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Traumsequenzen

Dienstag, 9. Dezember 2008

Narben

Man möchte sagen, und das tat er während er sich behutsam das rechte Augenlid rieb, dass es bedeutsam ist, wenn sich jemand den Kopf an einer Kante stößt, die er tausend mal und mehr am Tag ohne Zusammenstoß an sich vorübergehen ließ, der er ja noch nicht mal bewusst war, und die dann, einem Eisberg gleich, aus dem Nichts kommt, und ihn schließlich ganz erfasst.

Allgemeines Getuschel setzte diesem Argument ein jähes Ende, denn wer hatte sich nicht schon tausend mal und mehr an dieser oder jeder anderen Kante den Schädel angeschlagen, und zwar ohne dies als bedeutsam zu empfinden? Es gab Türecken und Dachschrägen, Treppenstufen, Tischkanten, - eine Vielzahl von Verletzungsmöglichkeiten und nicht eine davon hätte man wirklich als bedeutsam bezeichnen mögen.
Durch einen Stoß gegen den Kopf wurde man nicht besser, schon gar nicht intelligenter, im Gegenteil. Eine Beule vermochte den Menschen nicht zu adeln, - allenfalls zu berühren, und die Berührung selbst, und das wussten sie alle, war ja doch recht schmerzhaft. Unangenehm. Vermeidenswert. Sich anzustoßen hieß sich preiszugeben. Nicht der eigenen Sterblichkeit, - wer weiß als aufgeklärter Europäer heutzutage nicht, dass der Mensch vergänglich ist?, - oder der Schmerzen wegen, die einen über Tage, Wochen schlimmstenfalls, noch begleiten konnten; man gab sich stattdessen der Verletztlichkeit preis, der Tatsache, dass der Mensch zur falschen Zeit, am falschen Ort in seine grundlegendsten Bestandteile zerfallen konnte, - ohne es selbst je zu verstehen.

Er nickte, weniger anerkennend als enttäuscht, und lockerte beiläufig seinen Krawattenknoten; es war eine graue Seidenkrawatte, die gut zu seinem grauen Nadelstreifenanzug passte, zu seinen grauen Augen, und auch wenn es selten geschah: Es passte sogar zu seinem Lächeln, das zwar nicht grau, sondern silbern war, aber professionell wirkte. Kühl. Berechnend. Seine Lackschuhe glänzten, - nicht so aufdringlich, dass man jeden seiner Schritte mit den Augen hätte verfolgen wollen, und doch auffällig genug, dass es den jungen Männern in dem holzvertäfelten Zimmer auffiel, - und er ging mit ihnen von einem Punkt zum anderen ohne sich dabei wirklich von der Stelle zu bewegen. Seine Finger, maniküriert und sanft wie Kinderhaut, blieben ruhig, sie zitterten nicht.

Meine Herren, sagte er, bemüht, den richtigen Ton zu treffen, die passende Anrede für diese Männer, die nicht sonderlich jünger waren als er, und seine Stimme klang volltönend, wenn auch ein bisschen blechern zwischen den Pausen, ich bitte darüber nachzudenken. Gelächter, irgendwo aus einer der hinteren Reihen, ließ seinen Mundwinkel zucken. Niemand würde über seine Theorie nachdenken, und er wusste es. Eine Narbe war eine Narbe, kein Einschnitt in das menschliche Bewusstsein. Selbst dann nicht, wenn das Gehirn nur ein Gewebe war, und dieses Gewebe reißen, geschunden, verletzt werden konnte; nicht, wenn man annahm, dass jede Zelle regenerierte, nach sieben Jahren sich der ganze menschliche Organismus erneuerte, und dass sogar Narben diesem Prozess unterworfen waren. Er zögerte. Nein. Eben nicht. Narben verschwanden nicht, sie erneuerten sich. Fehler wurden nicht bereinigt, sie wurden kopiert. Was aber hieß das für das menschliche Bewusstsein? Was konnte ein Schlag auslösen, wenn das neuronale System vernarbte, welche Bedeutung hatte es für das Bewusstsein, das Verhalten, kognitive Fähigkeiten?

