quemar
Ich bin am Ort aller Orte, dort, wo Glück und Unglück einander Zwillinge sind, und an den Köpfen miteinander verwachsen.* Ich bin dort, wo die Wasser bitter sind und die Pflanzen vertrocknet, dort, wo die Himmel endlos sind und der Horizont nirgends in Sicht; ich bin zurück, in Keinemortnirgends, einer längst verlassenen, längst baufällig gewordenen Ruinenstadt, in der die Wege rundheraus und sackgassig sind, Menschenhaut auf Menschenhaut getan, ergibt noch lange keinen Menschen, so sind die Geister, so ist das Gestern. (Und heute lernen wir das spanische Wort quemar).
Ich reiße Kalenderblätter ab,
seit tausend Jahren war niemand mehr hier.
Ich zupfe aschene Blätter von toten Pflanzen.
Ich spüle Geschirr, von dem niemand aß,
sammle Tassen und Gläser ein, aus denen niemand trank,
und schüttle die Betten auf.
Erst seit drei Tagen bin ich hier, die Stunden sind zerrannt zwischen lautem Gerede. Seit drei Tagen schon ist Berlin, das ich verliebt verließ, nicht um mich, - mein Verfall begann mit der ersten Sekunde. Mit dem Einsteigen in den Zug, das ich in der Umarmung eines Freundes, - des besten, - fast vergaß, und das dann mit jedem Schritt durch die Gänge und Flure immer wieder aufs Neue durchlebt werden wollte. Mit den Gleissträngen von Leipzig und Würzburg, mit den Seiten der Wilden Detektive, mit der Musik von Amanda Palmer, mit dem Wind, der die Wolken übers Land trieb, und tiefer, und südlicher, aufragend in den Weinbergen, in den Fachwerkhäusern, im Seitenblick, hinaus und zurück, wie konnte das alles nur passieren?, Unbekanntes, wieder und wieder, ... Drei Tage Telephongespräche, die nichts als Herzschlag waren, drei Tage Geflüster in aller Heimlichkeit, drei Tage Morgengrauen, im Licht den Körper besehn, drei Tage lang, sollte ich nicht auferstehen?, sollten nicht alle Tempel in der zwölften Stunde einstürzen?, niemand als der Nachbarssohn begrüßt mich am nächsten Tag, ich hatte schon wieder seinen Namen vergessen, war es je wichtig? Was ich will, ist in Angst gebadet. Das Wiedersehn mit der Mutter, die Fahrt nach Mainz, die mir das Chaos nimmt und alles auf Messers Schneide stellt, - tanz!, tanz!, - und dann der Junge, natürlich, der Junge, der von Norden kam, was ist mit ihm?, wie wird alles gehn?, ich liege im Bett und zähle Wolken in aller Stille, was passiert denn weiterhin?, das Schreiben ist in Glas getaucht, erstarrt in tausendundeinem Später und Morgen, vielleicht, und der Hunger bringt die Sehnsucht mit.
Ich bin an diesem Ort, diesem Ort aller Orte, ich bin am nördlichsten aller südlichsten Punkte, und damit weder südlich noch nördlich genug. Unentschlossen treiben mir die bilderlose Träume Gefühle durchs Herz, die sich nicht erklären lassen; ich höre das Gebälk ächzen und die Bedenken sind wieder da. Bedenken?, weswegen? Wegen allem. Der Zukunft wegen?, ach, was verstehst du schon davon?, es ist ein Spiel mit den Schlangen. Warum das Herzklopfen, woher das Risiko, du hattest etwas andres geschworen!, tja, es geht eben zu schnell. Jeder Tag steht in seiner Hektik alleine da. An diesem Ort, diesem verfluchten, heimgesuchten, denk dir, erst drei Tage lang, drei Tage im Haus, das monatelang nichts als die Gruft der toten Pflanzen war, der toten Spinnen, der toten Fliegen, der stillgestandenen Luft und der abgedunkelten Räume, - hier, sieh, das ist die zerbrochene Vase aus deinen schlimmsten Vorstellungen, ich tu sie behutsam in den Müllsack, - sag, wie viele Minuten sind es noch?, - ich habe Gift getrunken.
Ich weiß nicht.
Verstehst du?, ich weiß es nicht.
Je länger ich hier bleibe, desto kantiger werden die Bruchstellen.
Je länger ich bleibe, desto weniger bin ich.
Je länger, je kürzer, je schlimmer, je besser,
desto weniger.
Ich weiß am Ende der Tage nicht, was von uns bleibt.
Wir sind es, die auf der Schneide tanzen.
*siehe.


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