Der fokale Anfall
Er sagt, sein Flug gehe am Dienstag, dem ersten Dezember, und ich frage: Um wie viel Uhr? Der Fuß tritt ins Leere, es gibt keine nächste Treppenstufe. Um acht, sagt er, aber es wisse es jetzt nicht so genau. Ach… also nicht so früh, was? Niemals bleibt ein Wort, nichts ist erwähnenswert. Das Handy legt sich wie von selbst aufs Regal zurück. Ich drehe das Licht leiser, es ist mir zu laut. Nirgends ist ein Gefühl, es ist nichts da. Keine Erschütterung, keine Traurigkeit, - ein Stein, den man in den schwarzen Schlund eines Brunnens wirft, empfindet mehr als ich. Nur die Augen blinzeln müde, die Lider wollen das Gelee zerreißen, in dem mein Ich schwimmt, - ein Ich in Aspik, verfremdet, verwandelt, namenlos, - aber sie reinigen nur die Linse vom Staub.
Ich wasche mir die Hände, es besteht keine Veranlassung dazu, und das Wasser ist zu warm für meine Haut.
Mein Blick geht ins Ziellose. Unbeständig. Kein Spiegel erträgt mein Gesicht.
Ich denke es in die Stille der Wohnung hinein: Nichts geschieht ohne Ankündigung, das ist Teil der Normalität, nicht? Reell wird es nicht dadurch, aber es ist zu erwarten. Die Menschen reden ständig übers Wetter, sie haben nie begriffen, was das heißt, - sie wissen dafür ganz genau, wann sie die Stadt verlassen. Das Land. Dieses. Ein Dornengestrüpp für mein Herz lacht der bittere Mund. Ertrag es wie ein Mann, heiser dringt es aus der Erinnerung. Ein Mann? Hat man mir die Haut nicht aus Eisen geschmiedet, ist dieser Körper nicht aus Stein gemacht? Ach, dieses Blechkannengeklapper wärmt nicht, und solange kein Holz in mir entzündet wird, erhellt sich auch nicht das Meer, an dessen Saum ich stehe, gewappnet mit der Laterne, - ein Leuchtturm bin ich, und der Sturm zerwühlt mir die Tage. Ertrag es wie ein Mann? Ich wische mir Gras aus den Haaren während ich auf das Klingeln des Telephons warte. Wo war ich bloß? Was ist passiert? Trage ich noch den selben Pullover, ist das noch der selbe Leib? Alle Erinnerungen sind aufgescheucht wie Tauben. Wer hat sie vertrieben? Die guten Tage, die ruhigen, die im Zuckerguss begrabenen? Ein weiterer Tag weicht dem noch neueren, eine Autotür schlägt zu und die Hand winkt demjenigen, der gerade noch die Kisten die Treppen hinunter trug, den Schrank, das alte Leben; eine Glastür schiebt sich zwischen zwei Blicke, zwischen drei vielleicht oder hinein in die Tausendsten, und der Mund ruft die letzten Worte, die der Verstand wie eine Rettungsleine erfasst: Komm zurück, komm zurück!, lasst mich nicht allein, aber wie schalldicht ist doch das Glas, wie laut das Dröhnen der Flugzeuge, deren Schatten auf den Straßen lasten, fliehend, fliegend, es bleibt immer irgendwer am Boden zurück.
Ich schiebe die Bücher zurecht, ich atme Heizungsluft ein, die mir die Lippen zerreißt, ich drehe die Musik dunkler, sie ist mir zu hell. Irgendwann bin ich schon an diesem Punkt gewesen, nicht? Ich habe davon geträumt. Abgeschält und nackt hüpfen die Fingerspitzen über leere Seiten. Jedes Wort, jedes Wort, selbst in der fremdesten Sprache mag es noch das gleiche bedeuten. Es verstehen… In es hineinschlüpfen… Des Kaisers neue Kleider… Die bitterste Pille ist die der Rationalität. Von draußen dringt kein Geräusch ins Zimmerinnere, aber sie sind da, diese Alltäglichkeiten, das Rauschen der Räder im Nass der Straße, die Rufe der Mütter nach ihren Kindern, Scheppern und Rumpeln, das Ewiglaute dieser Welt, dieses Landes, dieser Stadt durchdringt jeden Quadratmeter mit der gleichen Intensität. Nur ich, unter die Glasglocke gestellt und die Hände ans Vibrieren gelegt, ich, dessen Augen alles mustern, dessen Mund die Sätze nahtlos spricht, dessen Herz nicht stoppt, ich bin es nicht. Aber kein Grund zur Sorge. Ich bin nicht traurig. Mir läuft die Nase, und meine Haare sind fettig, dafür höre ich jemanden sagen, wie gut ich rieche, wie gut, gut, gut, und niemals ein Anflug von Erstaunen. Mir geht's gut, danke. Ich zerschlage das Ei an der Pfanne und schneide das Brot genau in der Mitte in zwei ungleiche Hälften.
Was bleibt vom Vielen zurück? Was ist das, jetzt?
Er, das ist dieser beste Freund. Er geht fort, verlässt Stadt und Land, und ein anderer Fluss als die Spree fließt dort, das Meer wäscht die Küsten. Hier ist es der Wind, der zwischen all den Häusern heult, ein Wolfsrudel, dem man den Namen Winter gibt, und eine andere Welt, Kultur, - ein Heimkehren für ihn, ein Zurückkommen, in etwas Bestehendes und längst Verlassenes. Auch Spanien schmeckt süß, und bitter, es zergeht mir auf der Zunge wie Italien es tat; es bindet sich an eine Vorstellung des Raubes, des Verlorenen, dabei weiß ich genau, dass es nichts damit zu tun hat, dass es in Wahrheit völlig anders ist und immer war. Ein Land ist nur ein Land ist nur ein Land, - allein die Freiheit ist die Erde, ist das Haus und das Bett, in dem wir schlafen. Auch Mainz ist nichts als eine Stadt. Vor dir sind schon andere gegangen. Ich hätte immer sagen wollen: Geht, alle, verschwindet von hier, - und der Trotz hätte mir die Lippen zerbissen. Ja, selig sind die Wütenden. Aber ich bin nicht wütend, wirklich, glaub mir bitte. Die Wut ist nur ein Kind, das mit den Füßen stampft, sie ändert nichts. Sei glücklich, bitte, sei glücklich. Einer muss es sein. Bereue nichts. Ertrag es wie ein Mann.
Am Telephon sprechen wir nicht mehr von Rückkehr, wir halten es beide für unwahrscheinlich: Niemand kehrt in den gleichen Schuhen zurück ins Gestrige. Das Gestrige ist verloren, ist im obersten Regal in der gläsernen Vitrine, wir bewundern es andächtig. Fort, fort, verloren, der Moment ist vorbei. Jetzt heißen die Straßen anders, sie werden anders benannt, denn wieder verlässt jemand die Party früher als gedacht, bist du nicht gerade erst gekommen?, und ich schmecke eine Erdbeere im Sekt, und die salzigen Schnecken, und die Kürbissuppe, und das Fleisch, und den Rotwein, ich schmecke so viel, die Luft ist voller Gerüche; immer werde ich diese Zimmer sehen, im Sommer, im Winter, im ersten Licht des Tages und auch im letzten Schimmer; immer und immer; immer und immer und immer, mit der Hand das erste Buch berühren, den Stift ansetzen und den ersten Titel notieren, den ersten Blick, ein Schrank, der sich aus der Ecke eines Raumes in eine andere schiebt, und das Lachen, das alle Sprachen überwindet… Stell es zurück, bitte, nimm es fort, lass es zurück. Es gehört nicht länger mir. Aber da sind Geräusche, sie kommen aus dem anderen Zimmer, ich höre Musik, und ich rieche den Rauch, und immer das Brennen der Lampen, nimm es fort, nimm es ab, lass es gehen. Natürlich halten wir den Kontakt, natürlich, wir verlieren uns nicht.
In der Wohnung ist es still geworden und immer stiller. Wie ein Schatten gehe ich mit dem Licht mit, das durch die Fenster fällt, morgens, mit den nackten Füßen in der Küche, und abends, wenn die Laternen vor dem Haus die Vorhänge in milchiges Weiß tauchen; mit meinem Rücken schabe ich über die Wände und ich hinterlasse keine Spuren, alles wird gespült und gewischt und der Staubsauger erledigt den Rest.
Meine Mutter sagt am Telephon, sie bilde sich in letzter Zeit häufig ein, der Fernseher sei ein Fenster, und sie erschrecke über die Leute, die sie auf der Couch liegen sehen. Jeder Schlag hinterlässt Narben, warum sollte das im Gehirn anders sein? Sie sagt, sie wolle nicht mehr alleine sein, und dann ruft sie bis zu drei Mal hintereinander an. Manchmal wiederholt sie sich, manchmal merkt sie es selbst. Das, was als Schreckgespenst durch die Jugend ging, hat jetzt den Namen Alter und alles, was Krankheit sein will, Toddsche Parese und fokaler Anfall, ist nichts als die Symptomatik einer Versehrten. Die Frau, die mit mir spricht, ist eine andere. (But the woman I've known as my mother is gone somehow. There's another woman now, das schreibe ich A., und A. reagiert nicht darauf). Lucia ist die Beschützerin des Augenlichts, ich befürchte, sie hat mich verlassen. Alles in dieser Welt wird plötzlich unscharf. (An einem Morgen wie diesem, als der Regen die Scheiben hinab rann als ginge es um einen Wettkampf, als die Nachbarn den Kaffee aufsetzten und die Kinder vereinzelt durch den Hinterhof rannten, mit den viel zu großen Rucksäcken auf den viel zu kleinen Rücken). Was soll's? Wir suchen uns das Wechselgeld nicht aus, wir nehmen, was wir bekommen. So nehme ich die Zeitung aus dem Briefkastenschlitz in der Türe, die Hände tun es, die Hände tun ständig irgendetwas; ich sehe ihnen zu, wie sie schreiben, wie sie mir das Haar aus dem Gras streichen, sie zupfen die Kleidung zurecht und schieben die Haut auf die Muskeln, wer hat sie berührt?, wann ist das gewesen?, und die Hände sind so weit weg von den Augen. Ich kriege keine Luft.
Farbenblind denke ich daran, dass ich glücklich war, in Gold gebadet. An jedes Gespräch, an jedes Lachen denke ich. Innerhalb eines Jahres ist so viel geschehen, so vieles hat sich geändert, und jetzt, während der Regen das Heulen der Wölfe unterbricht, ändert sich noch so vieles mehr. (Einsam, ein Nervengift in sechs Buchstaben, allein). Mir geht's gut, danke, ja, wirklich, ausgezeichnet, bitte frag nicht weiter, frag mich nach nichts mehr, bitte, ich ertrage deine Fragen nicht. Das Leben ist wie es ist, und es geht auch überhaupt nicht um mich, that's the deal. Die Gründe der Traurigkeit sind ungezählt, sie sind nicht weiter von Belang. Warum warst du überhaupt hier?
Ich schließe,
und schließe,
der Schlüssel zerleiert das Schloss.
Was geschehen wird, weiß ich nicht.
Darüber hinaus habe ich nichts mehr zu sagen.
Ich bin der, der sich umdreht.
Ich bin es, der zu Salz erstarrt.

