la tristesse

Montag, 27. Juli 2009

Eisblumen

»Was willst du denn noch«, fragt die Mademoiselle Manie; sie ist wirklich entsetzt. »Du warst drei volle Tage so was wie glücklich. Wer kann das von sich behaupten, bitte?«
So was wie glücklich echoe ich.
»Ist doch egal, keiner kommt dem Glück näher.«
Ich reiße mich los, - aus der Unterhaltung komm ich nicht, weil wir im Fahrstuhl stehn, warten bis aus eins zwei wird, aus zwei drei, und die Türen sich öffnen, aber trotzig kann ich sein, widerspenstig, wie meine beschissenen Haare, widerspenstig und das genaue Gegenteil von dem, was ich jetzt knapp eine Stunde lang war: still. Wir verabschieden uns nicht voneinander, die Mademoiselle Manie und ich, weil mir ihre vielsagenden Blicke gegen den Strich gehn, ihre gute Laune, doch statt allein zu sein, begegne ich L. am Kopierer, Namenlosgewesenes, jetzt L.-Gewordenes, - also ziehe ich den Kopf ein, schleiche an L.s Rücken vorbei wie der Strauchdieb, der ich bin, und grabe mich in Papier ein, in meine eigenen Hände.

Die Schwere des Augenblicks zieht mich aus
zieht mich zu Boden, mich,
niemals Verlassener, niemals, Gebliebener,
Denken mal Schande,
multipliziere nicht, fühle,
diese verlorene, viel besehne,
schlecht durchdachte Zeit,
sei's gewesen, sei's dahin,
nie Besessene, nie dich zur Lust Bettende,
im Schweiße deines Angesichts,
da liegst du,
gehst stehst fällst du,
und rückwärts bleiben keine Augen mehr für dich, Eisblumen-
pflücker
mir das Herz,
und rückwärts gibt es keine Brücken und Wege mehr für dich,
Verliebter, Träumer,
Rückwärtiger, wonach sehnst du dich?
nach wessen Haut?
nach wessen Mund?
Vergessener,
was für ein zerbrochenes Ding verklebst du da mit Worten als wäre nie etwas anders gewesen, als könntest du damit etwas besser machen, Lügner, Geheimnisverschlinger, - was hat es je in Dessau gegeben?, was lag in Odessa je für dich bereit?, und ja, manchmal bin ich diesen Spielen müde. Dem Versteck-Mich, dem Hier-bin-ich; der Maskerade aus Hast du nicht gehört? und Wirklich, macht nichts, Gern geschehen; dem Eisbergblick, --
denn ja, dem halte ich nicht stand, niemals halte ich so einem Blick stand, egal wie selbstbewusst ich mich gebe, egal wie wenig Ich an die Oberfläche steigt: Zu laut halle ich meine dröhnenden Worte in den roten Raum, in den orangebeleuchteten, irgendeinen x-beliebigen Raum; zu flüchtig werfe ich meine Blicke an mein Nebendran, in mein Rechtsvonmir, und reiße dafür das Gespräch an mich wie irgendeine x-beliebige Hure, - ich zerre daran, zerbreiße, kaue daran, und spucke schließlich mein Lachen wie Knorpel in die Luft, sodass mich alle am Tisch erschrocken ansehn. Wie aufdringlich, denke ich, obwohl sie alle lachen, obwohl sie lachen und lachen, - ich hasse mich dafür.

Ich will mir mit der Serviette den Mund abtupfen, ein letztes Mal am beschlagenen Wasserglas nippen und, mich höflich dabei entschuldigend, als Erster den Raum verlassen. Aber ich bleibe. Natürlich.

Das, was flüchtig Glück war, für drei volle Tage, wie sie sagte, das gab nach beim Abschied, als alle gingen, - Bellona und Don Toupo, die an der Treppe stehn blieben, Mademoiselle Manie, die nach rechts abbog und L., verschwindend im ewigen Korridor, den sich Franz Kafka eines Nachts ausgedacht haben muss, und ich, der ich durch den Glastürenschlund ebenfalls hätte verschwinden mögen, ging in mein Königreich zurück. Ins Papiergewühl, ins Telephonklingeln, ins sonnendurchflutete Nichts eines Julinachmittages, der alles verschenkte, was er noch drei Tage zuvor versprochen hatte. Draußen ging ein bisschen Wind, ein Auto hupte irgendwo auf der Lindenstraße. Und dann? Dann kam die Stille, und schnürte das Besondere im Eisblumenblick ein bis es wieder kühler wurde im Raum. Im Inneren. Im Überall.

Als ich meine Notizen zusammenraffe, um sie den zwei übriggebliebenen Grazien vorzulegen, kommt mir L. ein drittes Mal entgegen. Ich will irgendetwas furchtbar Dummes fragen, um den Kontakt nicht endgültig zu verlieren, - nicht nur die vier übrigen Tage lang, sondern für so was wie immer, - um es wieder gutzumachen, dieses aufdringliche Ego-Gehabe von vorhin, um richtig zu reden, Gemeinsamkeiten zu finden, oder eben Gegenteiliges. Dieses leicht Dahingesagte aber, dieses immer aufs Neue gleich Durchdachte, - es will mir nicht über die Lippen. Man sagt einander Tschüs, ich sage sogar Ciao als wäre es ganz leicht, aber das verfluchte Herz ist schon so schwer, dass es mich überrascht, dass ich nicht beim Lockersein völlig auf die Fresse fliege. Vorbei, der Puls beruhigt sich auf zwei Nachkommastellen, vorbei, alles bleibt stehn, vorbei, du hast da wirklich was verdreht, falsch gefühlt, nur missverstanden.

