out of mind | b-sides

Dienstag, 1. Juli 2008

run for cover - Eine Auseinandersetzung

1.
Finger zerknautschen mir im Traum das Gesicht, Haare in den Augen, der linke Schneidezahn tut weh. Das ist der ganze körperliche Zustand.

2.
Die Waschmaschine röhrt so, wie ich mir Müllpressenröhren vorstelle, die Boxen für den iPod sind am Arsch und auch die Kopfhörer, - Ausnahmefehler bei Berührung.

Lächeln und still.

Ich höre einen schrillen Ton in meinem Kopf, einen permanenten Alarm, der mich rennen macht, - dabei renne ich nicht. (Selbstbetrug, der). Ich lote das Reißen und Ziehen in dem aus, was man Eingeweide nennt, und von dem ich immer dachte, es könne den Himmel beherbergen. Dabei ist der Himmel in einem selbst viel zu weit weg, um berührt zu werden. Ist das Unendlichkeit?

Ich betäube mich (mein Bewusstsein!) in Tabletten und Alkohol, und suche Ventile für meine Unruhe, für meine stetige Unruhe, die mich nachts aus dem Bett rollen lässt, finde aber nur Ablenkung. Also lese ich, trinke Seifenwasser in der Hoffnung, mich damit zu reinigen, zu desinfizieren, - aber nichts wird sauber, nichts wird wirklich klar. (Wind, Wispern). Nur in der Musik öffnet sich der Kopf für eine Weile, und das Gehirn, die träge Masse an Verstand und Sinn, entkommt. Federfliegendleicht.

Don't reach too far
You will fall over
Don't be surprised what you discover
Don't fear your call
Can't pull us under
You better watch out, run for cover


Also jage ich Motten mit Taschentüchern und zerquetsche ihre zappelnden Leiber zu Staub, - es bleibt als dunkle graue Spur an den weißen Wänden zurück. Ich kratze mir die Kopfhaut und finde unter meinen Fingernägeln ausgerissene Haare. Briefpapier unter meinen Füßen. Nirgends ist Herzschlag, überall ist Herzrhythmusstörung. Ist das das letzte Symptom meines bibolaren Lebens? Teil der manischen Depression? [Analyse? Läuft].

Auf der Straße vor dem Haus ist ein schier unermüdlicher Verkehr. Immer mehr Menschen drängen sich dicht an dicht am Rand, gegen die Fassaden, und auf der Straße selbst dröhnen die Lastwagen, die Autos, die Mopeds. (Run for cover). So viele schöne Menschen.


Ich kenne keine Grenzen; es gibt keinen Abschluss mehr nach außen hin. Ich werde Welt. Ich bin Umgebungsgeräusch, und Lichteinfall. Auflösung, Demontage, Abpfiff.


# Schneide Bananen in mein Müsli.
# # Kaue dann zähneknirschend. Kein Selbstmitleid.


Im Spiegel lacht mein Mund mich aus, und die Augen bleiben klirrend. Unterkühlt, aber mit rotem Rand, - als könnten sie brennen. In mir steht die Welt in Flammen. Aber ich bleibe Fleisch. Fleisch, das sich nur von Pflanzen unterscheidet, in dem es sich bewegt. Ich bin bewegliches Fleisch. (iss mich, und du bewegst dich mit).


In Zukunft gebe ich den Abriss meines Denkens frei.

Freitag, 27. Juni 2008

the liar (& the whore)

Nichts ist bloß Zustand. Oder Anamnese.
Es ist nicht genug, das Reden; es füllt die Schlaglöcher nicht.
(Es bewegt sich, und ich stehe still).

Innerhalb nur weniger Stunden analysiere ich mich [bis zur Unkenntlichkeit] und werde analysiert, und alles, was ich denke ist: Das ist es nicht.

..l e t....f l e s h....r e t i r e..

Und in meinen Träumen: ein Kuss, eine offene Handfläche, ein zerknitterter Zettel, und das Gebet an das Meer. Sehnsucht? Ja, eingeatmet als Staub und Wolken zwischen den Ampeln. Und die Wirklichkeit?

Ich sitze in Shorts am Fenster,
lege meine Beine auf den Sims,
und strecke die Füße hinaus.
Die Welt kennt keine Zeit.

Ich durchquere die stille Hitze der Welt in zu warmen Klamotten, und wundere mich über die Anderen, die mich nur im Vorübergehen mit Blicken erwischen, - niemals nicht mit Worten, nur mit vielsagenden Blicken, die mich manchmal treffen, und manchmal eben nicht. Es gibt keine Traurigkeit. Hier nicht, nein. Nicht hier. Niemals nie hier. In mir. (Sie gibt es überall sonst).

Wegen dem Kuss und der Berührung werde ich gefragt, was ich empfunden hätte, ob ich unsicher gewesen wäre, ob ich nicht in Wahrheit jetzt ganz anders darüber dächte, und ich sage: Woher nur die Liebe? Sie hängt nicht an Körpern, sie baumelt an seidenen Fäden. Und das ist der Gedanke. Das ist der Preis.

Nimmermehr Liebe, höre ich dann.
Nimmermehr?

Die Photos an der Wand erinnern mich an die Leichtigkeit meines Herzens, oder an diese bestimmte Zeit im letzten Jahr, als ich nackt zwischen zwei verschwitzten Körpern lag, eingehüllt in umbrafarbene Schatten und von weißen Sonnenflecken bedeckt, ganz und gar: Unglück, - Sumpf unter Menschen, - aber: Gedankenlosigkeit.

