der gläserne mensch
du fragst mich, wie es mir geht, & ich denke: wie kann ich nicht lügen? also zucke ich mit den achseln, & bleibe sprachlos im zimmer sitzen. die welt ist blau, weil der rollo blau ist. meine augen sind blau, weil ihnen der farbstoff fehlt. wenn ich wieder so blond wäre, wie ich es als kind war, dann würde das auch für meine haare gelten. fehlende farbstoffe. nein, ich bin einfach nicht so bunt, wie ich gerne wäre.
[ ]
mir tun nur ein bisschen die beine weh, aber ich brauche wirklich kein aspirin, danke. durch mein rückrat windet sich der stracheldraht, aber ich will wirklich keine tabletten mehr. ich wache jeden morgen auf, & fühle mich noch ein paar augenblicke geborgen. schmerzlos. eingelullt in träume, die mich berührt haben. aber ich fühle mich nur solange gut bis ich aufstehe. dann fühle ich mich vom morgengrauen betrogen.
aber ich bin nicht so. ich bin kein melancholischer mensch. ich bin kein pessimistischer mensch. ich bin manchmal ein soziopath, aber in anbetracht meiner mitmenschen halte ich das für verzeihlich. notwendig sogar. in gedanken schreie ich sehr viel; stehe schreiend an klippen, stehe schreiend in zügen, stehe schreiend in kirchenschiffen. (& auch in krankenhäusern). es ist mehr als nur ein gefühl, mehr als nur eine laune. windsein heißt farblos sein. aber toben-dürfen. ich tobe gern. der rest von mir ist zerbrechlich.
[ ]
aber es gibt etwas, das mich berührt. betroffen macht. das ist die sache mit dem krebs, den mir ein telephongespräch in hauchdünnen scheibchen in die wirklichkeit reicht. meine tante hat es, diesen krebs. & es stellt sich immer wieder heraus, dass sie weiter kämpfen muss.
ich hingegen stehe nur daneben, neben meiner mutter, & meinem bruder, & auch neben mir, & ich weiß nicht, wie ich damit umgehen muss. in gedanken rekapituliere ich die letzten augenblicke, - das mache ich schon seit jahren, archiviere momente in einmachgläsern, die ich bei bedarf freilasse, für eine szene oder zwei, aber das erleichtert nicht den umgang. ich versuche andere zu analysieren, versuche meine umgebung zu analysieren, aber es ist nur ein dumpfes schweigen, ein darüberreden, dem die worte nicht gerecht werden, ein heimlicher schrecken, ein betäubtsein, eine hand, die zaghaft durch die haare streicht. es ist eine geschichte, die tausendfach gelebt wird, es ist ein leben, das tausendfach in krankenhäusern stirbt, es ist die vielzahl, krebse an stränden, dicht bei der gischt. das hört man, das sieht man, das hat man in der eigenen familie, das kennt man von bekannten, von freunden, aus dem fernsehen, von liedern, - im schlimmsten fall hat man es sogar selbst. dieses haben, dieses nicht-haben.
ich werde zum man, objektiviere mich, weil ich nichts spüre, keine echte empfindung, - nichts, was sich beschreiben lässt. es ist dumpf & taub, als tauche man in den marianengraben hinab, glitzernde luftperlen unter der glasglocke, & die brodelnde schwärze, tausend bar druck, kälte, hitze, unfähigkeit, sich zu bewegen, zu schreien, zu denken; ein gefängnis, dem man nur dann entkommt, in dem man sich auf etwas anderes konzentriert. (seit jahren konzentriert man sich schon auf etwas anderes). beileid, mitleid, das blut in den venen, das dicker sein will als wasser, & das doch nur flüssigkeit ist, transportmittel.
alles ist zerbrechlich.
[ ]
aber es gibt die lebenslust in bauchigen rotweingläsern, in weißen betten. wie riecht es eigentlich in sacré-cœur? ich versuche es zu schmecken. mozarella auf roten tomaten. melonen vor dem ventilator. ich sitze in der s-bahn, & fange unermüdlich an zu grinsen. eigentlich hatte ich doch noch glück, mit allem. eine currywurst, dazu pommes. ich weiß, wie es nach dem ersten sommerregen riecht. ich weiß, wie das erste eis des jahres schmeckt. ich weiß, wie es ist, wie es nicht ist, bin ein liebesblöder vollidiot. das heißt: kein leben nur aus zweiter hand. daher lache ich auch gern.
ich kann alles vergessen, jeden splitter unter der haut, jedes gefühl der sterblichkeit, ich sauge mich an einem körper fest, den ich begehre, & es ist mir ganz egal, was man von mir denkt. (es ist alles nicht genug). ich raufe mir die haare, & verschütte mein bier. ich bin einer der gläsernen menschen. (ein falscher schritt, & meine welt & ich sind kaputt). das ist okay. was kann man denn sonst auch tun? wie lebt man richtiger besser vollständiger? es gibt zu sich selbst keine alternativen.




