Das Lachen war verstummt, und die Männer saßen stumm vor ihm; sie reihten sich stoppelig an- und nebeneinander, mit ihren schmalen Lippen und ihren kleinen Augen, - nie erschienen sie ihm feindlicher als in diesem Moment, - und er bekam allmählich das Gefühl, dass sie ihm die Luft zum Atmen nahmen. Sein Kopf schmerzte, die Lider juckten. Wozu es ihnen erklären? Wozu es überhaupt verstehen wollen? Was änderte es am Leben?

Freitag, 5. September 2008

Ruby. Pt.2

Viertens.
Ruby war vierzehn Jahre alt als sie ihre Unschuld verlor. »An einen Soldaten«, wie sie sagte, »an einen jungen, kräftigen Soldaten.« Ihre Augen schwebten abwesend über dem Rand ihres Glases, die Lider durchfächerten den Rauch. »Das war 1964. In einer Stadt, die auch Berlin hieß. Berlin, New Hampshire, das gibt es tatsächlich, du wirst es kaum glauben, Darling. Die ganze Welt ist beschränkt!, begrenzt auf ein paar Worte, die sich wiederholen und wiederholen, und irgendwann redet man sich im Kreis, denkt man, und dann sitzt man Jahrzehnte später in derselben Stadt, und ist doch ganz woanders. Kaum zu glauben, eigentlich.«
Sie schnippte die Asche in einen gläsernen Aschenbecher, der schräg neben einem Schälchen Erdnüsse stand.
»Mister Tupper, der Kerl, der die Tupperware erfunden hat, du kennst das Zeug, Darling?, der kam aus Berlin, New Hampshire.« Ruby lachte rasselnd, als hätte sie einen anzüglichen Witz gerissen, und trank daraufhin einen großen Schluck aus dem, von den Eiswürfeln beschlagenen Glas.
»Du siehst also was die Stadt hervorgebracht hat: jede Menge giftigen Müll. Und mich, natürlich.«


Fünftens.
Rebecca Ruby Jansen geschiedene Hedge verwitwete Jones geborene Patt kam 1950 im städtischen Krankenhaus von Manchester, - einer weiteren Kopiestadt, wie sie später sagen sollte, - in New Hampshire zur Welt.
Ihre Mutter war Rosemary Patt geborene Littleton, eine Angestellte der Northwest Paper Factory (mit Hauptsitz in Manchester); eine zu allen Zeiten zerbrechlich wirkende Frau, - sie war Mitte Zwanzig als sie ihr erstes und einziges Kind gebären sollte; ihr Vater, Jonathan Patt, - als er Rosemary 1942 kennenlernt ein gutaussehender Zeitungsredakteur eines unbedeutenden Regionalblatts, dann nach der Landung in der Normandie 1944 als ruheloses Gespenst zurückgekehrt, - ein versehrter 30jähriger, ein Überlebender eines flammenkreischenden Alptraums, mit fehlenden Fingern an beiden Händen und Narben am ganzen Körper, auf lange Jahre hin arbeitslos.
»Er war wie ... naja. Wie ein manischer Versuch, Mensch zu sein, wenn du verstehst, Darling. Als hätte Gott nur eine Skizze eilig aufs Papier geschmiert, eine Karikatur!«
Ruby hatte nie verstanden, wie ihre Mutter dieses Phantom hatte heiraten können, oder gar lieben!, aber Ruby sollte die Liebe generell nie recht verstehen, - es blieb ihr bis zum heutigen Tag ein Rätsel.


