Eisblumen
»Was willst du denn noch«, fragt die Mademoiselle Manie; sie ist wirklich entsetzt. »Du warst drei volle Tage so was wie glücklich. Wer kann das von sich behaupten, bitte?«
So was wie glücklich echoe ich.
»Ist doch egal, keiner kommt dem Glück näher.«
Ich reiße mich los, - aus der Unterhaltung komm ich nicht, weil wir im Fahrstuhl stehn, warten bis aus eins zwei wird, aus zwei drei, und die Türen sich öffnen, aber trotzig kann ich sein, widerspenstig, wie meine beschissenen Haare, widerspenstig und das genaue Gegenteil von dem, was ich jetzt knapp eine Stunde lang war: still. Wir verabschieden uns nicht voneinander, die Mademoiselle Manie und ich, weil mir ihre vielsagenden Blicke gegen den Strich gehn, ihre gute Laune, doch statt allein zu sein, begegne ich L. am Kopierer, Namenlosgewesenes, jetzt L.-Gewordenes, - also ziehe ich den Kopf ein, schleiche an L.s Rücken vorbei wie der Strauchdieb, der ich bin, und grabe mich in Papier ein, in meine eigenen Hände.
Die Schwere des Augenblicks zieht mich aus
zieht mich zu Boden, mich,
niemals Verlassener, niemals, Gebliebener,
Denken mal Schande,
multipliziere nicht, fühle,
diese verlorene, viel besehne,
schlecht durchdachte Zeit,
sei's gewesen, sei's dahin,
nie Besessene, nie dich zur Lust Bettende,
im Schweiße deines Angesichts,
da liegst du,
gehst stehst fällst du,
und rückwärts bleiben keine Augen mehr für dich, Eisblumen-
pflücker
mir das Herz,
und rückwärts gibt es keine Brücken und Wege mehr für dich,
Verliebter, Träumer,
Rückwärtiger, wonach sehnst du dich?
nach wessen Haut?
nach wessen Mund?
Vergessener,
was für ein zerbrochenes Ding verklebst du da mit Worten als wäre nie etwas anders gewesen, als könntest du damit etwas besser machen, Lügner, Geheimnisverschlinger, - was hat es je in Dessau gegeben?, was lag in Odessa je für dich bereit?, und ja, manchmal bin ich diesen Spielen müde. Dem Versteck-Mich, dem Hier-bin-ich; der Maskerade aus Hast du nicht gehört? und Wirklich, macht nichts, Gern geschehen; dem Eisbergblick, --
denn ja, dem halte ich nicht stand, niemals halte ich so einem Blick stand, egal wie selbstbewusst ich mich gebe, egal wie wenig Ich an die Oberfläche steigt: Zu laut halle ich meine dröhnenden Worte in den roten Raum, in den orangebeleuchteten, irgendeinen x-beliebigen Raum; zu flüchtig werfe ich meine Blicke an mein Nebendran, in mein Rechtsvonmir, und reiße dafür das Gespräch an mich wie irgendeine x-beliebige Hure, - ich zerre daran, zerbreiße, kaue daran, und spucke schließlich mein Lachen wie Knorpel in die Luft, sodass mich alle am Tisch erschrocken ansehn. Wie aufdringlich, denke ich, obwohl sie alle lachen, obwohl sie lachen und lachen, - ich hasse mich dafür.
Ich will mir mit der Serviette den Mund abtupfen, ein letztes Mal am beschlagenen Wasserglas nippen und, mich höflich dabei entschuldigend, als Erster den Raum verlassen. Aber ich bleibe. Natürlich.
Das, was flüchtig Glück war, für drei volle Tage, wie sie sagte, das gab nach beim Abschied, als alle gingen, - Bellona und Don Toupo, die an der Treppe stehn blieben, Mademoiselle Manie, die nach rechts abbog und L., verschwindend im ewigen Korridor, den sich Franz Kafka eines Nachts ausgedacht haben muss, und ich, der ich durch den Glastürenschlund ebenfalls hätte verschwinden mögen, ging in mein Königreich zurück. Ins Papiergewühl, ins Telephonklingeln, ins sonnendurchflutete Nichts eines Julinachmittages, der alles verschenkte, was er noch drei Tage zuvor versprochen hatte. Draußen ging ein bisschen Wind, ein Auto hupte irgendwo auf der Lindenstraße. Und dann? Dann kam die Stille, und schnürte das Besondere im Eisblumenblick ein bis es wieder kühler wurde im Raum. Im Inneren. Im Überall.
Als ich meine Notizen zusammenraffe, um sie den zwei übriggebliebenen Grazien vorzulegen, kommt mir L. ein drittes Mal entgegen. Ich will irgendetwas furchtbar Dummes fragen, um den Kontakt nicht endgültig zu verlieren, - nicht nur die vier übrigen Tage lang, sondern für so was wie immer, - um es wieder gutzumachen, dieses aufdringliche Ego-Gehabe von vorhin, um richtig zu reden, Gemeinsamkeiten zu finden, oder eben Gegenteiliges. Dieses leicht Dahingesagte aber, dieses immer aufs Neue gleich Durchdachte, - es will mir nicht über die Lippen. Man sagt einander Tschüs, ich sage sogar Ciao als wäre es ganz leicht, aber das verfluchte Herz ist schon so schwer, dass es mich überrascht, dass ich nicht beim Lockersein völlig auf die Fresse fliege. Vorbei, der Puls beruhigt sich auf zwei Nachkommastellen, vorbei, alles bleibt stehn, vorbei, du hast da wirklich was verdreht, falsch gefühlt, nur missverstanden.
Alles, (gar alles), was meine Liebe anfasst, gefriert sie zu Eis.

