fort-laufend

Dienstag, 1. September 2009

quemar

Ich bin am Ort aller Orte, dort, wo Glück und Unglück einander Zwillinge sind, und an den Köpfen miteinander verwachsen.* Ich bin dort, wo die Wasser bitter sind und die Pflanzen vertrocknet, dort, wo die Himmel endlos sind und der Horizont nirgends in Sicht; ich bin zurück, in Keinemortnirgends, einer längst verlassenen, längst baufällig gewordenen Ruinenstadt, in der die Wege rundheraus und sackgassig sind, Menschenhaut auf Menschenhaut getan, ergibt noch lange keinen Menschen, so sind die Geister, so ist das Gestern. (Und heute lernen wir das spanische Wort quemar).

Ich reiße Kalenderblätter ab,
seit tausend Jahren war niemand mehr hier.
Ich zupfe aschene Blätter von toten Pflanzen.
Ich spüle Geschirr, von dem niemand aß,
sammle Tassen und Gläser ein, aus denen niemand trank,
und schüttle die Betten auf.

Erst seit drei Tagen bin ich hier, die Stunden sind zerrannt zwischen lautem Gerede. Seit drei Tagen schon ist Berlin, das ich verliebt verließ, nicht um mich, - mein Verfall begann mit der ersten Sekunde. Mit dem Einsteigen in den Zug, das ich in der Umarmung eines Freundes, - des besten, - fast vergaß, und das dann mit jedem Schritt durch die Gänge und Flure immer wieder aufs Neue durchlebt werden wollte. Mit den Gleissträngen von Leipzig und Würzburg, mit den Seiten der Wilden Detektive, mit der Musik von Amanda Palmer, mit dem Wind, der die Wolken übers Land trieb, und tiefer, und südlicher, aufragend in den Weinbergen, in den Fachwerkhäusern, im Seitenblick, hinaus und zurück, wie konnte das alles nur passieren?, Unbekanntes, wieder und wieder, ... Drei Tage Telephongespräche, die nichts als Herzschlag waren, drei Tage Geflüster in aller Heimlichkeit, drei Tage Morgengrauen, im Licht den Körper besehn, drei Tage lang, sollte ich nicht auferstehen?, sollten nicht alle Tempel in der zwölften Stunde einstürzen?, niemand als der Nachbarssohn begrüßt mich am nächsten Tag, ich hatte schon wieder seinen Namen vergessen, war es je wichtig? Was ich will, ist in Angst gebadet. Das Wiedersehn mit der Mutter, die Fahrt nach Mainz, die mir das Chaos nimmt und alles auf Messers Schneide stellt, - tanz!, tanz!, - und dann der Junge, natürlich, der Junge, der von Norden kam, was ist mit ihm?, wie wird alles gehn?, ich liege im Bett und zähle Wolken in aller Stille, was passiert denn weiterhin?, das Schreiben ist in Glas getaucht, erstarrt in tausendundeinem Später und Morgen, vielleicht, und der Hunger bringt die Sehnsucht mit.

Ich bin an diesem Ort, diesem Ort aller Orte, ich bin am nördlichsten aller südlichsten Punkte, und damit weder südlich noch nördlich genug. Unentschlossen treiben mir die bilderlose Träume Gefühle durchs Herz, die sich nicht erklären lassen; ich höre das Gebälk ächzen und die Bedenken sind wieder da. Bedenken?, weswegen? Wegen allem. Der Zukunft wegen?, ach, was verstehst du schon davon?, es ist ein Spiel mit den Schlangen. Warum das Herzklopfen, woher das Risiko, du hattest etwas andres geschworen!, tja, es geht eben zu schnell. Jeder Tag steht in seiner Hektik alleine da. An diesem Ort, diesem verfluchten, heimgesuchten, denk dir, erst drei Tage lang, drei Tage im Haus, das monatelang nichts als die Gruft der toten Pflanzen war, der toten Spinnen, der toten Fliegen, der stillgestandenen Luft und der abgedunkelten Räume, - hier, sieh, das ist die zerbrochene Vase aus deinen schlimmsten Vorstellungen, ich tu sie behutsam in den Müllsack, - sag, wie viele Minuten sind es noch?, - ich habe Gift getrunken.