Alles, (gar alles), was meine Liebe anfasst, gefriert sie zu Eis.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Salz

Zu Salz erstarrt: Das Herz.
Man spricht man lacht man denkt nicht an Morgen.
Zu Salz erstarrt: Die Worte.

Du sagst, es ginge immer um die, die uns verlassen. Nicht um die, die zurückbleiben. Ich schiebe meine Flasche über den Tisch, als könne ich damit etwas ändern, - eine Spur aus Wasser bleibt übrig; ich sitze da, eingepackt in drei Schichten Stoff, eingetütet in Blau, in graue Watte gehüllt, und der Wind streicht dein Hemd, dein schwarzes, dein falsch geknöpftes, und der Wind gehört dir, - der Sommer, die Goldpunkte, die dir über Stirn und Wangen tanzen, der traurigste Blick, all das ist deins. Ich sitze da, sitze auf diesem Stuhl, diesem beschissenen blauen Plastikstuhl, und sitze und sitze, wie eine Statue, zu Salz erstarrt, schon jetzt blicke ich zurück ins Gestrige, - der Geist der vergangenen Weihnacht, das bin ich, - und nichts fühlt sich in dem Maß real an, dass ich daran glauben könnte.
Du sagst, du seist hilflos und ohnmächtig, du wüsstest nicht weiter. Und ich? Ich sage, ich sei starr vor Angst. Und es stimmt. Das bin ich wirklich. Ich sage: An jedem Morgen erneut weiß ich nicht, wie ich den Tag überstehen soll, - einer der sieben Herrscher des Universums der Angst, das bin ich, - und du siehst mich dabei so ernst an, als könne ich mit diesen Worten irgendetwas ändern; wie soll es weitergehen?, wie macht man das, - weiter? Nach und nach fallen mir die Steckbausteine aus der Hand, denke ich, und sitze, sitze und schiebe diese beschissene Bierflasche von einem beschissenen Punkt zum andern.

Ich erzähle von Opfern, von großen Opfern, die Berlin weiterhin verlangt, von meinen Opfern, - andre begreifen das ja nicht, - ich würde sehr vieles tun, für dich, als Freund, als Bruder, wenn du verstehst, ich würde so gut wie alles tun. Und du?, ja, du auch, ich weiß. Aber du hast dich entschieden, das seh ich dir an, deinen Augen, den blau geschlagenen, den braun geweinten, du bist schon fort von hier. Von dieser Stadt, die alle heimgesucht und dann schließlich verlassen haben, und ich, der ich hier bleibe, ich, zu Salz erstarrt, ich bleibe hier, bleibe und immer bleibe ich, sehe denen nach, die Koffer und Kisten packen, die sagen: Wer weiß, vielleicht komme ich wieder, und die wissen, dass sie's nicht tun, nicht für mich und nicht für die Stadt, - schon gar nicht für sich selbst; und dann, mit dem Protest auf den Lippen, möchte ich fast von Fairness sprechen, von dieser Ungerechtigkeit. Ich spar es mir. Wer hat das alles je gerecht genannt? So ist es, das ist der Deal.

Im Gehen umbrüllt mich die Hitze, - ich sei zu warm angezogen, sagen alle, die mir begegnen; sie bitten mich, dass ich meinen Pullover endlich ausziehe, das T-Shirt darunter, aber mir ist kalt. Mir ist so kalt wie nie. Ich reibe mir die Oberarme, ich zittre im hellsten Sonnenschein. Und die Zimmer sind leer, und die Worte schmecken nach Salz, und das Herz, das beschissene, das pumpt kein Blut mehr. Die Sitzplätze füllen sich, in der nächsten Station sind sie vergessen. Die Gesichter sind zu Bildern geworden, die Stimmen zu Echos, die Abende zu Erinnerungen, und die Tage und Wochen, die einzelnen Jahre, die in den Stunden waren: Alles nur ein Blick, ein Atemzug, --


Ich habe keine Worte mehr übrig. Es bleibt nur das Salz.

Mittwoch, 10. Juni 2009

24/7

Gegen den Wind gehen als berührten fremde Finger Lippen & Kinn. Der Blick geht dabei ins Handinnere: im Liniennetz taucht ein Punkt auf, ein kleiner, stechend schwarzer, ein unscheinbarer, wie ein Splitter unter der Haut, - beim Entfernen wird er eine Narbe hinterlassen, - & möglicherweise ist es tatsächlich Schicksal. So, wie der Tod Salz aufs Essen streut, wie er Gin Tonic in all die Gläser schüttet; wie er im Handgemenge verschwindet.

Ich verschiebe Nagelbetthaut mit Nagelkanten, zerfasere Haut dabei als sei es nicht mein Körper, als seien es nicht meine Moleküle, & nirgends ein Blick für die blutigen Ränder unter den Nägeln.

Reue, das Wort wird laut ausgesprochen, aber leise gefühlt. (Ich).

Reue. Wegen einer Tür, die ins Schloss fällt. (Er).

