zwei Jahre später. Skeleton war schon Skeleton, und nicht mehr der Poet, nicht mehr Schiller, den ich in ihm gesehen hatte, er war nicht mehr Alan; er hatte schon einen Großteil seines guten Aussehens verloren, nein: &lt;i&gt;verkauft&lt;/i&gt;. Mit jeder Party, mit jeder handvoll Tabletten, klein und mit Smileytotenköpfen, mit jedem Glas Wein, mit jeder Flasche Bier, mit jedem übernächtigten One-Night-Stand; Alan hatte sich aufgelöst, war zerronnen, und im Wasserstrudel verschwunden. Er war zu Dorian Gray geworden, nur besaß er kein Portrait, das seine Ausschweifungen aufnahm, - es blieb alles an ihm selbst hängen, an seinem Gesicht, das ich ansah, und nicht erkannte, und an seinem Körper, der allmählich unter seiner Kleidung verdorrte, vertrocknete, ohne an Lebendigkeit zu verlieren. &lt;i&gt;Das&lt;/i&gt; war überhaupt die grausamste aller Tatsachen: dass sich in dieser Zeit Alans Körper von Innen heraus zu zerfressen schien, während sein Geist weiterhin nach draußen strahlte. Hell, und immer heller, so wie eine Sternschnuppe, die man nur bewundern kann, weil sie verglüht. Je näher sie uns kommt, desto weniger bleibt von ihr übrig. So war auch Alan. &lt;br /&gt;
Er hatte zu diesem Zeitpunkt angefangen, sich selbst Schnittwunden zuzufügen; erst unauffällig an den Fingern, sodass ich es noch nicht bemerkte, dann später aber immer offensichtlicher, überall an seinem Körper. Ich weiß nicht, was ihm dabei durch den Kopf ging, und vielleicht werde ich es auch nie verstehen, weil er sich später sichtlich Mühe gab, diese Wunden zu perfektionieren, sie unter einem ästhetischen Blickwinkel in die Haut zu ritzen, und scheinbar weniger aus dem Bedürfnis heraus, sich Schmerz zuzufügen. Mir kommt im nachhinein oft der Gedanke, dass er den Schmerz nur inkauf genommen hat, wie ein notwendiges Übel, aber letztlich ist das eine wie das andere austauschbar geworden. Verdient die Kunst denn nichts anderes als Schmerz? &lt;br /&gt;
Später log er mich nicht mehr an. Später reichten die Pflaster nicht mehr aus, um die nässenden Wunden zu verstecken. Später war Alan nur noch eine blasse Erinnerung. Und übrig blieb ein Schatten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir saßen auf der Schloßtreppe, zu unseren Füßen der penibel gepflegte Hofgarten; die ersten Blumen verfaulten schon, aber das änderte nichts daran, dass die meisten von ihnen bunt strahlten, gerade die, an deren Blütenblätter der Tod nagte, überstrahlten alle anderen; sie erfüllten die Luft mit einem schweren süßen Duft. Wir saßen da, und sahen zu, wie Fahrradfahrer in kurzen Hosen an uns vorüberradelten, und eine dicke Frau ihren noch viel dickeren Hund spazieren führte, wir sahen die Menschen, die sich auf ihre Handtücher gelegt hatten, und in der Sonne leise dösten; andere spielten Federball zur Musik, die aus einem Radio plärrte, und Kinderlachen, wie aus der Ferne. Der Himmel war so blau, so restlos blau, dass ich mich fragte, wie wir Menschen diese Farbe so bedenkenlos hinnehmen können, und das Leben war ewig. &lt;br /&gt;
Natürlich hatte das Unglück schon angefangen, es hatte mit dem Unfall angefangen, oder es war sogar schon vorher da gewesen, und war erst dadurch zum Ausbruch gekommen, aber genau dort, genau auf dieser Treppe, genau mit dieser Aussicht auf die Menschen im Sommer, da erschien mir das Glück näher als sonst. Ich war verliebt ins Leben, vernarrt, besessen vom Leben, und auch von der Vorstellung, es jetzt leben zu können. &lt;i&gt;Es hat erst angefangen&lt;/i&gt;, dachte ich, und es stimmte. Vielleicht stimmte es.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hab gehört, Jimmy geht nach Hamburg«, sagte er. »Will er also endlich &lt;i&gt;Karriere&lt;/i&gt; machen?«&lt;br /&gt;
»Ich glaube, das Wort &lt;i&gt;Karriere&lt;/i&gt; passt nicht zu ihm, aber ... naja, wenn du so willst, ja. Er hat die Zusage bekommen.«&lt;br /&gt;
»Wow«, sagte er. »Und er wird sich auch Leggins anziehen, und seine Tanzübungen machen, richtig?«&lt;br /&gt;
