la tristesse

Sonntag, 8. Juli 2007

Eine Fuge: together we will live forever

Ich bin so müde.

So bleiern gegossen hinab
sinkend, zu Boden, los
schwebend, nach unten.

Ich schließe
Fenster und Augen,
und bei jedem Weckerklingeln doch wieder das Blei.

Nichts. Nur die Zweifel. Nichts als Zweifel. In allem, was ich denke, sage und mache; überall hingestreut und wie im Gehen verloren, - unachtsam, lieblos: das ist dein Leben? Warum fühle ich mich so, als wäre alles gescheitert? Als wäre alles nur ein Gähnen im Aufzug und ein Kondolenznicken, ein Schulterklopfen, Anstupsen, Weiterschieben, - das sind keine Berührungen. Das geht weiter, durch und durch, und bleibt niemals stehn. Nur links ein Schmerz, der mich im Kreis drehen lässt. Nichts, nur chronisch, begleitend. Eine Schwalbe am Himmel. [Freiheit].

Ich kann mich nicht zusammensetzen. Die Steckbausteine bleiben nach Farben sortiert, aber einzeln. Das ist kein Ganzes. Nur ein flüchtiges Streben, ein Griff nach dem roten Stoppknopf, ein Abrutschen an der Eisenstange im Bus, und dann die fliehenden Blicke der Passanten. [Ich bin so müde]. Du bist nicht gut genug, sagt mir der Wind, du bist nichts genug, weder schön, noch intelligent, und trotzdem von allem zu viel, - nur von dir selbst bist du zu wenig. Ich sitze stehend liegend neben mir und verpasse, vergesse, verliere den Blick. Für alles. Irgendwie. Nur ein Haschen nach Wind, sagt das Buch, und es bleibt nur das Gähnen, und Zweifeln, und Suchen. Leise, und wie aus der Ferne: Das bist du, und dir gehört auch der nächste Moment. Müdigkeit. Sterblichkeit. Sich gegenseitig verfolgend, verschlingen sie Sterne und Mond. Küss mich. Leben. Muse. [Liebe!]

Küss mich, irgendwer.
Und gib mir ein Ziel.

Nur eine Richtung, in die ich laufen muss. Es reicht auch ein Wink mit der Hand, ein Finger, im Sonnenschein badend, tief, eingesunken, in den Wind. Ohne Fugen, los geht's, hinaus in die Welt. Aber wo? Wo, wo, wo? Mein Gott, nirgends ein Ziel.

Und dann, nur leise, buddhistisch geflüstert, von draußen, irgendwo über das offene Fenster: drop the thought, mate, und dann überkommt mich der Schlaf. Morgen. Morgen wieder. [Ich brauch einen Weg].

Samstag, 13. Januar 2007

breathe me

Wann hört es auf, dass man sich einsam fühlt? [Das Tosen der ganzen Welt erstickt im eigenen Luftholen]. Wann hört es auf, - dieses plötzliche Ziehen im Herzen, wie ein amputiertes Bein, mit dem man wieder gehen will; wie eine Blutung, die man nicht mehr stoppen kann, kein Blutgerinnsel, kein Selbstschutz, - nur offene Wunden, wann hört das auf?

Man reicht mir die Bilder eines neugeborenen Kindes. [Es ist nur virtuell]. Die Mutter? Sie ist mit mir zur Schule gegangen [vor eineinhalb Jahren], sie war in meiner Stufe, und jetzt? Jetzt hält sie da auf dem Bild ihre Tochter in den Armen. Ein kleines rotes Monster. Und sie ist Mutter. [Die Bilder lösen eine Art Schock aus, denke ich]. Immer wieder wiederhole ich dasselbe Wort: Mutter, es klingt aus meinem Mund wie eine Offenbarung, wie ein Hilferuf, wie irgendetwas, das man in schlechten Filmen zur Genüge gesehen hat. Man will nicht verzweifelt sein, man will weiter stark sein, man will wollen können. Dann passiert sowas.

[Ich mag keine Kinder. Ich will niemals Vater werden, - vielleicht aus Angst, dieselben Fehler wie mein Vater zu begehen; ich weiß es nicht].

Man tut sich immer weh. Unbewusst kommt die nächste Kante, das nächste Stückchen Wand, eine Ecke, und zack, Schmerz, ein bisschen Schmerz am Ellbogen, oder am Knie und man geht weiter. [Nur die Narren bleiben stehen]. Warum, warum dreht sich alles nur immer im Kreis? Die Photografien der verlorenen Freunde, Aufnahmen der verlorenen Verwandten, - andauernd und ewig: die Andeutungen eines verlorenen Lebens. Bitter, salzig, - eine ganze Flut der Lichtlosigkeit.

Dann drücke ich das Lied wieder zurück, und höre es mir zum zehnten Mal an. [Breathe me]. Manchmal erscheint es mir nicht schlimm, da knistert die Luft und alles, alles! bebt und schlägt neue, bunte Funken. Aber wenn die Stille kommt, und die Musik wirklich einmal schweigt, dann bricht das Kartenhaus zusammen. Es ist ermüdend.

[Ich träume von Virigina Woolf].

Donnerstag, 7. Dezember 2006

an dich

Die Kerze flackert unruhig, oder zumindest möchte ich es mir einreden; die Bewegung, die tanzende Flamme in dem kleinen roten Glas, und rund herum das Zimmer, nur das leere Zimmer, Schatten, und ein Hauch, draußen vor den Fenstern, der das Laub aufwirbelt, fortbläst, in die Höhe schleudert und niederdrückt. Nirgends wirkliche Bewegung, nur das Blinzeln müder Augen, ein Wischen mit der Hand und Haut, immer Haut, die sich berührt, die sanft ist und weich, und kalt wird, wenn man sie in die Kälte streckt, hinaus, zum Fenster raus, den Sternen entgegen, die da sind; dort hinter den Wolken, dort, verdeckt vom Blau, und Schwarz und Grau, aber was sind schon die Sterne? Was sind die Sterne neben der Schwärze, die sie umgibt? Und die Sonne und der Mond, was die Welt?

Manchmal bist du wieder da. Ganz unvermittelt, wie Rauch, den der Wind nicht fassen kann, da bist du, mit deinen Haaren, und dem Lächeln, und dann tut es weh. Zwischen Rippen und Lungen, Schmerzen, ein Stechen und Ziehen, als grabe man nach meinem Herzen, und du bist da, stehst irgendwo, vielleicht zwischen der Tür und rauchst deine Zigarette, vielleicht links neben mir und schaust mir über die Schulter, vielleicht draußen auf der Straße, du bist da. Und dann folgt der Stein, dieser stachlige schwarze Dornenkranz, nimmermehr, Gewissheit, mörderische Gewissheit, die es im Leben sonst nicht gibt, die es normalerweise nie gibt, außer jetzt, hier, in diesem Augenblick, wenn du vor mir stehst. Mich anlächelst. Winkst. Und wieder verschwindest.
Und ich, ich würde so vieles gerne sagen, so vieles schreiben und tun, aber ich starre nur, starre dir entgegen und seh dich gehen, immer seh ich dich gehen, und was muss man tun, wenn es zu sehr schmerzt? Was muss man sagen, was muss man denken, damit es besser wird? Die großen Augenblicke, - sie ziehen in Wirklichkeit an uns vorbei; nicht weil sie so groß sind, und schwer und urgewaltig in ihrem Auftreten, sondern gerade weil sie einfach passieren, weil es diese eine Sekunde gibt, in der nichts geschieht, und eine weitere Sekunde, in der das Leben bricht und taumelt, lacht und liebt, und man spürt es, spürt es vielleicht, dieses Blitzen und Huschen, aber das Gefühl kommt erst viel später. Es ist gerade so, als hinke das Herz dem Leben hinter her. Vielleicht sind die Gefühle die eigentlichen Trägheitsmomente in uns, die Schwerkraft, die uns bindet und fesselt und uns nicht lässt, und wir denken, wir wüssten wie es ist.

Ich saß im Bus, draußen Regen und der Friedhof, und ich, nein, ich weinte nicht, sondern ich saß nur da und starrte raus, und ich wusste, ich würde gehen, müsste gehen, und dann würde alles wieder werden. Irgendwann, irgendwie. Ich würde zum Bahnhof fahren, ich würde den nächsten Zug nehmen, ich würde nach Hause kommen und lachen und reden und glücklich werden, und trotzdem: irgendwie sitze ich noch immer in diesem Bus, in diesem Augenblick. In meinem Leben existieren tausende solche Augenblicke, die sich nicht mit der Zeit auswaschen, die bestehen bleiben, und schmerzen, und ich versuche wirklich, wirklich sie zu lieben, sie als das zu sehen, was sie sind, und doch will es nicht funktionieren.
Ich seh dich, und ich weiß nicht, weiß nicht weiter, weiß wirklich nicht weiter, wie es gehen soll und wohin, und dann geht die Sonne auf und der Tag reißt mich mit, mit Ebbe und Flut, und irgendwer lacht und irgendwer spricht und ja: die Gefühle, die großen Gefühle sind in jedem Atemzug, aber dann geht die Sonne wieder unter und ich bin allein.

Und ja, ich würde gerne wieder zurück, zurück in die Zeit, in der es die Sorgen nicht gab, oder den Schmerz, die Leere, die Einsamkeit; ich würde gerne wieder dahin, wo ich war, und ich wäre gerne und ich würde gerne, aber es ist alles nur ein Wunsch. Die meisten Wünsche bleiben unerfüllt. Nicht, weil man sie nicht verwirklichen könnte oder weil sie unmöglich sind, sondern weil es die Zeit ist, die sie uns in Wirklichkeit raubt. Wir sind immer anders und nie dieselben, und ich wäre auch im Damals nicht glücklicher als jetzt. Ich weiß, was du sagen würdest, wenn du mich so sehen könntest, und trotzdem: ich weiß nicht weiter. Alles erscheint mir gedreht und gewendet und der Sinn bleibt letztlich auf der Strecke, und dann klingelt wieder der Wecker, und die Züge fahren alle halbe Stunde und ich fülle meine Listen und ich spreche meine Worte und ich schreibe meine Text, aber du?

Du bist nicht mehr da.
Nirgends.

Niemand kann mir sagen, weshalb. Niemand kann mir zeigen wohin. Die Kerze flackert in ihrem roten Glas, und der Wind bläst seine Blätter gegen meine Fenster, und niemand rettet mich. Rettet mich vor mir selbst, und dem, was noch immer schläft und wartet. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat; ich weiß nicht mehr, was aus all dem geworden ist, aus den Versprechen und Träumen und den Tagen, an denen es besser war. Ich erinnere mich nicht.



Rauch und Blätter und fahrende Busse,
das ist alles, was geblieben ist.

Mittwoch, 6. Dezember 2006

das Gefühl

Manchmal frage ich mich, wo ich gewesen bin. Während dem Fernsehen oder wenn ich in den Zug steige, - kurz, eindringlich, wie ein Kratzer, den man plötzlich entdeckt, wie eine Schramme auf der Haut, die man zwar sieht, aber nicht fühlt. Dann sage ich mir, dass natürlich alles wie immer ist.

[Das ganze Leben schnörkellos und trotzdem schrecklich überladen.]

Ich wache am Morgen auf, mit klebrigen, rotgeränderten Augen, tapse mit viel zu kleinen Schritten ins Bad und es kommt das Wasser und es kommt das Shampoo, und die ganze Bewusstlosigkeit treibt die Zahnbürste in den Mund, und danach den heißen Kaffee und irgendwann fällt die Tür ins Schloss. Dann sitze ich im Zug, - ständig sitze ich im Zug, - und die Welt rauscht, brandet, es sind lauter Bäume dort draußen, die vom Asphalt verschlungen werden, und ein, zwei Gesichter, die ich kennen, in die ich mich verlieben könnte, aber man zerrt und man stößt; die Mutter rammt mir den Kinderwagen in die Fersen und der alte Mann hustet viel zu laut, und alles ist voller Menschen. Menschen, die miteinander reden; Menschen, die lachen und sich in die Arme fallen, küssende Menschen, blinzelnde, atmende, lebende Menschen, und ich möchte in dieser Sekunde daran glauben, dass sie ein bisschen mehr sind, oder ein bisschen weniger. Ich möchte daran glauben, dass sie glücklich werden können, dass sie mich vielleicht nicht sofort vergessen, wenn sie mich sehen, dass sie mich in ihr Herz schließen können. [Doch was ist das schon? Egoismus? .] Der Glaube nimmt ab mit der Zeit. Mit der Menge der Menschen schrumpft man - und dann ist man schließlich ganz klein.

Ich habe manchmal das Gefühl, es gäbe zu viele Menschen, die etwas zu sagen hätten. Die rothaarige Frau von nebenan, die es mit einem Unbekannten treibt; der Teenager, der seinen Vater verloren hat; der schwule Kerl, der sich unglücklich verliebt und die arme Kellnerin, die ihren Traum nicht verwirklichen kann, weil die Realität irgendwann alle Träume aufrauht, - so lange, bis sie zu Staub und Asche zerfallen, im Wind zerstäuben, bis sie vergessen sind. Manchmal denke ich, die Welt sei zu schön, um so deprimiert zu sein. Ich sage mir dann, es wäre die Endphase der Pubertät; es sei normal, dass man mit einundzwanzig Jahren noch so denkt; dass man in der Zwischenwelt des Lebens feststeckt. Zwischen der überschäumenden Jugend und dem manischen Erwachsensein. Aber auch dieser Gedanke vergeht irgendwann, und ich sehe mich im Spiegel, ich sehe mich in den vorüberrauschenden Fenstern, in den Reflektionen, überall, vielleicht sogar in einem Gesicht, in einem fremden Auge, in der Erinnerung von irgendwem.

Und ich frage mich, wo ich gewesen bin.


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