egotrip

Freitag, 24. April 2009

Der Punkt.

frieden finden als sei er verloren, - in der parochialkirche beispielsweise: dort, wo das mädchen ihre tasche abstellt, um zu singen. (ihre stimme ist donnergrollen & sirenengesang). sie ist ganz im licht der bleiglasfenster.

dann mit den blicken dem wind nachjagen bis die blätter in den bäumen zu funkeln beginnen. kitsch sans luxe, natürlich.

ich finde wunder: eine frau, die mich ohne zu zögern an der kasse im supermarkt vorlässt, obwohl ich mehr in den händen halte als sie im wagen hat. ein mann, der mir ein bier schenkt, abends, auf der admiralsbrücke, - dort sitzen die menschen auf der straße, warten bis das letzte bisschen licht verlischt, & trinken & lachen & spielen musik. (& die schnorrer sammeln die flaschen). in einem der antiquariate in der oranienstraße das buch von edward bellamy finden, - auch wenn es niemand je gesucht hat. dazu den besten kaffee der stadt trinken & darüber lachen. den ersten spargel des jahres mit messer & gabel zerfasern & über das nachbarskind lächeln, das am fenster zum hof wieder mal tanzt.

die motte tanzt ebenfalls: sie tanzt nachts um augen & lippen, weil durch blinzeln & atmen so viel licht entkommt; dann spricht man leise, flüstert ins telephon, damit die schatten es nicht hören. dabei geht es um nichts anderes als die nacht, die ewig verführerische, es ist schon kurz nach zwei, bald geht wieder die sonne auf.

ich denke an die egglise de portovenere & spüre die gischt im gesicht. nur dort, sagst du, nur dort. aber ich wünsche mir, die laternen am hermannplatz würden jetzt zu goldfunken zerplatzen. vielleicht ist das ja zu viel verlangt. aber der wunsch macht mich glücklich genug.
dann sagst du: komm mit, für ein paar monate. irgendwann im sommer. ich zeig dir die stadt, & ich spüre es, spüre wie sehr mir die ewigkeit das haar zerwühlt, & denke an das geschirr, das noch zu spülen ist, & an die t-shirts, die man noch waschen muss, & denke an das ganze ganze wissen, das ich mir anzueignen habe, - über die oktoberrevolution in russland, über die französische revolution, über spanien, über die diskurstheorie; ich muss mehr über bergson wissen, & derrida; vom schreiben & organisieren ganz zu schweigen. aber darum geht es überhaupt nicht. das ist nicht der punkt.

der punkt ist das ende alles bekannten.
was danach folgt, ist die ungewissheit.
das, was man abenteuer nennt.
es beginnt im kopf & endet nie.

Sonntag, 29. März 2009

Beim Übertreten der Grenze

1.
Ich schlafe mit geöffneten Augen, rotgeränderten.

2.
Klardenken. Klarsehen. Klarwerden. Was heißt das anderes als eine Art der Durchsicht zu erreichen, - die eigenen Handlungen betreffend?; eine Art Masterplan für den eigenen Verstand. Falls A, dann B, du verstehst? Und doch: Auch in meinem Verstand tobt Asterion, - ihm (& nur ihm) gehört das Haus der Krankheiten, in dessen leeren Zimmern ich wohne.

3.
Das Leitungswasser ätzt mir die Lippen. Ich trinke es wie flüssigen Sauerstoff. (Rezitiere Dylan Thomas).

4.
Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Generell, mein ich. Wenn etwas zu gut läuft, dann sabotiere ich es. Wenn du mir das Glück kochst, dann schmecke ich noch das Un- darin heraus: Ein bitterer, galliger Geschmack, der mir die Zunge lähmt. Wenn du sagst, du könntest ewig bleiben, dann sehe ich dich gehen. Wenn ich es sage, dann lüge ich.

Mit meinen Schraubenzieherworten und Zangenfingern verdrehe ich der Wirklichkeit Schrauben und Muttern: Je länger jemand bei mir sitzt und meinem gierigen Mund zuhört, desto weniger Realität bleibt dabei übrig. Ich bin der Dieb aller Anfangsbuchstaben; jedes meiner Worte haust in fremden Köpfen und schlägt bei Bedarf die Augen ein, um als Rauch zu entkommen.

5.
Es geht ums Planen. Planenplanenplanen, sagen sie. (Die Anderen). Und sie geben Funktionen und Alternativen, - die Blaupausen decken allerdings nie den Alltag ab. Also umgeht man Ecken und Kanten, zerschlägt Wände zu Türen und Fenster, - dabei übertritt man die Grenze: Was dir möglich ist, muss noch lange nicht möglich sein. Träumen ist einfach. Das Leben kümmert sich nicht darum.