Sechstens.
»Vierzehn war ich, als ich meine Unschuld verlor. An einen Soldaten, an einen jungen, kräftigen Soldaten. Paul«, sie schmeckte dem Namen hinterher; den Mund sachte zusammendrückend, spitzte sie die Lippen so als fühlte sie einen Kuss: »Paul, ich erinnere mich noch sehr genau an ihn. Er hatte sein blondes Haar gescheitelt, blaue Augen, so ähnlich wie deine, nur ein bisschen heller noch, wie mit Aquarellfarben gemalt, und er trug einen Bart auf den Lippen. Unglaublich männlich, mit breiten Schultern, und allem drum und dran.
Er war gerade einunddreißig geworden, - das weiß ich so genau, weil ich auf seiner Geburtstagsparty war, einem schrecklich lahmen Fest, das gleichzeitig seine Abschiedsfeier war. Du musst wissen, Darling, dass der Vietnamkrieg damals noch nicht mal richtig begonnen hatte, - man konnte nie etwas aus den Berichterstattungen herausgreifen, etwas Echtes, etwas Lebendiges, - aber alle wussten seit dem Krieg, seit dem Zweiten Weltkrieg, dass ein Krieg immer auch Tod bedeutete, Risiko. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht war es deswegen nicht der ideale Zeitpunkt für eine Party, aber da Babette das ganze organisiert hatte, seine Verlobte, traute sich niemand etwas zu sagen. Babette war es auch gewesen, die mich eingeladen hatte, und die nicht ahnen konnte, wie sehr sie damit mein Leben und vielleicht auch ihr eigenes verändern sollte.«

Ruby zündete sich eine neue Zigarette an.

»Babette ging bei uns ein und aus, eine aufgedonnerte Schnalle, eine Freundin meiner Mutter; sie saßen oft zusammen in der Küche und lachten, rauchten zusammen ihre Zigaretten, sprachen oft stundenlang, ich hab keine Ahnung worüber, und dann konnte sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Blondiert wie die Monroe war sie, und überhaupt: wie die Monroe wollte sie sein, und das, obwohl die schon seit zwei Jahren tot war, und sie selbst hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Und doch!, und immer wieder!, schön die Lippen angeschmiert, sich den Schönheitsfleck angeklebt, und dann immer am Flöten, - sie hatte in Wahrhheit eine Stimme wie ein Walroß, aber wenn sie mal am Flöten war, dann klang sie wie ein Walroß auf Landgang, eingequetscht in ein Korsett und mit billiger Schminke in der faltigen Visage.« Ruby lachte wieder, schmutziger diesmal, rauher. »Na aber wie auch immer. Babette lud mich und meine Mutter zu der Party ein. Dort hab ich dann auch schließlich meine Unschuld verloren.«
»Könnten Sie mir darüber nicht ein bisschen mehr erzählen? Mit mehr Details vielleicht?«, fragte ich.
Daraufhin sie: »Klar, Darling, aber dann brauch ich ein weiteres Glas, wenn du verstehst?«
Ich verstand. Natürlich.

Dienstag, 2. September 2008

Ruby. Pt.1

»I need you so much closer«, she said, and then she wiped her face clean.


Erstens.
Eigentlich immer noch eine schöne Frau, Ende 50, mit dichten schwarzen Haaren, die unter ihrem breitkrempigen, beigen Hut hervorquollen; ein Mädchen noch, wenn man sich ihr Gesicht recht besah: Die Stupsnase ein bisschen spitz und nach oben gerichtet, - sie verlieh ihr die nötige Arroganz, - die großen, braunen Rehaugen dicht beieinander stehend und von langen Wimpern umrahmt, - sie schenkten ihr etwas, das halb Naivität und halb Weisheit war, - und dann natürlich: Ihre roten Lippen, - sie machten sie schließlich zur Hure. Die Zigarette im linken Mundwinkel, verschmiert von Lippenstift, wippte beim Sprechen, und wenn sie lächelte, zeigte sie schiefe weiße Zähne.
Sie war sicher nicht mehr jung, und weit jenseits von dem aufkommenden neuen Ideal amerikanischer Frauen, die sich ihr Gesicht liften ließen; sie mochte das Altern, nichts schien ihr so zu gefallen wie der Prozess sterbender Nervenzellen und erschlaffenden Gewebes. Sie tat nichts gegen die schmalen Falten, die sich rund um ihren Mund in die Haut gegraben hatten, in ihre Wangen und in die Stirn; unsichtbar wenn sie bewegungslos schwieg, aber wenn sie lächelte, wenn sie sich das Glas an die zum Kussmund gespitzten Lippen setzte, wenn sie sprach, dann warf sich die Haut auf wie ein zerknittertes Leintuch, wie die Parzellen des Mondes. Es machte sie schöner, das Alter. Es adelte sie.
Und das wusste sie. Altern war für sie nicht Teil der Normalität, sondern eine ausschließlich für sie geschaffene Möglichkeit. Sie cremte nicht, sie salbte nicht, sie wusch sich jeden Morgen das Gesicht mit kaltem Wasser und alles, was sie sich je gönnte, war vielleicht das ein oder andere Schaumbad, oder eine teuere Seife, die sie so lange benutzte, bis nur noch eine kleine, weiße Scheibe übrig blieb. Nicht, dass sie das nötig gehabt hätte; sie war nicht arm, und geizig war sie auch nicht, doch ihre Prämisse im Leben war: Nutze alles so lange wie es existiert.


