Vierzehn.
Die Schwerkraft tut mir Gewalt an, - mit jedem Schritt drückt sich Kreuzberg durch die Schuhe, durch die Füße hinein in den Leib dringt es, hinein ins Fleisch, und dort schiebt es sich mit jedem Herzschlag weiter ins Ungeahnte, Ungewisse, hoch und immer höher. Bis zum Mund; der reziert: Musculus trapezius, Musculus supraspinatus, Musculus sartorius, es schmeckt nach Orangen, nach schwarzem Kaffee, - auf dem Grund: ein Zuckerberg, - aber wer begreift das schon? Wer hat es bemessen?, diesen Zeitraum, dieses Leben? Schnee fällt, Schnee schmilzt, ich lege Hand an mich, und der Schnee wird zu Regen, und der Regen gefriert.
Drehen wir die Worte zurück.
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Gewissermaßen fühlt sich der Körper wieder wie ein Körper an; er hat Sehnsüchte, er hat Bedürfnisse, er nimmt das Essen auf wie es nur ein Verdauungsorgan tun kann, und ebenso scheidet es alles wieder aus; er greift mit beiden Händen den Schlaf aus den Augen und spürt die kalte Nase vorüberfliegen, Haut an Haut, - es ergibt noch lange keine Liebe, es ergibt auch keinen Menschen.
Ich lache weiterhin, - im Flur stehend, dort, in Kreuzberg, bei einer alten Freundin zu Hause lache ich. Nicht sonderlich laut, zugegeben; ich lache leise, denn das Leise tut mir nicht weh. Aber immerhin. So stehen wir zu zweit und sehen auf ein paar zerrissene Kabel, die keine Telephonverbindung sein wollen, und ich denke nichts, erahne nichts, dieser Moment ist so endlos gereiht in die Selbstverständlichkeit, in eine sanfte Schönheit, die betäubend ist, nahtlos.
Ich, der ich in fremden Betten mich wälze, der sich die Haut von all der Kleidung streift, ein Invertierter, rastlos an die Gravitation gebunden, merke nicht, wie ich mich erhebe, merke nichts vom Tag und seinen Zeiteinheiten, - jede Stunde geht verloren durch ein Dickicht von Reizzuständen, - und möglicherweise hänge ich meine Jacke dann wieder an einen Haken, und gehe rückwärts,
aus dem Haus in ein Zimmer,
das neueste Buch noch in der Hand,
was, bitte? Ein Licht geht an in einem fremden Zimmer, - als goldner Balken fällt er durch die Fenster. Aber wo ist er, dieser andre Mensch? Ich sitze müde im gerüttelten Zug, im zu spät kommenden Bus, und da ist dieser Mann, in der U8 sitzt er, - der Kopf gerade, die Lippen zum Strich, - und seine Augen suchen die meinen, die blicklos sind. Ist. Was. Passiert. Meine Stimme bleibt gleich, obwohl sie in manchen Sekunden schier im Lachen ertrinkt, - und ja, manchmal möchte ich wirklich darin ersaufen, - aber jetzt spreche ich nicht. Ich rücke die Augen zurecht, streiche die Falten aus den Muskeln und rupfe an allen Seiten. Die Vertreibung aus der Hölle lese ich, du hast's mir empfohlen. Das war im letzten Jahr. (Wie ein Echo durchwirkst du die Geräusche der Stadt). Immer wieder frage ich mich, was mit jenen geschieht, die eines Morgens verlassen erwachten. Es stimmt nämlich: Mit dem Vergehen der Tage wird es anders, - nicht besser: die Schwere nimmt nicht ab, sie verlagert sich nur, und auch wenn ich jetzt nicht das Gefühl verliere, weiterhin im Bett zu liegen, - immer und immer, - so weiß die Not daraus schon noch eine Erfindung zu machen. Ich lese weiter, lese und lese, und während das Grau die Stadt wie einen Sarg geschlossen hat, saugen meine Augen an allen Farben, - jedes Rot, jedes Gelb wird zum Fest, jedes Orange macht mich glücklich, und wenn ich könnte, ich würde alle Fassaden bunt streichen; stattdessen gehe ich durch den Wind und den Schrecken, den er mir manchmal bringt.
Was noch stimmt ist, dass ich Kreuzkölln wie ein Gespenst aufsuche: Ich rüttle mal hier am Gatter der Tore, mal klingle ich dort die Menschen aus ihrem gesegneten Schlaf. Oft begleitet mich die Verzweiflung dabei. Und doch erscheint es mir wichtig: Es jetzt zum letzten Mal sehen, noch mit dieser Wunde im Herzen, mit diesem lastenden Grau über den Dächern, es jetzt sehen, mit dem Regenwasser zwischen den Pflastersteinen, dieses Jahr, dieses eine, - denn sieh, die Uhr macht aus dreiundzwanzig Stunden wieder null, jetzt sind es 14 Tage, vierzehn; die Vergangenheit setzt sich wie eine Straße fort... Heute erst berühre ich sie: Am Antiquariat in der Weserstraße gehe ich vorbei ohne die Bücher zu betrachten, noch ist es zu früh dafür; selbst das ORi bringt mich zum Seufzen; ich meide jede Bar, an jeder Kneipe mach in meinen Bogen. So viele Namen, so viele kleine Sekunden, die sich aneinander reihen, wie endlos lange war ein einzelnes Leben, wie flüchtig ist's mir jetzt? Ich gehe weiter, weiter, ich gehe durch den Kiez als gehörte er mir... Die Musik von Beirut und Arcade Fire verschmelzen zum Soundtrack des Jahres, und Bloc Party versengt mir das Herz. So soll es sein, nicht?, so war's erdacht.
Ich vergesse nicht.
Nichts vergesse ich.
Alles ist da. Immer.