Einer Telephonnummer wegen.

Eines ungelebten Lebens wegen.

Nervös atme ich mehr Wind aus als da ist. In meinen Träumen zergliedert sich alles in schielende Augen, in Worthülsen, in Fragmente, - schaff dir eine Welt, in der du existieren kannst, - gib mir Süße ein, - nichts als die Müdigkeit eines weiteren Tages.

Lächerlich. Das heißt nicht, dass jemand lacht. Es heißt, dass etwas schrecklich traurig ist. Aufstehen ist lächerlich. Am Tisch über die eigene Unfähigkeit zur Liebe zu sprechen ist lächerlich. In Träumen vor zerbrochenen Gehirnen zu stehen ist lächerlich. & doch geschieht es, ohne Konservenapplaus & -lachen. Nirgends ist dieser Gott, der mir Seligkeit einhaucht. Nirgends ist das Fernsehen, das mir die Augen verspiegelt. Nirgends sind die Ideale, weder die falschen, noch die fälscheren. Nirgends Ziele. Nirgends Wege. Nirgends die Unerträglichkeit.

Ich bin eine Gardine, ein Vorhang.
Ich zerwehe bei der leichtesten Brise.

& was ist mit dem, was in den Zeilen geschieht?

Situation eins. Ich stehe im Aufzug, den ein Stockwerk später Guillaume betritt. Man redet. Auch ich tue das, aber es geschieht ohne Bewusstsein. Ich lache sogar. Man tut das. Ich hab's bei den andren gesehn. Ich lache mit Guillaume über das Leben. Kurz nur. Zwei Stockwerke lang. Beim Schließen der Türen ist er vergessen.

Situation zwei. Im Handy blinkt die Nummer von dem Mädchen der Frau, die mich am Freitag auf dieser Party angequatscht hat. (Sie, die ich stundenlang beobachten musste; beim Tanz). Sie zu ficken ist eine Option; sie zu lieben?, - nicht. & dann also mehr Körper sein, mehr & restlos, Fleisch sein, einfach nur Materie, die endlich, - endlich!, - entseelt ist von allem Menschsein, die eindringt in diesen fremden, schwitzenden Körper, die sich ergießt in Salzgehalten & Proteinen, totes Leben. Die Nummer blinkt. Blinkende Nummern, vibrierende Handys, das ist das Jetzt.


ich verliere den kontakt zur welt.
die welt bin ich.


Durch die Türe vom D*** gehe ich, & für einen Moment, wirklich, da erwarte ich dich zu sehen. Eine Haarsträhne, ein Pullover, ein Blick über die Schulter, - etwas, das mir lange im Auge bleibt, - aber das geschieht natürlich nicht. Diese romantischen Momente passieren nicht. Männern erst recht nicht, uns nicht. Also gehe ich weiter, raus in Wind & Vogelgeschrei. Meine Lider sind zu schwer für die Menschen draußen.
Gott!, wie ätzend. Wie deprimierend!, widerlich. Ich seh's dem Blau eines Auges an, beim andern ist's ein Braun, alle Farben sagen das gleiche. Also reiße ich mich zusammen, straffe Schultern & strecke den Rücken durch, die Phrasen ergeben ein Bild: Der rechte Mundwinkel lächelt schief, die Haut ist unrein, - zumindest im S-Bahnlicht, - die Nase ist zu groß, die Haare fallen ständig falsch, aber das ist mir scheißegal. Wenn ich könnte, würde ich die Welt verschlingen. Was kümmern mich also meine beschissenen Haare?
Wenn ich könnte, ginge ich zum D*** zurück, würde deine Nummer wählen & wir hätten zwei Stunden später Sex. Bei dir, vermutlich, weil ich kein Schloss an der Türe habe. Oder vielleicht gerade deswegen auch bei mir. Ich weiß es nicht. Am Sex würde das nichts ändern. Aber was brächte das? Jeff Buckley spielt für jeden ein Lied.

Das ist die gottverdammte Situation drei.

Mir ist, als entgleite alles.
Darum trinke ich auf der Party so viel Whiskey & Rum, daher die Fünfminutenbiere, das bisschen Hunger nach dem Aufstehen, deswegen der wenige Schlaf & die Erinnerungen, zusammenhanglos ins Weiße gehustet. Ich wische mit den Handflächen Hautschuppen beiseite, Staub, Schamhaare, irgendein Blatt Papier mit Notizen drauf, & dann, kurz vor dem Abwischen der Finger am Hosenbein: Der Blick auf den schwarzen Punkt im Liniennetzwerk. Was heißt das? In zwölf Tagen mein 24ter Geburtstag. Zeit für Salz & Gin Tonic. (Halt die Schnauze, & gib mir Süße ein!)