Zweitens.
Ruby sollte man sie nennen, schlicht: Ruby. Schon als Kind hatte man sie so gerufen, sagte sie, schon vor langer Zeit und in einem anderen Land, - auf einem anderen Kontinent!, - und als die Jahre vergingen, und sie vom geschlechtlosen Kind zur promiskuitiven Frau heranreifte, da war ihr Geburtsname schon längst vergessen gewesen, verschwunden in einem großen Brand, mitsamt des Hauses ihrer Großmutter in Flammen aufgegangen, und zu weit weniger zermalmt als Asche und Staub.
Sie hatte ihre langen Beine übereinander geschlagen, als sie erzählte, den schwarzen Rock bis knapp unter dem Knie zusammengerafft, und die Hände auf dem Tresen; in der einen hielt sie ihr Glas, in der anderen die Zigarette. Ihre Fingernägel waren ebenso rot wie ihre Lippen.


Drittens.
»Darling«, sagte sie. Jeder war ihr Darling. Jeder war käuflich. Jeder so besonders wie der nächste. »Darling, könntest du mir erklären, was das hier zu bedeuten hat«, und sie deutete auf das Notizbuch. »Was schreibst du bloß?«
»Ich schreibe etwas über Sie«, sagte ich, und sie lächelte.
»Über mich? Ach das lohnt doch kaum der Mühe.«
»Alles lohnt einer genaueren Betrachtung.«
»Was beabsichtigst du denn damit?«
»Nichts«, sagte ich. Dann, nach dem ich ihr eine Weile dabei zugesehen hatte, wie sie ihr Glas hin- und herschwenkte: »Ich weiß nicht, ehrlich gesagt.«
»Wenn ein Mann sagt, er wisse nicht, dann lügt er. Selbst wenn er noch so jung ist wie du. Das Lügen liegt euch im Blut.«
»Ach ja?«
»Darling, ich kenne euch Männer. Ihr macht mir nichts mehr vor. Alles, was ihr sagt oder nicht sagt, was ihr macht oder sein lässt, es läuft auf dasselbe hinaus: S.E.X. Es ist im Grunde ganz simpel. Wenn man einmal das Muster im Kopf hat, dann kann man immer wieder am selben Pullover stricken, wenn du verstehst, was ich meine. Die Wolle ändert da wenig dran.«
»Und Sie haben an vielen Pullovern gestrickt?«
Sie lächelte, nippte an ihrem Glas, zog an der Zigarette und sagte, den Rauch noch in die Luft blasend: »Darling, wir stricken doch alle an irgendwas, oder nicht?«

Sonntag, 24. August 2008

White T-Shirt

(sexualy explicit breaking news: boobs at its best - now cum for free - summer is the only time for fucking in -- ).

