Die Provinz
In meinen Träumen ertrinke ich,
floßlos, ruderlos,
treibe in die Tiefe.
Wellen brechen über
unter!
über!
Mund und Augen,
und gießen neues Wasser auf die Mühlen.
Im Stechschritt fliegt die Kleinstadtwelt: Ein Fachwerk reiht sich hausend an das nächste, hohe alte Häuser, sie verdecken kaum den Himmel, da die Kirchturmspitze, - das Glockengeläut scheucht die Spatzen von den Dächern, - und die Leute, alte Frauen mit großen Körben unter den Armen und Männer in beigen Hosen und beigen Hemden, biegen ein in die Gassen und verwinkeln in Bögen, stehen vor dem Bäcker und sagen: Das ist wirklich zu teuer, und meinen die 1,30 für ein belegtes Brötchen.
Dazwischen: das Kopfsteinpflastermurmeln eines Baches, ein Rinnsal eigentlich, eingefasst in bunten Steinen, mit Kindern drin, die von dort nach da mit hohlen Wasserhänden rennen, platschend und quietschend, ein Lachen auf den Lippen. Ach wäre man noch so jung, hört man von allen Seiten, und riecht dann den kommenden Regen.
Weiter. Weiter. Immer dem Wind hinterher, der durch die Straßen eilt, und fliegend sich in Zeitungspapier verbeißt, das dann hochschnellt, - himmelhoch, - und dann im Sturzflug wieder hinab, unter die Räder eines Wagens, der dort am Brunnen steht. Weiter. Weiter. Nicht aufhalten lassen, von dem Schwatzen der Alten, die vor den Schaufenstern stehen und sagen: So was hätt's damals nie gegeben, und die mit Damals das Dritte Reich meinen. Weiter und vorwärts, vorbei an den Ausstellungsstücken eines Photographen, - des einzigen, - die weder gut noch schlecht sind, sondern traurig; Bilder junger Frauen mit hochtoupierten Haaren, leicht blondiert und dennoch braun, mit Kringellöckchen, und Männer mit schwarzen Schnauzbärten, die Fliegen und Kravatten schief am Hals, und Kinder, zahnlückig lachend ohne Glanz in den Augen. Weiter, vorbei an der Bank, aus der schlanke Männer in Businessanzügen strömen, pünktlich um 12 Uhr, mit Gel in den zurückgekämmten Haaren, und die grinsend grüßen, sobald man vorübergeht, und die dann schließlich vergessen. Ein Schein des Vergessens über der Welt.
Weiter.
Scherben teilen den Weg dann entzwei; irgendwer hat die Scheiben aus dem Bushäuschen geschlagen: jetzt liegen sie glitzernd zwischen Zigarettenstummeln und Pinienkernschalen; auf der Hauswand dahinter steht in blau und schmierig etwas in einer fremden Sprache. Es könnte Russisch sein. Es könnte Deutsch sein. Aber eigentlich ist das auch ganz egal. Eine Beleidigung muss man nicht verstehen, solange sie so grell ist wie diese.
Es geht ein Mann vorbei. Jung, mit blonden Haaren. Er trägt ein helles weißes Shirt und Jeans; er sieht nicht schlecht aus, nur irgendwie auch fehl am Platz. Dann zischen die Stimmen von hinten: Der ist bestimmt schwul; so wie der läuft.
Es geht eine Frau vorbei. Nicht mehr ganz so jung, mit schwarzem, dichtem Haar, in das sich das erste Weiß des Alters mischt. Sie trägt ein rotes Kleid, das ihr knapp bis über die Knie reicht; ein bronzenes Kind auf dem Arm. Dann zischen die Stimmen von hinten: Und verlassen hat sie den, einfach so. Mit dem Kind. Was die sich bloß denkt.
Überall zischen die Stimmen, und grüßen doch im Vorübergehen. Sie zischen und zischen, und speien ihr Gift auf die Straßen. Die Provinz ist in jedem ihrer Worte. Dem kann man nicht entkommen. Es durchwirkt den ganzen Ort.























