Windmühlenräder wälzen die Wolken um, große graue Rotorenblätter, die kreisen und kreisen, die um sich selbst fliegen, und doch nicht abheben, - Konstruktionen der Bewegung, unbeweglich im Boden verwurzelt; sie kreisen an uns vorbei, groß und immer kleiner, Punkte, die sich im Wogen verlieren, im Umwälzen, in Gestrüpp, das man am Straßenrand vergessen hat. Erst passiert es in der hellsten aller Erdumrundungen, dann später in grau und grau, mit einem Sturm auf den rauchgetränkten Lippen, mit pfeifendem Wind, der den Schnee zum schmalen Spalt im Fenster hereinzerrt, Fahrerseite, - links verglüht die Zigarette, rollt im Aschenbecher; so zerstäubt der Rauch.
Irgendwann zerfließt unter uns der Asphalt zu Eis.
Ich habe Herzflattern bei hundertdreißig K M H: dann bei hundertvierzig, -fünfzig, und bei hundertsechzig schaltet das Adrenalin die Kontrolle aus. Hirn? Anhangdrüse!, - nichts als eine Funktion, gekoppelt an andere. Ich reiße mir Wimpern aus, während ich mir die Augen reibe. Unterwegs, immer unterwegs, - der ewige Himmel spannt sich über die Straßen, über mich und mein kleines konzentriertes Gesicht, und Gänsehautvergessen saugt sich an den W-Orten fest. (Rachel Vinrace ist tot, und was bist du?)
Später sticht mir Berlin ein Reibeisen in den Hals, und lässt mich in ungewaschener Bettwäsche schlafen, - die Zudecke ist immer viel zu kurz, und entweder ragen meine Füße unten raus, oder meine Schultern oben; egal wie ich an dem Bisschen Stoff auch ziehe, es bleibt immer was auf der Strecke. Auch hier: Wind. Mühlen, die sich in meine Träume stehlen, in diese kurzen, fieberhaften Träume, die mir von der Nacht nichts weiter lassen als, -- Mein Gott, wie spät haben wir?.
Es ist immer viel zu früh; zu früh ist der Morgen, an dem sich der Schmutz in den Ecken aufdrängt, zu früh ist der Koka-Tee, den man mir mit ein bisschen Honig reicht, und an dem ich mich gierig verschlucke, - einmal, zweimal, dreimal, viermal vielleicht, - zu früh sind die Diskussionen über potentielle Bedenken, über den Ostblock des Verstandes, und zu früh ist natürlich auch die Wohnungssuche. Also redet man darüber, und erwägt, - Erstschlag! Man entzwängt sich, befreit sich von den Hütchen, unter denen bisher das Leben versteckt war, und man geht los, - die ganze verdammte Karl-Marx-Allee lang, um dann in Friedrichshain zu stehen, in diesem wunderschönen Viertel, wo nur das zu besichtigende Haus ein Totalausfall ist, und man steigt die drei, vier Stufen hoch, und es bleibt das Gefühl, in die Tiefe zu steigen.
Die Wohnung, die wir uns ansehen, weil wir verzweifelt sind, und einfach nicht wissen, was wir mit der ganzen freien Zeit anfangen sollen, ist ein klaustrophobischer Alptraum. Alles rückt viel zu dicht an einen heran, - als erstes die Mieterin, die uns, (d.h. das Chaosmädchen und mich > teutonisch große Wesen), an-- starrt (?). Sie trägt diesen Blaumann, und die obersten drei Knöpfe sind längst abgefallen, also zeigt sie fast schon Dekolleté, wäre sie nicht so klein und untersetzt; ihren Haaren geht die Farbe aus, und auch die Struktur, und im ersten Moment wirkt es so, als hätte sie ein Nest auf dem Kopf, und sie nickt und lächelt, und schnappt kurz nach Luft, als wir uns zu dritt gedrängt im Gang zerquetschen. (Wir sehen dabei die Küche, ein langer Flur, in dem sich Kühlschrank und Herd gegenseitig in die Fersen treten; es riecht nach Urin). Als zweites ist da die Hitze, die sich wie ein Giftgas in die Lungen drängt, durch die Stoffschichten hindurch, durch den Schal, die Mütze und die verdammten Handschuhe, und ich lockere alles ein Stück und fühle mich trotzdem schlecht. (Sie fragt uns, ob uns denn nicht viel zu warm wäre). Die Wände sind hoch, die Decke vier Meter von uns entfernt, aber alles lang und schmal.
Sie führt uns zum Wohnzimmer, wo ein geschecktes Kaninchen Männchen macht, (das nehme ich recht stoisch hin), - sie weist uns extra darauf hin, als wir das Zimmer betreten wollen, denn ein Holzbrett hindert das Tier am Fliehen, und uns gleich mit, also steigen wir darüber hinweg, - und sie zeigt uns den Balkon, einen halben Quadratmeter Leere, vollgestellt mit Schmutz. Meine hektischen Blicke verhaken sich an den glitzernden Puzzlebildern, die sie an die Wand genagelt hat, - auf verschiedenen Höhen, sodass es egal aus welchem Blickwinkel furchtbar ist, - und mein Mund stößt ruckartig Mmmh-ja und Aha aus. Das Chaosmädchen stimmt mir hierbei zu. Wir drängeln uns über das Holzbrett, stolpern durch den Gang ins Badezimmer, - wenigstens ein Fenster für die Zelle aus weißen Kacheln; selbst für eine Person ist das zu klein, - und dann weiter in das Kinderzimmer. (Sie hebt einen orangefarbenen Taftvorhang zur Seite, hinter der noch mehr Hitze wallt). Da wollen mehr Puzzlebilder meine Aufmerksamkeit erregen, - doch dann fliegt der Hobbitfrau ein Kanarienvogel auf den Kopf, und bleibt zwitschern sitzend. Während das Chaosmädchen formvollendet die Contenance bewahrt, spüre ich dieses hysterische Lachen in meiner Kehle aufsteigen, und trete durch den halbseidenen Schleier zurück, in den Flur. Die Zimmerdecke ist sieben Meter entfernt; sieben, zehn, zwanzig Meter. Alles rutscht nur hoch, nicht in die Ferne; eine verdammte Müllpresse. (Im Korridor stehen unzählige halb abmontierte Schränke aus Preßspan). Die Hobbitfrau redet ihr gackerndes Berlinerisch zwischen schweren Augenaufschlägen, lässt das Chaosmädchen ihren Kopf in eine Abstellkammer strecken, die nicht mehr dieser Dimension angehört, und schiebt uns zum Herzstück, wie sie sagt, - zu ihrem Schlafzimmer.
Ich betrete den Raum, und versuche mich wirklich nicht auf die Puzzlebilder zu konzentrieren, oder den hässlichen Teppichboden, der angeblich das schöne Parkett verdeckt; ich versuche nichts von der Einrichtung zu sehen, von seinen Bewohnern, ich versuche nur die Wohnung zu sehen, die nackten Wände, klaustrophisch und erstickend, - doch in Wirklichkeit sehe ich nichts davon, nur eines: den Deckenventilator, auf dessen Rotoren ein Kakadu sitzt, und springt, und hüpft, von einem Blatt zum nächsten, und so den Ventilator antreibt, zum Laufen bringt. Ich starre hoch, starre zu der zehn Kilometer entfernten Zimmerdecke, zu dem Vogel, gottverdammt, zu diesem Vogel, und trete Mmh-ja sagend hinaus, nach draußen, - das Chaosmädchen stottert Floskeln hinter her, und ich nicke apathisch mit jedem Wort zackig mit. Schnell raus, Fassadenfall.
Twilight Deluxe, liegt mir auf der Zunge, und meine zwei Minuten später mich selbst, denn ich vergesse meinen Rucksack in dem Kaninchenbau. Also klingle ich wieder, und hole die Tasche. (Dabei fließen mir erschreckende Worte von den Lippen, mit denen ich versuche, meine Vergesslichkeit zu kaschieren; ich sage: Achja, schon so gut gefallen, dass ich das gleich da lasse, haha ... haha!, und möchte mich selbst dafür ohrfreigen).
Weiter.