1.
Aufwachen und sich die klebrige Spucke vom Kinn wischen ist kein Idealstart für einen Sommertag wie diesen. Zudem noch, weil man nackt auf dem Fußboden einer fremden Wohnung liegt; die haarigen Beine zu einem komischen Muskelberg versehnt, die Arme quer dazu verwinkelt, und weder der vegetative, noch der bewusste Teil des Kopfes versteht die Lage richtig. War die Ausgangsposition nicht ganz anders? Hilft nicht, so ein Gedanke. Eher Hinterfragung: Ist Muskulatur an sich nicht doch ein Witz? Nur rhetorisch. In Wirklichkeit geht's ums Aufstehen, und zwar bevor jemand kommt; also setzt sich das Gewebe in Bewegung, die Haut über den Muskeln, die Muskeln an den Knochen, die Knochen selbst, die man ja ist, und während sich noch die Fingernägel kratzend über die Kopfhaut schieben, lockert sich das Sehfeld und die Umgebung rückt aus dem Nebel: Das Zimmer ist bekannt; man erinnere sich an die Wände mit den Regenbogenflaggen, das Linoleum, das jetzt an Fersen klebt, der mehlbestäubte Tisch, das Fenster, das auf die Straße hinausführt. Es ist alles, wie es war; als hätte die Zeit ein Bild gemalt.

2.
Irritiert und fahrig huscht der Blick über den Boden, und in die Ecken, unter das türkise Bett. Ganz am Anfang hat sich der Mensch aus Schutz- und Sicherheitsgründen Kleidung angezogen, später dann, als das Bewusstsein grausamer, klinischer, urteilender wurde, um nicht mehr so zerbrechlich auszusehen. Ein bisschen Stoff hier und da, und alles ist kaschiert, - nur die Projektionsfläche des Verstandes nicht. Gerade in solchen Momenten nicht, wenn man mit bloßgelegten Rippen in einem fremden Zimmer steht und keine Spur von den Kleidern vom Vortag hat. Draußen hört man Schritte. Also sucht man hektischer, schaut auch an Stellen, wo sie unmöglich sein können, - auf dem Fenstersims, hinter den Büchern im obersten Regalfach, - und während die Finger immer eiliger die Dinge verrücken, rutscht der Kopf langsam in Schieflage: Wie konnte das passieren?
Die Situation wird nicht unbedingt klarer, oder eindeutiger, trotz oder gerade wegen den vielen Bierflaschen nicht, die jetzt, manchmal ganz aus Versehen, umstoßen und klirrend wegrollen, und die den Schritt verlangsamen. Slalomgleiches Gehen, um das Glas herum. War das gestern die Möglichkeit der Liebe? Unmöglich. Nichts als die Hitze des Sommers, der die Kleider von der Haut strich, und fallen ließ. Die Augen springen aus dem Fenster, dem Gehweg entgegen, aber unten gehen nur Passanten. Wieder herein geflogen, bitte schön. Da, der Schrank, schräg unter dem Tisch, den bemerkt man immer zu allerletzt.

3.
Es liegt nur ein weißes T-Shirt drin; es riecht nach Minze, und auch nach Mandeln; glatt ist es auf den Fingerspitzen, sanft und wie aus Seide, dabei ist es eigentlich ganz gewöhnlicher Stoff. Weiß. Wie frisch gefallener Schnee. Lautes Rufen hinter der Tür. Es bleibt nichts anderes zu tun, als es anzuziehen; doch schon während sich der Kopf durch die Öffnung schiebt, merkt die Haut, dass es eine Nummer zu eng ist, zu kurz. Es geht nur knapp bis zum Bauch. Darunter kringelt sich schwarzes Haar, man sieht den Leberfleck an der Hüfte. Das muss gehen.

Dann geht die Türe auf.
Und Licht fällt rein.
Die Silhouette einer Frau.

Dann gehen die Augen auf.

Montag, 14. Januar 2008

à mon accordeur de piano

Spiel mir ein Lied.