Dienstag, 12. Mai 2009

Kaltblütig

ich wärme das müsli in der mikrowelle, - eineinhalb minuten gekochte seligkeit, - denn das eis schmilzt nicht. das eis, das mir in den knochen sitzt, das mir nervenfasern & muskeln ist. auch das heiße wasser hilft nicht: ich schütte es mir über & über, jeden morgen. es ist, als stammte ich nicht von affen ab, sondern von eidechsen. in meinen adern fließt kaltes blut.

zähle minuten. in wedding. unter der anzeige, beim aufzug stehe ich. sehe männern & frauen nach, wie sie reibungslos an mir vorübergehn. zwei blicke, einander im zug zugeworfen, stoßen sich später ab wie gleiche enden zweier magnete. traurigkeit atme ich dabei aus wie mundgeruch.
ich denke nicht an mein zimmer, denk ich nicht, nein. nicht an die pullover, die über der couch hängen, & das jackett, das zusammengefaltet auf dem hocker liegt; nicht an die beige schreibtischlampe vom treptower flohmarkt, die auf dem teppich steht & auch nicht an die vielen bücher. ich denke an die leere, die das alles umgibt. kurz nur. man will ja nicht völlig depressiv sein. wieder ein blick, kurz vorm aussteigen, er geht ziellos, gängelt über körper & kopf, verfängt sich im blauen auge, im grauesten aller blauen augen, stählern, eisern, hämmernd im blinzeln.

die tage, - die werktage, - fühlen sich noch nicht wirklich richtig an. das bohème-leben ist verwirkt, das gehört sich so. ich weiß. sollte es wissen. & doch: am ende der arbeit seufze ich auf, weil ich den stress, - den unermesslichen, - tatsächlich überstanden habe, ohne dabei größeren schaden zu nehmen. währenddessen beobachte ich die menschen beim lachen, mache meine witze, - ich bin ich bin du bin überall bin nirgends. mir ist jeder tag ein schauen über den schützengraben. kalt fühlt sich meine haut an, beim trinken & essen, kalt beim schlafen & träumen, kalt bis der sommer kommt, bis der sommer kommt, der sommer, was ist der sommer noch?

trenne auf. trenne ab. in einzelteile zerfallen die träume zu standbildern: A. geht durch den Bahnhof, ich auch. Viele Menschen. Koffer, Taschen. Durchsagen, verzerrt von Lautsprechern, Zugdampf in der Ferne. Wir gehen also aneinander vorbei, mit den Blicken jeweils versenkt im andren, gehen weiter, sehen zurück, gehen im Zurücksehen weiter, lassen uns mit den Augen nicht los, gehen weiter, - dann schiebt sich die Menge zwischen uns. Und wir verlieren uns. wir haben uns verloren, aktualisier das. vielleicht beginnt heute das trinken früher, vielleicht schmilzt das herz ja dabei, & der splitter im auge.

Donnerstag, 2. April 2009

Kein Ort. Nirgendwo.

Sie sagt, wir müssten reden.
Aber wir reden nicht.

Sie geht zwischen Küche und Flur wie eine Königin umher: Die Nase stolz und gerade, die Lippen zum Lächeln, die Schritte vom Laufstegtraining perfektioniert. Dem braunlockigen Haupt fehlt nur die Krone. Dann steht sie da, mit Paprikadips auf dem Teller, später mit einem Warsteiner in der Hand, und sie nickt. Sie lächelt. Sie spricht mit dem Argentinier über Kunst, - eine ältere Frau mischt sich mit ins Gespräch und sie reden über einen, der erst kürzlich einen Buchpreis gewonnen hat, er ist sechsundzwanzig, vielleicht ein Jahr älter, und das Buch ist hier, wie auch der Typ, und beides reicht man weiter ins Gespräch, ah, da ist er ja.
Und hier, irgendwo, da bin ich.
Stehe am Rand, mit einer Türklinke im Rücken und beobachte die Szene, in dieser Küche, in der unmöglich dreißig Leute Platz zum Stehen finden sollten, und die es dennoch tun. Ich stecke meine kalten Hände abwechselnd in die Hosentaschen, halte mich abwechselnd an Tellern und Gläsern fest, bin abwechselnd hier und auch nicht.

Es wird gegessen, man fragt nach den Berufen. Einer sagt, er sei Künstler. Ein anderer betont die Photographie. Die meisten studieren. Spanisch. Italienisch. Französisch. Meine drei Sprachen: Die Zukunft, der Schmerz, die Poesie. Ich versuche mir das leichte Zucken um die Mundwinkel nicht anmerken zu lassen. Ich zerstäube alle Erinnerungen im nächsten Schluck Bier. Lachen von links zerschneidet mir Herz und Nieren, und serviert sie kalt der jungen Französin, die mich ansieht, mit blauen schönen Augen, und die schließlich fragt, wer ich sei. Ich gebe ihr meinen Namen in einem Handschlag weiter, aber ich vergesse ihren noch bevor sie ihn ausspricht. Wer sind all diese Leute, und wie komme ich hierher?
Jemand reicht mir das Buch, dessen erste Seite ich lese, - gefallenhalber, um nicht aufzufallen, (denke ich, und merke nicht, dass es nichts auffälligeres gibt, als einen großen Mann, der mitten in der Menschenmenge ein Buch liest, - gibt es ein größeres Anzeichen von Langeweile?), - und das ich nicht mag. Es ist ein beschissenes Buch. Der Neid ätzt mir Rachen und Herz, die Missgunst, das Unverständnis. Nebenbei. Versteht sich. Das geschieht alles nur so nebenbei.