Ich weiß nicht.
Verstehst du?, ich weiß es nicht.

Je länger ich hier bleibe, desto kantiger werden die Bruchstellen.
Je länger ich bleibe, desto weniger bin ich.
Je länger, je kürzer, je schlimmer, je besser,
desto weniger.
Ich weiß am Ende der Tage nicht, was von uns bleibt.
Wir sind es, die auf der Schneide tanzen.





*siehe.

Sonntag, 22. Februar 2009

...

Ich habe zugesagt.

Dienstag, 5. August 2008

Fragment (Süden).

Geträumt habe ich vieles, nur gespürt hab ich nichts. Darum geht es. Immer wieder. In meinen Träumen, den seltenen, den schönen, ist alles wirklicher, naher, dichter. Ich weiß, wie es sein könnte, und ich weiß, wie es ist. (Das ist keine Kunst).
Im echten Leben riecht es manchmal nach Zwiebeln, - und das, obwohl es nach Lavendel riechen sollte, und frischen Orangen. Im echten Leben bin ich blass, fast transparent, und meine Venen leuchten blau unter der Haut. Ich bin kein bisschen braun. Meine aufgesprungenen Lippen kennen den Hohn, aber keinen Kuss, und was mir Zwielicht ist, ist anderen die Dämmerung. Ich kann nur versuchen, für den Moment zu entkommen; daher bin ich hier. Im Süden.

Blendendweiße Streifen Sonnenlicht an Häuserwänden und darüber ein endloser Himmel. Braungebrannte Kinder spielen Fußball im Gras; die Mädchen sind blond und zierlich, die Jungen haben Schrammen am Knie.

Im Süden ist das Licht reiner. Heller.
Nur der Kopf, der ist überall gleich.

Samstag, 26. Juli 2008

Berlinfragment

... und so viel Welt, überall. Egal wohin man auch sieht: die Menschen sind schon dort. Überall: Körper.

Auf dem Alex fließt unermüdlich der Verkehr, die Simon-Dachstraße ist in Licht getaucht, - rot, weiß, - und grüne Lampions wackeln an den Fenstern, in der Brunnenstraße stehen Männer in schwarzen Hemden und Frauen in schwarzen Kostümen und trinken Prosecco aus Plastikbechern, - die Vernissage, die Vernissage, du verstehst? das ist etwas ganz Neues, - und die Bilder sind unscharf dort hinter Glas gefasst, und dann funkelt die Sonne, grell und kalt, dort: Das silberne Fußkettchen einer Frau, - und rasselt fort, und fort und immer weiter. Über die Brücken der Spree, an den Geleisen entlang, wo immer Züge rattern, und ist bald ganz aus Blick und Sinnen.

Vor dem St. Oberholz stehen zwei schlanke großgewachsene Männer in Röhrenjeans und unterhalten sich mit einer Gruppe japanischer Touristen, - englische Worte flattern vorbei, tauchen ein in das Italienisch und Französisch der Anderen, und ist Teil der Kakophonie, des Lärms zwischen dem Rauschen der Reifen, - beständig wie der Wind zieht es vorbei, - und darüber das Zwitschern; sind es denn Vögel?
Es riecht nach Crêpes, von irgendwoher, und Zigarettenrauch, verquirlt in den Duft eines jungen Mädchens; Sommerfrüchte, frisch und fruchtig, ein Biss in rote Kirschen, und dann eilen die Schilder, geduckt an Häuserfronten, schwarze Männer auf weißen Plastikstühlen, - sie reden und lachen mit weißen, blanken Zähnen dem Himmel entgegen, und zerdrücken die Coladosen zwischen ihren Fingerspitzen, fast so, als berührten sie die Luft dazwischen. Immer weiter, Straßennamen jagen einander. Was sie bloß zu gewinnen vermögen? Was sie nur suchen?

Montag, 19. Mai 2008

kleinSTADTtheater

Ein Sommer
ein einzelner!
reicht, um die Ferne
um die Liebe zu schmecken,
und ein Kuss,
ein Blick
ein einzelner?
im Supermarkt um die Ecke reicht,
- und hakelige Tasten, die einrasten, ohne sich zu lösen,
reich[t], all das?
Finde die richtigen Steckverbindungen,
und dir ist die Außenwelt gegeben?

[please repeat].

Ist es das, was der Rücken trägt?
Kleinstadtpoesie
zur Weltkugel gerollt?

Anders:
Der iPod spielt längst andere Alben, und Lenin wird wohl für immer ein Sternchenthema bleiben, aber immerhin: Don Quixote im Wartezimmer.
Ich bin nicht in Berlin, momentan, auch wenn ich morgens oft aufwache und mich nach Berlin fühle sehne, - dann, wenn der Kissenabdruck nicht nach Lavendel riecht, sondern nach Augensalbe, - aber die Momente sind selten. Ich bin südlicher. Dort, wo es schwer ist, eine Internetverbindung zu kriegen. (Ha!, überlistet). Dort, wo alles der Muttertron richtet, und die Mittage unter brütendheißen Dachgiebeln ausgeschlafen werden, - es fehlt nur das Heu und die hochgekrempelten Ärmel, die Kühe auf den Weiden und meine wettergegerbte Haut. Stattdessen? Vergangenheit, die mir als Milchkaffee auf das neue Jacket tropft, und irgendeine Form der Zukunft, - fleischgeworden in Frauen, die mir auf den Arsch glotzen, der meistens ein stückweit höher als meine Hose sitzt.

Ich sehe mir Kirchen an, in klammen Kleidern, und mit schmerzendem Rücken, und denke mich frei. [Überhaupt, all das: Ich habe sehr viel Zeit zum Nachdenken. Über-Denken, manchmal]. Egal wie sehr mich die Sterblichkeit schüttelt: mein Wahn versiegt, und dann gibt es doch wieder einen Blick hinaus, und die Möglichkeit ist nichts im Vergleich zur Wirklichkeit.

[Ich habe endlich den ersten Satz gefunden].

Es gibt vieles, was sich ergibt. (Strasbourg). Es gibt vieles, was ungenutzt blieb. (Jena). Es gibt vieles, was mich durstig macht (Bier), und vieles, was mich sättigt. (Eis). Es gibt tausendundeinen Traum, und immer noch Jeff Buckley. Berlin ruft mich zurück, - erst leise, aber von Tag zu Tag lauter, - aber ich kann hier noch nicht fort. Es gibt noch so vieles auf meiner Liste. [Also doch, dirty south]. Die Großstadtpossen müssen warten, die Welt dreht sich gerade (nur) auf meinem Rücken. Nirgends sonst. Also: Geduld. Also: Atmen. Also: Sommer.

Montag, 21. April 2008

Interlude: Oh wie schön ist Panama

Ein Anflug von Hitler; Skype:

ich will, dass europa mir gehört,
& sei es nur für die hälfte meines lebens.



Was?
Naja. Der Kontext ist ein Gespräch (mit dem Chaosmädchen) über Panama. Oder genauer gesagt: über das Suchen & Finden des persönlichen Neverlands, über das Reisen schlechthin.

Fakt ist, dass ich kein Tourist sein will. Nicht für den halben Preis. (Das hat mir der Tsunami damals gründlich ausgeredet). Ich will kein Hotelleben führen, gründlich und von den Putzfrauen am Abend wieder hergerichtet.

ich will erkunden, mich in etwas einleben, es mir zu eigen machen, die bevölkerung beobachten, sie studieren, mit den "eingeborenen" reden, lachen, weinen, weiß der teufel, auch dreckigen sex haben, wenn's sein muss, aber ich will nicht von leben zu leben springen, & nirgendwo wurzeln, also: wurzeln nicht im sinne von stehenbleiben & verweilen, [...] ich möchte, wenn ich woanders bin, so viele erfahrungen wie möglich machen.

Erfahrungen. Kein Plastik, kein Photoalbum, kein I ♥ NYC-T-Shirt. Ich will keinen Abenteuerurlaub für 99 Euro, plus Rückerstattung, keine klimatisierten Bustouren. In Marokko will ich den Sand in meinen Poren, in Brasilien den unmittelbaren Schweiß der Gefahr. Es funktioniert nicht anders, - der Wunsch nach Authentizität ist nicht neu; ich will (wenn, dann!) Teil des Landes werden, der Menschen, der Kultur. Es geht nicht nur um ein paar Tage, oder Wochen zwischen zwei Lebensabschnitten, sondern um Lebensabschnitte selbst. (Refinanzier das, du Idiot!)

Aber: Bevor ich einen auf Entdecker mache, muss ich erst realisieren, nach was ich eigentlich strebe. Was ich will, oder was ich erwarte. (Wenn überhaupt). Nach was ich mich sehne. Fluchtpunkte setzt sich jeder selbst, klar, und man erreicht sie proportional zur eigenen Konsequenz, darum geht es auch gar nicht. Tatsache ist doch:

ich kenne nicht mal das land, in dem ich wohne, aus dem ich komme. ich habe nicht einmal die hälfte davon gesehen. ich will wieder nach hamburg, & nach leipzig, ich will bremen [wieder] sehen, & meinetwegen auch das schwuchtelige köln; [ich habe auch von europa kaum was mitbekommen]. ich will wieder nach strasbourg, & nach spanien; ich will italien bewandern. [ich will nach dänemark & schweden, & nach polen, & england].

Es erscheint mir einfach, in die Ferne zu schweifen, sich nach etwas zu sehnen, das weit weg ist, weil man sich an das Gefühl des Sehnens gewöhnt hat, weil man versüßten Schierling trinkt, sobald man bei einem fremden Namen plötzlich denkt: Ach, wäre ich doch nur dort!
Ich für meinen Teil habe mein ganzes Leben lang schon das Gefühl, dass ich etwas suche, was ich unmöglich finden kann, aber gerade, jetzt im Augenblick, ist es nicht so schlimm wie in der Vergangenheit, weil ich jetzt hier bin, in einer Stadt, nach der ich mich regelrecht verzehrt habe. Jahrelang. (Und vieles davon war nur projiziert, natürlich, aber darum leidet die Realität noch lange nicht darunter: Ich brauche den Schmutz, den Verfall & die Enttäuschung genauso zum Leben. Manchmal sogar noch notwendiger als alles andere). Vielleicht will ich zu viel, setze mir zu hohe Hürden für mein Leben, das anders viel einfacher sein könnte, vielleicht bin ich auch nur zu selbstgefällig, - ich weiß es nicht. Ich würde wollen, wenn ich müssen dürfte, aber es gibt überall Einschränkungen, und Prämissen, - das Geld, die Zukunft, die Liebe, - aber was sich nicht ändert lässt, erträgt man.

Ich denke, die Besonderheiten findet man nicht im Tui-Katalog, die Wunder geschehen nicht, weil man sie bucht. Ja, mehr noch: Man entkommt dem eigenen Leben nicht, indem man den Standort wechselt, - man riskiert nur einen neuen Blick darauf, verschiebt das Okular und sieht eine andere Perspektive. Und was ist dann Panama? Ich meine: Lehrt es dich Zufriedenheit? Oder Gelassenheit? (Falls ja, dann: Oh wie schön ist Panama). Oder kommt es darauf an, in Bewegung zu bleiben, um Bewegungen auszulösen, im Inneren wie im Äußeren? Fakt ist doch: das Streben nach einem anderen Leben in der Ferne vereitelt das eigentliche Leben in der Nähe. Wie soll ich richtig leben, wenn ich nur danach strebe, dem zu entkommen, und mich dann auf die wenigen Fluchtpunkte fixiere, die es mir bietet? Heißt das auf Dauer nicht: Unglücklichsein? Und weniger: Leben?

Freitag, 15. Februar 2008

Interlude: Berlin, ma destinée ...

Fernsehturm
Ich bin glücklich.
Einfach so.

Meine Haare locken sich im Nacken, meine Augen sind gerötet, und ansonsten bin ich furchtbar verwahrlost. (Bart). Ich esse unregelmäßig, - meistens viel zu spät und meistens auch viel zu wenig, aber dafür lese ich seit Tagen wie besessen. Insoweit also kein Unterschied zu vorher. Dass ich jetzt hier wohne, ändert allenfalls etwas an meinem Selbstbewusstsein. An meiner Lebenseinstellung, vielleicht. Ich weiß nicht. Ich fühle mich frei, - ganz ohne Superlativ. Und was braucht es mehr?
Mir macht es nicht mal mehr etwas aus, dass ich kein Geld mehr habe, - gar keins, nicht einen müden Cent, - dass mein Notebook wieder (!) zur Reparatur muss, und dass mein Handy nicht mehr richtig funktioniert; es macht mir nichts aus, dass Teile der Wohnung völlig dem Chaos verfallen sind, und dass vieles noch lange nicht so ist, wie ich es gerne hätte. Erwartungshaltungen? Die hab ich abgegeben, als ich diese Stadt betreten habe. Ich bin arm, und erfülle völlig das Cliché. (Vielleicht des Träumers, des Idealisten, des Schriftstellers oder des Idioten. Keine Ahnung). Ich brauche nicht mehr.


Ich stehe unter Generalamnestie.









Ich kam während des Umzugs (natürlich!) nicht ohne geistige Ausnahmezustände aus, - so meine cholerischen Versuche, ein Billy zusammenzuschrauben, - aber es hielt sich alles in allem in Grenzen.

Mittwoch, 9. Januar 2008

onde quadre

Berlin.
Ich höre Gogol Bordello auf voller Lautstärke, und rieche dabei die vertrockneten Cannabis-Blätter, die in Vincents Zimmer auf dem Boden verstreut liegen, und die kalte Asche. Überall riecht es nach kalter Asche. Ich inklusive. Überall sind Zigarettenstummel in gläsernen Palästen, fettige Pizzaschachteln in der Küche, einzelne Haare, die sich auf meinen Socken zu einem Fell verdichten. Hier bin ich, und nur hier. Ich weiß schon gar nicht mehr, seit wie lange schon. Vier Tage, oder sind es schon fünf? Ich weiß nicht mal, ob wir heute Dienstag oder Mittwoch haben, und vielleicht ist das tatsächlich nicht mehr wichtig. Ich bin hier. Im Mittelpunkt, am Weltenende, Wedding.

Die Wohnung, für die das Chaosmädchen und ich morgen (hoffentlich) den Vertrag unterschreiben werden, liegt in Moabit. Naja. Zwischendrin eigentlich. Irgendwie überall zwischendrin. Nur zwei Minuten von der S-Bahn entfernt, in einem Altbau von 98 Quadratmetern, und einem Gefühl von, -- Möglichkeit? Ich weiß nicht. Meine Überzeugung bezüglich der Wohnung kippt im Minutentakt; ich frage mich seit gestern Abend, ob ich die Sache nicht überstürze, aber selbst wenn: ich habe auch ein Recht auf überstürztes Verhalten. Ich muss, ich werde, ich kann. (Die Uhr tickt bis zum 31.01., verstehste?) Die Wohnung ist schön, die Miete beträgt fast die Hälfte von Rottencom, und wir sind innerhalb des Rings. (Auch wenn ich mich eigentlich in die Wohnung in Schöneberg verliebt habe, - aber gut. Ein andermal). Diese Wohnung hat ein gottverdammtes Potential, und auch wenn mir der Straßenname noch ungewohnt auf der Zunge liegt: ich kann es mir vorstellen. Berlin, verdammt. Zukunftslos, und hoffnunglos naiv, aber glücklich.

Meine Gedanken sind (noch) flüchtig(er) geworden. Ich denke kaum noch an A., ich denke nicht mehr an I., ich denke nicht mehr an Tubinga, mia disgrazia, weil das Leben mich hier packt, und nicht mehr loslässt. Maria ist ewig Gestriges, die Hörsäle, die Projekte. Bäng, hier, du brauchst nichts anderes als deinen eigenen Willen.

[Natürlich muss ich zwischenzeitlich mit Widerstand seitens meines Vaters kämpfen; aber ehrlich gesagt bin ich es leid. Ich lasse nicht mehr mit mir über etwas diskutieren, das mir zusteht. Ich lasse mich nicht mehr sabotieren].

