Etwas aus sich machen. Etwas, das ist dieses Existenzielle, dieses Alles-Durchwirkende. [Lebens-, Geist]. Nein, körperlicher! Wie eine geöffnete Brust, - Rippenbögen zurückgeschlagen wie Zeitungspapier, und darunter die pumpende Muskulatur, Blut, Fleisch: Herz zeigt Rhythmus. Es könnte auch wie gestern sein: Gruppensex in der abgedunkelten Vier-Zimmer-Wohnung, Stadtmitte, viertes Obergeschoss. Viel zu viel Haut, die unter den Fingerspitzen leicht elektrostatisch blitzte, aber leicht wurde, fassbar war, warm und sanft und schmeichelnd. [Es ist egal, wer dich berührt. Liebe!] Das ist: kreativer Prozess; ist: Freiheit; ist: eventuell verwildernde und sittenlose Leidenschaft; auch: intelektuelle Angeberei! Sieh mich an, wie ich lebe und du leidest unter dem Vergleich. Alle. Leiden mach(t)-en mich müde. Ganz besonders meine eigenen. Das ist es nicht.
Etwas aus S-Ich machen. Das ist wie Ich-Sein, nur besser. Reiner. Klarer strukturiert. In der Biographie der Frida K. tritt etwas zutage, - Etwas, wieder! ähnlich dem Rausch, der mich das letzte Mal, - angefasst, unsittlich! berührt hat. Verzückend, und trotzdem schmerzhaft. Im Nachhinein zwickt es noch, und tut ein bisschen in der Magengrube weh, aber das vergeht. Alles vergeht. Übrig bleibt das tiefe, kehlige Lachen: haha-r-aha! und die Befriedigung, die absolute, und zugleich versehrte, die typisch menschliche Befriedigung, die sich morgens mit Wonne aus den Augen wischen lässt, die aber abends wie ein Splitter darin stecken bleibt, die sich eingräbt, tief in die Haut hinein, und dort Wurzeln schlägt. Aber genau das ist es ja: Du verwurzelst bei dem Versuch, Mensch zu sein. Du machst dabei aus dem Tod etwas Lebendiges; du vereinst die Begriffe, ohne darunter zu leiden: [Día de los Muertos, 2. November]. Das ist großartig. Schwer zu fassen. Aber groß-art-ig. Du benutzt die Kunst als Stilmittel zur Rettung des Verstandes, und, mitunter, des eigenen Lebens. [Frida reicht Virginia die Hand, - vielleicht unter stiller bis lauter werdendem Protest, aber mit Neugier; im Hintergrund unterhalten sich Franz und Ernesto über die Absolution].
Ich lebe in der falschen Zeitform.
Auf der Straße ist keine Einzigartigkeit mehr, alles wiederholt und wiederholt sich, und ist in dem Memorandum der patentierbaren Individualität zu bloßem Marktgeschrei verkommen. Du bist nicht, was du bist; du bist nur der Versuch, der kleinkarrierte, provinzielle Marketingversuch, ein Gag, eine Persiflage, mit priviligierten Problemen und priviligierten Patentlösungen. Du liest wie Zehntausende vor dir dieselben Bücher, erlebst dieselben Dinge wie die Menschen vor dir, nur mit mehr BangBoomBang, schreibst und denkst dieselben Gedanken, kleidest dich in Variationen wie alle anderen, die durch die gleichen Gassen gehen, in die gleichen Geschäfte schauen, die gleichen Sachen kaufen; du isst, was Tausende vor dir gegessen haben; siehst, was Tausende vor dir mit Blicken ausgezogen haben; du bist Teil einer gleichgültige Kette von austauschbaren Leben. Nichts, rein gar nichts, ist von Wert. Alles ist billiger Kitsch aus Plastik, oder erneuerbare Energie aus der Steckdose; draußen geschieht nichts, es ist alles schon kartographiert, erschlossen, nichts ist geheim, es ist alles da. Du bist Teil der Welt, die nackt ist, nackt bis auf die Knochen, bis in die Atome, bis in die Moleküle der Einsamkeit, und nichts und alles, ist egal.
Und trotzdem!
Etwas aus S i c h machen. Das wirkt wie der trotzige Versuch eines Kindes, wie pseudointelektuelles Gefasel, wie der verzweifelte Versuch der Selbstdarstellung in einem Meer der Selbstdarsteller. Dabei geht es nicht um das Besondere. Einzigartige. Man könnte sich dabei auf die Augen berufen, auf den Fingerabdruck, auf eine Frequenz im Erbgut. Das ist nicht wichtig; Einzigartigkeit macht dich nicht zu einem besseren, schöneren, intelligenteren Menschen; Einzigartigkeit verdammt dich zu einem Leben in Einsamkeit. [Daher bemühen wir uns alle so um Gruppendynamiken, um Akzeptanz in sonst so grausamen Gesellschaften; wir wollen wissen, ob jemand fühlt, was wir fühlen, denkt, was wir denken; dabei ist das doch ganz egal]. Natürlich ist Individualität nur ein toter Körper, wenn es keine anderen Menschen gibt, doch auch darum geht es nicht.