Schließlich stehe ich plötzlich neben ihr, gegen sie, im Wind mit dem Ausblick auf den Fernsehturm, und sie nippt am Bier, ich beiße in eine Paprika, sorgsam zurechtgeschnitten, - die Gastgeberin hat sich wirklich Mühe gemacht: Es gibt auch russischen Zupfkuchen, den hat sie selbst gebacken, echt?, ja, russischen Zupfkuchen, mit süßer Sahne?, ja und Quark, ach Gott. Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, wie ich zwischen diesen Menschen stehe. Wie sie mich ansehen, wie sie lächeln, wie ich nicke, wie ich spreche ohne je den Mund zu öffnen, und alles, - alles, - was ich tun kann, ist, mich an ihren Augen festzuhalten, die bei jedem Blick in etwas anderes kippen. Sie geht an mir vorbei, sagt, wir sollten endlich reden, und verschwindet zwischen Küche und Flur so wie sie gekommen ist. Und ich bemühe mich, - wirklich!, - bemühe mich, lächle, rede, nicke, aber es bleibt eben nur eines: Mühe. Diese ganzen Gesten bleiben an der Oberfläche zurück.



Ich sage zu früh auf Wiedersehen. Umarme sie, und jedermann, und sage Entschuldigung, weil ich mich nach meiner Jacke greifend an einer jungen Mexikanerin vorbeidrücken muss. Die eine, die echte Erkenntnis verfolgt mich auf dem Nachhauseweg: Die Party war nicht schlecht, sie war an sich sogar ganz schön. Nur ich. Ich habe nicht dazu gepasst. Nirgendwo.

Montag, 30. März 2009

it's the buzz

sie ist in der stadt.
in dieser, in meiner stadt. sie. (sie!)

es reicht nicht, dass ich sein gesicht auf dem plakat in der friedrichstraße sehen musste. auf dem weg nach hause. groß wie es ist, retuschiert, die augen mit photoshop grüner gemacht als jemals zuvor, aber unweigerlich er. die lippen zum ernsten strich, die haare mit gel geglättet: dieses zweidimensionale leben einer erinnerung.

nein, es reicht nicht, ihn für bvlgari werben zu sehen, - jetzt ist sie in der stadt, sie. ein e.mail beweist es, ein bild zeigt es, und alles, alles ist so weit weg, in meinen augen zerfurcht, endlos.

sie fragt, ob ich nicht zeit hätte. für sie. zum reden, natürlich nur zum reden, was auch sonst?, aber wie furchtbar ist das reden?, eigentlich? wie furchtbar dieses ganze erinnern sollen, dieses vergessen wollen, vergraben müssen, & dann: a night of the living dead.

also schreibe ich chris, schreibe chris, er solle mich von ihr befreien, aber chris ist nicht da. der ist in südamerika. bei javier. der ist weg, bei javier, bei javier, das geht mir endlos im kopf herum, und je öfter ich es wiederhole, desto weniger erkenne ich den klang der worte, desto weniger kommt es in meinem kopf an, desto weniger wird die wirklichkeit. jetzt. ausgerechnet jetzt?

jetzt: ich trage schwer an der entscheidung für jerusalem. ich trage schwer daran, weil ich mich vor den zwei monaten fürchte, - die es mittlerweile sind, - weil ich mich davor fürchte, mein leben etwas in die hand zu geben, das mir nicht schicksal genug ist, weil zwei monate so viel zeit sind, und ich so vieles muss, das nicht warten kann.
jetzt: ich habe einen neuen job ab april, und muss sehen, ob ich gut darin bin, ob ich aufsteigen kann, ob das überhaupt alles von bedeutung ist. weil ich es will?, oder: wollen soll. (ich weiß es nicht).
jetzt: von verlustängsten gequälter, resozialisierter, strauchdieb unter den sträuchern, das alles will sich nicht fügen, weil es keine fugen mehr gibt. es kann jederzeit etwas passieren, was mir die existenz verändert. ein umzug, eine nachricht aus der ferne, freunde, die umziehen, - nichts, wirklich verdammtnochmal überhaupt nichts! bleibt stabil, sobald ich danach greife. alles ist mürbe, und ich bin der mürbigkeit müde.
jetzt: armut. jetzt: hunger. jetzt: das wispern der gleise.

das jetzt ist überhaupt kein guter zeitpunkt. ich bin raus aus der manie, bin raus aus der systematik meiner psyche und nehme die andere seite freiwillig hin. ich bin so müde, zu müde für mein alter, - denke ich, - den aufgaben, den zielen, dem drehen dieser schiefen flächen; ich wiederhole meine fehler, ... ich durchbreche den kreis nicht, in dessen quadrat ich lebe. (it's the buzz).

aber wie auch immer!, nicht sie. nicht so. nicht jetzt.



I got this heart burn, and it won't go away with shiny words. there is the bottom of the sea I am living at, and the shells are not for free.

Montag, 9. Februar 2009

Plastic Nights Solitude

Es Liebe zu nennen, damit fing sie eines Morgens an: Es Liebe zu nennen, jeden Tag, zu jeder Stunde, immer und überall, - wäre es denn so schrecklich falsch?

P L A S T I C
N I G H T S
S O L I T U D E
stand an der Häuserwand gegenüber. (Sie sah es durch die Fenster, denn die Vorhänge waren zur Seite gezogen worden).