»Wenn es sein muss ... bestimmt. Jimmy tanzt gerne. Ich beneide ihn sogar manchmal darum.«&lt;br /&gt;
»Um die Leggins?«&lt;br /&gt;
»Auch«, erwiderte ich zynisch, dann, nach einer Pause. »Nein, du Affe, um sein Talent.«&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
»Weil er etwas hat, das er beherrscht, das er &lt;i&gt;richtig&lt;/i&gt; beherrscht, - sobald er seinen Text kann, wird er zu der Person, die er sein muss; es gibt keine Grenze zwischen ihm und dem Skript. Sobald er seine Choreographie gelernt hat, gibt es für ihn nur noch die Bewegung, - er wird zum Tanz, zu der Musik, er geht darin auf.«&lt;br /&gt;
»Und wie viel Ich bleibt ihm dann noch, wenn er Skript und Zeile, wenn er Tanz und Musik ist?« &lt;br /&gt;
»Was für eine Bedeutung hat das Ich im Vergleich zur Vielzahl der Ichs?«&lt;br /&gt;
»Bitte keine Grundsatzdiskussion heute«, sagte er und lachte. Kurz, trocken. &lt;br /&gt;
»Das ist doch keine Grundsatzdiskussion.«&lt;br /&gt;
»Du wirst aber sicher eine draus machen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder Fahrradfahrer, eine Familie mit quietschenden Kindern, da rannte ein Hund durch die Büsche. Nach einer Weile sagte er: »Es gibt keinen Vergleich, - die Relation ändert nichts am eigenen Empfinden. So einfach ist das.« Er musterte mich mit seinen blauen Augen, und lächelte müde. Wie müde war er wirklich? Wie viel Stunden schlief er am Tag, und mit wem? Das ging mich nichts an, das weiß ich, aber ist ein Gedanke erst gedacht, und eine Frage erst gestellt, dann kann man sie nicht mehr zurücknehmen. Sie gehen ein in den Raum, schreiben sich in die Zeit, - alle Fragen, alle Gedanken, selbst die unausgesprochenen überdauern. Sie fliegen als Frequenzfragmente durch das All. Unser Gehirn ist die unmittelbarste Weltraumstation die wir haben. &lt;br /&gt;
»Komm, wir machen einen Wettlauf«, sagte er plötzlich. »Von hier bis zum Freibad, und wer gewinnt, bekommt den Eintritt ins Freibad vom Verlierer bezahlt.«&lt;br /&gt;
»Einen Wettlauf? Weißt du, wie weit es bis da hin ist?«&lt;br /&gt;
»Es geht ja auch nicht um Schnelligkeit, sondern um Relation.«&lt;br /&gt;
»Versteh ich nicht.«&lt;br /&gt;
»Los, sei kreativ, du Affe.« Er stand auf, ich tat&apos;s ihm nach. »Jede Methode ist erlaubt. Bei 3 geht&apos;s los, okay?«&lt;br /&gt;
Ich nickte, obwohl ich den Sinn dieser Aktion nach wie vor nicht verstand. &lt;br /&gt;
»Gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eins. Zwei. Drei. Weißes Rauschen. &lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Was ist das?&lt;/I&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich rannte los, durch den Park, mitten durchs Gebüsch, immer gerade aus, bis ich nach ein paar Metern merkte, dass niemand neben mir rannte. Ich blieb abrupt stehen. Schaute mich um. Nach ein paar Sekunden drehte ich um, und ging zurück. Skeleton stand vor der Treppe, und lachte. Er lachte und lachte, und konnte nicht mehr aufhören. Genau das war das Glück.&lt;/p&gt;</description>
    <dc:creator>morbus</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://morbus.twoday.net/topics/Parallelwelt%3A+Strich%28er%29leben&quot;&gt;Parallelwelt: Strich(er)leben&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 morbus</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-03T12:00:00Z</dc:date>
  </item>


<textinput rdf:about="http://morbus.twoday.net/search">
   <title>find</title>
   <description>Search this site:</description>
   <name>q</name>
   <link>http://morbus.twoday.net/search</link>
</textinput>
<cc:License rdf:about="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/">
   <permits rdf:resource="http://web.resource.org/cc/Reproduction" />
   <permits rdf:resource="http://web.resource.org/cc/Distribution" />
   <requires rdf:resource="http://web.resource.org/cc/Notice" />
   <requires rdf:resource="http://web.resource.org/cc/Attribution" />
   <prohibits rdf:resource="http://web.resource.org/cc/CommercialUse" />
</cc:License>

</rdf:RDF>