Es gibt eine Grenze, die mich von dir trennt. Ein objektives Gefühl der Unterscheidung, ein Bedürfnis nach Geschlossenheit, - abgeschlossen von dir, eingeschlossen in mir, ausgeschlossen von dem Rest. Ein Bedürfnis nach Privatsphäre, nach Un-Kollektivität. Ein Drang, gegen den Strom zu schwimmen, ohne dabei groß aufzufallen. Eine heimliche Abgrenzung, vielleicht. Eine Wut, die sich aus der Gleichschaltung speist. Aus dem Drang nach Konsequenz. Es braucht keinen Vergleich. Es braucht keine Schablone des Anders-Sein; das ist nur bloße Naivität.
Ich denke, - denke!, - man muss alleine-sein, um wahrhaft zu sein, aber man muss zusammen-sein, um zu werden. Prozess. Nicht Stillstand. Etwas aus sich machen heißt, sich darauf einzulassen.
Ich. Vergeude. Momentan. Vergeude alles, besonders meine Zeit, mein Talent und meinen Willen. Nach jedem Satz, wache ich auf. Für ein paar Sekunden. Und trotzdem denke ich nachts darüber nach, was hier so gründlich schief läuft. Ich beschäftige mich nicht intensiv genug mit LRT, und die Bilder, die mir vor Augen sind, wollen sich durch meine Faulheit nicht realisieren lassen. Ich überlege zu viel, und mache zu wenig; darin liegt eine berechnende Selbsteinschätzung. Ich kenne mich gut. Zu gut. Ich weiß genau, was ich tue und was ich lasse, aber tun sollte.
Aber wo wir dann schon dabei wären, ein paar Memos für unterwegs:
Briefe.
Ich sollte Javier schreiben; ihn bitten, mich für ein paar Wochen bei sich in Chile aufzunehmen. Ich muss dringend nach Südamerika. [Dringend wirkt jetzt sicher übertrieben]. Desweiteren muss ich Armelle schreiben, - ich glaube, die Korrespondenz via e.Mail hakt, - und auch Kevin; ich habe letzte Woche seine CD erhalten. [Ich plane mit Chaos und Unverstand über Silvester in Paris abzutauchen].
Ich muss die Lesung in Basel klären, - an erster Stelle mit DD und auch mit Sara. [Ach ja, und auch mit Marko, wg. dem Fahren]. Und ich muss Andrea schreiben, wg. meinem geplanten Aufenthalt in Italien. Ich weiß nicht, ob sein Angebot noch steht. Das ist alles n bisschen viel Papierkram.
Bücher.
Nach der Biographie der Frida K. folgen die Briefe der Frida K. und dann voraussichtlich [und endlich] die 28 Stories über Aids in Afrika; dann sollte ich mich endlich an The Voyage Out von V.W. wagen, und an Sartres Wahrheit und Existenz; ich habe desweiteren Dank der ZEIT[-Geschichte] ein paar neue Bücher über den Deutschen Herbst aufgetrieben, genauer gesagt fünf, - die sollte ich dann im Oktober bestellen. Außerdem trage ich den Gedanken mit mir herum, mit der Bibel anzufangen. Spaßeshalber. Ist im Grunde auch nicht komplexer als Ulysses. Außerdem bremst sie mich vielleicht ein bisschen ab, ... [Würde schätzungsweise so Mitte Oktober damit anfangen, mal sehen].
Ich brauche dringend zwei neue Notizbücher, eines für LRT und eines für mich, als Reisetagebuch, oder als Blogersatz; ich weiß noch nicht. [Ich habe gestern ein perfektes Notizbuch für mich gefunden: ledergebunden, 23 x 14,5 x 4-5, für 39,95 Euro; direkt mal verliebt]. Die Vorratsdatenspeicherung will überdacht sein; besonders wegen den nächsten Plänen. [T Punkt, B Ausrufezeichen, M, S und H]. Demos, nein. Protest ja! In Tübingen kann ich mich diesbezüglich zwar auf niemanden verlassen, aber ich versuche es mit Auslandskontakten.
Apropos: Ich muss dringend mit Vincent sprechen; Lars hat sich aus NYC gemeldet: er will jetzt nächstes Jahr [auch!] nach Berlin ziehen; er sucht nach einer guten Schrägstrich schönen WG. Ich hab ihm gesagt, ich würde Vincent fragen, - zur Not muss man sich eben eine Weile arrangieren; k.P.
Desweiteren muss ich Skizzen von den Tattoos anfertigen, die ich gerne im Laufe des Winters gestochen haben möchte; muss mit dem Fräulein von und zu Amok darüber reden. [Kreativer Austausch ist wichtig, für mich].
Ich habe manchmal das Gefühl, es würde sich nichts bewegen, aber das täuscht. Es täuscht mich jedes Mal. In Wirklichkeit bewegt sich alles, nur mein Kopf kommt nicht hinter her.