Ja. Es war schlicht ein Fehler gewesen nur vom Hellen zu träumen, wenn es doch so viel Dunkles gab. Unausgesprochenes, Unbenennbares. Es war ein Fehler, ihm nicht die Wimpern von der Wange zu nehmen, das Salz auf seinen Lippen mit Wasser zu löschen;
ein grüner Pullover, der Hüfte zeigte, hochgerutscht nur für zwei Atemzüge;
eine Jugend, die unschuldig sein wollte,
hell und faltenlos;
ein Fehler!
sich einen Blick in seine Augen zu erlauben,
in diese Augen, Abgründe eigentlich;
und sein Herz erst: Es war Pandoras Büchse, - das hatte er ja selbst gesagt, damals, im Zug von Mailand nach Hamburg, als das Zugfenster nasskalte Luft ins Abteil gespien hatte, - und wurde es berührt,
und sei es nur mit einem Kuss, der flüchtig war,
so entkam ein Schatten, der seinem Gesicht die Schönheit nahm;
und nicht einmal die Hoffnung sollte so stark sein, es am Stillstand zu hindern.

Stumm legte sich der Duft nach Orangen auf seine Haut: Es schmeckte nach einem Ausflug ans Meer, - war es Morast, was da am Mund kleben blieb? Etwas muss es gewesen sein, --
Sie schreckte auf. Sah zum Fenster hinaus, durch die wehenden und immer wehenden Vorhänge eines vergangenen Tages. Wann war sie wieder eingeschlafen? Was hatte sie noch gleich geträumt? Ein Schatten im Nebenraum knisterte mit Briefpapier, das Radio spielte That's the way it goohos. Bald: Sich erheben. Durch die Kälte der Welt gehen, das Gesicht angefeuchtet vom Wasser und der Rachen rissig vom Durst. So kann es nicht weitergehen, dachte sie. So kann es nicht bleiben. Also schlug sie die Bettdecke zur Seite, glitt mit ihren Beinen hinaus in die Welt und öffnete die Fenster. (Ganz ungeachtet dessen, was im Nebenraum geschah).

Sie sagte sich: Schreibe mit einem roten Stift, sobald es dir um Sehnsucht und Liebe ist, und du wirst erkennen, wie stark dein Herzblut ist. Du wirst vor lauter Rot gar keine Abstände mehr zwischen den Worten erkennen können, ja, überhaupt gar keine Worte mehr. Alles wäre rot und ewig rot: das ist dein herz, & es schlägt, & es schlägt. selbst wenn die lippen sich versiegelten, weil keiner sie je geküsst hat; selbst wenn sich die haut von den fingerspitzen löste, weil du damit niemanden berührst; selbst wenn sich deine fähigkeit zur liebe in gleichgültigkeit verwandelte, ja selbst dann würde die welt im rot versinken.

DIE welt

die MENSCHEN

DU SELBST

Nichts bliebe außer das Rot deiner Worte.
Sie zog sich die Schuhe an, verschnürte weißes Garn miteinander, - unwissentlich, durch wie viele Hände dieses Bisschen Existenz schon gegangen war, - und ging zur Tür hinaus und überließ ihn seiner selbst. Er. War er namenlos wie so viele andere vor ihm? Der Stift rutschte ihm aus den Fingern, die müde waren vom vielen Schreiben, vom vielen Worte-auf-Waagschalen-Legen. Er hatte nie den grünen Pullover getragen, er war nie derjenige gewesen, - ganz generell. Er war weder Rosenkavalier noch Schürzenjäger: Die Welt, in der er lebte, kannte ja nicht einmal mehr die Begriffe, - wie hätte er also dazu gehören sollen?

Als die Türe sich geschlossen hatte und der Andere gegangen war, sah er auf das zerwühlte Bett, sah zu den geöffneten Fenstern und rieb sich das Kinn mit den Händen. Es Liebe zu nennen, jeden Tag, zu jeder Stunde, immer und überall, - wäre es denn so schrecklich falsch?
A. griff nach dem Hemd, das über der Stuhllehne hing, und knöpfte einen der mittleren Knöpfe zu. Draußen roch es nach einem Sommer in Athen. Wie die Zeit bloß verging, wie schnell die Momente einander abtauschten. Er erinnerte sich: Vor einhundert Jahren hatten die Menschen noch Hüte getragen, heute waren es nur noch Frisuren, die wie Hüte wirkten. Heute gingen die Menschen in Kleidung umher wie Schaufensterpuppen und morgen? Was würden sie in einhundert Jahren tun? (Er würde es niemals erfahren). Wie schnell alles verging, wie endgültig die Entscheidungen im Leben waren. Wie endgültig die Zeit!

Er drehte sich um, zum Fenster hin und sah hinunter zu A., der an der Kreuzung stand, - hätte er ihn je so lieben können, wie sie ihn geliebt hatte? Hätten sie einander glücklich gemacht, in diesem Zimmer aus Sturm und Vogelgeschrei?, hätten sie einander erfüllt, hätten sie einander ganz gemacht?

Sie strich sich die schwarzen Locken aus der Stirn als sie vom Fenster zurücktrat, und seufzte sie? Alt würde sie werden, vielleicht so alt wie jeder andere auf der Welt auch. Sie würde gebrechlich werden. Und das Herz? Ach, was war schon das Herz? Es pumpte ja doch nur das Blut.
Also könnte A. je so von Liebe sprechen wie sie es getan hatte? Gestern morgen, als ein Kuss seinen Lippen entflohen war, - eine Blume, die er sich ins Knopfloch steckte, hätte nicht altmodischer sein können als dieser jungfräuliche Kuss auf stoppelige Haut, als der Geruch von Orangen, von einem Ausflug ans Meer. Aber wie hatten seine Hände gezittert, als die Fingerspitzen, - perfekt gerundete, sanfte Fingerspitzen!, - sich unter dem Grün des Pullovers in einer Haut versenkt hatten, die überhaupt keinem anderen gehörte. A. wusste es, jetzt, wo sie längst fort war.