Das Klavier, - es beginnt wie Kolibriflattern, wie ein Wolkenbruch aus Schmetterlingen, und wird dann plötzlich langsam, beinah still. Es ist so schrecklich schön, wie ein Sturm aus der Ferne, und traurig wie der Regen. Alles zerfällt zu den Tasten, zu Halbtönen, die zu Schall zerstäuben, zu Frequenzen, die flüchtig sind, und zu deinen schwebenden Alabasterhänden, fließenden Porzellanfingern. Du neigst dich ein Stückchen vor, und weiter, langsam, tiefer, - dein Kopf fliegt über weißem Elfenbein, und dichter. Fast berührt dein rechtes Ohr die Tastatur. So dicht, so nah. Bist du?
Glimmend liegt die Nachmittagssonne, fliegt funkelnd in Staub durch Raum, - und Zeit, - und stirbt schließlich auf dem abgenutzten Parkett, stirbt zwischen den weißen Vorhängen, die die Welt verhüllen, zwischen dir und mir. Barfuß wie wir sind. Und jung.

Dann wird die Melodie leiser, verwirbelt sanft mit dem Straßenlärm, der zu der zerschlagenen Fensterscheibe hineinweht, verwirbelt mit dem Poltern der Umzugskisten der Nachbarn, verwirbelt in deinem schwarzen Haar, und verklingt wundervoll, in diesem einen Augenblick, in diesem einen einzigartigen, in diesem unwiederbringlichen Moment. Über die Dächer eilen weiße Wolken; sie werden von kleinen, schwarzen Vögeln zerschnitten, und dahinter? Da ist der Himmel so unendlich blau.

Das ist die Ewigkeit, sagt das Herz, Das ist die Summe allen Lebens.

Bleibe ich denn zu lange an deinem Gesicht hängen, an deinen Händen? Ich blinzle nicht mehr, atme nicht mehr. Die Welt entgleitet mir. Alles rutscht fort, ist bedeutungslos geworden, - in diesem Bemühen, in diesem Streben, in diesem immergleichen Wollen. Und Träume zerplatzen leuchtend zu Zigarettenrauch, spiegeln müde im Vorübergehen, aber das ist es nicht. Das trifft es nicht. Es gibt nur diese Menschen, in diesem Raum, und keine abstrakten Möglichkeiten mehr; es gibt nur noch die Erinnerungen, die Stunden zwischen den Jahren, - Stunden, die zeigen, wie viel Glück wir hatten, welch reines Glück! Und kostbar wie Gold nun das Licht dieses einzelnen Moments, in dem das Klavier spielt, - an einem Frühlingsnachmittag in einem zahlenlosen Jahr, - das Licht, das auf meinen nackten Armen tanzt, und auf deiner Brust, das sich im Raum verteilt, flüssig und klar, und Teil ist, Verbindungsstück zwischen uns beiden.
Da sind die Bewegungen, - in diesem Lied, das nach Salz und Mandeln schmeckt, nach Ferne und Kindheit, nach einer Liebe, die ungeliebt blieb und sich trotzdem erfüllte, und nach einem Freund, der verloren ging und doch nie verschwand; alles ist Bewegung, wie das Herz, das unermüdlich schlägt, bis es eines Tages stillsteht, und immer wieder: deine Finger, dein stiller Mund, der dicht über den Tasten schwebt, und du spielst, ewig spielst du dein Lied. Morgen, einen weiteren Tag lang. Morgen, ein weiteres Leben.


Irgendwann finde ich diese Notiz. Irgendwann finde ich mich darin wieder.
In diesem.
Ewigen Traum.

Comptine d'un autre été printemps l'aprés midi.

Sonntag, 16. September 2007

Qui sème la musique récolte le cauchemar.

Ich saß also auf diesem Bett in diesem kleinen Hotelzimmer, und starrte abwesend auf die rostrot-violette Tagesdecke; im Hintergrund plärrte der Fernseher erst Werbung für irgendeine High-Tech-Firma [North Central Positronics], und dann kamen die Simpsons. [Es war die Folge, in der Lisa zur Vegetarierin wird].

Ich saß da und wartete auf das Telephonklingeln.