Und wo ist das heute hin, dieses Sich-keine-Sorgen-Machen? Die Photos bleiben zweidimensional an den Wänden hängen: Sie sieht ernst in die Kamera, eine ihrer schwarzen Locken zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelnd, und er? Er hält sich mit einer Hand an der Dachrinne fest, während sein Gesicht halb und halb in Licht und Schatten liegt; er ist schon zu diesem Zeitpunkt viel zu dünn, das kann man sehen. Ich will nicht mehr zurück, nein, ich bin glücklich, --
glücklich?
purest happiness?,
bin von der Stadt befriedigt, und ausgefüllt, bin ganz und gar selbst Häuser und Straßen, Großstadttosen, - Skylla und Charybdis in salzlosen Fluten, - und das Wehen der Flaggen an hohen schmutzigen Wänden, das Klatschen und Raunen und der Lärm als Detonationen, und kleine eilige Frauen in klackernden Schuhen, und bunte Früchte, die die Treppen runter zu den U-Bahn-Stationen rollen, und Kinderlachen, ewig kreiselnd um Ecken herum, und vorwärts vorwärts vorwärts, niemals: die Stille,
niemals das Schweigen,
-- glücklich! Und niemals nie zurück, nein: nimmermehr! Doch die Gedankenlosigkeit?, - sie jetzt um jeden Preis besitzen? Warum nicht? Stattdessen schabe ich mir mit dem Daumennagel den Dreck unter den Fingernägeln hervor und trinke mein Bier in zu eiligen Schlucken. Ich will nicht mehr denken müssen, denke ich.

Mit der Hand über das Gesicht,
das Gesicht in der Hand.



Hütchenspieler: Wo ist das Herz es hin?

Montag, 21. April 2008

Interlude: das Kreisen

Die Wahrheit ist eine ganz andere: Mein Gesicht wird diffus, sagt man, und das Chatfenster meines Kopfes schließt sich nicht, egal wie oft man auf das X auch klickt, ...

Nein, es geht nicht voran, ich stecke in einer Vorstellung fest, in einem Auflachen, in einem Gedanken. Ich bin hiermit unzufrieden, und ich entwickle mich nicht weiter. (Auch mit diesem Blog nicht). Das ist die Wahrheit. Deshalb suche ich nach einem neuen Namen, - nach etwas, das mich besser beschreibt, etwas, mit dem ich alles besser verwirklichen kann, aber ich verheddere mich nur in Übersetzungsprogrammen oder in Identitätskopien, Lord Byron 2.0. sozusagen. Das ist nicht das, was ich denke. Das alles trifft überhaupt nicht den Kern.
Ich lese manchmal meine Worte, und frage mich dann, wer der Kerl ist, der da schreibt. Alles pathetisches minderwertiges Zeugs, alles nicht weiter wichtig. Dann denke ich, dass ich nicht schreiben kann, dass ich keine Talente habe, dass ich keine Grundlage für dieses Leben besitze, und auch keinen Zweck.

Ich versuche mich an einer Geschichte, die ich nicht beende, die ich anfange, und abbreche, weil ich andere Bücher lese, die mir vorwurfslos Splitter in die Hirnwindungen rammen. Du schaffst es nicht, niemals, nie. (Sagen die Philosophen). Immer vergleiche ich, vergleiche vergleichsweise Vergleiche, und trage doch nur den Schaden davon. Ich würde so gerne etwas schaffen, bin aber zu unfähig, es zu verwirklichen. Das ist die Wahrheit. Ich erreiche in meiner absoluten Freiheit nichts anderes als die Kurznachrichten an das absolute Scheitern, als diese hastigen Notizen, die belanglos verschwinden, weil sie nichts besagen, - nichts als den geisten Verfall. Oh, was für eine Kunst!
Manisch hysterisch lache ich schließlich mit aufreibenden Händen an Stirn und Nacken, und mein Gesicht wird diffus, sagt man, und ich löse mich ganz plötzlich auf. I'm stuck in a rut, baby. Mitten in dieser großartigen Stadt lebe ich eine andere Art der Krise aus, die völlig unabhängig von meinem Leben funktioniert, denn mein Leben ist das, was außerhalb geschieht, in einer Welt der Atome, die man nicht sieht, - ich echolote mein eigenes Leben in der Erinnerung sterbenskranker Glühwürmchen, fresse Monde für die Abstraktion eines Kusses, denke zurück, wie es war, als alles wahr war, und nichts davon betrifft mich, denn ich bin der nette Mann an der Kasse, der sein Kleingeld raussortiert, und der es dann doch nicht passend hat, bin der, der DER sagt, und sich selbst meint, und trotzdem, und trotzdem, -- ein Anfall in einem Wispern, zwischen den Gleisen, frischt auf in der Nacht, um die Sterne zu jagen, und so kreist die Welt in einem einzelnen Atemzug zu Notizzetteln zersprengt, an Wänden kleben sie, und schreien mich an, und nichts geschieht. Das ist Wahnsinn.

Dabei. Bin ich glücklich? Ja, deshalb optimiert sich alles um seiner selbst willen, und die Unzucht treibt mit mir ein neues Spiel, - es nennt sich Selbstbefriedigung, und geschieht in jedem Spiegelbildblick. Sind das da meine Haare? Sag auf Wiedersehen, Herz, nein, ja, alles nur eine Wiederholung, ein Echo der Vergangenheit. (Bewältige mich!)

Wenn ich so bin, wie ich jetzt bin, dann fängt etwas in mir Feuer. Die, die mich nicht kennen, weder mein Gesicht, noch meine Anfälle, die wissen nicht, was mit mir geschieht. Die lächeln, und verdrehen die Köpfe, weil sie glauben, ich wolle nur herausragen, aus der Menge, wolle besonders sein, dabei ist es mir noch nie darum gegangen. Ich habe den Tod geschmeckt. Was bedeutet mir Ruhm, was Berühmtheit? Wenn sie meine Augen sehen könnten, würden sie erschrecken, denke ich. (Das habe ich zu oft in meinem Leben gehört). Ein Sonnenstrahl in meinem Gehirn entsendet neue Impulse für diese Erde unter meinen Fingernägeln. Das klingt platt, und ist es auch. Ein letztes Mal. So, wie es aus der Laune heraus geschieht, geschieht es nicht, - weil man etwas besseres sein will, - dafür bin ich zu arrogant, zu verrückt, um verrückt zu sein; die Erkenntnis meines Wahnsinns sabotiert mich, und wärmt mich zur selben Zeit. Denn das ist alles nur aus einer Laune heraus.


Während mein Gesicht diffus geworden ist, ...
Während ein neues Lied alles in Schwingungen versetzt, ...

something old, something new, something borrowed, something blue.


(Vielleicht ist das Panama).


Ich muss alles neu machen, zwanghaft neu machen, verändern, re-kapitulieren. [Eigentlich bin ich nicht da, das wissen die wenigsten, und nur die Erinnerungen erscheinen regelmäßig um 13 Uhr am Mittag]. Also warte ich weiter ab, bis endlich alles online ist, und ich von vorne anfangen kann. Vielleicht brauche ich nur eine Pause, wie ich immer eine Pause gebraucht habe. Eine Auszeit vom Hier-Sein. Ein Knopf, ein Schalter, und plötzlich schläft Trevor Reznik. Eine Brise und ein Hauch, und Kirillow bleibt am Leben. So einfach ist das, mit dem Wunderland meiner expandierenden Ohnmachtsanfälle.

Ich brauche Laudanum für meine trockenen Lippen.

Mittwoch, 16. Januar 2008

happy haunted hours

Mein Leben zeigt eine leerer werdende Wohnung: Kisten, aufeinandergestapelt, die meisten geschlossen. Auf einem weißen Couchtisch liegt eine orange Decke, darauf ein Bettlaken; zwischen zwei weißen Kommoden (mit jeweils drei Schubladen) versperrt ein abmontiertes CD-Regal den Weg, - quer dazu ringeln sich namenlose Kabel. Überall stehen Bücher, teilweise mit Lesezeichen; Romane, Nachschlagewerke, Bildbände, Notizbücher, - mindestens sieben; völlig zerlesen, und verbraucht; die Seiten sind eng mit schwarzen Buchstaben beschrieben, - und die Bibel. Auf dem Boden liegt ein Spiegel, darauf: ein in Glas gefasstes Bild des Eiffelturms, ein Stencil einer rauchenden Frau in rot und schwarz (am Rand steht: Coffee?), und ein Bild eines gemalten morbiden Bären, auf rotem Grund, mit einem Glas in der Klaue (darunter steht: Danger ... is a bear with booze). Überall: Geschirr; überall: Socken; überall: Papier; überall: Schrauben. Und Luftpolsterfolie, die von einem Eck zum anderen fliegt. Und Styroporteilchen, die sich morgens in meinem struppigen Haar verfangen. Und weiße Bretter, die früher mal meine Regale waren, und an denen ich mir nachts die Zehen blau schlage.

Es ist alles übergangslos, in diesen Tagen: Erinnerungen, Vorstellungen, Ideen. Alles beginnt sich an den Rändern aufzulösen, alles beginnt unter meinen Fingern wegzubrechen, und hey, das ist. Was eigentlich? Das gottverdammte neue Jahr? Vermutlich auch das, ja.

Ich denke, ich bin glücklich. Also: eigentlich, eigentlich glücklich, - Relativität ist nicht aus meinem Kopf zu bekommen. Wahrscheinlich ginge es noch besser, größer, härter, schneller, und im Grunde machen mich diese ganzen Kartons und Kisten, diese totalitäre Unordnung, in der ich nicht mal mehr meine Hosen wiederfinde, wahnsinnig, und ich ertrage die Untätigkeit auch nur schwer, aber. Aber, - innehalten, Zeit finden, atmen,- ich bin, bin ich, ja, vielleicht: glücklich?


Jimmy steht da, lehnt lässig wie immer gegen den Rahmen der Balkontür, und raucht seine Zigarette. Er hat sich nicht davon abhalten lassen zu kommen, heute, jetzt, so kurz vor dem Umzug. Seine Haare sind länger als damals, - sie wellen sich leicht im Nacken, und hängen ihm in die Augen. Augen, das ist das übliche Stichwort: seine schwarzen Pupillen fressen mich, wie sie mich immer gefressen haben, - es ist irgendwie gespenstisch, wie sie in der schwachen Glut aufleuchten, sobald er an der Kippe zieht. Das ist wie in einem Film Noir, - die Jalousien, der flüchtige Nebel, und die Straßenlaternen, die darin irgendeine substanzielle Form bekommen, etwas Greifbares, Lebendiges, und dann die Musik aus dem Stockwerk unter mir: ein Saxophon, ein Klavier, - ist das Chet Baker? Ich erwarte eine Femme Fatale im roten Abendkleid zur Tür hereinschweben, samt Zigarettenhalter und Martiniglas. Dann denke ich daran, dass ich vielleicht schon genug Fatale hatte. In meinem Leben.
»Ich finde es gut, dass du gehst«, sagt er, und ein bisschen Asche zerstreut sich in der Luft, weht herein, »Im Ernst«, fügt er hinzu, als er meine hochgezogene Augenbraue sieht.
Ich: Wieso?
»Na,« er fährt sich mit einer Hand durchs Haar, »du wärst hier gestorben, oder. Was weiß ich? Hättest jemand anderen abgemurkst.« [Abgemurkst, - das ist so eines dieser Wörter, die nur Jimmy verwenden kann, ohne dabei völlig bescheuert zu wirken]. Er lächelt. »Du warst hier nich glücklich, und wer wäre es an deiner Stelle schon geworden? Ich nich, niemals.«
Ich nippe am Bier, und ... verziehe den Mund. Du bindest dich ja aber auch niemals an einen Ort, - das kannst du nicht vergleichen.
»Ach? Als wäre ich derjenige, der von sich selbst behauptet, er wäre rastlos. Für eine Bühne, ein Bier und ein gutes Weib, -- «
Ich weiß, ich weiß: nur dafür allein bleibt für dich die Welt endlich stehen. Das sagst du jedes Mal, und trotzdem: die Bühne in Hamburg scheint dir ja nicht zu reichen, das Bier bekommst du meistens bei mir, und was das Weib anbelangt. Naja, du warst mal erfolgreicher. Grinsen, mein breitestes Jokergrinsen.
»Schnauze.« Die Glut leuchtet auf. »Das tut hier auch überhaupt nichts zur Sache.« Nach einer kurzen Pause. »Was ist da denn bei dir eigentlich? Gibt es bald eine Misses P., der ich bei Gelegenheit vorgestellt werde?«
Ich träume vom Küssen, träume von Räumen, in denen weiße Vorhänge tanzen, und von einem wunderschönen Frühlingsmorgen; ich träume von Phantomen, die mich im Vorübergehen nur mit einem Blick berühren, und ich bin glücklich, - damit. Jetzt, und in diesem Augenblick. Ich brauche nicht mehr. Zumindest vorerst nicht.
Er schaut mich an, aus diesen schwarzen Feuerkugeln seiner Augen, und er lächelt. »Verstehe«, sagt er, »Du bist also verliebt in die Liebe.«
Vielleicht.
»Dann bewahr dir das, - ich denke, es ist wichtig.«

Dann schweigen wir.



[Und auch das, nur das allein reicht].
Es reicht, um mir zu entkommen.

Montag, 10. Dezember 2007

Notizen.

14.23. Ich spüre keine Konfrontation mit der Welt.


16.12. Man ist immer ein geschlossenes System, eine Oberfläche, ein Körper; das Innerste, - dieses Gefühl des Daseins, Angst (?), Freude, Wut (!), Liebe, Traurigkeit, etc., - das ist nur organisch. (Ich bin meine Eingeweide). Es bleibt immer etwas Unvermischtes zurück, es setzt sich immer etwas ab, - auf der Haut, auf der Zunge, auf den Augen; und doch wird alles zerkaut, geschluckt, verdaut. (Ist das Bewusstsein denn nichts anderes als eine Art psychische Verdauung?). Da ist dieser Tisch, der Tisch ist, - ganz und gar Tisch: Holz, ein geschlagenes Stück Baum. Ich berühre ihn mit meinen Händen; ich fühle seine Kerben mit den Nervenfasern meines Körpers, fühle die Glätte und Härte, die Kühle; ich sehe ihn mit meinen Augen, ich ertaste die Maserung mit meinen Blicken, - der Tisch ist nichts als eine visuelle Erfahrung, eine sensorische Datei. Der Tisch geht nicht in mich ein, - er wird nicht zu mir. Er ist nichts als eine Erscheinung.

[Wir sind abgeschlossen in uns selbst; warum zerfallen wir nicht einfach zu Atomen, warum lösen wir uns nicht auf?]


23.50. MAY I CAPTURE YOUR S/LIGHT?
Gibt es eine Terminologie des (Ich-)Seins? Gibt es einen Wendepunkt des Primaten? [you will fuck the ghost in the shell, but now it's about to die:] Kafka (am Strand!) starb (offiziell) an Herzversagen, dabei war es doch die Tuberkulose. Hesse litt an Leukämie, und starb im Schlaf durch sein Gehirn. Virginia Woolf ertrank mit Steinen beschwert in der Ouse. (it's her autumn effect). Wie Frida starb weiß man nicht, aber es geschah sicher unter Schmerzen. Jimmy und Albert fanden den Tod auf der Straße. (car crashs connect people). Es ist zynisch, dass Jeanne in ihren [göttlichen] Flammen starb, während man der Marie den Kopf abschlug (sowohl Antoinette, als auch Stuart, - Marie/Maria); die Meinhof hing genauso wie der Saddam später dann am Galgen, und Sokrates trank aus dem Becher seinen süßen Schierling, während die Cäsaren einer nach dem anderen nur durch Morde starben.

Leo Trotzki: erschlagen.
Martin Luther King: erschossen.
Ernesto Rafael Guevara de la Serna: erschossen.
John F. und Bobby Kennedy.: erschossen.
Mohandas Karamchand (Mahatma) Gandhi: erschossen.

(Wie die Moderne den Tod erniedrigt; da war man früher noch viel phantasievoller).

> Jedem Leben ist eines besonderes Sterben vergönnt.
> Geborenwerden und Sterben fallen (?)
auf beliebige Punkte auf einer kreisrunden Gerade einem Kreis.


01.12. un grand pédagogue français contemporain: Philippe Mérieu.
Und wo sind die Deutschen???

Jeder Mensch hat ein Recht auf Vollendung? Ha.Ha!
Und weil wir uns mit der Verpflichtung schwertun, die mit dieser Vollendung einhergeht, belassen wir es beim gewöhnlichen Nichts; da schreiben 18jährige Gymnasiasten, die für ihr Abitur lernen, dämlich mit h, - aber nämlich wenigstens ohne; da ist Sex nicht Triebkultur, sondern Existenzialismuspop, und die Seele nichts als sublimierter Trieb. Menschlichkeit? Das ist das, was am Fernsehbildschirm kleben bleibt, wenn man nach Myanmar schaut, nach Bali, nach Simbabwe. Menschlichkeit ist der Haufen Scheiße, den man zu Weihnachten mit Spendenmarathons vergoldet. Wen kümmert New Orleans? Wer ist schon Sarkozy/Putin/Bush/Merkel? Gesichter, reflektiert auf Wasser; nichts als Sekunden in der totalitären Zeit. Wir sind Vergeschlichtes, Fragmente der Vergangenheit. Kinder werden in Geschichtsbüchern von diesem Heute lesen, von dieser Epoche des Öls, und wir als einzelne werden Masse sein. Herdentrieb. (don't mess me up, baby).

Wir sind alle ein bisschen wie Amélie; wir leben in unseren eigenen kleinen Welten, in denen Schallplatten wie Crêpes hergestellt werden, und Gartenzwerge auf Reisen gehen können. Es gibt nur die Autonomie unserer Phantasie. (Aber wir sind selten so kreativ, leben selten so leicht).


3.47. noi non amiamo le persone, per che sono perfette ma perche sono cosí.
Aber reicht dieses Dasein auch wirklich aus?

Ich verliere meine Immunität.
(Menschliches, Allzumenschliches).

Analysiere, mein Herz: Warum kannst Du nicht glücklich sein?
Warum sabotierst Du Dich selbst?


xx.xx. Personne n'est aussi parfait que nos héros.

Donnerstag, 27. September 2007

take me to the ballroom

Sie legt mir die Pillenschachtel auf den Tisch, und sagt: Bitte nimm sie mit. Sie will mir das verschnürte Päckchen mit den Büchern reichen, - Sartre & Flaubert, - und lässt es schließlich fallen. Dann lacht sie. Nuschelt vielleicht Entschuldigung. Und streicht sich durch das Haar.

[Nein, das ist sie nicht].

Sie bleibt in der Türe stehen. Die Sonne wickelt sie in diese Lichtfolie ein, in diese goldene Helligkeit, die hell und heller durch die Fenster fließt, und sie lächelt, ganz sanft, ganz flüchtig lächelt sie, und wirkt so zerbrechlich in dem Gegenlicht. Sie atmet ein, ihre Lippen öffnen sich, schließen sich, öffnen sich wieder, - so, als suche sie noch ein letztes Wort zum Abschied; doch sie bleibt stumm.

Ich winke auf der letzten Stufe, öffne die Türe und werfe sie schließlich wieder zurück ins Schloss. Draußen peitscht der Wind den Regen, der Himmel ist grau und rissig, wie der Beton in meinen Schuhen. In meinem Herzen pocht der Stahl. Ich fische in meiner Hosentasche nach den Pillen.

Regen. Immer mehr Regen.
Trägt mich zum Taxi.
Zum Bahnhof.
Zum nächsten Ziel.

Ich schreibe ihm, dass ich nicht kann. Nicht heute. Ich schaffe es nicht nach Paris, ich schaffe es nicht rechtzeitig. Schon wieder: meine Unfähigkeit. [Das letzte Mal in Hamburg]. Dabei freut er sich so sehr auf mich. Dieser ausgemergelte Körper. Die Knochen. Das melodische Lachen. Und vor allem seine Augen.
Ich wäre gerne da, - existent, lebendig, und weniger besessen von mir selbst. [Besessen trifft alles, was ich gerade mache, ganz gut]. Stattdessen kaue ich also auf der Tablette, kaue weißes Lithium, kaue starkes Antibiotika, kaue Knochenmehl. Meine Kieferknochen zermahlen [mich] schlicht alles, was mein Körper braucht, und sei es das giftige Tonikum, das mich willenlos macht. Ich atme mit einem Atemzug den Regen ein, und huste Staub. Wie nahe bin ich? Wann komme ich an? Am Fenster rinnt das Wasser, die aschenen Glasfassaden, - wie blinde Spiegel reflektieren sie nichts, - die Schlote der Fabriken, Flugzeuglichter, Fußgänger in gelben Gummistiefeln, Anzüge in Menschenform, die Aktenkoffer tragen. Es ist, als zerrinne alles, die ganze Wirklichkeit.

Überschreitung (!)

Ampeln, die rot, die orange, die grün werden, die ausgehen, die verrosten, die von all dem Wasser weggewaschen werden. Wir bleiben stehen. Der Taxifahrer dreht sich in seinem Sitz um, in diesem Taxifahrersitz, - der Holzperlenüberzug in Beige und Dunkelbraun klackert leise, - und seine feine Adlernase, seine buschigen Augenbrauen, sein Muttermal auf der Wange und sein Kinn: alles fleht nach Erlösung, in dem sein Mund nach dem Fahrtgeld fragt. Ich drücke ihm fünf Euro in die warme Hand, und sage, es stimmt so, dabei fehlen noch drei Euro achtzig.

Soll er froh sein, dass ich ihm nicht auf den Rücksitz kotze.

el duelo vs. la alegría

Die Wahrheit ist.

Die letzte Treppenstufe, die ich übersehe.

it's about to.
[Fall].



* Blaue Himmel wirbeln über mir.
Wolken. Vögel. Blätterlaub
stößt sich ab,
trudelt,
legt sich nieder.

[Mein Satellitenmund kreist in der Ferne].

Und wieder ist es der Stoß, der Wind, die Augen vielleicht.

Ja.


Seit den Pillen rutscht es. [ES, dieser ALLTAG, diese Wiederholung!]

* Ich ziehe mich langsam aus, in dem weißgekachelten Badezimmer, und bleibe einen Augenblick zu lange vor dem Spiegel stehen. Sehe mich an. Von Kopf. Bis Fuß. Ich sehe Haut, Knochen, viele Knochen, aber nicht genug Menschlichkeit, - ich sehe Masse, Materie, sehe Existenz, aber mein Verstand fasst nicht danach, greift durch die Spiegelung hindurch, durch die Augen, - durch das Bisschen Blau, - durch das braune Haar, und ich inhaliere tief. Tiefer! Es geht durch Mark! und Bein! Es dringt vibrierend durch die obersten Hautschichten, durch die Artieren und Venen, durch die Nervenstränge, durch Atome, verdammt, und ich frage, was mich zusammenhält. Mich. Das ist diese.

Es klopft an der Türe.

Telephon für dich. Für dich. Das wird wie ein alttestamentarischer Fluch ausgespuckt. Du bist ich. [Nur gibt es dich nicht]. Meine Finger greifen vorsichtig nach den Boxershorts, ohne mir bewusst zu sein, warum. [Es ist ein Reflex, und er geschieht begrifflos]. Der Stoff verdeckt, was jeder kennt, von dem jeder weiß: Schwanz, Hoden, Schamhaare, - das gibt es in dutzenden Variationen überall auf der ganzen Welt; beim Nachbarn von gegenüber, beim Bäcker, beim Moslem und beim Christen, - in allen Längen, Größen, Formen und manchmal sogar Farben. Es ist belanglos, wenn man darüber nachdenkt; es ist nicht mehr als ein Sexualwerkzeug. Ein Gebrauchsgegenstand. [Sexualität erscheint mir plötzlich furchtbar austauschbar].

Trotzdem ziehe ich die Boxershorts an, reiße die Türe auf und stehe mit nacktem Oberkörper zwischen den Wänden. Zwischen Zimmern, Leben, Universen. Und aus dem rostroten Dämmerlicht reicht man mir den Telephonhörer. Ich habe keine Zeit zu fragen, wer es ist.

- Hallo?
Hi.
Wer ist da?
- Ich bin's.
Oh. Hi!
- Na, biste beim Essen.
Nein. Wollte gerade duschen.
- Ah, okay. Ja, dann stör ich grad?
Naja, ich wollte duschen ...
- Verstehe. Okay, ja, dann ruf ich einfach später noch mal an.
Gut, klar, mach das.
- Super, dann bis später.
Ja, bis später.

Während ich das Freizeichen höre, leuchtet die Sonne durch die Wolken. Wie viele Minuten sind vergangen? Wie viele Leben? Mit wem habe ich da gesprochen? Ich weiß nicht, nichts weiß ich, - stattdessen atme ich ein, - einmal, zweimal, dreimal, - aber es wird nicht besser. Also gehe ich wieder von der einen Wand zur anderen, schließe die Türe, löse den Stoff, schiebe den Duschvorhang zur Seite und. Wasser! Unendlich viel Kälte, Rinnsal, Sturzbach, Sintflut. [Ich ertrinke].

Nein.


* Sind denn meine Augen offen? Sehe ich denn wirklich? Meine Finger berühren mich, meine Hände, die Haut, all die Nervenbündel, und ich denke wieder an den Tod. An das Sterben. An die Vergänglichkeit. Ich denke an V.W. und F.K., und an Tuberkulose. Ich denke an das Aneurysma. Und an Krebs. Alles weht wirbelnd durch mich hindurch, und ich erkenne. Ich begreife den Tod vollständig. Oder überhaupt nicht. [Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten, denn:]
Ich fühle nichts. Ich bin organischer Stillstand, ich empfinde keinen Schrecken, nur eine gähnende Leere, - gähnend, weil es mich langweilt. Dabei befasse ich mich damit [immer] eindringlich[er], immer intensiver, - seit Ts Tod, seit Ms Selbstmord, seit Ks Autounfall, seit dem Krebs meiner Tante, seit Richards HIV-Erkrankung, seit den Bildern, die mich im Wachen genauso verfolgen, wie in meinen Träumen, seit den unzähligen Berührungen, die ich mit dem Tod hatte. Das Leben rückt in die Ferne, alles verschwindet, plötzlich verschwindet alles, und ich höre mein Blut in den Ohren rauschen. Der eigentliche Zustand ist das Nichts, die Kapazitäten des Vakuums, die Absolutheit der Stille. Das Leben hingegen ist ein Flackern, eine Erscheinung, - eventuell auch ein Wunder, aber vergänglich. Eine Geschichte von Licht und Finsternis. Ich bekomme das nicht mehr aus mir raus, es ist ständig da, makaber in meinem Humor und makaber in meiner Gefühllosigkeit. Und ich verliere die Kontrolle. Verliere die Realität aus den Augen, weil die Realität nur die Masse an Interpretationen ist; eine Gewöhnung, praktisch der Status Quo des Verstandes. Und ich berühre mich, weil ich fühlen will, realisieren will, muss! Lebendigkeit und alegría! [Aber die Ouse erscheint in meinen Träumen].

Nein.


* Vergiss nicht deine Tabletten einzunehmen, sagt Mutter Darko während sie ins Bett schleicht. Dabei ist Medikation nicht die Lösung des Problems, - es ist nicht der Katastrophenschutz, sondern nur eine Vorsichtsmaßnahme.



Beim Lesen überkommt mich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es bricht aus den Worten nur so heraus, sprudelt über und über und färbt mir die Seiten schwarz. Wozu? Wozu all das? [Weil es kostbar ist]. Ich verschwinde, - ja, Chaosmädchen, auch ich verschwinde, - aber es ist ein allmähliches Verblassen.



Also überlege ich.
Ich bekomme das Gefühl nicht los, nichts zu erreichen. Das könnte es sein. Ich bin unzufrieden, und daher kontraproduktiv, destruktiv in meinen Gedanken. Ich zerstöre mit Blicken, weil ich nichts finde, was sich lieben lässt. Dabei liebe ich, liebe so stark, dass es all dem widerspricht, was ich gerade geschrieben habe. [Das ist das eigentliche Paradoxon meiner Existenz].

Ja.

* Ich finde alles wunderschön, in diesen kurzen Phasen, - dann, wenn die Pillen ihre Wirkung verlieren, - dann weckt der Kaffeegeruch Erinnerungen, und im Wind liegt das Versprechen auf Besserung. Dann beginnt die Welt rote Fäden auszulegen, die mich zu den Fügungen führen. Zu den Menschen, die ich lieben kann. Zu den Ereignissen, die mich aus dem Winterschlaf reißen. Zu der Musik, die mich von mir selbst befreit, von der unsäglichen Schwere, die sich Tag für Tag in mir ansammelt.



In einer Welt wie dieser ... erfüllt nichts und alles einen Sinn.

Ja.


Das eigene Unglück lässt sich nicht definieren. Es bleibt unausgesprochen, still. Wie Treibgut schwimmt es unter der Oberfläche, stößt sich an schönen Augenblicken kaputt und treibt dann tiefer seine Splitter.





Nein.

Das ist ein unsortiertes Chaos.

Freitag, 24. August 2007

...

Ich höre wieder Green Day, und denke, dass alles möglich ist. In diesem kleinen 360-Grad-Rund, in dem ich aufwache, in dem ich auszugehen pflege, in dem ich schlafe. Das alles, - Handgriff nach Handgriff, - als Beat auf den Lippen, im Blut, im Schrei, den Virginia Woolf aus dem Totenbett reißt. Ich bin verspannt, und ich bekomme die Art von Kopfschmerz, die mich wahnsinnig macht, aber das ist okay. Selbst der Durst ist okay. [Das ist eine Epiphanie].

Liebe.Revolution.Tod., [Wt: Molekül der Einsamkeit], liegt mir als Gänsehaut im Nacken. Ja. JA! Alles ist zum Greifen da, und entzieht sich nur den Blicken, weil alle gierig starren. Ich krieg das hin. Diese Geschichte, diesen Roman, dieses Eine, das mit allem verbunden ist. [Allein der erste Satz!] Ich krieg das hin. Nur noch ein Name auf der Gästeliste und weiter weniger zögerlich.

Und sonst? Verliere ich weiter den Verstand. Erbreche ungesunde Egozentrik. Vergesse, was es zum Essen gab. Wer ich bin ist in Wirklichkeit gar nicht von Belang. [Selbst das, was ich vorsichtig als Probleme bezeichne, ist völlig irrelevant]. Dieses Ich löst sich jetzt für ein paar Tage auf; ich muss ein paar Dinge regeln. In dieser und in der anderen Welt; letztere ist viel wichtiger. [Halte dich an irgendetwas fest, sonst bist du weg].

Dienstag, 19. Juni 2007

Putting Holes In Happiness

Ich mache die Tür zu und stehe plötzlich mitten in Paris. Verkehrslärm brandet links und rechts, und Menschen drängeln sich an mir vorbei, ins Carré. Da sind die Eisentische, die im Freien stehen; das Popcorn, das in kleinen gläsernen Schälchen angeboten wird wie sonst nur Erdnüsse; die Bilder, die Musik, der Kellner, - es ist alles noch wie vor einem Jahr. Bunt, und grell, und furchtbar gut gelaunt. [C'est le marais]. Nur nicht plastisch genug, nur nicht zum Greifen nah.
Ich stehe immer noch im Hochhauskomplex 2b, immer noch rottencom: da vorne der Aufzug, und ich, wie ich die Treppen nach unten stolpere; dann die Straßenschilder links und rechts und alle sind sie deutsch, und der Zug, mit den ewig-gleichen Gesichtern, die immer gleich an mir vorübersehen, und das Gedränge beim Aussteigen. Das ist typisch deutsch. In Paris war alles leichter. Alles federnd, selbst das Fahren in überfüllten Zügen, selbst das Anstehen in Warteschlangen, selbst der Taschendiebstahl. Der Gestank und die Hundescheiße auf den Gehwegen. Es war alles leicht und ungekannt, - als könne man den Horizont für dieses Leben nicht mehr überblicken, als bliebe alles geheimnisvoll und in der Fremde. [Ich (ge)brauche die Fremde wie ein Destillat].

Stattdessen also hier. Okay. Uni-Leben. Ich wische die Sehnsucht mit Musik zur Seite und trinke mein Wasser in Sturzbächen. Auf der Toilette werde ich dann schließlich mit irgendwem verwechselt und in ein Gespräch verwickelt, das sich mir einfach nicht erschließen will. [Was hat das mit mir zu tun?] Ich versuche dieses Mal nicht komplett durchzudrehen, versuche mich nicht in dieser Sphäre zu verlieren: lebe jetzt, lebe hier, spar dir dein Verlangen. Also mache ich, was alle machen: ich reihe mich in die falsche Essensschlange, unterhalte mich über das schwache Bildungssystem, kaue meine Beruhigungstabletten mit ein bisschen Brot und Wasser vermengt, und nenne es Nektar und Ambrosia. Ich bin korrekt gekleidet, nicht zu leger und doch elitär in diesem Rahmen, und ich spreche Worte, die jeder leicht versteht, - Widersprüche müssen draußen bleiben. Ich rede lachend hallend atmend, und stoße meine Gedanken gebetsmühlenartig aus: das wird schon alles werden, nur immer weiter, nie die Hoffnung verlieren, das wird schon alles werden.

Und doch: das Aneinander-Rempeln bringt mich aus dem Konzept. Es passiert ganz unvermittelt: eine kurze Berührung an der rechten Schulter, und in meinem Kopf zerbricht etwas. Nein. So nicht. So gottverdammt nicht. Also fange ich an, die Menschen anzubrüllen, ich scheuche sie auf wie Vogelschwärme, ich blockiere ihre Schlangen, stoße ihnen das Kleingeld aus den Händen. Ja, ich warte an der richtigen Stelle und auch zur richtigen Zeit, mir ganz egal, was ihr sagt. Ich erbreche Ehrlichkeit, ätzend und bitter, und jeder verletzt sich daran. Nein. So nicht. So gottverdammt nicht.

*

Also fragst du mich, was in mich gefahren sei.

Ich kaue dabei weiter auf den Nägeln, und kritzle schmierend ein Gesicht nach dem anderen auf das Papier. Was? Der Teufel, vielleicht, höchstpersönlich und kanarienvogelgelb, und ich bin nur willenloses Fleisch. Ich wische meinen Schreibtisch mit einer einzigen Handbewegung leer, und zerbreche die Teller in der Küche in einem Anfall von Ekel und Wut. Zugrunde gehen! Zerfressen sein! Es ist, als brenne glühend ein Stückchen Kohle durch die Haut: darunter das Herz, und immer nur das Herz, und jedes Wort, das ich sage, höre, lese, schreibe, alles erscheint mir nicht explizit genug. Nicht exakt, nicht im Gefühl Vermengtes, sondern nur Einzelteile, nur Massenware, Gebrauchsgegenstände. Nein. So nicht. Noch drei Tage und ich bin 22. Noch drei Tage und es ist alles gleich. Da hilft es nicht, dass ich jetzt von dem Tattoowierer weiß. Da hilft es nicht, dass ich mich wieder mit Marie treffe. Da hilft es nicht, dass ich volltrunken im Unterricht sitze und darüber nachdenke, wie ich es dieser verkommenen Welt heimzahlen kann. [Denn im Grunde fordere ich nicht mehr als Anarchie]. Es ist aufgerauht und in meinen Händen zerstreut.

Warum schlägt keinem die eigene Existenz auf den Magen? Warum ist alles akzeptiert und in Aktenschränke sortiert? Nicht mehr als Rahmenhandlungen, - melancholisches Geschwätz auf allen Sendern, und im Hintergrund das Verlangen individuell-kollektiv zu sein. Du bist was du bist und nicht, was du sein musst, - also kauf dir verdammt noch mal noch so einen Ringelpullover und steck dir eine Kirsche ins Haar, oder ordne dich irgendeiner anderen Klasse unter, - sei Künstler, sei Bildzeitungsleser, sei schwul; mein Gott, mach was du willst. Aber eben das tust du nicht. Du bist nur das Skript.

Ich kratze mir die Haut an Stellen auf, an denen es mich gar nicht juckt. Logisch?! Steck dir deine Logik sonst wohin. Die Welt ist ein Faß, und sie läuft mit jedem Tropfen Ekel und Wut weiter über. Mit jedem Glas Absinth verwischt die Grenze zur formalen Gültigkeit, - zu angeblichen Freundschaften, die sich im Selbstmitleid suhlen, zu großen Liebesschwüren, die sich beim nächsten Fick im Stöhnen verlieren; satt, und Übersättigung. Der große Zauber verschwindet, und übrig bleiben Falten und kalte tote Haut. [Ich bin schrecklich destruktiv].
Also klatsche ich mir jetzt kaltes Wasser ins Gesicht und zucke unter meinen eigenen Augen zusammen. [Ich erkenne mich nicht im Spiegel, das bin nicht ich. N-ich-t, in einem Wort vereint]. Ich werde mich nicht mehr rechtfertigen, - weder gegenüber meiner Familie, noch meinen Freunden. [Da sagt einer, ich sei heteronom, okay. Okay! Meinetwegen. Und dann blockiert er den Versuch, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, belächelt mich und meine Idee. Ein anderer saugt alle meine Vorschläge aus mir raus wie Natterngift, und macht sie dann mit seinen geschliffenen Worten kaputt. Müssten sie nicht an mich glauben?]

Ich denke, ich habe mir mein Glück hier nur eingeredet.
Und überhaupt: das Glück im allgemeinen.

Sonntag, 17. Juni 2007

absinthische Kreise

Wieder nichts gelernt; nichts relevantes für die Uni, nichts fürs Leben. Da ist nur der Hunger, - knurrend in den Venen, ins Herzen sich erbrechend: ein Hauch Lavendel, dann gemähtes Gras: die perfekte Idylle. Die Sonne schwebt schneidend durch die Wolken, fällt klirrend am Horizont zu Scherben, und lässt die Nacht zurück. Ewige Liebe, brennendes Verlangen: Erinnerungen, die bezaubern wollen und es doch nicht schaffen. Ich werde nicht müde.

Ich drehe mich wirbelnd um mich selbst, durch die Türen, den Gang entlang, immer mit dem selben Lied in den Ohren, und ich dufte nach Sommer, frischgeduscht: Wasser perlend an Hals und Wangen, als feiner Nebel aus dem kurzgeschorenen Haar. What to do for pleasure? Ich wippe, Takt, los! Keine Zeit für die Ansprüche der Revolution. Hier, ehrenamtlich: Liebe und Tod, Wahnsinn, gelb gespickt im Bilderbuch: ich als Kleinkind im wogenden Weizen; ich wartend auf Krankenhausfluren und die Zeit als kettenrauchende Krankenschwester, die sich im Rauch verliert; ich und immer wieder ich, - das Drehen ist ein Versuch, sich selbst auf den Hinterkopf zu sehen. Nur kommt dabei nichts raus. Nichts vernünftiges. Daher ziehe ich an Andreas Schultern und ziehe ihn mit auf den Boden der Tatsachen: du bist da, du bist ein Mensch, du hast keine Berechtigung und keinen Sinn, du bist sterblich, - stirbst in jeder Sekunde, - also? ALSO! Du schreist es mir ins Gesicht und ziehst mich wieder hoch, und sagst, es gehe nicht, es gehe nicht, zu leben, ohne sterben zu wollen, und man könne nicht sterben, ohne zu leben, also fuck you, head-fest: eine Windbrise schleudert mich über den Balkon, und darüber hinaus. Sterne. [Absinth pulsiert durch meine Adern, durch das heiße Herz, durch die Muskeln, Haut, Haare, - es sprüht durch jede Faser, ist in den Atomen, die miteinander kollidieren, - oxidiert atme ich es aus, und mit ihm die Funken].
Du sagst, ich wüsste nicht, was ich tun, was ich wollen könne, und immer nur die Versessenheit, die Manie. Immer sei ich fixiert, - wenn nicht auf mich, dann auf andere, und wenn nicht auf andere, dann auf eine kurzlebige Idee, ein Geisterschloß am Rande des Waldes, ein Wolkenschloß am Ende des Horizonts, und dann? Dann: Süßigkeiten, in denen ich ersticke. Tobsuchtsmutter und Phlegma-Vater: ein Gefühlsausbruch, der das ganze Innere auf den Kopf stellt, Steckbausteinregen, scheiß auf dich und deine ganze Familie, und ich nicke wahnsinnig, jokerhaft grinsend und drehe in absinthischen Kreisen eine neue Runde. Ein neues Glas, ein neues Stückchen Zucker, Wasser, zerbrich dich zu Ellipsen.

Dann wache ich auf, und bin klebrig. Meine Finger kleben aneinander, meine Augen sind verkrustet, ich huste, wirble Staub und Haare auf. Wo bin ich? Oder nein: wo sollte ich sein? Hier. Zuhause. Irgendwo, überall. Ich mache den Fernseher aus, und sehe dabei die zwei nackten Körper, links rechts und miteinander verschlungen, mitten im Bett. Männlich, weiblich, ganz egal. Ich kaue an den Nägeln. Vermutlich lag ich da auch gerade.

(That's the rockstar-attitude: I am p[h]unk'd).

Deshalb suche ich mir die Reste zusammen, und stelle sie ins Spülbecken; deshalb hole ich mir ein Buch aus dem Regal und überspringe die Zeilen; deshalb stehe ich so völlig neben mir. [Hallo!] Deshalb nichts, nichts und wieder nichts und kein Vorankommen. [Bastardo, io e il mio ego]. Wann verspricht mir das nächste Glas schon wirklich Besserung? Wann schlingert der nächste wache Moment in die Dunkelheit? Schlaf.Dich.Aus. Keine große Mühe. Ich suche meine Klamotten zusammen und ziehe mich an. Versprechen: nie wieder. Und nimmermehr. [Das ist ein bittersüßes Wort].

*

Vielleicht sollte ich wirklich Italienisch studieren. [Statt Französisch]. Vielleicht sollte ich im Laufe der Woche Peter anrufen, und mit ihm die Uni-Informationen angleichen. Vielleicht sollte ich morgen tatsächlich ausschlafen, und dann alles in die Wege leiten. Die Tattoowierung[en], das neue Kunstprojekt, meine [letzte?] Hausarbeit, die Essays, die sich nicht von selbst schreiben, mehr Strukturen, weniger Exzesse. Ich werde am Freitag 22 Jahre alt und ich fühle mich, als wäre es mein Todestag. [Das wäre künstlerisch-wertvoll Schrägstrich -erhaben]. Die Wahrheit ist: ich habe nichts geschafft, trotz meiner Möglichkeiten.

Verdammtverdammtverdammt.

Du wolltest den Alltag? Jetzt spucke ich ihn dir vor die Füße. Leck mich, Alltag, am Besten mit deiner Engelszunge. [Überdruss schafft das Verlangen nach Zerstörung. Ich werde diesem Verlangen nachgeben]. Bitte, danke, auf Wiedersehen, und zur Hölle damit.


1984 vs. me
Auszüge
Avalons Erben
Bahnbegegnungen
Cardiomania
Chaos, Unverstand und Wahnsinn
Cine-Mania
der ewige Kampf
egotrip
fort-laufend
la tristesse
Opium2Go
out of mind | b-sides
Parallelwelt: Strich(er)leben
shortcuts to my brain
Traumsequenzen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren