Narben
Man möchte sagen, und das tat er während er sich behutsam das rechte Augenlid rieb, dass es bedeutsam ist, wenn sich jemand den Kopf an einer Kante stößt, die er tausend mal und mehr am Tag ohne Zusammenstoß an sich vorübergehen ließ, der er ja noch nicht mal bewusst war, und die dann, einem Eisberg gleich, aus dem Nichts kommt, und ihn schließlich ganz erfasst.
Allgemeines Getuschel setzte diesem Argument ein jähes Ende, denn wer hatte sich nicht schon tausend mal und mehr an dieser oder jeder anderen Kante den Schädel angeschlagen, und zwar ohne dies als bedeutsam zu empfinden? Es gab Türecken und Dachschrägen, Treppenstufen, Tischkanten, - eine Vielzahl von Verletzungsmöglichkeiten und nicht eine davon hätte man wirklich als bedeutsam bezeichnen mögen.
Durch einen Stoß gegen den Kopf wurde man nicht besser, schon gar nicht intelligenter, im Gegenteil. Eine Beule vermochte den Menschen nicht zu adeln, - allenfalls zu berühren, und die Berührung selbst, und das wussten sie alle, war ja doch recht schmerzhaft. Unangenehm. Vermeidenswert. Sich anzustoßen hieß sich preiszugeben. Nicht der eigenen Sterblichkeit, - wer weiß als aufgeklärter Europäer heutzutage nicht, dass der Mensch vergänglich ist?, - oder der Schmerzen wegen, die einen über Tage, Wochen schlimmstenfalls, noch begleiten konnten; man gab sich stattdessen der Verletztlichkeit preis, der Tatsache, dass der Mensch zur falschen Zeit, am falschen Ort in seine grundlegendsten Bestandteile zerfallen konnte, - ohne es selbst je zu verstehen.
Er nickte, weniger anerkennend als enttäuscht, und lockerte beiläufig seinen Krawattenknoten; es war eine graue Seidenkrawatte, die gut zu seinem grauen Nadelstreifenanzug passte, zu seinen grauen Augen, und auch wenn es selten geschah: Es passte sogar zu seinem Lächeln, das zwar nicht grau, sondern silbern war, aber professionell wirkte. Kühl. Berechnend. Seine Lackschuhe glänzten, - nicht so aufdringlich, dass man jeden seiner Schritte mit den Augen hätte verfolgen wollen, und doch auffällig genug, dass es den jungen Männern in dem holzvertäfelten Zimmer auffiel, - und er ging mit ihnen von einem Punkt zum anderen ohne sich dabei wirklich von der Stelle zu bewegen. Seine Finger, maniküriert und sanft wie Kinderhaut, blieben ruhig, sie zitterten nicht.
Meine Herren, sagte er, bemüht, den richtigen Ton zu treffen, die passende Anrede für diese Männer, die nicht sonderlich jünger waren als er, und seine Stimme klang volltönend, wenn auch ein bisschen blechern zwischen den Pausen, ich bitte darüber nachzudenken. Gelächter, irgendwo aus einer der hinteren Reihen, ließ seinen Mundwinkel zucken. Niemand würde über seine Theorie nachdenken, und er wusste es. Eine Narbe war eine Narbe, kein Einschnitt in das menschliche Bewusstsein. Selbst dann nicht, wenn das Gehirn nur ein Gewebe war, und dieses Gewebe reißen, geschunden, verletzt werden konnte; nicht, wenn man annahm, dass jede Zelle regenerierte, nach sieben Jahren sich der ganze menschliche Organismus erneuerte, und dass sogar Narben diesem Prozess unterworfen waren. Er zögerte. Nein. Eben nicht. Narben verschwanden nicht, sie erneuerten sich. Fehler wurden nicht bereinigt, sie wurden kopiert. Was aber hieß das für das menschliche Bewusstsein? Was konnte ein Schlag auslösen, wenn das neuronale System vernarbte, welche Bedeutung hatte es für das Bewusstsein, das Verhalten, kognitive Fähigkeiten?
Das Lachen war verstummt, und die Männer saßen stumm vor ihm; sie reihten sich stoppelig an- und nebeneinander, mit ihren schmalen Lippen und ihren kleinen Augen, - nie erschienen sie ihm feindlicher als in diesem Moment, - und er bekam allmählich das Gefühl, dass sie ihm die Luft zum Atmen nahmen. Sein Kopf schmerzte, die Lider juckten. Wozu es ihnen erklären? Wozu es überhaupt verstehen wollen? Was änderte es am Leben?