Klingeln. Irgendwann musste ich es verpasst haben, diesen bewussten Augenblick des Klingelns, des Abhebens, denn ich hatte den Telephonhörer plötzlich in der Hand, atmete scharf ein und sagte: Yooo? [Das war das Stichwort, das Zeichen, ausgemacht für den Fall der Fälle; Schäuble, FBI und eventuell auch noch Restbestände des KGB saßen hunderprozentig hinter diesen pappdünnen Hotelwänden, saßen unter meinem Bett, rumpelten über das Dach, etc]. Da lachte jemand auf der anderen Seite, - haha-r-haha, - kehliges, rauhes Lachen, Trickfilmlachen, Masterpiece-Lachen, und echote das Yooo? zurück. Yooo? Das solltest du aufnehmen lassen, Mann, daraus kann man echt was machen.
Ich kicherte, hinter vorgehaltener Hand, und mehr für mich selbst. Ich wollte nicht, dass die anderen mich hörten. Die anderen? Das waren die schlanken schwarzen Männer, Christopher Brian Bridges [Ludacris] und Claude M'Barali [MC Solaar], die schräg vor dem Fernseher saßen und selbst lachten. Über die Simpsons.

Dass ich mit den zwei Rappern (!) in einem Hotelzimmer wie diesem saß, - einem ausgesprochen hässlichen und heruntergekommenen Hotelzimmer, - und mit Timothy Z. Mosley [Timbaland] sprach, hatte nur einen Grund: Die wollen deine Texte, die wollen deine Lyrics, die wollen dich. [Dass ich keine Ahnung von dieser ganzen Branche habe, war in diesem Moment ganz egal]. Also versuchte ich so wortgewitzt wie möglich zu sein, poetisch, anspruchsvoll und geistreich, aber dabei niemals redselig, niemals ausschweifend. Kurz und prägnant. Zynisch, und ein bisschen überheblich dabei, - so, als hätte ich ein Gossenleben geführt. In der reichen, weißen Gossenwelt. [presented by North Central Positronics]
Timbaland lachte auf der anderen Seite der Leitung, - haha-r-haha, - und sagte: Ey, du kannst das, - du solltest rappen, Mann, du bist viel besser als Eminem, ey. Die anderen stimmten zu. Wer war Eminem? Warum war ich besser als er? Aber gut, gut! Ich blinzelte übertrieben oft, um.

Hinter den burgunderroten Vorhängen dieser Hotelzimmerwelt schwamm der Horizont in nebliger Helligkeit; unscharfe Schatten huschten von links nach rechts, und Ludacris und MC Solaar lachten über Homer.

Ich strich mir mit der Hand über das Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, aber das Gefühl der Irrealität wollte nicht aufhören. Hast du schon ne Idee für dein erstes Lied, ey? Für dein erstes Album, Mann, für deinen großen Durchbruch? Mir wurde heiß und kalt, und wieder heiß, und ich fing an zu stammeln. Nee, also, ja, das könnte, da wäre, ich hab da so, ich weiß aber nicht, wie. Die anderen zwei hörten auf in den Fernseher zu starren, und mir wurde allmählich schlecht. Durchbruch? Da kam die volle Aufmerksamkeit in mir hoch. Dieses Medienbewusstsein, - Saurons gieriges Auge, nur vertausendfacht: lidlose Augen schlafloser Menschen, immer mit einem Finger an dem passenden Knopf, dutzende Handyklingeltöne, die sich als zweite Tonspur legen ließen, abertausende Vermarktungsstragien, Poster, Interviews, Events mit Feuerwerk und halbnackten Frauen, die sich an Stangen winden würden, und klatschende, johlende Mengen, anhimmelnde, kreischende Mengen, und Partys, Drogen, Absturz, Rehab, und dann neue Auftritte, und Selbstmordversuche und Häuser mit hallenden Hallen aus Marmor und schönem Stuck, und immer mehr und mehr, und eine Verfilmung und eine Dokumentation über meinen frühen Tod.

Ich stammelte weiter. Mir ging nur ein Lied durch den Kopf, ständig und immer wieder von vorn: Man findet keine Freunde mit Sala-at. Man findet keine Freunde mit Sala-at. Man findet keine Freunde mit Sala-at. [Und Lisa, die entsetzt Marge anstarrt, Mom!, und diese erwidert darauf: Ich wollte damit keine Stellung beziehen. Ich war von dem Rhythmus fasziniert.]


Dann kam das große Erwachen und meine allgegenwärtige Irritation.