Er nahm das Buch zur Hand, das auf den Boden gefallen war, und stellte es zurück auf die Kommode. Tausend Jahre lang dauert ein Tag, - aber am Ende, was bleibt am Ende anderes als die Erkenntnis, das es vorüber ist? Hatte er denn je daran geglaubt, dass er zurücksehen könnte, und erkennen würde, dass eine Chance vielleicht doch zurückkam? Ein Kuss, den er erwidern konnte? Ein echtes Gefühl auf Haut, ein Gefühl in dem Körper, der ihr solche Qualen bereitet hatte? Ach wie sie einander vermissten, dachte er, als er schließlich auch den Raum verließ. Die Tür ging sanft ins Schloss. Die Treppe knarrte kaum.

Hier draußen war Berlin.






Er sollte sie nie mehr wiedersehen.

Mittwoch, 27. August 2008

Die Provinz

In meinen Träumen ertrinke ich,
floßlos, ruderlos,
treibe in die Tiefe.
Wellen brechen über
unter!
über!
Mund und Augen,
und gießen neues Wasser auf die Mühlen.



Im Stechschritt fliegt die Kleinstadtwelt: Ein Fachwerk reiht sich hausend an das nächste, hohe alte Häuser, sie verdecken kaum den Himmel, da die Kirchturmspitze, - das Glockengeläut scheucht die Spatzen von den Dächern, - und die Leute, alte Frauen mit großen Körben unter den Armen und Männer in beigen Hosen und beigen Hemden, biegen ein in die Gassen und verwinkeln in Bögen, stehen vor dem Bäcker und sagen: Das ist wirklich zu teuer, und meinen die 1,30 für ein belegtes Brötchen.

Dazwischen: das Kopfsteinpflastermurmeln eines Baches, ein Rinnsal eigentlich, eingefasst in bunten Steinen, mit Kindern drin, die von dort nach da mit hohlen Wasserhänden rennen, platschend und quietschend, ein Lachen auf den Lippen. Ach wäre man noch so jung, hört man von allen Seiten, und riecht dann den kommenden Regen.

Weiter. Weiter. Immer dem Wind hinterher, der durch die Straßen eilt, und fliegend sich in Zeitungspapier verbeißt, das dann hochschnellt, - himmelhoch, - und dann im Sturzflug wieder hinab, unter die Räder eines Wagens, der dort am Brunnen steht. Weiter. Weiter. Nicht aufhalten lassen, von dem Schwatzen der Alten, die vor den Schaufenstern stehen und sagen: So was hätt's damals nie gegeben, und die mit Damals das Dritte Reich meinen. Weiter und vorwärts, vorbei an den Ausstellungsstücken eines Photographen, - des einzigen, - die weder gut noch schlecht sind, sondern traurig; Bilder junger Frauen mit hochtoupierten Haaren, leicht blondiert und dennoch braun, mit Kringellöckchen, und Männer mit schwarzen Schnauzbärten, die Fliegen und Kravatten schief am Hals, und Kinder, zahnlückig lachend ohne Glanz in den Augen. Weiter, vorbei an der Bank, aus der schlanke Männer in Businessanzügen strömen, pünktlich um 12 Uhr, mit Gel in den zurückgekämmten Haaren, und die grinsend grüßen, sobald man vorübergeht, und die dann schließlich vergessen. Ein Schein des Vergessens über der Welt.

Weiter.

Scherben teilen den Weg dann entzwei; irgendwer hat die Scheiben aus dem Bushäuschen geschlagen: jetzt liegen sie glitzernd zwischen Zigarettenstummeln und Pinienkernschalen; auf der Hauswand dahinter steht in blau und schmierig etwas in einer fremden Sprache. Es könnte Russisch sein. Es könnte Deutsch sein. Aber eigentlich ist das auch ganz egal. Eine Beleidigung muss man nicht verstehen, solange sie so grell ist wie diese.

Es geht ein Mann vorbei. Jung, mit blonden Haaren. Er trägt ein helles weißes Shirt und Jeans; er sieht nicht schlecht aus, nur irgendwie auch fehl am Platz. Dann zischen die Stimmen von hinten: Der ist bestimmt schwul; so wie der läuft.
Es geht eine Frau vorbei. Nicht mehr ganz so jung, mit schwarzem, dichtem Haar, in das sich das erste Weiß des Alters mischt. Sie trägt ein rotes Kleid, das ihr knapp bis über die Knie reicht; ein bronzenes Kind auf dem Arm. Dann zischen die Stimmen von hinten: Und verlassen hat sie den, einfach so. Mit dem Kind. Was die sich bloß denkt.

Überall zischen die Stimmen, und grüßen doch im Vorübergehen. Sie zischen und zischen, und speien ihr Gift auf die Straßen. Die Provinz ist in jedem ihrer Worte. Dem kann man nicht entkommen. Es durchwirkt den ganzen Ort.

Sonntag, 8. Juli 2007

Eine Fuge: together we will live forever

Ich bin so müde.

So bleiern gegossen hinab
sinkend, zu Boden, los
schwebend, nach unten.

Ich schließe
Fenster und Augen,
und bei jedem Weckerklingeln doch wieder das Blei.

Nichts. Nur die Zweifel. Nichts als Zweifel. In allem, was ich denke, sage und mache; überall hingestreut und wie im Gehen verloren, - unachtsam, lieblos: das ist dein Leben? Warum fühle ich mich so, als wäre alles gescheitert? Als wäre alles nur ein Gähnen im Aufzug und ein Kondolenznicken, ein Schulterklopfen, Anstupsen, Weiterschieben, - das sind keine Berührungen. Das geht weiter, durch und durch, und bleibt niemals stehn. Nur links ein Schmerz, der mich im Kreis drehen lässt. Nichts, nur chronisch, begleitend. Eine Schwalbe am Himmel. [Freiheit].

Ich kann mich nicht zusammensetzen. Die Steckbausteine bleiben nach Farben sortiert, aber einzeln. Das ist kein Ganzes. Nur ein flüchtiges Streben, ein Griff nach dem roten Stoppknopf, ein Abrutschen an der Eisenstange im Bus, und dann die fliehenden Blicke der Passanten. [Ich bin so müde]. Du bist nicht gut genug, sagt mir der Wind, du bist nichts genug, weder schön, noch intelligent, und trotzdem von allem zu viel, - nur von dir selbst bist du zu wenig. Ich sitze stehend liegend neben mir und verpasse, vergesse, verliere den Blick. Für alles. Irgendwie. Nur ein Haschen nach Wind, sagt das Buch, und es bleibt nur das Gähnen, und Zweifeln, und Suchen. Leise, und wie aus der Ferne: Das bist du, und dir gehört auch der nächste Moment. Müdigkeit. Sterblichkeit. Sich gegenseitig verfolgend, verschlingen sie Sterne und Mond. Küss mich. Leben. Muse. [Liebe!]

Küss mich, irgendwer.
Und gib mir ein Ziel.

Nur eine Richtung, in die ich laufen muss. Es reicht auch ein Wink mit der Hand, ein Finger, im Sonnenschein badend, tief, eingesunken, in den Wind. Ohne Fugen, los geht's, hinaus in die Welt. Aber wo? Wo, wo, wo? Mein Gott, nirgends ein Ziel.

Und dann, nur leise, buddhistisch geflüstert, von draußen, irgendwo über das offene Fenster: drop the thought, mate, und dann überkommt mich der Schlaf. Morgen. Morgen wieder. [Ich brauch einen Weg].

Samstag, 13. Januar 2007

breathe me

Wann hört es auf, dass man sich einsam fühlt? [Das Tosen der ganzen Welt erstickt im eigenen Luftholen]. Wann hört es auf, - dieses plötzliche Ziehen im Herzen, wie ein amputiertes Bein, mit dem man wieder gehen will; wie eine Blutung, die man nicht mehr stoppen kann, kein Blutgerinnsel, kein Selbstschutz, - nur offene Wunden, wann hört das auf?

Man reicht mir die Bilder eines neugeborenen Kindes. [Es ist nur virtuell]. Die Mutter? Sie ist mit mir zur Schule gegangen [vor eineinhalb Jahren], sie war in meiner Stufe, und jetzt? Jetzt hält sie da auf dem Bild ihre Tochter in den Armen. Ein kleines rotes Monster. Und sie ist Mutter. [Die Bilder lösen eine Art Schock aus, denke ich]. Immer wieder wiederhole ich dasselbe Wort: Mutter, es klingt aus meinem Mund wie eine Offenbarung, wie ein Hilferuf, wie irgendetwas, das man in schlechten Filmen zur Genüge gesehen hat. Man will nicht verzweifelt sein, man will weiter stark sein, man will wollen können. Dann passiert sowas.

[Ich mag keine Kinder. Ich will niemals Vater werden, - vielleicht aus Angst, dieselben Fehler wie mein Vater zu begehen; ich weiß es nicht].

Man tut sich immer weh. Unbewusst kommt die nächste Kante, das nächste Stückchen Wand, eine Ecke, und zack, Schmerz, ein bisschen Schmerz am Ellbogen, oder am Knie und man geht weiter. [Nur die Narren bleiben stehen]. Warum, warum dreht sich alles nur immer im Kreis? Die Photografien der verlorenen Freunde, Aufnahmen der verlorenen Verwandten, - andauernd und ewig: die Andeutungen eines verlorenen Lebens. Bitter, salzig, - eine ganze Flut der Lichtlosigkeit.

Dann drücke ich das Lied wieder zurück, und höre es mir zum zehnten Mal an. [Breathe me]. Manchmal erscheint es mir nicht schlimm, da knistert die Luft und alles, alles! bebt und schlägt neue, bunte Funken. Aber wenn die Stille kommt, und die Musik wirklich einmal schweigt, dann bricht das Kartenhaus zusammen. Es ist ermüdend.

[Ich träume von Virigina Woolf].


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
Der Junge & das Herz
Die Lieder der Väter
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Mensch vs. E = mc²
missed
Monsieur Mort
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren