Der Tag - Collage.
Wir laufen und laufen, Berlin bewegt sich mit. Galerien ziehen an uns vorbei, Bilder, Skulpturen, Menschen, alle Farben fliegen vorbei. Das nasse Laub rutscht unter unsren Füßen. Erzähl mir mehr, sagt N. und sein Rücken ist gerade, und seine Augen sind braun, und er geht und geht, und ich hinterher. Ich sage:
& als er hier war, das letzte mal...
als er mir gegenübersaß...
der blick der sonne...
- verbrannt, verbrannt -
& von der haut blieb nichts weiter als asche...
Aber N. meint, ich sei nicht konkret, er verstehe die Metaphern nicht. Natürlich nicht. Metaphern schützen mich; sie machen den Raum zum echten Erlebnis, zum Schmerz überwindbarer, kleiner. Unbedeutend. Metaphern und Chiffren schützen vor der Wahrheit. Deswegen benutze ich sie. Und doch ist es bloß Augenwischerei. Ich stimme also zu, und sage:
als er hier war, das letzte mal...
als er mir damals in dem café gegenübersaß, - die stoffhosenbeine angewinkelt & die schuhe fest verschnürt, - das gesicht teils in die goldene sonne getunkt, teils versenkt in den schatten der jalousien, - da dachte ich, da hatte ich geglaubt, da schoss der impuls im dumpfen rhythmus von verlangen & schmerz durch jeden nerv, & meine lippen, - meine, - sagten: geh, geh, nimm dein lachen, nimm deinen blick & --
Aber warum, fragt N. als wir vor dem Glas stehen; wir sehen Muschelskulpturen auf weißen Podesten, drinnen, dort wo alles ruhig ist und strukturiert, wo Ventilatoren in Wirklichkeit nichts als Installationen sind, und ich denke: Warum? Weil nicht alles gleich viel wert ist. Because I protect the things I love. (Als Arizona das sagte, hat es mich tatsächlich berührt).
Es sind immer Menschen unterwegs, sie gehen und gehen, und bringen manchmal den Geruch von Essen mit. Und Worte, tausende. Was sie sagen ist um so vieles wichtiger, echter, plausibler als alles, was ich erlebt habe; es klingt so kosmopolitisch, ihr Gezwitscher und Geträller, das Klackern ihrer Stöckelschuhe bringt meine Zähne zum Zerspringen, aber es ist modisch, so perfekt. Klatschen wir Applaus?, wann machen sie nur endlich eine Pause? Ich lache darüber. Nie war ich unbeschwerter, nie war es mir gleichgültiger, was die Menschen von dem hören, was ich durch die Straßen rufe.
Und ich wische mir die Haare über die Stirn. Und meine Schuhe sind nass. Und mein Herz setzt nicht aus, nicht mehr. Die Liebe? Sie gehört einer Frau aus einem anderen Land. Die Liebe? Schreib mir ein Lied, und ich gebe ihm mindestens eine Zeile Dylans:
Though lovers be lost love shall not;
And death shall have no dominion
Aber nichts, nur der Abendhauch, der die braunen Blätter von den Bäumen streift, der leisteste, man spürt ihn nicht auf der Haut, nur das Laub tanzt, gängelt zwischen Bordstein und Kante, und so gehen wir weiter, gehen und gehen, und Berlin bewegt sich mit. Das Tacheles schwebt vorüber, - Ruinenwelt, Sandstätte, - die Elektrische rattert in der Ferne, das alles bleibt nicht stehn. Ich höre noch immer die Kinder vom Spielplatz lachen, spüre noch die Sonne in meinem Gesicht, das Prickeln meiner Hände, eine letzte Tonspur vom Karaoke, schmeckst du noch den Hot Dog? Halt an. Bleib stehen. Da ist er, kurz, da ist der Augenblick, - atme ein, atme alles ein, was die Welt an Luft zu bieten hat, nimm alles mit. Und jedes Geräusch explodiert jetzt zu Farben: Blaue Leuchtreklametafeln, rotblinkend, die Scheinwerferlichter zerstäuben zu Wind, und die ganze Straße, die ganze Stadt, die Welt, - könnte es denn die Welt sein?, - wirbelt herum, um hundertachzig Grad, und wirft ab, was sich nicht halten kann. Glück. Bitte? Glück. Es raunt im Innern, es steigt auf in den Adern, es wirft Blasen. Goldstaub zerfasert die Lungen, und du hustest, und die Augen tränen, - es könnte nichts als der Tod sein. Glück!* Und weitere Glasfassaden rennen vorbei, Häuserzahlen von eins bis zweiundzwanzig, bis hundertneun, geh weiter, geh über alles hinaus, geh weiter, und mehr Licht, und immer mehr, und nichts als der Tanz und nichts als der Genuss, und nichts und niemals die Angst, und niemals der Schmerz, und selbst wenn: Die Räder der Züge kriegen mich nicht.
Alles, was ich dann schließlich erzähle, und zwar ihm, diesem N., dem Hedonisten, ist wahr, ist konkret, und es tut nicht mehr weh. Nichts davon.
spürbar geworden rasen die jahre
die zeit teilt sie ein ins bessere, ins taube,
in licht & immer mehr licht.
In der Straßenbahn dann ruckle ich nach Hause, die Schienen bringen die Zeilen zum Zittern. Es ist mittlerweile dunkel geworden, es ist ja schon Winter. Beim Aufschließen der Türe, beim Grüßen des Jungen mit der Gitarre, beim Treppenaufstieg klopft das Herz. Es gibt etwas, an das ich glaube. Ich hatte es ganz vergessen. Dasein.
*Das heißt nicht, dass alles okay ist. Es bedeutet nicht, dass es das Unglück nicht gibt, die großen Katastrophen, die Abschiede, die Melancholie, die wie Schierling schmeckt. Nichts ist gerade schwerer als diese Versuchsweisenormalität. Dieses Auflehnen gegen die bestehenden Tatsachen, gegen das Übergeordnete. Im Gegenteil. Ich bin so wenig von mir selbst, und die Angst, der Zombie-Affe, sitzt mir des Nachts auf der Schulter und reißt mir alle Haare einzeln aus. Aber. Ich bin nicht allein. Nicht mehr. In die Einsamkeit, die mit der eigenen Haut endet, ist etwas Anderes getreten, eine geteilte Zelle, zwei Moleküle, die dem Niemals entkommen. Eine Erinnerung, ein Traum. Ein lauteres Heute, ein bestimmteres. Eine Weigerung. Ein Nein, das sich nicht mehr beherrschen lässt.