Ich werde allmählich von Vincents Kreativität gefressen, seinen Ideen, und ich sitze mit dem Chaosmädchen beim Frühstück über dem Kaffee und male mir in Ungeduld das Morgen aus, gehe mit ihr im Sog der Straßen von einem Punkt zum nächsten und verliere mich sogar in den trüben, von Sorgen gezeichneten Gesichtern der U-Bahn-Passagiere, und sitze dann abends am Tisch, esse, trinke ein Glas Wein, höre Musik, und fühle mich erst jetzt (!) wieder richtig lebendig. Mir gefällt die Vorstellung, - jede Vorstellung, selbst die trostloseste. Selbst die trostloseste Vorstellung beinhaltet Leben. Das ist kein Vergleich zur Vergangenheit.
Daher lache ich endlich wieder. Lese wieder. Es ist nichts mehr so verhangen, ich kreise nicht mehr nur um mich. (Pah!) In Gedanken richte ich die Wohnung ein, in Gedanken fahre ich zur Uni, gehe Schrippen kaufen, verliebe mich in den Alltag neu. Ich muss nicht mehr dieselben Vierwände sehen, dieselben Straßen, dieselbe Abgeschlossenheit. Ich habe das Gefühl, ich könne mich dieses Mal tatsächlich mit dieser fremden, dieser harten und unpersönlichen Außenwelt vermischen.

Ich lächle über einen Mann in der U-Bahn, - er trägt seinen roten Schal nachlässig, und die obersten Knöpfe seiner Jacke stehen offen, - denn er wiederum lächelt sanft, jugendlich, als er diesem Zeitungsverkäufer seine klimpernden Münzen in die Hand drückt. Ich lächle über den Emojungen, der mir schräg gegenüber im Bus sitzt, weil er immer wieder flüchtig Augenkontakt sucht. Ich lächle, über die unpersönliche Stimme der Verkäuferin hinter der Theke, und liebe sie für eine Sekunde so sehr, - ihre vertrockneten Lippen, ihr strähniges Haar, ihre fleckige Bluse, - dass ich mich über den Tresen beugen, und ihr einen Kuss auf die Wange hauchen möchte. Ich freue mich über das Mädchen in Schöneberg, das uns fragt, ob wir Hilfe brauchen, weil wir so verloren aussehen, mit unserer überdimensionalgroßen Stadtkarte, und den vom Wind verwirrten Haaren. Ich freue mich über die Musik in den Schächten unter der Erde, die weit und lang hallt, freue mich über kurze Frequenzen Sonnenschein genauso wie über das Blitzeis, das die Straßen zur Eisbahn macht, auf der Alt und Jung, Gangster und Unbescholtene gleichermaßen rutschen; ich freue mich über das knarzende Parkett unter meinen Füßen, freue mich, berauscht, orgiastisch, und manchmal sogar recht körperlos. Ich bin endlich zu Hause.

Freitag, 4. Januar 2008

(I'm the) wind

wind *


THE CENTER OF ATTENTION
IS LIVING ON THE EDGE.



unterwegs. frei.
FREI! (verstehst du, was das bedeutet?)
ich bin endlich frei, von dir & mir, von der vergangenheit; ich bin frei von avalon, frei von tausend kilometern immergleichen kummers, frei von den fachwerkhäusern, die mir die sicht auf den himmel nahmen, frei von der erinnerung an das bessere gestern, als noch alles neu war, - frei von tubinga, mia disgrazia, frei vom süden, & der liebessabotage. keine obsession, keine hyperchondrie, kein wahnsinn. (es ist alles abgehakt & von der liste gestrichen). frei. o gott endlich frei.

& niemand kann mich fassen.
(es wäre nur das haschen nach wind).





(* taken by andrea paoli).

Donnerstag, 8. November 2007

Interlude: Io vs. Me vs. moi vs. Ich

Ankommen ist weniger wichtig, denke ich.

Im Halbdunkel sitze ich zwischen Kondomen und Notizbüchern, eine Topfpflanze steht auf der Kante eines Lattenrosts, - sie steht da nur vorläufig, weil auf dem Schreibtisch, dort wo sie sonst immer steht, kein Platz mehr ist, - daneben: das ungemachte Bett; da liegt das Buch Das Wunder des Theismus von John Leslie Mackie, und ich glaube, es wird noch eine ganze Weile ungelesen bleiben, und dem schräg gegenüber der Playboy, - das ist ein kleiner Ausschnitt dieser Wohnung, und ich werde ihn vergessen.
Draußen ist es dunkel, drinnen vorläufig auch. Ich lerne nicht genug, denke ich. Ich fordere nicht genug von mir selbst, und clicke mich über das Profil eines der Fremden, die in der Ferne arbeiten, leben, - lieben! Zweiundzwanzig, sagt die Haut, sagen die Zahlen auf dem Plastikkärtchen, sagt, -- wer? Die Welt? Niemals. Die Jahre, die vergangen sind, erscheinen mir ewig, unwiederbringlich ewig, und doch bleibt alles zeitlos, ungekannt, namenlos. Verspannung, ich lieg allein im Bett. Memorandum.

Sie löffelt den Kaba aus dem Cappuccinoglas.
Tippt eilig Zeilen in virtuelle Welten.
Spricht ins Mikrophon, und hört hinein, in das Rauschen der Welt.

Nur Geduld.


Natürlich fühlt sich alles gut und richtig an, und ich expandiere, entferne mich von mir selbst, distanziere mich, in dem ich die Vergangenheit bewältige, und so weiter, und so weiter, und in der U-Bahn in Tokio schläft ein junger, gutaussehnder Mann ein, angelehnt an die Fenster im Rücken, - sein Kopf sinkt ein Stückchen tiefer, zur Seite, um danach wieder ein Stückchen hochzukreisen, -kreiseln, immer wieder, und von vorn, und ich bin nicht. Ich sehe sein schwarzes T-Shirt, mit dem Totenkopf-Aufdruck (der Totenkopf trägt eine kleine Schleife), und sehe einen der schönsten Sonnenuntergänge (m/) seines Lebens, sehe den McDonalds, in dem sie lachen und dann folgt ein Ave Maria auf der Autobahn. Ich weiß, dass er Atheist ist, genauso wie ich weiß, dass ich Agnostiker bin, und trotzdem erscheinen mir die Heiligtümer nicht lächerlich, nicht kindisch, auch wenn sie es vielleicht sind. (Ich dulde Gott nicht, Spiritualität schon). Wir gehen aneinander vorbei, ohne uns zu grüßen, fahren in Zügen, fliegen in Flugzeugen, ohne uns zu kennen, und mal ist das wunderschön, wie ein Lächeln, oder ein Wort, das beiläufig zur Seite fällt, - erst recht ein Danke, - und mal ist es schrecklich, enttäuschend, da ist es ein rechter Haken mitten in die Fresse rein, und am besten noch ein Tritt in die Eier, --

Und dann gibt es noch den anderen, den Schatten des Menschen, den ich kannte, vom Sehen, vom Reden, vom Hören kannte, und er flirrt vorbei, - ich frage, wie es ihm geht, und er antwortet, er studiere, und ich verstumme gekonnt gleichgültig. Keine Aufdringlichkeit mehr, keine Obsession, - es ist. Weitergehen. Prozess der Aufarbeitung. Der Rest ist bloße Naivität. Also sitze ich vor dem Messenger, und sehe eine Weile seinen Namen an. Es ist seltsam, wie die Welt geworden ist, denke ich, und überschlage meine Freunde mit pulsierendem Herzen. (Für mich steht die Welt still, wenn ich mit euch spreche).
Also sehe ich stattdessen dieses wunderschöne Mädchen an, - sie hat Augen, für die ich morden würde, Augen, Diamanten! kleine strahlende Scheiben, in denen sich Licht zu Farben bricht, namenlose Farben, nichts, mit dem man spielen kann, - und sie lächelt nicht; sie berührt nur ihren Honigmund mit den Fingern, und streicht sich Haare aus der Stirn, und es gibt keine Erwartungshaltung.

Wir sind Menschen, Menschen sind, - das ist alles.




Morgen brechen wir auf, zurück ins One-Horse Town, Stepford-Ville, und dann am Montag geht es (schätzungsweise) fürs erste nach Berlin. (Es wird eine Zeit kommen, da werde ich diesen Namen nicht mehr schreiben müssen, juhu). Wohnungssuche, Lebenssuche, zieh weiter Nomade, zieh endlich weiter.


NetZähler

Status

Online seit 3880 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar, 01:34

Credits

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

Suche

 


# 253
1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
Der Junge & das Herz
Die Lieder der Väter
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Laurent liebt Eva
Mensch vs. E = mc²
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren