missed

Donnerstag, 16. April 2009

Von Wahrheit und Sehnsucht

Der Rauch dieser Kneipe lässt mich denken, ich könne von vorn beginnen; also dichte ich in Asche einige kitschige Verse, die mich sicher lachen ließen, wüsste der Verstand nur von den Fingern:

Frau meines Lebens
- (Kichern) -
gebe, was das Bier mir verspricht,
nenne es Wein:
Was Dir Lachen ist, verdrehe ich sehnend zu Seufzern,
Frau meines Lebens, - Leben, das Deines ist,
was weißt Du vom Tanz, was weißt Du vom Fallen?,
Du reihst mir in Zahnreihen endlos viele Worte,
löst Zahlen voneinander, die unsere Städte auseinander reihen,
reihst mir Häuser neben Traumruinen.
Ich nenne Dich heilig
während Du mich nur mit einem Namen rufst.
Frau meines Lebens, eines Lebens, Deines Lebens,
was weißt Du vom Lieben?

Dann wird die Zigarette vom Glas zerdrückt zum Stummel und ich ziehe die Kreise nach, die das Glas auf dem Holztisch hinterlassen hat; wir reden heute vom Vergangenen, vom Endlos-Immergleichen, aber da steckt keine Sehnsucht drin, das vergeht während dem Aussprechen zu Fragmenten: Weißt du noch?, - schon sagt man: Polaroid, man sagt: Nintendo Entertainment System, man sagt: Walkmen und so weiter, und nichts ist mehr als dieser Augenblick, obwohl uns Jahre voneinander trennen. (Gott sei Dank ignorierst du, der du mein Saufkumpan bist, meine Wiederholungen von der Frau meines Lebens).

Rede noch, wer reden kann.
Wir alle überleben auf unsere Art.

Freitag, 20. März 2009

Heimweh

Sich erinnern, sich nicht unterkriegen lassen, den Ort des Geschehens verlassen. Drei Maxime, - sie durchziehen die Tage.


1.
Draußen steht der Nachbarsjunge; er lehnt sich gegen das Balkongeländer und sieht mir beim Schreiben zu.

Jeden Tag, wenn ich die Provinzzeitung aus dem Briefkasten fischte, - ärgerlich, ungeduldig, mit unruhigen Fingern, deren Kuppen sich am Einwurf aufschnitten, - begegnete er mir, grüßte mich, blieb stehen und wartete auf Nicken und Erkennen, aber ich erkannte ihn nicht. Ich nickte nicht. Ach, wie viele Jahre waren seit dem vergangen? Wie alt muss er gewesen sein und wie alt war ich selbst?
Jetzt, dreiundzwanzigjährig, steht mir eine modifizierte Version einer Erinnerung gegenüber, die nichts mehr mit dem Kindergesicht zu tun hat, - wie war doch gleich sein Name?, - mit diesem Eierschalengesicht, in dessen Schaummund die Zähne milchten, und das mir jeden Tag wie Wind und Vogelgeschrei nachgelaufen war. Jetzt ist seine Stimme anders, er ist größer, sehniger, schöner geworden.

Die Schwester streicht ihm durchs Haar.
Er steht am Geländer,
steht und steht,
blättert die Seiten.
Er grüßt mir den Morgen, ernickt mir den Mittag;
er geht und geht und steht abends am Fenster.
Wie viele Jahre?
wie war sein Name?
Er erwinkt mir die Nacht,
durchwandert die Straßen.
Nie verlässt sein Auge die Ferne.

Ein Dialog vom anderen Bordstein trägt mir Worte heran: Ich hab gehört, du bist jetzt in Berlin, und ich nicke verlegen, - warum verlegen?, woher die Furcht?, - und gehe ab von der Bühne, die mir Straßen und Feldwege sind. Wie ich die Provinz hasse, denke ich. Ich bin ihrer zu stolz geworden, zu arrogant. Jede Silbe ihres Dialekts ist mir Zitronensäure, die mir die Lippen ins Innere meines Mundes saugt. Jede Trivialität ist mir Brechreiz und Würgen. Was soll's? Am Sonntag trägt mich der Zug wieder raus in die Ferne, wieder raus in die Welt. Dabei ist seine Stimme frei vom Dialekt dieser Hobbits, frei vom Dünkel, frei vom Gift der Provinz, und an der Türe drehe ich mich um, drehe mich zum eilenden Jungen, der seiner Schwester die Einkaufstüten trägt, - auch sie grüßt mich mit ihrem scheelen Lächeln, mit ihren schiefen Augen, mit diesem milden Mongolengesichtchen, das sich seit Jahren nicht verändert, - und bitte zu warten, frage: Und was machst du?
Er mache seine Lehre zum Koch, er sei im letzten Jahr, und es laufe ganz gut. Achja?, frage ich und komme mir dämlich vor. Neunzehn geworden, vor wenigen Tagen, herzlichen Glückwunsch nachträglich hustet der Mund, und ich bin bald vierundzwanzig, Beethovens fünfte zerrauscht mir die Ohren. Hier stehen Peter und der Wolf, denke ich. Ein falsches Wort und ich zerreiß dich zu Fetzen.


2.
Gregory. Ich erinnere mich an den Treppen zum Hof seines Namens: Er klingt nach Wassermelonen, - am Ventilator aß ich sie kernespuckend, - nach einem Sommer, den Rasenmäherklingen und Grasseufzen füllten, denk an mich. Die nackten Beine auf der Couch, die Arme baumelnd dazwischen, wie war der Körper doch nichts anderes als eine Vorstellung, nichts als ein Traum, den man Leben nannte, und den man beim Aufwachen getrost zum Waschen in die Badezimmer scheuchte, zum Trott in die Busse, Züge, in die Klassenzimmer und Wartesäle, ... Ich hatte mein Haar kurzgeschoren, und der Protest färbte mir die Lippen blutig: Ernesto hatte mir Drachenblut zum Trinken gereicht, und das, was Herz sein wollte, besaß kein Ziel. Yadé, Schöne, Ewige, deine Mandelaugen, --
Hatte sich damals die Welt noch um ihrer selbst willen gedreht oder war jeder Gedanke, jedes Wort schon von Narziss vergiftet gewesen?, vom Rauschen der Musen?, von den Mythen einer Kindheit, die mit 18 Jahren längst den Erwachsenen gehörte? Ich weiß es nicht mehr, alles gehört dem Vergessen.


3.
Da ist ein Sommer vor zwei Jahren, als ich an einem Pool stand, - die Sonne schräg im Azur eines Südfrankreichhimmels, ganz in der Nähe von Vence, - und mein Blick fiel vom Pool hinab, die Hügel hinunter, durch deren Lavendelbüsche gerade der warme Wind strich, an das gußeiserne Tor, wo die zwei standen. Die zwei, ein Mann und eine Frau, und beide winkten dem Mann in der Badehose, der ganz und gar leicht war, ganz und gar Bronze, der ich sein will, - ich?, in dieser Flut an Erinnerungen, die nicht so durchsichtig sind, wie ich tue, wie ich im Alltag behaupte. Ich dachte: Zuhause!, Überall!, Ewigkeit!, und meine Notizbücher quollen über vor Worten.

Fort, vom Weiß einer Sonne ausgebrannt, zum schwarzen Fleck zerschrumpft und als Papiertaschentuch in den Mülleimer gestopft, - nichts als Wut bleibt vom Wollen übrig, nichts als müde Chancen sammeln sich in den Pappbechern am Ende des Tages. Sei bloß nicht so melancholisch, sagt Ruby und wischt sich mit ihren Tabakfingern den Whisky vom Kinn, das bekommt dir nicht. Sie hat Recht. Sich erinnern reicht nicht, - da ist so vieles, ein ganzes Leben!, jetzt schon!, und es wartet hinter Glas:


4.
In einer absoluten Stille bleibt nichts. Die Tage grüßen mich: Namenlos schenken sie sich Komplimente und stoßen mich unbesehen die Straßen hinab. Geh, geh mit den Wolken, aber nichts ist so sehr Wolke, nichts ist ein Gedanke, der meiner Sehnsucht mehr Ausdruck verleiht. Mein Gott!, die Luft ist so dick!, man möchte Schmetterlinge darin ertränken, - denk ich!, - aber was nutzen mir all die Phrasen? Was nützt die Interpunktion

Ich eile als Teilchen. Ich sterbe als Mensch.

Jeden Tag erneut ertrage ich den Gedanken des Nichts nicht. Nicht? Nein, im Ernst. Das alles speit mir Wahnsinn ins Gesicht. Aber ich reiß mich zusammen. Ich sage: In einer absoluten Stille bleibt alles, und meine den Schlag meines sterbenden Herzens.

Ah!, wie pathetisch. Ah!, wie schlecht formuliert.

Ich ringe mit Worten. Nach Worten, - was kommt danach eigentlich wirklich? Nur die Leerzeichen, nur das Bisschen Nachhall im Exil meiner Worte, die überall sind, in jedem Auge, das sie liest, in jedem Ohr, das sie hört, in jedem Bisschen Hirn, das verarbeitet, - verarbeitet? (For ever ever?) Nein. A. hat mich verrückt, I. hat mich erstickt, M. gab nicht, was ich brauchte; die Szene zeigt Entsetzen. Nein. Streich das. (die Szene zeigt Entsetzen)


5.
Am Geländer steht der Nachbarsjunge, ich lese über Bakunin. Die Gleichzeitigkeit der Wirklichkeit erstaunt mich jeden Tag.

Ich gehe im dünnen Mantel aus dem Haus, stehe im Bus und zähle die Schlaglöcher im Wackeln der edelstählernen Haltestangen: Eins, zwei, jetzt überqueren wir die weite Ferne dieses idyllischen Landes, drei, vier, jetzt nickt die Großmutter dem Busfahrer zu, dort winken die Kinder, fünf, sechs, ein neuer Burger King an der Autobahnausfahrt, das Einkaufszentrum hat ein zweistöckiges Parkhaus, sieben, acht, ich verleugne meine Herkunft nicht, ich erbreche sie wütend, neun, neun, neun, neun. Wo sind die vierzehn Türen zur Unendlichkeit? Nein, schluck es hinunter, reck den Kopf hinaus und heb das Kinn, und schon betreten deine Füße das Kopfsteinpflaster dieser Stadt. Man grüßt falsche Namen murmelnd, man schließt die Augen zu Schlitzen, man wispert im Flur über mangelndes Geld, man wirft die Tassen zu Scherben: Hier schießen sich die Kinder gegenseitig tot, sagt der Zynismus, und ich denke: Die Langeweile bekommt sie letzten Endes alle. (Das Zurückgehen, Zurücksehen, das Zurückdrehen, - es macht mich krank).

Ich komme heim, im dünnen Mantel, und meine Lippen sind blutleer, weil ich die Provinz nicht vertrage. Dann steht der Nachbarsjunge da. Was ich heute abend mache, fragt er, und scheucht mit den Schuhen die Steine. Was ich mache? Neun-mal-um-mich-kreisen. Aus dem Fenster sehen, das helle Rechteck Leben beobachten, wie es sich aus der dunkelsten aller Dunkelheiten ins Licht schiebt, denk ich, aber ich schüttle nur den Kopf und sage: Lesen, vielleicht, was kann man hier schon machen?, - da lacht er.


6.
Alles ist Ansammlung, ist Flickenteppich. So geht es Tag für Tag: Beim Spülen wischen meine Finger die Gedanken fort, und mit Schaum gekrönt verlässt ein Sommertag vor zwei Jahren Teller und Gläser: Er und ich. Ich und sie. Er und sie. Er war die Liebe, sie die Treue, ich war, ja was war ich eigentlich?, die Worte, - allenfalls, - die Worte!, durch Begierde verbunden, und die Betten wurden weiß im tanzenden Staub.
Ich erinnere mich derer, die ewig heimsuchend, ewig kreiselnd, den Schaum des Spülbeckens schrecken. Ich darf mich nur nicht unterkriegen lassen, ich muss kämpfen.

Kämpfen!
Was das heißt!, was das bedeutet, - kann man sich das eigentlich vorstellen, was es heißt, jeden Tag zu kämpfen? Für Kleinigkeiten: Für das eine Buch, das mir die Schwester stiehlt, in dem sie es mit Worten zerpflückt? Für das eine Lied, das die Werbung missbraucht? Für das Schreiben, das mein einziges Herzblut ist, mein einziger Lebenszweck, und das jetzt marktschreierisch für den Erstbesten verschachert wird? Für die Straßen, die mein sind, und immer nur mein, und die jetzt von klackernden Absätzen aufgeteilt werden in Schön und Nichts? Für die Träume, die andere sich aneignen, weil sie ihnen plötzlich genauso gut gefallen, - ein Tag am Meer, eine Fahrt hinaus nach Barcelona, nach Hamburg, hinaus, und Jahre für Frankreich, - und für die man arbeitet, für die man lebt, und die dann, in der Geringschätzung, in der Langeweile des Anderen, aufgeweicht werden zu Ekel und Wut?

Ich kämpfe, kämpfe, denn die Schwester stiehlt mir die Träume, der Bruder die Hoffnung, die Mutter die Ziele, der Vater das Geld, - ich beiße mich aus dieser Vergangenheit frei, und knacke das Glas mit den Händen. Ich schneide mich, tropfe Blut ins Wasser. Nein, ich verleugne nicht. Ich trenne auf.


7.
Zusammen sitzen wir unter dem Baldachin der Weinreben und trinken Bier auf dem höchsten Hügel in der Umgebung, - einem Berg für Berliner. Natürlich kann man nichts anderes machen, als sich zu betrinken. (Am Wochenende, wenn der Aufprall am nächsten Morgen nicht ganz so hart wird). So sitzen wir, unter uns das Flimmern eines müden kleinen Städtchens, - die Lichter der Straßenlaternen sind orange; sie sehen aus wie sterbende Sterne, - und reden, flüstern, verstummen denkend.

ER
Wo bist du zu Hause?

A.
Überall.

ER
Also ... auch hier?

A.
Nein, hier nicht. Hier ist nicht überall. Hier ist nirgendwo.

ER
Und deine Familie ...? Deine Freunde ...?

A.
Sie sind Teil davon, von diesem Nirgendwo. Wenn ich wieder zurück bin, im Ärger, in der Freude, im Jetzt meines manischen Lebens, dann sind sie verschwunden. Dann sind sie völlig aufgegangen im Vergangenen. Nur im Telephon leben ihre Stimmen weiter. (Mit den Telephonen halte ich meine Séancen ab).

ER
Und bist du glücklich damit?

A.
Bist du glücklich?

Man besitzt die Welt immer für eine Weile. Für ein paar Sekunden wird sie dein. Wenn der Himmel himbeerfarben wird, - in Berlin, - oder wenn die Vögel hinaufstürzen, im Wind, hinauf zu den sonnenbespritzten Fassaden am Fluß, - in Tubinga, - selbst in Braunschweig, wo die Frau dem Mann zum Abschied eine Kusshand zuwarf, in Basel, wo der Regen morgens die Bordsteine vom Suff befreite, in Paris, - erst recht in Paris!, - und überall sonst, selbst auf den Strecken zwischen den Städten, zwischen den Städten, bei Freunden am Tisch, in Bars, lachend im Schnee und keuchend unter der Sonne.
Man besitzt die Welt immer für eine Weile, und das nennt man Glück. Man geht nicht zugrunde daran: Am Weiß der Vorhänge, am Blau des Himmels dahinter, am unermüdlichen Verkehr auf den Straßen, der die Fenster zum Scheppern bringt, am Stehen in den S-Bahnen, an der Sehnsucht, der ewigen, der tobenden. Nichts ist so klar wie dieser Moment, nichts ist so hart wie die Kämpfe, nichts so süß wie die Liebe (besonders, wenn sie unverhofft kommt), - alles ist bloß Rausch.


8.
Am nächsten Morgen verlasse ich die Kleinstadt. Ich knöpfe die Jacke falsch, verlege Schlüssel und Geld; ich rede um zu beweisen, und beweise nur, was für ein Idiot ich bin. Zurück, zurück!, und raus aus dem Heimweh, das mir jeden dieser Tage zu Erinnerungen verschiebt.

Montag, 2. März 2009

Eis. Pt. 2

ich bin nicht vorsichtig genug. für die nächste türkante, übrigens. für alle kanten. (schabe kopfhaut über schartige ecken, verfange struppiges haar in der weißen tapete).

ich gehe schließlich betäubt durch enge gänge. meine hände streichen über das holz der bücherregale: babels bibliothek kennt vierzehn [unendliche] türen, und alle führen sie zu einem mann mitte zwanzig, der an einem fenster sitzt: ein buch auf dem schoß, der erste hemdknopf offen, das gesicht in der sonne, die zum geöffneten fenster --

also reibe ich mir die augen am wind.
ich verliere schwarzen staub auf weißen stoffen.

ein mann, der sich aus der dunkelheit schält, lächelt im vorübergehen einem anderen zu. (einer davon bin ich). später, in meinem träumen, erinnere ich mich, ihn zu kennen. (oder gekannt zu haben). den anderen. einen gleich großen, gleich blonden, gleich blauäugigen mann, eine kopie (einer kopie), mit einem anderen mund zwar, der anders spricht, (oder?), der aber immerhin lächelt. sein kinn ist trotzig, die hände verschwinden in den hosentaschen. vermutlich denkt er auch anders, fühlt anders (vielleicht), & sein skelett trägt die muskeln, haut & nerven als gehörten sie ihm: er geht über die straße & streift mich mit einem blick, erfasst mich, - ein scheinwerfer könnte in diesem moment nicht blendender sein, - & geht weiter, geht auf die andere seite der nacht, & verschwindet dort im gedränge.

es gibt keine alternativen, keine andere art als so unter dem ampellicht die straße zu überqueren. das bild wird vergessen. der wind nimmt das echo der schritte. der verkehr rauscht im fahrwasser & der himmel verschüttet sein grau.


1.
einen freund verlieren. (verschwende mich). das geht mir in diesem augenblick durch den kopf: einen freund verlieren, immer wieder. ist dieser sprung aus dem fenster nicht viel schwieriger, wenn man den boden nicht sieht? einen boden zu sehen bedeutet ein ende zu kennen. (oder nicht?) vielleicht ist es auch andersrum. vielleicht ist der boden das einzig grausame am sprung. am fallenlassen.

2.
irgendwann entschlingen sich die hände voneinander.
aus den bänden werden sätze, dann spricht der blick nur noch einzelne worte, bis auch das verstummt.

3.
wann beginnt der verrat? (an sich, am anderen).
was bekommt man für dreißig silberlinge, heute noch?
sich bewegen! aus stein gelöst, im feuerregen sodoms; aus stein geboren, im drachenblut: sich selbst der fremde sein, der sich verrät.


ich lebe nicht mehr in diesem kopf, der tausendmal und mehr gegen weiße wände schlägt; meine augen tragen die welt nicht mehr, mit den blicken: sie verdunkeln die ferne, die zwischen mir und den dingen liegt, und schließen sich müde beim rattern der züge; meine lippen küssen nicht mehr, die hände spüren nicht mehr, - der schlaf dreht sich aus vierzehn [unendlichen] bildern heraus in einen tag hinein, an dem ich im café sitze, die beine unterm tisch, die hände liegen drauf, und der blick, - der ewige, der suchende, der haltlos eilende, - ist nicht zu befriedigen, an niemandem kommt er zur ruhe.

schwarzweiß. und farbenblind gehe ich durch die straßen dieser stadt. (kaffeeschwarz & eierschalenweiß). das blut vergisst mich. es ist doch immer & immer & immer wieder dasselbe.


dann gehen türen auf, und die menschen kommen.
das eis schreckt mir die träume.

Donnerstag, 19. Februar 2009

Eis. Pt.1

Ein Manöver, das die Füße um vereiste Stellen führt, zeigt Müdigkeit. (Ein Bein knickt ein, die Hüfte fällt, schlägt auf, rutscht auf der Glätte die Schräge hinab). Nur der Schnee, der knackend gibt, was die Spuren zuvor versprachen, möchte lebendig sein. Hart und kalt, ohne Schwachstellen.

Er spricht nicht, er lacht nicht,
seine Blicke sind traurig.

Die Lippen fangen weiße Wolken,
sie gehen ein ins Oben,
und grauen im Schweben.
Und die Augen, die vor Kälte klein sind,
wimpernd, blinzelnd,
die Lider zerschmelzend,
sie sehen weiße Wände, die nicht weichen.

Aber: Weiche Wände!
In sie will er fallen.
Eintauchen. Einstoßen. Einbrechen.
Gehen übers hauchdünne Packeis
bis das Wasser zischend Wellen über ihm zerschlägt
wie der Löffel, der in Milchschaum taucht,
blutarm, leblos,
untergehen wie Steine.

Das Polareis taut mit den Worten.
Denkt er.
Aber sein nacktes Leben wird blau,
an den Rändern schon schwarz,
und nichts wärmt ihm die Glieder.

Er spricht nicht, er lacht nicht,
er gibt mir die Steine.




Allein das. Ein Augenblick in der S-Bahn rupft mir Haare aus. Denke ich noch? Entscheide ich noch? Der Mund lächelt der verschleierten Frau zu, die Augen lächeln nicht. Wie kommt die Frequenz des Herzens nur so durcheinander?
Morgens im Spiegel streichen sich die Fingerkuppen wund an so viel Räudigkeit. Perlen schmücken die Frauen und die Männer zieren sich; Gold und Silber steht ihnen zugegebenermaßen auch schlecht, aber ein bisschen, nur ein wenig, -- Nichts. Nur Muskulatur. Bewundert im Spiegel, mit Händen vorsichtig befühlt wie gußeiserne Schmiedekunst. Die Männer, die um mich herum Sport treiben, schwitzen ihre Menschlichkeit aus, (denk ich?), dabei reißen sie mit Blicken hunderte Kilo ohne mit den Augen zu flattern. Niemand sieht die Ironie. Wie sie sich bemühen, wie sie sich anstrengen, um ihre Körper zu stählen, um hart zu sein, witterungsfest, resistent gegen die Welt hinter den Spiegeln, und alles, was sie machen, ist in Käfigen rennen. Sie schnallen sich Gewichte um die Knöchel, stemmen schwarzes Eisen, sind rhythmisch im Takt der Technomusik, die aus den Boxen schräg in den Ecken kommt, bewegen Hüften, Oberarme, eilen mit ihren Handtüchern über Brust und Hals, und wenn ihre Lippen endlich strichdünn sind, blutleer, weil alles Blut in den Adern unterhalb steckt, dann lösen sie glücklich das Gestern vom Heute und reden über ihre Göttlichkeit, die auf den angeschraubten Fahrrädern hockt, die fixiert ist auf Laufbändern, die ewig rennt und ewig schwitzt und ewig keucht und ewig ewig sterblich ist.

Anders. Wie anders?
Mein Körper geht aus dem Haus, reibt sich an nasskalter Februarluft als sei es Stahlwolle, und mit jedem weiteren Tag Schnee: Fall!, alles nur ein Glitschen und Rutschen, und wütend malmen die Zähne. Ja. Ich muss mich immer noch entscheiden, bis Sonntag. (Zählen wir rückwärts bis wir bei Jerusalem angekommen sind). Ja. Ich muss immer noch planen, immer noch das bisschen Chance auf Romantik in den Alltag integrieren, ein bisschen flirten, vielleicht, und lesen. (So viel zu lesen, so wenig Zeit). Es wartet viel Welt auf das kleine Bisschen Haut und Knochen, das sich Ich nennt, und das in Wirklichkeit nur der Kerker eines Gespenstes ist. Ich bin Eis. In mir legt sich der Schnee. (Ansatz!)




Aktueller und weniger kryptisch wird es am Sonntag.

Sonntag, 15. Februar 2009

not frames, but spaces

Fragmentisierung:

Sie trank ihren Kaffee entkoffeiniert, aber meine Träume nahm sie pur. (Es war ein Wintertag).


Ich lag im weißen T-Shirt da, Shorts in grün, darunter nackte Haut. (Die Linie aus Haar verschwand immer kurz vorm Saum). Daneben: Der orangefarbene Gedichtband von Paul Celan. Auf Seite 20 stand:

Auf Reisen

Es ist eine Stunde, die macht dir den Staub zum Gefolge,
dein Haus in Paris zur Opferstatt deiner Hände,
dein schwarzes Aug zum schwärzesten Auge.

Es ist ein Gehöft, da hält ein Gespann für dein Herz.
Dein Haar möchte wehn, wenn du fährst - das ist ihm verboten.
Die bleiben und winken, wissen es nicht.


An den Fußknöcheln zeichneten sich die Spuren getragener Socken ab: Das Gummiband hatte eine dünne, hellrote Linie aus Strichen auf der Haut hinterlassen. Auf dem Boden links neben mir war die restliche Kleidung angehäuft, darunter eben auch die Socken. (Sonst: Ein roter Pullover mit ausgefransten Ärmeln und die Jeans). Kondome waren nicht dabei. Auch kein Messer. Kein Talisman. Irgendwie ging alles verloren. Zumindest auf die ein oder andere Weise.

Die Hände strichen das Haar,
die Lippen schmeckten der Zahnpasta nach.
Das Verlangen endet nicht im Morgengrauen.

Ich drehe mich aus dem Kissen heraus und in etwas hinein, was meine Gedanken waren, das jetzt aber wie Ausschussware im Kaufhaus auf Kleiderbügeln hängt; es ist nichts, was man wirklich behalten will. Es ist nur etwas, das man vorübergehend aufträgt. Etwas, mit dem man spielt. Gelangweilt legen es die Finger zur Seite. Ein Spielzeug, das kaputt geht.

Ich wache auf. Die Wände zergehen mir beim Anblick zu Watte und Erinnerungen: So bist du. #


Du legst mir die Hand auf die Schulter, sagst: Warum nicht?, und meine Augen küssen dein Gesicht mit jedem Blick.

Anders: Durch die Jalousien fällt das Licht auf deinen Körper. Dein Haar ist wirr. Dein Herz ist es auch. Das ist verzeihlich. Alles ist verzeihlich. Sobald du sprichst, sobald du die Hand nimmst, die in meiner zu brennen beginnt, auf meiner Brust, in den grünen Shorts, im Arm der Dornenranken, Arm in Arm mit Unschuld und Ungeduld, die dir die Lippen zerbeißen. Drüben, auf der anderen Straßenseite, heulen die Hunde, und wir, die wir nur im Bett liegen, wir heulen auch.



Ich bin nichts als dein Traum.
Du nippst an mir,
verbrennst dir Zunge und Rachen,
gehst weiter mit dem leer werdenden Becher,
der mein Körper ist,
gehst weiter, raus,
gehst
suchst einen perfekten Tag zwischen vielen,
und ich?

Ich suche nicht.


Der Himmel könnte blauer nicht sein.
Und Jerusalem zupft mir morgens am Ärmel.


So sind die Tage.
Die Tage vor X.

Donnerstag, 5. Februar 2009

voy a sentir mucho tu ausencia

wann fängt das vermissen an?

dann, wenn man den abschied ausspricht?
(in einem satz, ganz nebenbei).
dann, wenn sich die hand von der anderen trennt?
(auf der straße, ein letztes mal).
wenn der zug schneller wird & die personen kleiner?
(dem flugzeug, das aufsteigt, kann man nicht nachwinken).

ich höre ein lied über die einsamkeit.

mein körper hockt auf einem der psychedelischen plastiküberzugsitze der bvg (rot, blau, weiß, schwarz) & die augen wollen alles gern zerfurchen. nein. ich bin nicht wütend, wie sollte ich wütend sein? auf wen?, warum? nur weil jemand früher den raum verlässt als erwartet? wem will ich das zum vorwurf machen? (mir vielleicht, weil ich unfähig bin, damit umzugehen). nein. der zustand lässt sich nicht konservieren, diese momente passen in kein einmachglas, - es geht alles ineinander über, & ich weiß, weiß?, ahne, fühle!, wie richtig es ist, wie sehr es sein muss, ...

gib mir ein neues glas bier, bruder, gib mir eine antwort: wann fängt nur das vermissen an?

dann, wenn die flugzeugräder den boden berühren?
(die lungen werden ganz mit neuer luft gefüllt).
wenn der erste monat vorüber ist?
(der erste brief geschrieben, die ersten bilder geschickt).
wenn die jahre kommen, die jahre!, jahrtausende, die allenfalls erinnerungen übrig lassen: eine melodie im einkaufszentrum, ein gedanken an den letzten tag, den letzten moment, das letzte wort, der letzte blick, - denn ja: als letztes bleibt der blick, der stumme, der ewige blick, - fängt jetzt das vermissen an?

die s-bahn stößt mich ins freie. ich atme berliner luft (luft luft!), & versuche mir vorzustellen, wie die nächsten monate laufen, das nächste jahr. (& vielleicht noch das übernächste). ich denke an die entscheidungen, die letzten augenblicke, - ist das wehmut?, ist das melancholie? nein, darauf geschissen. es ist abschied. #


Alles sagt mir, ich solle mich nicht wundern; alles sagt: Warum bist du traurig darüber, war es nicht doch zu erwarten? Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt, natürlich nicht. Es war nur eine Theorie. Etwas, woran ich glauben wollte.
Jemand geht.
Jemand bleibt.
So läuft es eben.
Genieße die Zeit, die bleibt.
Es könnten noch Wochen sein. Monate. Vielleicht noch ein Jahr. Alles, was danach kommt, wirst du Vermissen nennen, und Anpassung, und du wirst dir deine eigene Feigheit vermutlich nie verzeihen.

Leinen loß!, du bist kein Pier, bist keine Tränke. Nichts und niemand ist an dich gebunden. Du kannst keinen, - keinen, der so ist wie du selbst, - vom Gegenteil überzeugen. Also streichst du dir die Augen wund, schreibst einen kleinen Text darüber, wie es sich anfühlt, - wie?, was? dieses Gefühl des Ausgießens: Das Herz schüttet dunkles Blei in die Eingeweide, alles läuft über, über und über!, und wird in Schwermut ertränkt, aber sei's drum: Du kannst es nicht verhindern. Du bist deinem Spiegelbild begegnet. Einer neun Jahre älteren Version deiner selbst: Sieh dir jetzt in die Augen, und sag, dass du nicht dasselbe machen würdest, - irgendwann, vielleicht im nächsten Jahr, ...


Ich seufze, seufze!, und schüttle es ab. Kaufe mir einen Döner an der Ecke, sehe mir irgendeine Serie an, lache und rede, - das Gefühl bleibt natürlich, es will den ganzen Verstand überlagern, aber ich versuche es.
Es bleibt zu wenig Zeit. Zu wenig Zeit, um jetzt schon mit dem Vermissen anzufangen. Zu wenig Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Zu wenig Zeit, um sich vorzustellen, wie es sein wird, ...

Ich muss der Pariser Métro entkommen.

Donnerstag, 1. Januar 2009

Weltende

1.
Sie sehen zu gut aus. Ihr Lächeln, das zu süß für Lippen ist, Smaragde und Saphire als Augenpaare, und Haar, das fällt wie Haare fallen sollten, mal weizenblond, mal teakholzbraun. Solche Menschen verdienen einander.

Gedankenlos werden Brillengläser auf bücherüberbordende Tische geworfen, wo sie dann plingend liegen bleiben, und ein gläserner Aschenbecher dreht sich Dank zigarettenen Fingern um die eigene Achse, ohne je Asche zu fassen. Rauch steigt auf, kräuselt sich bis unter die Decke und dringt dann kriechend ins Fundament der Altbauwohnung ein, zwischen Holz und Backsteinreihen, hoch und immer höher, an den Rohren vorbei, ganz hoch hinaus, bis in die Wohnungen der Nachbarn, die weder Rauch riechen, noch Feuer legen, die sich stattdessen still die Lippen lecken und an die Liebe denken. Hat es denn je eine andere Art der Perfektion gegeben als diese? Ha. Definiere Glück und vergleiche es mit allen Optionen.

Selbst die Falten, die ihnen Mund und Augen umspielen, sind keine Schmauchspuren, zeigen kein verlebtes Leben, - es sind nur Linien, die von viel Lust und Kummer sprechen, von hellen Tagen, die beständig die dunklen umkreisen: Küsse auf nackter Haut, die man nicht flüchtig gibt; ein Blick über Kissenberge, darin das andere Gesicht gebettet; Finger, die in der Mulde der Schlüsselbeine tanzen; und ein Löffel, der klirrend in der Kaffeetasse rührt. Dazu ein Duft von Basilikum, frisch gezupft, und Zitronenmelisse.

Auf den weißen, runden Porzellantellern liegen in Scheiben geschnitten feuerwagenrote Tomaten, darüber milchigweißer Mozarella, ein bisschen Ciabatta zum Knabbern daneben. Am Abend riecht es nach Linsen, oder Sauerkraut, in die sich Nudeln mischen, mit Zwiebeln und scharf gewürzt, - man isst es im Stehen. Den Äpfeln stiehlt man die Schale und legt sie in Butter, dazu reicht man kandierten Ingwer, getrocknete Ananasstückchen. Nur so kann man leben. Denkt er.

2.
Dabei brechen morgens um halb zehn in Deutschland Wände ein, wo Bauarbeiter, die auf Leitern stehen, - hemdsärmelig, mit wettergegerbter Haut, - und schwere Eisenhämmer über Schulterblätter schaben, die Knoppersmelodie pfeifen und nichts von der Frische des Obstes wissen. Man presse keinen Orangensaft mehr seit dem es Valensina gibt, sagen sie, aber sie haben so schrecklich Unrecht. Denn nichts ist unbekannter als ihr Wissen.
Sie haben die Welt gebaut, haben es mit Steinen in Fugen gesetzt, haben es mit Händen aufgeschichtet, haben Straßen und Schienen gelegt und Treppenstufen in Berge gehauen, - sie sind die Weltenbauer. Mit Worten haben sie ihre Netze gewoben. Stillose, schlecht gekleidete Männer, in staubigen Talaren, mit gepuderten Perrücken, die nach Talg und Fett stinken, - sie sitzen um runde Tische und trinken nippweise das Wasser aus glanzlosen Whiskeygläsern, und beratschlagen und diskutieren und kratzen sich an Kopfnaben und wissen überhaupt nichts von echtem Reichtum. Sie wissen nichts vom Kreisen der Tage, vom Pochen und Klopfen der Hämmerschläge haben sie auf der Straße gehört, aber was dahinter steckt können sie nicht wissen.

3.
Die Armut nagt die Tapeten braun. Keine Teppiche, keine Designercouch, die Wände sind weiß, der Decke fehlt der Stuck. Es gibt eine Welt außerhalb der Kataloge, die noch echt ist, die nicht kopiert wird, - eine perfekte Welt des Imperfekts: Alles Gewesene ist eine Annahme der Gegenwart.
Die Kleidung hängt an Nägeln, die schief in Holzleisten stecken; auf dem Tisch, der nichts als eine alte Kiste ist, liegt ein buntes Tuch, dessen Ecken fleckig sind von tausend Abenden Wein, und darauf ein Buch von Habermas; in der Küche wackeln die Stühle, beim Essen manchmal der Tisch. Es mangelt niemals am Leben, sondern immer nur am Geld.

Ich bin arm gestehen wir im Kanon, und erkälten uns im Zugwind, weil wir keine Kleider mehr tragen. Dafür trinken wir Bier in rauchigen Zimmern, in denen müde Münder sich miteinander zwischenwortlich verlieren lernen; da wird dann geschwiegen, weil ein schwarzer Hund, - recht eigentlich ein Pudel, vielleicht auch ein Wolf mit gelben Glitzeraugen, - an den Hosen schnuppert und mit den Achseln zuckt. Tja. Wenn er es denn könnte, das weiß jeder, dann würde er's sicher tun. Stattdessen nickt jetzt aber die Frau mit Nickelbrille zum Abschied und zieht an der Leine, die gleichzeitig das Schweigen ist, und geht aus dem Raum hinaus ins Freie, wo der Regen mit klingend kalten Tropfen hinter Fenstern und Türen rasselt.

4.
Das Licht im Winter, das zu den verschmierten Fenstern hereinsickert, und nebelhaft Arm und Bein umwölkt, ist umso vieles realer als alles, was meine Augen sehen. Erkunden wollen.

Moment, warte. Liebes?

Eine Frau trocknet sich ihr nussbraunes Haar mit einem taubenblauen Handtuch und geht hüftschwingend über die Türschwellen. Im Nebenzimmer sitzt er, der Er ist, und schnürt seine abgewetzten K-Swiss, deren Sohlen am Rand erdig sind, und streift sich das mottenzerfressene T-Shirt über Haut und Muskulatur, und lacht im Licht des Winters ein silbrig-schiefes Lächeln, das in den Mundwinkeln liegt wie kostbares Geschmeide, und dreht sich aus dem Bett heraus in die Höhe, geht als junger Gott, als erster Mensch über Holz und Erde, wirft an der Türe ein Blick in die Wohnung, die endlos klein ist in ihrer endlichen Größe, eine Schachtel eigentlich, die auf anderen Schachteln steht, und seine Blicke leuchten im Staub.

Konzentration!
Das Herantasten an das Jetzt ist gleichzeitig ein Zurückfallen der Vergangenheit.

Ob ich denn je aufgehört habe an die Liebe zu glauben, fragt er. Und ich bejahe. Doch was ist ein Romantiker, der nicht mehr an die Liebe glaubt? Ich sage: Von den Trieben habe ich gelesen, viel gelesen. Ich bin ein Experte der Triebe. Ich weiß genau, wohin das alles führt. Der Exzess, meine ich. Das reine Verlangen, das bloße, nackte, das einzige, das Männer auf Herz und Nieren prüfen, ohne dabei auch nur ein kleines Stück wirklich zu verstehen. Aber gedankenvoll nicken können sie. Beratschlagen, über tausend Theken gelehnt, mit Zapfhähnen im Anschlag und die trockenen Lippen der Säufer in den Gesichtern. Diese realen, diese lebendigen Männer sind viel weniger perfekt als sie den Anschein erwecken. (Hört man die Frauen sagen). Und Schwalbenflügelrascheln weckt die Kinder.

Zurück zu der Frau, die jetzt im karmesinroten Sommerkleid, - es umtanzt halbtransparent ihre Knie, - durch die Küche eilt und Orangen in eine Holzschale legt. Sie ist ganz Sonne, während draußen der erste Schnee vom Regen weggewaschen wird und abergläubische Menschen Salz auf Gehwege streuen (in der Hoffnung, man könne darum nicht auf die Fresse fallen). Sie tanzt mit den Füßen zu einem Lied, das Mercury heißt. Merkur, Gott der Händler. Gott der Diebe. Stehlend verlangen wir nach Möglichkeiten. Draußen wühlen die Krähen im Eingeweide der Brote. Müllcontainerklappen werden aufgerissen und scheppernd fällt Glas hinein. Ampeln blinken in grün und gelb und rot, und dazwischen hupt kurz der Teufel bevor er in andere Autos rast.

Nie begreift man alles.

Sie sagt, dort draußen gebe es zu viele Gräber. Im Grunde sei es eine Welt der Toten. Verwitterte Steine, die nichts kennzeichnen als das Vergessen der Menschen. Erde, von Regenschauerjahren schlammig geweint, und Phantome, - irrlichternd, die schwarzen Schirme aufgespannt, alternd, - verstreuen über schmalen Kieswegen müde Blumen, die dem Wind nicht gehorchen, sondern den Toten, ... Es ist ein Weinen in der Welt, zitiert sie.

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen...
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.
*

Dann trocknet sie die Teller, die feucht und vom Schaum gekrönt neben dem Spülbecken stehen, indem ihre Hände langsam kreisen. Ihre Fingernägel glänzen rot.

5.
Und wo bist du?, fragt man mich durch das Dunkel der beginnenden Tage. Ganz eingewoben in Decken liegt man dort, wo eigentlich Feuer brennen sollte, und starrt stattdessen auf das Violett eines Himmels, der nichts zu verschenken hat. Ich?, frage ich zurück. Wo soll ich schon sein?

Ich werde der Buchsucht bezichtigt, dem Schreibzwang; ich fülle in gierigem Schwarz die sättigenden Seiten meiner Notizblöcke, verliere die Wimpern durchs Träumen. Ich verschlucke mich am Zuckerlosen, am Bitteren, - ich verschlucke die Welt, - und lächle nach dem Husten als wäre es tatsächlich das Saure, das lustig macht. Bring mich zurück, hauchen meine Lippen gegen das blinde Spiegelglas. Bring mich zurück. Aber wohin?

Warte, ...
Je länger ich versuche, es zu fokussieren, desto mehr erkenne ich den Schutt unter den Tischen, die Spinnweben in den Ecken, das faule Obst zwischen den Fingern.

6.
Die Lider öffnen sich venusfliegenfallengleich und ertappen die Welt beim Versuch zu entkommen. Im Bett liegen sie, zwei viel zu schöne Menschen, und beobachten einander beim Atmen, und er, der Er ist, streicht ihr durch das nussbraune Haar als verspreche es ein Happy End, während ihre schlanken Finger über seine Brust hüpfen. Nackt wie sie sind, sehen sie ihre Narben, aber es kümmert sie nicht. Eine Liebe wurde genommen, eine andere wurde gegeben, das ist alles, was ihnen zu sagen, zu denken, zu fühlen bleibt. Es macht die Räume herrlich, es schmückt Decke und Boden, es erhellt die Fenster zum Hof. Es macht sie reicher als alles, was nennbar ist.

Eine halbe Stunde später, während er sich Wasser ins Gesicht streut als wären es Samen einer neuen Haut, tanzt sie über das Parkett, auf das die Sonne ihre weiche Wärme legt, und horcht ganz angestrengt auf die Musik. Ihr Körper dreht sich, streckt sich, bewegt sich im Takt. Er kommt herein, - Perlmutttropfen netzen seinen Bauch, seine Arme, seine Stirn und auch das Haar glänzt, - und sieht ihr dabei zu.

Wo soll man denn sonst sein als hier?

Ich wische mir meine Haare aus der Stirn und streiche sie strähnenweise hinter das rechte Ohr; dabei entsteht ein Scheitel, der glatt und hart ist, der mein Gesicht in zwei Teile einteilt, die nicht unharmonischer sein könnten, und doch bin ich stolz auf diesen kleinen Scheitel, der glatt ist, hart, und glänzend. Mein Haar ist nichts als Stroh, das knistern, ein Dornenkranz, der mancherorts lichterloh brennen will.
Ich sehe ihnen beim Tanzen zu, ihren schönen Körpern, die sich bewegen, als taumelte die Welt bei jedem Tritt, als gäbe es eine andere Version der Mittelpunkte, eine andere Interpretation der Schwerkraft. Hundert Jahre vergehen im Herzen in Windeseile, zugegeben, aber hundert Herzen sind nichts in all den Jahren. Niemand bleibt allein. Nicht vollständig, nicht für immer.

7.
Weck mich wenn du gehst, sagt er, während er mir beim Rasieren zusieht, - eigentlich müsste es mir peinlich sein, denn meine Haut wirft Blasen unter dem Neonröhrenlicht, aber es ist okay. Es fühlt sich nicht falscher an als das Fremdsein im eigenen Ich. Identität? Das ist das, was ich nicht habe.

Blicke streifen rauh über Hals und Schlüsselbeine, immer und immer wieder Schlüsselbeine. Haut, die dick sein möchte, die sich als Fell tarnt, und doch sieht man jede Ader, - in den Venen pumpt das Blut. Ich lege meinen Zeigefinger darauf und spüre diese Traurigkeit, die monden ist, - die Augen füllen sich mit Salz, und tick und tack, da vergeht die Zeit im Spiegelbild. Ich sehe, wie er mit dem Handtuch über die Kopfhaut rubbelt, und denke: Weck mich wenn die Welt endet. Ich reibe mit wasserfeuchten Fingern Stoppelreste und Schaum aus dem Gesicht, gehe in die Küche und sehe ihr beim Schälen der Orangen zu, - denn sie presst den Saft frischer als es Valensina je versprechen kann. Das Licht, das zu den Fenstern hereinfällt ist nichts, ist nur Nebel und Vorhang. Auf ein neues!

8.
Man kann das Glück nicht begreifen, - jedes Bisschen Verständnis ist ja doch auf Sand gebaut, steht auf tönernen Füßen, ist weder Taube, noch Spatz; das Verständnis für das Glück ist so wenig fühlbar, undenkbar, sodass es auch keinen Augenblick, - recht eigentlich, - keinen bewussten Moment, kein Infragestellen gibt, kurzum: nichts, was es notwendig macht, weil es ist, wie es ist, wie es nicht ist. Oder möglicherweise nur eine Variation davon. Nein. Du musst das Glück überhaupt nicht verstehen, denn wenn es kommt, dann ist nichts mehr weiter relevant.
Oder doch. Ein klein wenig bleibt die Straße im lastenden Dunkel, die Lichterinseln in der Sonnenallee, darüber ein sternenloser Himmel. Ein klein wenig bleibt das Lammfleisch mit Knoblauch gewürzt, der Käse, der zäh auf Tomaten, Brot und Pilzen klebt, der Rotwein, der die Hose netzt. Gelacht wird nirgendwo in der Ferne, sondern ganz nah, dort auf dem Küchenboden, wo man liegt und erzählt, und vielleicht auch ein bisschen lauter wird, die Stimme hebt. Man ist nicht mehr hier, in dieser Welt der Relevanz, in der sich Menschen um erhobene Stimmen sorgen, wo Nachbarn sich mit Aschenblicken fressen wollen, - und schon springt das Herz aus festgesetzten Fugen, und jeder Gedanke ist Wein, ist Fleisch, ist Metaphysik (vielleicht auch der Röhren), und es bleibt kein Mensch darin. Kein manischer Versuch Mensch zu sein. Es ist etwas anderes, was dann plötzlich im Inneren, eingenäht in Menschenhaut, am Küchentisch sitzt, - dort, wo die Kerzen brennen, - und sich nicht wundert, wie das Leben spielt, weil ihm diese ganzen Sätze viel zu abgedroschen sind. Es ist kein Bewusstsein da, kein Ding, das um die Formulierung ringt, - etwas anderes nimmt Besitz. Etwas, was die Welt sieht und riecht und fühlt, und wer könnte behaupten, es bliebe nur ein wenig davon?

Alles bleibt.

Die Treppenstufen hinauf gedreht in den zweiten Stock. Das Fensterglas, zersplittert in den Ecken, das die Leute im Vorübergehen bunt färbt. Ein kleiner schwarzer Hund, ob nun Wolf oder Pudel ist ganz egal, der an Hosenbeinen riecht. Ein Feuerwerk, nichts als das, und keiner fragt sich, was es ist. Relevant ist nur der Augenblick dieses endlosen Daseins, dieser zeitlosen Entität, dieses von Wein schwindlig gemachten Verstandes, --

Es ist das Glück.
Es füllt alles aus. Jede Pore und jeden Gedankengang.
Und wenn die Welt jetzt endete, es wäre sicher vernünftig.


(* Weltende von Else Lasker-Schüler)

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Das Schweigen der Männer

Fremder Männer Fäuste, die sich im Augenblick nicht kreuzen; sie gehen vorbei am Ampelrot, schmecken dem Salz nach, das ihnen die Frauen einst aufgetischt haben, schnalzen mit den Zungen und verziehen die Gesichter beim Regen.

Schirm an Schirm schiebt sich die ganze Menge nach drinnen, wo sie dann den Regen, - halb Wasser, halb Eiskristall, - aus dem Stoff schütteln, - halb Nylon, halb Polyamid, - und da sind sie dann: neunzehnjährige Männer, 23jährig, 32, 41, aber nicht älter, niemals nicht älter. Allenfalls zeitlos.
Sie krempeln sich die Ärmel hoch bis zu den Muskeln, die an Knochen schwingen, und schaben sich mit rauhen Fingerkuppeln über rauhe Stoppelhaut, blinzeln müde, während der Mythos von Fernsehen und Radio sich aus dem Zigarettenrauch schält, und denken ans Trinken.
In ihren Gläsern schäumen bernsteinfarbene Wasser, rubinrote, weizengelbe, und manchmal schäumen auch nur die schmalen Männerlippen, die sich gegenüber liegen, schweigend, ruhig, als könnten Worte ihre Haut und Venen zerreißen. Für immer: Die Stille.

Hände werden gereicht, Pupillen weiten sich, und in den Schlagadern rauscht das Blut, das dunkel ist und voller Erinnerungen.

AM SEE VOR SIEBENHUNDERTDREIUNDVIERZIG JAHREN, die Narben an den Fingerknöcheln, das Haar, das knistern möchte, sobald Finger es berühren, und die zarteste Brise verspricht keine Poesie. Sie nicken, und schreiben in kleinen schiefen Buchstaben: Die purpurnen Weiden trauern nicht an den Ufern des Bosporus', oder: Es ist kein Leben mehr im Kibbuz, oder: Die Sonne verbirgt sich im Regen, und dann läuten die Glocken der Garnisonskirche. Sie läuten und läuten, und nirgends gehen die Frauen, in deren Haar sich Muscheln verfangen, oder Korallen; sie sind im Glitzern verschwunden, im Duft von Zimt, von Lavendel, - es war ein Tag vor hunderttausend Jahren, als sie in weißen Betten lagen und sich am Staub berauschten, der im Licht der Fenstersonnen brannte wie Sternschnuppen. Wo sind die Schokoladenmünder heute? Wo ist die samtene Haut? Sie fragen nicht länger, schlank wie sie sind, groß gewachsen mit Schultern, die kaum Platz unter der Kleidung finden, - halb Mensch, halb Tier. Die Sehnsucht nach den Frauen vergeht im Drängeln der Männer, in ihrer Gewalt, in ihrer Gier und Mordlust, - denn morden wollen sie.

Da. Ihre Köpfe schlagen Funken beim Denken, und die Körper darunter, schwer und von Radialkräften in Bewegung gehalten, verlangen. Mord ist dabei nicht weniger als das. Als Verlangen. Sie morden mit ihren schweigenden Worten. Mit ihren gierigen Händen. Mit ihren blutigen Zähnen.

Ein Grinsen im Mundwinkel scheucht die Spatzen.

Lidhaut, die sich über den Augapfel legt, als gäbe es keine Welt mehr hinter den Träumen von Nacktheit, von Sand und Meeresküsten, von den muschelbedeckten Frauenleibern, ihrem Tanghaar, ihren Schuppenfüßen, und dem hellen Lachen, das wie Wasser seine Kreise in ihren Seelen zieht. Und die Mechanik: Sie treibt ihre Körper an. Ihr Herz, ihre Nerven, ihren Schwanz, ihre Fäuste, die sich nicht kreuzen, - nichts kreuzt sich in ihrem Leben, nichts außer die Klingen, als die Pistolen, als tausend Bomben, als Rasiermesser und Wut.

Über all dem bleibt die Eierschalenhaut des Schweigens, die dünn ist, fragil, unzerreißbar. Ewig.

Donnerstag, 13. November 2008

In der Nähe des Herzens

Episoden.


Deine Fingerspitzen waren rauh als sie mich das erste Mal streiften, und deine Haut roch nach Regen. Mochte man uns doch nach Wolken benennen. (Cumulus humilis. Altostratus translucidus. Cirrus fibratus). Es hat nicht viel geändert, denke ich, außer dass wir uns noch mehr ineinander verloren haben.


Wie zufällig berührte deine Hand die meine, als der Wind verging. Kurz nur. Eine Sekunde lang, oder weniger sogar. (Wie lange dauert das Blinzeln, eigentlich?) Die Leute tropften Vergessen auf kalten Boden, und überquerten die Straße ohne auf die Autos zu achten; Laub raschelte trocken als es Füße zerstoben; ein Krankenwagen schrillte hinter zwei Ecken; Tauben sprangen in den Himmel und flogen tatsächlich davon.


Man hätte den Abstand nicht mehr messen können. Blut stieg mir ins Gesicht, sicher waren meine Ohren rot, ich fühlte meinen Herzschlag in meinen Venen wüten, und du hast mir in die Augen gesehen, ... in die Augen, ... ewig und ewig, ... in die Augen.


Später lagst du in der Badewanne und das Bisschen Schaum umtanzte in Wellen deinen Hals, deine Brust und die Schultern während ich vor dem Spiegel stand, dessen Kanten schartig waren vom tausendmaligen Anstoßen an Türen und Ecken, und mich mit dem Messer rasierte. Es roch nach Minzschokolade, wabernd im Dunst der Heizungsrohre, und auch nach dem Rasierschaum, den ich mir mit flatternden Fingern zu einem neuen weißen Bart auf Wangen und Kinn modelliert hatte. Das Geräusch der Klinge auf meiner Haut erinnerte mich an Schmiergelpapier, das über Holz streicht. Draußen prasselte der Regen gegen die Fenster, ...


Morgens: Das Gesicht dreht sich aus dem Kissen heraus dem anderen Gesicht entgegen, das in der Nähe des Herzens liegt, auf der Brust, schlafend, - die Augen geschlossen, die Wimpern sanft miteinander verzahnt. Man denkt: Leben, und fühlt nicht den Tod dabei, der in den Hohlräumen dieses Wortes haust. Stattdessen schmeckt man das Zink im Blut, und das Salz zwischen den Zähnen.


Du sitzt im Schneidersitz vor meiner Schreibmaschine und lässt die Tasten rattern. Die Worte fliegen hoch und immer höher, und dann, nach fünfzehn Minuten, die ich damit verbringe, abwesend meinen Brecht zu lesen, reichst du mir das Blatt Papier auf dem einunddreißig Gründe stehen, weshalb Brecht heutzutage nicht mehr lesbar ist. (Brecht ist tot ist der erste Punkt, und von den Toten darf man nichts annehmen; sie wissen nicht, wie das Leben sich entwickelt.) Als ich damit fertig bin, gibst du mir den Löffel zum Umrühren für meinen Kaffee, der längst kalt ist, und sagst: Und trotzdem!


etc.

Dienstag, 11. November 2008

Liebe fressen Alltag auf

1.
Fixier mich, bind mich, verknot mir die Arme mit etwas, das mich auch halten kann.


2.
Im Kibbuz brennt die Sonne,
und Wolken verwischen den Himmel.
Tönern hämmert die Wärme von oben herab,
während die Schatten auf dem rissigen Boden mit jedem Schritt nach unten springen, - immer so verzerrt und verschoben, als duckten sie sich in Angst, - und in der Ferne wehen die weißen Leintücher im Atem eines gierigen Windes, der weder kalt ist noch warm, sondern beides zugleich, - ein Wind, der den Blumen die Köpfe abreißt und ins wallende Haar kleiner Mädchen streut, die diese später zwischen Buchdeckel legen, um sie zu trocknen. Ja, der Wind kommt über die Berge und bringt Sand mit, den die Frauen sich aus den Kleidern schütteln, sobald sie das Salz der Wüste auf den Lippen schmecken; sie tun es nicht gleichgültig, und auch nicht aus Gewohnheit. Sie lächeln dabei. Beschau das Sandkorn und du beschaust Gott, meinen die Hirten, und daran denken auch sie, - ganz im Gegensatz zu den Männern, die sich die Ärmel der blauen Hemden hochkrempeln und den Schweiß mit dem Handrücken aus den Gesichtern wischen. Die Männer denken ans Jäten der Pflanzen. Allein das Lachen der Kinder mag sie berühren.


3.
Sie: ‹Ich erröte, wenn fremder Augen Blicke sich in meinem Mund verzahnen, und sich mit jedem Lächeln tief in nackter Haut und bloßem Fleisch verbeißen.›

Er: ‹Was weißt du denn schon vom Beißen?›

Sie: ‹Ich habe das Beißen gelernt.›

Er: ‹Das ist etwas, das man entweder kann oder eben nicht. Das ist nicht erlernbar. Du bist betrogen worden. Hättest mal eher das Lachen lernen sollen. Oder das Zungerausstrecken. Meinetwegen auch das Denken.›

Sie: ‹Das kann ich alles schon.›

Er: ‹Und was ist mit Lieben?›

Sie: ‹Dazu fehlt mir das Herz.›


4.
Steh still!, sagen die Füße beim Gehen.
Fliege!, sagt der Rücken ohne Flügel.
Und doch: Was wäre jetzt ein Kuss.
Anderswo als an dieser Stelle.


5.
Im blauen Dunst des Morgens mustern Münder meine Lippen. Ich huste dann und streiche mir verlegen durch das braune Haar, das blond gewesen ist, vor tausend Jahren, und auch schwarz, an einem späten Sommernachmittag, als der Staub funkelnd sich auf die Tastatur des Klaviers legte, und denke: Ein Gespenst geht um, und sein Name ist Liebe. Draußen treibt der Wind sein Spiel mit den Passanten und spuckt tropfenweise Wasserperlen auf diejenigen, die zu langsam für die Dachvorsprünge und zu vergesslich für die Regenschirme sind. Arme kreuzen sich quer zur Brust, während die Fingerspitzen sich tief ins Jackenfutter graben. Solange die Augen nicht die schwarzen Nägelränder sehen, ...

Ich atme viel zu starken Kaffee gegen Spiegelbilder, und schütte mir Zucker auf die Zunge, um die Bitterkeit des Denkens zu versüßen. Der Spanier lacht, und ich bin plötzlich froh, dass er da ist. Jemand, der versteht. Tausendundeine Seite erretten mich nämlich nicht vom Wahnsinn, im Gegenteil. Das sehe ich jeden Tag, wenn die Schornsteine des Westhafens im Rot der aufgehenden Sonne stoßweise Ruß in den Himmel rütteln, wenn das Kind die Mutter am Überqueren der Straße hindert, weil ein Auto angeschossen kommt, wenn Spatzen sich mit Tauben um die letzten Brotkrumen streiten, und alles dabei nur Bild ist, nur Vorstellung, nur papierne Tunnelwände. (Der Coyote kriegt den Roadrunner nicht). Es ist gut zu wissen, dass man diese Zweidimensionalität, das Comichafte teilen kann. Wiederfinden kann, in jemand anderem.


Ich funktioniere. Anders, diesmal. Aber das ändert ja nichts. Es füllt mich, die Lungen, die Venen. Es füllt mein Leben bis zur Grenze. (Ihr Lächeln). Aus! Grüner Knopf auf Go!
Es zeigt mir, dass ich zu Hause bin. Jeden Tag bin ich zu Hause. Immer. Und immer und immer und immer. Selbst im blauen Dunst des Morgens. Selbst mit der Bitterkeit des Denkens, und der Haut, die sich rötet, weil nicht gebissen wird. Zu Hause.


1984 vs. me
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