6.
Gib mir eine Minute, und ich nehme dir den ganzen Monat, ich nehme dir ein ganzes Jahr. Fakt ist: Ich habe aufgehört an die Bedingungslosigkeit der Zeit zu glauben.

7.
An jedem dieser endlosen Tage übertrete ich Grenzen.

8.
Ich will die Geschichte der Verlorenen erzählen, - der Traum vom Tod zweier Liebender. Ich arbeite daran, auch wenn jedes Wort wie Leitungswasser ist, klar, ohne Geschmack, aber ich gebe ihm meine Traurigkeit ein, die sich unter meiner Zunge sammelt, lege ihm die Scherben zu Füßen, die mir Vergangenes sind: Die Party ist vorbei, die Gläser sind leer, aber der Taumel, die Besinnungslosigkeit haben mir nicht die Stille ersetzt, die mir die Erzählung ist. (Sie macht mir die Happen zu Steinen, die Träume zu Visionen, und das Herz, das Herz, das viel zitierte, spricht zur Abwechslung überhaupt kein Wort meiner Sprache mehr).

9.
Charlotte Marie-Anne Corday gibt mir das Messer.
Schneide, schneide, sagt de Sade.
Und ich schneide.
Ja, ich bin ein Schlächter.

10.
Ich habe Angst.

Freitag, 27. März 2009

...

Ich habe den Job.

Donnerstag, 26. März 2009

Reflex(io)

Wie etwas ist?, etwas, - was soll das sein?, na, hier, bei dir im Zimmer, in deiner Wohnung, in deinem Leben, - dein Alltag, ich kann mich dir nicht vorstellen, wie du deinen Alltag lebst, - du willst wissen, wie es so läuft?, ja, ich will wissen, was du so machst, was du tust.

Ich teile meine Freunde in Alltagsgegenstände ein: Der Stahlschwamm, der Garderobenständer, und ein Spiegel, was ich allerdings selbst bin, weiß ich nicht. Möglicherweise nichts als ein Fenster, durch das man sieht; etwas, das da ist, und nicht da ist; etwas, das seine Existenz durch seine Nichtexistenz rechtfertigt. Nein, so etwas meine ich nicht, was meinst du dann?, das Andere, die Normalität?, ja.

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, - Lovecraft auf Mann auf Lenz auf Tschechow auf Miller auf Zweig auf Canetti auf Melville auf de Sade, - und drüben, auf den Brettern der Regale: dasselbe Bild. Ich bin papiernern. Überall liegen Notizblätter, gelbe, viereckige Post-Its zerkleben mir Tischkanten und Wände, und ich bin so unersättlich, so maßlos, - andere sagen, ich hätte es übertrieben, in den letzten drei Monaten; sie sagen, ich hätte jetzt mehr ungelesene Bücher in meinen Regalen als gelesene, - das stimmt!, - aber ich bin kein Sammler, weil ich den Besitz brauche, die Existenz. Ich sammle Erfahrungen, Wissen, etc.

Intellektuelles Gewichse, das will ich nicht hören, was denn dann?, ich kann nur über mich schreiben, immer ich, immer pures Ego, darum geht es nicht, wie gehen die Tage?
Sie gehen besinnungslos und in Armut: In einem Stoffbeutel von Neckarmannreisen klirren und klimpern die Münzen, Dank derer ich lebe, - schlechtlebe, wenn man's bedenkt. Ich bin schrecklich arm, ich hungere, ich vertreibe den Durst durch gekochtes Wasser und Bier, das mir R. ausgibt, - beim einen verbrenne ich mir die Zungenspitze, beim andren schreibe ich Schuldscheine aus, - und manchmal schickt mir die Mutter Fresspakete aus dem Süden; und doch: Ich wähle die Armut, den Hunger selbst, denn ich kaufe im Antiquariat tonnenweise mehr Bücher, - die letzten Silbermünzen werden rausgehauen, ich denke nicht darüber nach. Mein Kopf ist gierig, gieriger als es der Magen je sein kann. Aber die Tage gehen in Glück, in Aufregung. Ich verschulde mich, und überziehe mein Konto für ein Leben, das sich irgendwo zwischen Vorstellung und Realität abspielt, und das mich selbst mitten im Platzregen lächeln lässt, ...

Und was tust du?, was ich tue?, ja.

Ich wasche Wäsche, spüle Teller und Gläser, ich renne draußen von Kneipe zu Kneipe und diskutiere, diskutiere, - es ist anders als in Tubinga. Das alles ist größer, schneller, hässlicher, - manchmal, - aber es geschieht aus Notwendigkeit. Aber das erklärt nicht, was du tust, mein Gott, was soll ich tun?, ich existiere im brandenden Wahnsinn, im Pochen von Blasphemien, ich zergehe des nachts vor Sehnsucht, und beiße mir die Lippen blutig, weil die Sehnsucht keinen Ort mehr kennt, keine große (gescheiterte) Liebe, weil ich fort bin, von Keinemortnirgends entflohen, weil ich kein Exilant bin. Nichts beschreibt mich, nichts definiert mich, und trotzdem kann ich Seiten damit füllen; das ist ermüdend. Für alle. Also überlege ich viel. (Oder rede mir das Überlegen ein).

Ich lebe in einer Welt über der echten. Ich bin unwirklicherweise so real wie man als Skizze nur sein kann; wie der Lebensentwurf aussah, damals?, vor siebenhundert Jahren, - das weiß kein Mensch mehr, und was würde die Erkenntnis auch ändern? Jeder sieht sich im Spiegel und denkt sich seinen Teil darüber, - über die Nase, das Haar und vielleicht die Zähne, - aber in der Konfrontation mit dem Anderen, mit den Fremden, den Menschen, die jeden Tag aufs Neue mit einem kollidieren, da sind die Überlegungen nichts als Standbilder, nichts als Momente, die von den Augenblicken der anderen überlagert werden, - wer also ist man?, was tut man? Zwischen Geburt und Tod findet eine Ansammlung verschiedener Tätigkeiten statt, - sie kann mein Geist analysieren, in eine Reihenfolge bringen, - aber ehrlich gesagt: Wir wissen alle, dass die Beschreibung nicht lebendig wird; sie ist nur ein Ritual, die nachfolgende Geschichte eines Lügners. Allenfalls. Wir konstruieren Geschichte, wir konstruieren unseren Individualismus, das ist alles, - warum ihn jetzt also so dreist in den Vordergrund stellen?, - weil man es muss?, um zu überleben?, um sich zu rechtfertigen?, um zu erkennen, vielleicht, aber was sagt mir das Orakel von Delphi anderes als: Erkenne dich selbst, und du wirst dich ein Leben lang langweilen; die Öde der Erkenntnis ist der unausweichliche Ausgang aller Fehlerbeseitigungen, aller Entmenschlichung, - daher reiben wir uns an den Fehlern der Anderen auf, oder nicht? Deshalb blenden wir manchmal unsere schlimmsten Eigenschaften aus, und manchmal verbeißen wir uns in sie: Es gibt uns das Gefühl, alles zu durchschauen ohne dabei einmal zu blinzeln.

Freitag, 13. März 2009

Im schwarzen Spiegel

An manchen Tagen sind die Gefühle wie in Einmachgläsern. Drum herum pulst Blut, und die Nase läuft über Abzugsschächten; das Glas ist zerkratzt und schmierig; aus einem der oberen Fenster irgendeines Plattenbaus schüttelt eine Frau ihre Bettwäsche. Und das Herz? Und der Verstand? Nichts fragt, nichts leckt sich die Finger (wund), - stattdessen wird genickt und gelächelt.


Ein junger Mann, der an der Kaffeetasse nippt. An ihn denke ich. Eine Erinnerung, aufbewahrt in Noppenfolie und Styroporflocken, ganz weit oben, in einem der Regale, an die keiner mehr so richtig kommt. Was ist denn noch darüber zu sagen? Heute. Hier. In einer Welt der Möglichkeiten: Kauf dir einen neuen Pullover, lass dein Auto reparieren, sei nicht traurig, ...


Das Haar klebt noch nass an der Kopfhaut, aber die Kleidung ist längst Aschenbecher und Zigarettenstummel: Alles stinkt nach Rauch, atmet Rauch, ist Zephyr und lockt mich mit Kerzengeflacker. Keine Chance für Kernseife und Meersalz. Kein Raum für Lavendel.
Im Später trinken die Lippen das Bier, gierig. (Natürlich gierig, denn der Regen macht durstig). Denke: Wie konnte man nur so arm werden, wie konnte das Geld nur zu Kupfermünzen zerfallen, zu Beutelrestbeständen, wie Krümel sammeln die Finger alles zusammen, wie konnte alles nur so weit kommen?, aber das Bier betäubt Sinne und Zeit. Mehr davon tötet. Ich weiß. Aber wie süß scheint mir mittlerweile das Sterben?

Wir gehen daher durch eine feuchtkalte Welt, eine schiefgraue, eine grelllaute, eine Zwitterwelt. Als Rauschzustände torkeln wir zu Ängsten und Freuden; das vergisst man nicht.


Die Eleganz des neuen Morgens? Die Beine steigen in zu weiten Frotté-Schlafanzughosen aus einem Gewühl aus Bettdecke und Kissen, der Körper, - halbnackt, weil die Kleidung im Schlaf verrutschte, - ragt hinauf in die Höhe und zieht die Arme hinter sich her, und dann, mitten im Raum, folgt die Erkenntnis des Baggers, der vor der Tür die Straße zerreißt, der Sonne, die Luft und Wind zerteilt, und der Menschen, - ewige, hunderte: sie gehen unter den Fenstern vorbei und schreien gegen den Krach. Der Lärm ist unermüdlich, er setzt sich fort wie Märchen.


Für jeden verliere ich ein Fragment.

Die Tage ziehen wie Wolken, und ich, das ungläubige Kind, gebe ihnen Namen und Formen. Kürze! Streiche! Ich verliere die Kontrolle über die Zusammenhänge. Was da draußen geschieht? Amoklauf und Hauseinsturz. Seit Tagen weicht die Erde auf. Montag, Dienstag, Mittwoch: Die Appetitanreger zügeln den Hunger. Donnerstag, Freitag, Samstag: Hunger. Am Sonntag kommt die Übelkeit. Und morgen beginnt alles von vorn.

In einem schwarzen Spiegel sehe ich die Welt, und die Welt bin ich. Was erkennt das Gelee, das mir Augen ist? Was suchen die Zähne anderes als das Kauen? Ich bin hungrig, ich dürste, ich bin einsam im Ewigreden, im Ewigsehen, im Ewigsichbegegnen; das ist kein Gedanke, das kleidet die Worte falsch:
Im Sprachgewühl schlage ich Vokabeln nach. Chichón. Misia. Orgueil. Crâne, man geht im Kreis. Niemals: Me and the many.

Stattdessen könnte ich tausende Namen auf Schnüre fädeln, und mir als Gepränge um Hals und Schultern legen: Unica Zürn, El Greco, Stéphane Mallarmé, César Vallejo, Thom Gunn, und alle Namen sind tot.
Ich suche sie in Büchern, in Gedichten zerpflücke ich mir Leben und Wahn ihrer tintenklecksigen Finger, ihrer Schreibmaschinenhände, und ich atme auf in Schreiblosigkeit. Das hat schon jemand anderes für mich getan, nicht? (Mein Pedro Páramo). Und doch: Die Namen füllen mir die Notizbücher, sie überfluten mir Herz und Verstand, - aber solange morgens der Kaffeelöffel das Keramik zerfurcht, solange nur die S-Bahn pünktlich fährt, solange der Blick in den Schwarztee fällt, --

Ich will darin ertrinken, in diesen Todeswassern, meinem Rio Negro, will darin bis zum Grund sinken, ganz tief hinab, bis mir entweichende Luftblasen, - silbern schimmernd, wabernd, - die Lippen kitzeln. (In der Hitze der Unterwasservulkane will ich schwimmen). Schattenreiche, Schattenfluten, -- *

solange alles seinen Takt und Versmaß hat, (was es nicht hat), und die Bücher mich weiter so zu vergiften lernen, mich wie zärtliche Finger von dem Apfelsinenkern befreien, der in mir verzahnt fremde Münder schreckt, solange geschieht, was geschieht, ist alles weder Rückschritt noch Müdigkeit.







* Nein. Es scheint nur so, als erleide ich nach und nach Schiffbruch. Es ist kein Fiebertraum, der Wahnsinn hat keine Methode, weil er nicht Wahn ist, und auch nicht Sinn. Ich bin zur Abwechslung völlig real.

Samstag, 7. März 2009

Szenen einer Ehe

Nachts strecke ich schlafend die Hände von mir,
und sehe in der Ferne die Finger.
Niemandes Haar rollt sich mir um Handgelenke und Arme;
jemandes Wahnsinn streicht mir die Lider zurück in den Schlaf.
Hinten, am Fenster, rauschen die Reifen,
und Licht sprüht die dunklen Straßen fleckig weiß;
draußen gehen die Kinder.

Nach langem Wachsein entrollt sich die Welt vor mir als wäre sie nur aus Papier. Was gibt den Dingen eigentlich ihre Dimension? Du nennst es Wahrheit, ich lüge um zu gefallen. Aber wirklich wissen kann es keiner. (Doch!, einer weiß es: Sein Haar ist aschen und knistert im Wind).

Wie oft kann man die Traurigkeit entfalten, bis sie vollständig in mich passt? Bis sie mich ausfüllt? Bis aus dem Aleph nichts anderes wird als ein Punkt vieler Punkte, von den Augen zerblinzelt, von den Zähnen zerkaut, - ein Endpunkt, ein Omega allenfalls, mit dem man sich die Augenpartie salbt?


Du gibst mir Adjektive, und reihst sie zwischen andere: Ruhelos, nennst du mich, und es stimmt: Ich bin nicht fürs Warten gemacht, ich bin nicht als Müßiggänger geboren, und nichts ist mir unerträglicher als im Warten zu müssen. Als im Müssen zu warten. Als zu müsswarten, als zu wartmüssen. (Ich finde kein Wort, das es beschreibt). Es ist die Ruhe, die mich erstickt, es ist das Starren, das mich blendet, - Untätigkeit bekommt mir nicht, daher meide ich dich. (Du nimmst mir die Zeit, und ersetzt sie durch Leere). Meine wippenden Beine nerven dich, weil du die Unruhe nicht kennst, die Rastlosigkeit. Weil du nicht weißt, wie es ist, getrieben zu sein, verbietest du es. Ein Windstoß könnte nicht unbändiger sein.
Müde, nennst du meine Augen. Und es stimmt. Ich bin müde, verliere Worte, die sich wie weiße, abgestorbene Hautfetzen von meinen trockenen Lippen lösen: Ich zupfe sie ab und lege sie dir zu Mustern, die der Wind, die Rauch und Ewigkeit wieder zerstören, und dann beklagen die Leute mangelnde Liebe. Ich bin den Diskussionen müde, den Belehrungen, den Maßregelungen, dem Besserenwissen. Ich will Unrecht haben, ich will darin baden. Lass mir tausend Allerweltswahnheiten und behalte Formeln und Logik: Ich will im Irrsinn toben und lachen, ich will argumentieren und allen zuvor gesagten Sätzen widersprechen. Ich möchte nicht im Rauch ertrinken, den mir Glaslungen in die Kleidung husten; ich brauche die Luft, die mich nicht müde macht. Ich brauche keine Kompromisse mehr.

Mit den Worten Grausam, Egoistisch, Undankbar schmückst du mich als wären es Krone, Zepter und Hermelin, und ich nicke verzückt. Ich bin ein König der Falschheit. Und doch: Im richtigen Augenblick, abends, unter goldenen Decken, drehe ich einen Zwanzig-Euro-Schein aus der Tasche, schenke ihn denen, die mich um meiner selbst willen mögen, und bin schließlich selbst arm. Meine Großzügigkeit ist maßlos: Ich preise alles doppelt und verschenke es ganz. Von dir wird der Rest in Einkaufstüten aufgewogen. In kupfernen Centstücken, die nicht geschätzt werden, bis das Kupfer schwarz ist und die Zahl unleserlich: Über Geld reden wir lieber nicht weiter. Ich will nicht. Ich bin ein Prinz der Armut, ein Fürst des Hungerns. Ich habe nichts, und die Opfer, die ich gebe, die siehst du nicht. (Immer endet alles im Darüberreden, in Einigungen, im Nicken und Lachen, Weinen, aber nichts ist wirklich Loyalität dabei, sondern Verpflichtung). Ich gebe alles, was ich habe, und der Undank ist der Welten Lohn.


Meine Türe kennt eine Schwelle und sie überstolpert man stampfend. Meine Türe kennt kein Schloss. Meine Türe ist der Zugang zu einem Zimmer weit über dem Herzen, und keiner achtet darauf. Immer wieder denke ich an Trutzburgen, an Wachtürme, Selbstschussanlagen.


Ich komme nicht zum Luftholen: Ich schöpfe meine Geduld an der Oberfläche des Tiegels ab, der mein Leben ist, und speie Gift darauf, das sich bitter unter den Worten meiner Verachtung sammelt. Das ist nicht so pathetisch wie man glauben mag; es ist auch keine Poesie.
Jede Kopie, die man von mir anfertigt, nimmt mir die Kraft. Ich will Trennung, Auflösung, Seperation, - ich will das Einzelne zurück, etwas, das mir Sturm und Vogelgeschrei waren; ein bisschen davon will ich wieder. Für mich.

Für. Mich. Sein.
Ganz allein.

In eine Welt, die sich nicht in Wachsblasen miteinander verbindet, will ich eingehen, will ich durch die Straßen gehen; ich will nicht Daumen schrauben, will nicht bei jedem Wort unter goldenen Decken abwiegen, will nicht rechtfertigen. Ich führe keine Ehe, ich bin kein Bindeglied. Ohne die Freiheit will ich die Verpflichtungen nicht tragen, ich bin ihnen überdrüssig.

Die leeren Zimmer durchwandere ich in Adjektiven.
Aber bald (sehr bald) endet es. Endet die Chiffre.
Und die Geduld wird abgeschöpft sein.
Das Hinnehmen. Das Verstummen. Das Nicken.
Alles wird aus mir herausgetrennt sein.
Und dann wird keine Stimme mehr Ja sagen.

Dienstag, 3. März 2009

Denkmal

[...] was ich realisieren will? mein leben. meine vorstellungen vom leben. ich weiß, klingt kryptisch, nicht ergiebig. aber im grunde ist es nicht mehr als das. ich hab mir zu oft die lippen kaputt gemacht, blutig gebissen, sauber geküsst; das fleisch lag aus, lag überall, auch das mangelt irgendwann. ein bisschen melodramatik mischt sich mit der melancholie, die glücklich machen will. ich wünsche zu schreiben, mein leben lang, tausend bücher. ich will irgendwann aufwachen, morgens, & den wind im haar haben & fremde finger; eine berührung von haut an haut, während die weißen vorhänge über das parkett rascheln; kaffeegeschmack auf den lippen, während der alltag sachte an die türe klopft. ein zuhause. ich hatte nie eins. geborgenheit vielleicht, so romantisch, so verkitscht es klingt. weniger möglichkeiten, mehr realisierung von träumen. nachts rettungsreifen von spreebrücken klauen. im kino sitzen, während eine schlechte komödie läuft, & für alle die pointen versauen, in dem man an den falschen stellen lacht. küssen bis der atem stillsteht. kleinigkeiten. momentaufnahmen. ich war seit jahren auf der flucht davor. [...]

aus einem mail an d.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Der Manie zweiter Teil.

Eine Aufzählung. (Privatnotiz).

Ich bin gierig, unersättlich. Unentwegt schütte ich mir Buttermilch in den Rachen, wische mir Fisch auf die Lippen, beiße in Äpfel. Die Zähne malmen weiter. Nach sieben sechs, nach fünf! Stunden Schlaf schlagen die Augen die Bettdecke zurück und die Wände zu Scherben: Die Zähne malmen weiter, weiter und unermüdlich: Die Träume betäuben mich nicht länger, sie rauben mir den Schlaf. (So gehen die Beine angeschraubt auf tausend Metern Stahl über Fließbandbahnen).

Santogold speit mir Lieder ins Gehirn.
Ich knicke Kunderas Seiten mit unruhigen Fingerspitzen.

Seit dem ich zugesagt habe, im Sommer nach Jerusalem zu fliegen, dort zu leben, - für eine Weile, - um dort zu schreiben; seit dem mir R. ein bisschen Barcelona in die Augen gestreut hat; seit dem die Gedanken sich wieder an Paris reiben, wie vor drei Jahren, ein Leben lang; seit dem mir Berliner Straßen versus Menschen den Herzschlag in die Höhe treiben, jeden Tag, zu jeder Stunde, --

da bleibt Irrsinn zurück,
aufbrechen, Strukturen einreißen,
Photographien, die von den Wänden fallen,

-- fühle ich mich außerstande wirklich zu begreifen.

Mein Körper entmenschlicht mich nicht, obwohl ich genauso wie all die anderen in diesem Fitness-Studio bin, auf fixierten Rädern irgendwohin fahre (ohne dort jemals anzukommen), in Eisenquerverbindungen Quermuskeln trainiere (ohne zu wissen, ob mir dieses Kostüm überhaupt stehen wird): Obwohl, müsste es heißen: Obwohl mich mein Körper nicht entmenschlicht, bin ich glücklich. Unbändig. (Nicht niemals so frei wie ich denke, aber frei genug). Trotz den Problemen. Will ich sagen. Trotz oder gerade wegen den Problemen.

An den Einzelpunkten schlage ich mir den Kopf blutig. Meine Augen sind so rot wie vor Monaten zuletzt, und ich habe vorhin gelesen, gegen große Poren (auf der Nase) helfe Zitronensaft. Was? Genau. Ich lese über die französische Revolution und sympathisiere mit Marat; ich spiele Schach gegen mich selbst und gewinne immer; ich lasse zerwühlt das Bett zurück und zerwühle mich selbst: Das Haar wächst strähnig weiter bis über die Augen, aber ich schlage es jetzt hinter den Ohren zurück wie Buchseiten; der Bart wird gestutzt, die Oberlippe rasiert, und vielleicht bin ich tatsächlich die Skizzen meiner Aufschriebe.
Auf dem Tisch (weiß) stehen drei Kerzen (weiß); sie entzünde ich mittags, abends, sie entzünde ich nachts und Celans Lyrik färbt mir die Sprache. Natürlich reißen mir die Finger die Reißverschlüsse kaputt, und ich überlege angestrengt, wie ich jemals besser aussehen soll, wenn mich keine Kleidung schmückt, aber scheiße, ich bin kein Christbaum, also muss mich nichts weiter schmücken; meine Gedanken reichen völlig aus.

Ich verwechsle Sollen mit Wollen, und denke konstant ans Müssen. So bin ich. Aber damit bin ich gerade ganz zufrieden. Trotz der Armut. Trotz der Zukunft. (Oder ihrer Möglichkeiten).



Ja. Die Gefahr liegt immer in der Manie.
Sie zerschlägt alles, sie zerfurcht, sie malmt mir die Zähne. Und ich, - der ich ganz zum Mund werde, der Grübchen lächeln will, und der doch nur Falten lacht, - ich spare mit Erklärungen. Lest zwischen den Zeilen, Mann. Erst dann heißt es: Ach, so ist der drauf?, ja, hätt ich nie gedacht.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Interlude: Die Fahrt hinaus

Habe ich mit dem Fuß gewippt, oder war es das hastige Blinzeln der Augen? War mein Mund trocken, griffen meine Finger ins widerspenstige Haar? Ging plötzlich der Puls in die Höhe, brauchte die Lunge nur mehr Luft?

Ich weiß nicht, was ich (oder mein Körper als Reaktion) tat, als ich gefragt wurde, ob ich nach Jerusalem wolle, - für einen Monat, irgendwann am Ende des Sommers. (Ein bezahlter Flug, ein bezahltes Zimmer). Ich weiß nicht, was mir zuerst durch den Kopf ging. Das Fliegen vermutlich, die Angst davor. Oder waren es die Geschichten, die man sich im Westen so erzählt; die in die Luft gesprengten Busse, die verkleideten Männer mit ihren Bombengürteln? (Ja). Und danach? Der Felsendom. Die Klagemauer. Leben wie es in meinem Kopf eigentlich passieren sollte. Eine Frage zwischen zwei Stunden.
Und doch: Bisher keine Zusage. Von mir, mein ich. Ich konnte nicht so ohne weiteres Ja schreien, auch wenn mir R. sagte, ich solle. Ein Monat Jerusalem. Schreiben. Einfach so. Der Herzschlag macht mich schlaflos. Soll ich? (Mit 24, dann). Ist es das? Erfüllt sich die Prophezeiung, die ich mir selbst gegeben habe, so ohne weiteres?

Aber. Was ist mit der Zukunft eigentlich los? Also: Überhaupt! Mein Nacken ist steif vom vielen Nach-vorne-Sehen: S. redet von einem Volontariat bei Arte. R. erzählt mir etwas von einem Praktikum beim Aufbau-Verlag. Der Muttertron sagt mir, ich solle Suhrkamp nicht aus den Augen verlieren. Und Basels Ideen brennen mir Goldpartikel in die Haut: Ja, zu allem. Zu allem: Ja! Immer wieder. Ich will alles. (Und das ist durchaus bedenklich).

Was war Dänemark noch, was waren die Tage aus Wind und Vogelgeschrei?

Ich bin nervös. Ich bin unruhig. Spätestens jetzt wippt das Bein gegen den Takt, und die Augen blinzeln zu oft. Sich entscheiden. Sich bewusst werden. Die Möglichkeiten abgleichen, die Situationen richtig einschätzen. Prioritäten setzen. Das Ich ist bedeutunglos geworden: Die Intensität hat alles weggewischt, und auch wenn es jetzt so scheint, dass die Angst geblieben ist: auch das wird weichen. Denke ich. Aber die Überwindung wird nicht einfach, nichts ist wirklich einfach, natürlich nicht, - das ist ein neuer Kampf, ein neues Kapitel.

Wie kann es einfach so passieren?
(Rhethorische Spielereien).

Im Grunde ist es ganz egal, wie es passiert. Ich weiß. Darauf kommt es überhaupt nicht an.

Sonntag, 8. Februar 2009

Das Lied des Rattenfängers

Sie sagt: Jeden Morgen erwacht man als Ungeziefer aus unruhigen Träumen und nie wird hinterfragt, nie fühlt man sich entmenschlicht: Das eigentliche Menschsein bleibt an der Oberfläche zurück, im Wegwischen der Fühler, im Abschälen des Kissens von der Panzerhaut. Es ist nun mal so: Wir sind nichts anderes als Insekten.

Bald zerblinzeln Augen den Staub in den Ecken, bald zertreten die Füße das ausgerissene Haar. Ich gehe als Phantom durch leere Räume, setze mich als Gespenst auf angejahrtes Mobiliar. Im Wind, der durch die Flure geht, die Türen in die Schlösser haut, und verwirbelnd sich in Laub und Müll verliert, höre ich meinen Namen, but the name is gone: ich bin nicht, wer ich war, ich bin nicht, wer ich sein werde. Als Skizze verlasse ich die Spitze des Kohlestifts, als Entwurf bin ich Vielfalt. So vergehen die Tage, so reihen sich die Stunden blind aneinander. Die Hände, die so tun, als wären sie von tausend Jahren Arbeit aufgerauht, blättern gierig Seiten um, streichen über Türklinken wie zum Abschied und nehmen den Schlüsselbund aus dem Korb, schräg gegenüber des Spiegels, - immerhin sehe ich mich jeden Tag nicht als Käfer, - und öffnen schließlich ein Rechteck Welt, das überall sein will und nirgendwo ist, außer im perfekten Rund der Augen. Die Stille dabei ist wie ein Rettungsfloß.

Ich bin aus dem Haus, und mitten in der Stadt, immer dort, auf den Straßen; schichte Bücher in kleine Kartons um und denke ans Sterben, rede über Verlage und atme die Zukunft, trinke zu viel Bier und esse zu wenig, taumle als Herzschlag durch die Häuserschluchten, - verschenkt sich so die Ungeduld?
Ich achte nicht auf das Klopfen an der Türe, sobald der Wind daran vorüberstreicht. Ich achte nicht auf das ausgerissene Haar in den Ecken, auf den Staub an den Füßen, - es ist nicht mein Lebensentwurf, der sich beim Aufstehen um halb vier, am Nachmittag aus dem Warmen ins Kalte drängt.

Also stampfe so lange du willst. Drehe die Musik so laut auf, wie du kannst. Ich bin unerreichbar. Ich bin unberührbar. Ich bin vogelfrei. Ich bin das Lied des Rattenfängers, und da ist die Entführung der Träume.



Abseits.
Auf einer Bank in Kreuzberg, - Alkohol pulst mir dunkel im Gehirn; der Himmel möchte sich drehen, - kämpfe ich meine Übelkeit nieder und höre stattdessen dem Spanier zu, wie er über Freiheit, Unabhängigkeit, und Freundschaft spricht, und erkenne, wie sehr ich immer Gebrauchsgegenstand bin, wie selbstverständlich ich war. Monsieur werden schon Zeit haben, Monsieur werden schon zuhören, Monsieur werden es schon richten, - aber Monsieur, und das ist keine Chiffre, ist kein Monsieur sondern Monster und ich fresse die kleinlichen Ansprüche im Telephontuten. (Hier fragt man sich dann spätestens wer ein Anrecht auf Wut hat, und inwieweit es der Rechtfertigungen bedarf, - aber mein Motto für das neue Jahr lautet ganz entschieden: Darauf geschissen!) Oder was heißt selbstverständlich, es ist mehr der Anspruch auf Gleichberechtigung, oder Gleichheit.

Das, was man so leichthin Ich nennt, - Identität, - ist instabiler denn je. Ich will pathetisch sein, und mich lieber Wirbelsturm nennen, aber was würde es ändern? Es ist immer alles nur eine Frage der Begriffe, und wie einfach verdreht sich das Bewusstsein den Nacken, wenn's ums Verstehen geht: Was dir jetzt richtig erscheint, muss es morgen lange nicht mehr sein. Pah! Moral ist das, was zeitlos ist, heißt es, aber das ist nur Etikette.
Man erzählt mir, wie wenig selbstlos die Menschen sind, und wie wenig möglich das Gute, - später wird mir meine entschiedene Haltung als Vorwurf ausgelegt. Nein. Am wenigsten dulde ich Inkonsequenz. (Und natürlich zeichnen sich gerade die Menschen im allgemeinen am wenigsten durch Konsequenz aus, nicht? Aber wer sagte, ich duldete die Menschen im allgemeinen?)


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